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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
BERLIN IST DIE EINZIGE STADT DER WELT,
Eingestellt am 22. 02. 2011 16:44


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AliasI
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IN DER IN ALLEN HIMMELSRICHTUNGEN OSTEN IST (dieser Spruch stammt von meinem Freund W. aus dem Osten der Republik, und der muss es ja wissen).

Letztens fiel mir mein uraltes Notizbuch in die Hand. Ein interessantes kleines BĂŒchlein, wenn auch ein wenig verwirrend, zum Beispiel der mit Kugelschreiber hingeschmierte Eintrag: Fahren gleich nach drĂŒben...
Der nĂ€chste Eintrag war seltsamerweise mit Lippenstift geschrieben und deswegen groß und klobig geraten: TEESTUBE GUT K. KENNENGEL...
Das kam mir irgendwie bekannt vor, und nach langem GrĂŒbeln gelangte ich zu dem Schluss, dass diese EintrĂ€ge aus den Jahren 1967 oder 1968 stammen mussten. Denn just zu dieser Zeit war ich zweimal in Berlin – Tschuldigung, damals hieß es noch Westberlin – nĂ€mlich einmal im Winter zum Demonstrieren und einmal im Herbst mit einer Freundin.

Ich versuchte als erstes, die Demonstrationssache aufleben zu lassen.

Okay, zu jener Zeit war ich siebzehn Jahre alt und Mitglied in einem recht linksorientierten Club, na ja hauptsÀchlich wegen der Jungs...
Es galt als offene Tatsache, dass fast alle im Club Mitglieder der DKP waren und regen Kontakt zu Genossen in der Ostzone pflegten. Genau, Ostzone! Niemand nannte die DDR DDR, man nannte sie im besten Fall „sogenannte DDR“. Gemeinhin wurde dieses fremde Land als SBZ bezeichnet, das hieß Sowjetisch Besetzte Zone. Und die war so weit entfernt und so unerreichbar, als lĂ€ge sie in einer anderen Galaxis. Aber Westberlin, die kapitalistische Enklave inmitten der sozialistischen „SBZ“, konnte man als Westdeutscher gut erreichen.

Wir fuhren in einem Reisebus nach Westberlin, und wir dachten, die ostdeutschen Vopos wĂŒrden sich ĂŒber unser Kommen freuen. Wir waren ja schließlich auch Sozialisten und links und ĂŒberhaupt. Das stellte sich leider als Irrtum heraus, drei Stunden dauerten die FormalitĂ€ten, ich kann mich noch genau an die ungeheizte stinkende Baracke erinnern, in der man uns verhörte. Warum, weshalb und wieso wollen Sie nach Westberlin? Verdammt, die wussten doch genau, warum wir dort hinwollten. Wegen der Demonstration!

Aber schließlich ging es doch weiter. Es war Winter, und es gab nichts Langweiligeres als diese Autobahn, die Transitstrecke nach Westberlin. Ich fĂŒhlte mich sehr einsam. Weit und breit war kaum ein anderes Auto zu sehen, ab und zu ein einsamer Trabbi, öfter ein LuxusgefĂ€hrt aus der BRD (Bundesrepublik Deutschland), dessen Fahrer sich penibel an die Geschwindigkeitsbegrenzung hielt, denn zu schnelles westdeutsches Fahren wurde sofort mit schwerem Devisenentzug bestraft.
Doch ich fand sie auch schön, diese verlassene Autobahn, die Wintersonne schien, es war lausig kalt draußen, das spĂŒrte man, denn die KĂ€lte drang durch jede Ritze des Busses herein und machte kalte FĂŒĂŸe, draußen zogen BirkenwĂ€lder mit raureifbedeckten Ästen an uns vorbei, und der Himmel strahlte in einem blassen Blau. Doch, es war schön, eintönig zwar und einsam, aber schön.
Auf dem letzten StĂŒck vor Westberlin war die Autobahn durch Panzer gesichert, die QUER an ihrem erhöhten Rand standen, sie sahen furchtbar bedrohlich aus, sie hĂ€tten bloß losrollen mĂŒssen, dann hĂ€tten sie die Fahrbahn total blockiert und vielleicht auch jedes Fahrzeug zerquetscht.

