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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Baby Blues
Eingestellt am 24. 07. 2017 23:33


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Val Sidal
???
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Das Au-Pair-Mädchen blickte hastig von ihrem Smartphone auf. Es ist soweit, dachte Ivanka auf Russisch, obwohl sie aus der Ukraine stammte. Deutsch verstand sie noch nicht. Vieles andere auch nicht.

Ramona stöhnte und lächelte gequält – „es ist so weit, Roman ...“.
Im Sessel nach vorne gebeugt holte Roman sein Handy und rief die Hebamme.

Ivanka sprang auf, schnappte sich die Zwillinge, um rechtzeitig im Kinderzimmer zu verschwinden – „Kumm! Kumm! Oben!“, drängte sie, dabei kräftig an Phillips Händchen zerrend, der sich widerwillig wie ein junger Hund schleifen ließ.

„Ivanka! Nicht so …“ – eine heftige Wehe unterbrach Ramonas Versuch, das Au-Pair zu einem sanfteren Umgang mit den Zwillingen anzuhalten. Ihr böser Blick rollte gegen die Decke. Nicht nur Ivankas ruppiger Umgang mit den Kindern führte häufig zu regelrechten Tobsuchtsanfällen. Auch die etwas rustikal geratene Statur und unrein wirkende, blasse Haut waren ihr ein Dorn im Auge. Sie stinkt schon wieder! – behauptete sie häufig.

„Ich will kein Au-Pair-Mädchen!“, Romans Vorschlag, jemanden zu holen, um sie während des Wochenbetts zu entlasten, hatte Ramona zunächst vehement niedergebügelt: „Keine fremde Person in meinem Haus!“. Als aber Romans Mutter kategorisch ausschloss, als Aushilfe einzuspringen, und seine Schwester nur sporadisch Zeit haben würde, willigte sie doch ein: „Die Zwillinge umziehen, baden, zum Kindergarten bringen, aufräumen – sowas ja ...“, aber Roman sollte die Sache mit der Au-Pair-Agentur selbst abwickeln. „Und bitte keine Muslima!“

Das dritte Kind sollte und würde ein Mädchen sein – „Keine Sorge“, beteuerte Roman während der Schwangerschaft immer wieder, „es wird wunderblond sein, wie du es dir wünschst – du wirst es lieben.“ Wie die Zwillinge, dachte Roman – abgöttisch.

Ramona hatte sich auf dem Sofa bequem eingerichtet. Stöhnend unter der Wucht einer Wehe beobachtete sie, wie die Hebamme alle Vorkehrungen für eine sanfte, natürliche Hausgeburt vorbereitete. „Alles bio!“, lächelte sie – es sollte ein Scherz sein, aber Ramona war es nicht zum Lachen zumute. Sie verzog gequält den Mund.

Wie vereinbart schickte Roman noch schnell die Botschaft Es ist soweit! Beeil dich, wenn du es nicht verpassen willst! an seine Mutter und ließ dazu ein Smiley zwinkern, holte sich ein Alkoholfreies aus dem Kühlschrank und schob den Sessel näher an das Sofa. Er würde während der Geburt Ramonas Hand halten – und je nach Lage – sie beruhigen oder aufmuntern. Das hatte mit den Zwillingen schon prima geklappt – trotzdem hatten sie es noch einige Male geübt.

Er musste sich eingestehen, nervös zu sein. Eine Art Lampenfieber, wie Prüfungsangst, ließ ihn innerlich zittern – er nahm kräftige Schlucke aus der Flasche, um es sich nicht anmerken zu lassen. Keine Sorge, sagte er sich, es wird schon schiefgehen, zuckte bei der Wortwahl leicht zusammen und übertönte die innere Stimme flüsternd: „Es wird alles gut gehen, Liebes!“

Roman war ein stolzer Vater, postete gerne Bilder und Videos von den Zwillingen im Internet. Seitdem die Klicks auf über Hunderttausend zugenommen haben, fügte er kleine Werbefeatures der Firma AI – Artificial Individuals Inc. ein und verdiente damit ein paar EURO.
„Prächtige Burschen, ihre Kinder …“, pflegte sein Chef zu sagen. Für Roman unüberhörbar schwang Neid im Unterton des Vaters einer Walldorf-Schülerin mit.

Roman liebte seine zwanzig Jahre jüngere Frau devot, aber nicht unterwürfig. Ihre Energie und Phantasie – die Lust auf Leben und Liebe wirkte ansteckend. Sie hatten sich im andalusischen Dorf Estepona, in der Nähe von Marbella auf einem Betriebsfest kennengelernt. Ramona war eine auffällige Erscheinung im Team des Catering-Services – jede Menge Holz vor der Hütte, hatte ein Kollege bemerkt, als die rassige Gitana, mit schwingenden Hüften zwischen den Tischen schlendernd, zum Bier und Wein tiefe Einblicke in ihren Ausschnitt servierte.

„Es war Liebe auf den ersten Fick“, gestand Roman seiner Schwester, die sich mit der Vorstellung einer Zigeunerin als Schwägerin zunächst schwertat – doch sie wurde mit der Zeit ihre Busenfreundin. Einerseits war Roman froh von ihr zu hören, dass Ramona „eine warmherzige Mutter“ sei, und dass sie ihre „unendliche Geduld mit den Zwillingen“ bewundere. Andererseits gefiel ihm die – wie er es empfand – zu körperbetonte gegenseitige Zuneigung keinesfalls.

Die Hebamme setzte ihren besonderen Kräutertee an und redete sanft auf Ramona ein, sie möge sich doch entspannen, es könnte ja noch eine ganze Weile dauern, bis die Arbeit beginnt.

„Schau bitte nach, ob oben alles in Ordnung ist … “, sagte Ramona zwischen zwei Wehen, „... die sind mir zu still!“

Nach einem Monat misstraute sie Ivanka immer noch. Sie traute ihr alles zu, und manchmal unterstellte sie ihr allerhand Schreckliches. Ein GlĂĽck, dass sie kaum was versteht, dachte Roman, aber vielleicht hat Ramona Recht, man kann nie wissen. Wer weiĂź, was der Kommunismus und der Krieg aus einem Menschen macht. Zur Sicherheit hatte Ivanka absolutes Alkoholverbot.

Romans Unruhe steigerte sich weiter, und er konnte sich den Grund dafür nicht vorstellen. In den zwei Jahren mit Ramona musste er erfahren, dass es Dinge in der Welt gibt, Kräfte im Universum, die größer und gewaltiger sind, als dass sie in die flachen Schubladen der naturwissenschaftlichen Disziplinen passen würden. Dass es Menschen gibt – wie Ramona – die in der Lage sind solche Schwingungen aufzunehmen und zu deuten. Oft sind es nur Vorahnungen, unbegründete Sorgen und Zeichen, die wie dunkle Wolken am Horizont erscheinen, oder wie stürmische Winde, die orkanartig anzuschwellen drohen. „Fast jeder Mensch kennt das“, sagte einmal Ramona, „aber es richtig deuten – das können nur Auserwählte. Dafür ist die tausendjährige Tradition, das geheime Wissen nötig, das von Mutter auf Tochter mündlich weitergegeben wird.“ Roman respektierte ihren Hang zur Esoterik, auch wenn er nicht die leiseste Vorstellung hatte, wovon Ramona spricht.
Heute wunderte er sich, dass er nie den Drang verspürt hatte, tiefer zu bohren – nachzuhaken. Er ließ das Thema so stehen und konnte damit gut leben. Bis heute.

Allmählich war er sich fast sicher, gerade die erste persönliche Erfahrung einer solchen Vorahnung zu machen. Er spürte sogar die Gewissheit, sie deuten zu können: Es hat etwas mit Kindern zu tun, hallte es in seinem Kopf – und in dem Moment, als seine innere Stimme es aussprach, durchbrach etwas in seinem Innern eine Mauer und strömte schmerzlich brennend durch seinen Körper bis in die Zehenspitzen. Etwas Grauenvolles würde geschehen, dachte er – vielleicht mit den Zwillingen? Oder wird es bei der Entbindung Komplikationen geben? Reiß dich zusammen! – sagte er sich. Es könnten ja auch Ramonas Schwingungen sein. Es wäre nicht das erste Mal, unter Ramonas hypnotischen Einfluss geraten zu sein.