Westberlin, ein Mythos! Es sollte dort viel mehr MĂ€nner als Frauen geben, es sollte der Hammer sein. Und tatsĂ€chlich, was fĂŒr ein Leben auf den Straßen, vor allem im Vergleich zu der tödlichen Einsamkeit der Transitstrecke. So viele Menschen, so viele MĂ€nner, so viele Autos, so viele Restaurants, Kneipen, Hotels, Pensionen - soviel Leben eben!
Wir ĂŒbernachteten in einer Jugendherberge, marschierten am nĂ€chsten Tag bei der Demo mit, sahen Rudi Dutschke, waren richtig gut drauf und riefen SprĂŒche wie: Ho Ho Ho Chi Minh!
Eine französische Gruppe rief rhythmische SprĂŒche wie: US assassins, liberez le Vietnam! (Übersetzung von einer, die nicht viel vom Französischunterricht behalten hat: Ihr amerikanischen Mörder! Gebt Vietnam frei! Oder so Ă€hnlich...)
War halt die ĂŒbliche Prozession und dauerte die ĂŒblichen zwei Stunden. Aber ich war nicht „drĂŒben“, und ich kann mich auch nicht dran erinnern, in dieser „Teestube“ gewesen zu sein.

Also muss es bei der anderen Reise passiert sein:

Ich flog mit meiner Freundin Marlis nach Westberlin, meine Tante hatte uns eingeladen. Die Fluggesellschaft hieß „British Airways“. Die Lufthansa, damals die einzige deutsche Airline durfte Westberlin nicht anfliegen. Und Ostberlin sowieso nicht.
Wir wohnten also eine Woche in dem winzigen nicht weit vom Ku’damm entfernten Appartement meiner Tante Lore. Marlis und ich schliefen auf einer Doppelcouch, meine Tante sahen wir nur selten, die fĂŒhrte ihr eigenes Leben.

Es war eine grandiose Zeit, wir kauften uns in Boutiquen irre Klamotten, aßen die erste und auch leckerste Pizza unseres Lebens, wir fuhren hinaus zum Wannsee in seiner friedlich herbstlichen Ruhe, wir besuchten allerlei KĂŒnstlerkneipen in Kreuzberg, wir trieben uns bis in die Puppen in anderen Schuppen herum, denn in dieser schönen Stadt gab es erstens keine Sperrstunde – und zweitens großzĂŒgige Menschen, die netten MĂ€dels aus dem Ruhrgebiet immer einen ausgaben.

Und wir fuhren mit der S-Bahn nach Ostberlin. Dieser Tripp war ein Muss und die einzige Gelegenheit, die sagenumwobene DDR mal in Natura kennenzulernen. Es ging recht zĂŒgig voran, denn auf Ostberliner Seite hielt die Bahn an den Stationen nicht, sie fuhr einfach durch, und das fand ich unheimlich. Geisterbahnhöfe, sagte einer unserer Mitreisenden.

Zum GlĂŒck war der Bahnhof Friedrichstraße nicht geisterhaft, wir stiegen aus, die FormalitĂ€ten waren kurz, wir mussten nur zwanzig D-Mark in zwanzig Ostmark umtauschen. Das war zwar, wie wir spĂ€ter feststellten, eine grandiose Summe, nur leider konnte man sich nicht viel dafĂŒr kaufen.
Am Ausgang vermisste ich das ĂŒbliche Menschengewimmel, doch dann verstand ich es: Dieser Bahnhof war den Einheimischen verschlossen und hermetisch abgeriegelt.
Trotzdem trieben sich ein paar Ostdeutsche davor herum, ein junger Mann steuerte zielbewusst auf uns zu, ich weiß nicht mehr was er erzĂ€hlte, aber er wollte Kugelschreiber von uns haben. Warum, wozu? Ich traute mich nicht, ihn zu fragen und schenkte ihm meine beiden.

Wir schlenderten die breiten Straßen entlang, sie wirkten leer, man sah kaum Leute. Wo steckten die alle, oder handelte es sich hier um eine riesige Kulisse? Und wenn schon, ich fand die alten Prachtbauten ĂŒberwĂ€ltigend, ich kam mir vor wie in einem riesigen Museum, in dem es kaum Autos gab. Nur ab und zu knatterte eins im Zweitakt an uns vorbei. Es gab auch keine SupermĂ€rkte, nur ganz kleine LĂ€den mit winzigen Schaufenstern, Ă€hnlich wie bei uns frĂŒher in den fĂŒnfziger Jahren.
Ich versuchte Zigaretten an einem Automaten zu ziehen, es klappte hervorragend, der Automat schluckte das leichte Ostmarkzeug, aber leider kamen filterlose Zigaretten heraus, und die schmeckten genauso eklig wie die bundesdeutschen RothhÀndle, starker gesamtdeutscher Tobak halt...