Ramona bat um eine heiße Milch mit Honig, und während er die Milch erhitzte, überlegte Roman, was passieren würde, wenn das Baby doch nicht so blond geraten würde, wie es sich Ramona vorstellt. Engelsblond, hatte Ramona gesagt, und mit der Zeit wuchs sich das Thema – zeitgleich mit der Zunahme des Bauchumfangs – zu einer fixen Idee aus.

Einmal hatte Roman entgegnet, dass sie doch selbst wunderschöne dunkle Haare hätte, und ob am Ende die Haarfarbe doch nicht so wichtig wäre, wie die Gesundheit. Die Intensität ihrer Reaktion hatte Roman erschreckt: Ihre Augen funkelten, ihr Blick durchbohrte Romans Schädel und ihr Fauchen drang ihm bis ins Mark: „Ich bin Gitana! Verflucht! Meine Tochter wird eine Deutsche, hast du verstanden!?“ Danach mied er das haarige Thema.

Jetzt ging plötzlich alles sehr schnell.
Roman las noch flüchtig die Antwort seiner Mutter, dass sie nicht kommen könne, wegen eines Staus – Tut mir leid!! Vielleicht beim nächsten Mal!!! Drück Ramona von mir!!!!“

Während er nach Ramonas Hand griff, musste er schmunzeln – drück Ramona von mir ...

Alles lief nach Plan. Das Atmen. Das Pressen. Das Hecheln. Die Pausen.
Alle Handgriffe der Hebamme saßen. „Sie machen das perfekt!“, lobte sie.

Romans Blick verfolgte den kleinen Kopf und Körper, wie sie langsam in die neue Welt drangen, um zu erfahren, dass nichts mehr sein würde, wie in den neun Monaten zuvor, als sie noch ein zusätzliches Organ waren – in Ramonas Körper eingepflanzt. Ein Organ, das nun ausgeschieden wird, um irgendwie – wenn alles gut geht – ein Mensch zu werden. Er drückte Ramonas Hand so fest, dass sie sich losriss: „Du tust mir weh!“

Die Hebamme tat routiniert strahlend ihr Werk und bemerkte dabei Ramonas entsetzten Blick nicht: Sie starrte auf den bläulich schimmernden Flaum auf dem winzigen Schädel.

Wie von Sinnen brüllte sie: „Sie ist gar nicht blond!“, hob ihren Oberkörper und schob sich in eine Sitzposition.

„Beruhige dich Liebes!“, flehte Roman, „Bleib liegen! Du bist noch nicht soweit!“

„Bist du blind? Sie ist nicht blond!! Verfluchte Scheiße!“

Die Nabelschnur getrennt, die Plazenta entsorgt – die Hebamme legte das quakende Neugeborene auf Ramonas Bauch zwischen die Brüste.

„Nimm sie weg! Blöde Ziege! Nimm sie sofort weg, die verdammte Kröte! Scheißdreck! Sie ist nicht blond!“

Roman versuchte seine Frau zu beruhigen – auf das, hier war er nicht vorbereitet.
„Oh Mann!“, seufzte er, während die Hebamme zurückgeschreckt die Hände über den Kopf schlug: „Aber Ramona … die Haarfarbe … das ist doch noch nicht ...“

Das Au-Pair-Mädchen war die Treppe heruntergerannt und stand regungslos in der Tür. Jetzt verstand sie die Welt nicht mehr.

Roman redete mit Engelszungen auf Ramona ein: „Schon gut Liebes, ich rufe gleich bei der Firma an. Vielleicht lässt sich da noch nachträglich was machen. Es ist wohl nicht das erste Mal, dass es mit einer Lieferung etwas schiefgeht. Sie werden für Reklamationen bestimmt Lösungen haben.“

Aber es war schon zu spät. Ramonas Augen quollen bedrohlich hervor und in den Mundwinkeln bildete der Speichel zähen Schaum.