Nachdem wir uns mĂŒde gestaunt und gelaufen hatten, lechzten wir nach Kaffee. Das neu eröffnete CafĂ© am Alexanderplatz war brechend voll, und wir hatten keine Lust, uns in die Warteschlange einzureihen. Ein paar Nebenstraßen weiter entdeckten wir ein anderes CafĂ©, es erinnerte an ein Wiener Kaffeehaus, und es waren kaum GĂ€ste drin. Der Kaffee schmeckte ein wenig dĂŒnn, normal also, aber der Apfelkuchen war Klasse, wenngleich die Sahne dazu aus geschlagener Kondensmilch bestand. Meine Mutter hatte das vor nicht allzu langer Zeit auch öfter praktiziert. Ich staunte, als die Kellnerin uns die Rechnung brachte. So billig? Ich gab ihr mein restliches Ostgeld dazu. Leider sah sie nicht begeistert aus, und ich kapierte erst viel spĂ€ter, dass sie lieber D-Mark statt Ostmark genommen hĂ€tte.

Vor dem Bahnhof nervte uns dann wieder so ein Typ, der unbedingt Kugelschreiber haben wollte. Bei mir war nichts mehr zu holen, aber er quetschte noch einen aus Marlis heraus.

Wir fuhren also heim, zurĂŒck in unser Leben, schon von weitem winkten uns die freundlichen Lichter von Westberlin zu, und der Ku’damm drĂŒckte uns herzlich an seine breite Brust.

Wir landeten schließlich in einer Kneipe, die uns vorzĂŒglich gefiel. Sie hieß „Teestube“, die Typen darin sahen verheißungsvoll aus, und auch wir kamen gut bei denen an, vor allem meine Freundin Marlis, diese Mischung aus einem groĂŸĂ€ugigem Rehlein und einem Vamp im Minirock mit ĂŒberkniehohen Wildlederstiefeln. Neben ihr verblasste jede andere Frau, aber immerhin hatte ich schönere Beine als sie. (Marlis, lebst du noch irgendwo, wenn ja, dann melde dich bei mir!)

Im Laufe des Abends lernte ich einen interessanten Mann kennen, er sah zwar nicht klassisch schön aus, war aber dafĂŒr intelligent und witzig. Und groß. Er trat in der Teestube auf als Mitglied einer „Enzian Brothers“ genannten Zweiertruppe, die wohl bekannt fĂŒr ihre Blödeleien war, denn das Publikum applaudierte und lachte sich kaputt. Ich natĂŒrlich auch.
Dennoch vertiefte ich die Bekanntschaft nicht, ich war damals viel zu jung fĂŒr so was, ich fĂŒhlte mich nur wahnsinnig geschmeichelt, dass dieser Typ, dessen rechtes Auge total vermatscht aussah, sich an mich ranmachen wollte. Vermutlich lag es am Frauenmangel in Berlin.

Oh oh, allmĂ€hlich kommt’s mir! Ich hatte keine Kugelschreiber mehr, weil alle in Ostberlin geblieben waren und schrieb deswegen meine Notizen mit Lippenstift in mein kleines BĂŒchlein: TEESTUBE GUT K. KENNENGEL... Das war’s dann. Alles klar! Und K. bedeutete Karl, so hieß er nĂ€mlich.

Ich wollte das Buch schon schließen, blĂ€tterte aber weiter und fand ein paar Seiten spĂ€ter noch einen Eintrag mit K.: ZAPPA geil, K. getroffen.
Wahnsinn, jetzt fiel es mir wieder ein. Es passierte ein Jahr spĂ€ter bei den Essener Songtagen (so 'ne Art Woodstock fĂŒr Sozialisten und Weltverbesserer), ich wollte Frank Zappa mit seinen Mothers of Invention spielen sehen. Beim Konzert traf ich K. wieder, er war mittlerweile recht berĂŒhmt geworden mit einer anderen Band. Und wieder vertieften wir unsere Bekanntschaft nicht.
Ich hatte nĂ€mlich irgendwie meine Tasche verloren mit allem möglichen Zeugs drin, ich tippelte frustriert nach Hause und nicht in das Zeltlager am Baldeneysee, wo die ganzen BerĂŒhmtheiten campierten und wohin mich K. eingeladen hatte. Eine halbe Stunde spĂ€ter schellten wohlwollende Festivalbesucher bei mir an, sie hatten meine Tasche gefunden... Aber da war es natĂŒrlich zu spĂ€t, um ins Camp zu fahren und der Lust zu frönen. Quatsch, Lust! Auch zu diesem Zeitpunkt war ich noch die absolute SpĂ€tzĂŒnderin.
Trotzdem bringt es mich zum GrĂŒbeln, was unter anderen gĂŒnstigeren UmstĂ€nden mit mir und K. hĂ€tte werden können.

Ich denke: Nichts. Und damit basta!
__________________
Die Lust ist eine Kunst, aber die Kunst ist nicht immer eine Lust (von mir oder von irgendeinem anderen).

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