Roman versuchte noch ihre Stirn zu streicheln, „Sie ist doch unsere Tochter ...“, doch Ramona schlug seine Hand weg, packte das Ärmchen des Kindes und knallte es mit einer Wucht gegen die Wand, dass der kleine Schädel wie eine reife Wassermelone augenblicklich aufgeplatzt war. Sogar die Bilder von den Zwillingen lösten sich aus der Halterung und fielen von der Wand auf Ramonas aufgedunsenen Bauch.

Es waren Bilder vom letzten Kindergeburtstag der Zwillinge.
Zwei prächtige, blonde Burschen.
Geliefert, wie bestellt.

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valS
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© Meine Werke und Kommentare sind mein Eigentum. Diebe werden verflucht.

Version vom 24. 07. 2017 23:33
Version vom 31. 07. 2017 17:49

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Sina
???
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Deinen Text habe ich gerade gelesen und will gerne äußern, was ich dazu denke.
Die Grundidee hat mir gut gefallen - und ich finde die Geschichte nicht grundsätzlich schlecht geschrieben. Sicherlich könnte man da am Anfang der Geschichte noch mehr aus dem Text herausholen. Mich persönlich verwirren die Namen ob der vielen gleichlautenden Vokalen ein bisschen. Für mich hemmen "Tim-Philipp" und "Tom-Pascal" den Lesefluss und die Zustemmenstellung eines Paares aus "Roman" und "Ramona" klingt für mich zugewollt gleich - irgndwie künstlich. Das ist aber natürlich objektiv nicht falsch, sondern subjektiv betrachtet.
Mir fehlt in den ersten Absätzen der Geschichte ein bisschen Authentizität der Charakter: Warum hat Ramona nur solche Vorurteile gegen "Au-pairs" und gegen "Muslime"? Was hat sie dazu bewogen, einem "Au-pair-Mädchen " am Ende zuzustimmen?
Was ist es, was Roman dazu veranlasst, anzunehmen, es geschähe jeden Moment Furchtbares? HAt er schon vorher die Erfahrung gemacht, dass die Zwillinge etwas anstellen, wenn sie so ruhig sind? Wenn ja, wäre dieser Gedanke in Kürze erwähnenswert.

quote:
Roman redete mit Engelszungen auf Ramona ein: „Schon gut Liebes, ich rufe gleich bei der Firma an. Vielleicht lässt sich da noch nachträglich was machen. Es ist wohl nicht das erste Mal, dass es mit einer Lieferung etwas schiefgeht. Sie werden für Reklamationen bestimmt Lösungen haben.“

Ab hier wird die Geschichte für mich kurios. Das ist wie ein Bruch in der Geschichte. Vor Allem stellt sich mir die Frage: Wie kommt Roman bloss darauf, dass man Babys umtauschen könnte? Welche Firma steht dahinter, die Babys liefert? Ist für ihn der Zufall oder das Schicksal eine Firma im übertragenen Sinne?

Die nachfolgenden Szenen sind von Stil und Umfang her anders geschrieben als die ausfĂĽhrlicheren Szenen am Anfang. Das gruselige Ende ist natĂĽrlich Geschmackssache, aber auf mich wirken diese Szenen so, als ob Du nun die Geschichte schnell fertig schreiben wolltest. Da fehlt es mir an Tiefe und Pausen im Lesefluss.

Der Konflikt, die dramtische Situation, der Geschichte liegt vermutlich darin, dass Ramona ein blondes Baby erwartet hat und mit einem dunkelhaarigen Mädchen nicht leben kann oder will. Warum das so ist, erfährt man leider nicht und auch nicht, warum sie für eine als warmherzig beschriebene Mutter so untypisch mit einem Totschlag darauf reagiert.
Bis zur Geburt des Kindes las sich die Geschichte ganz gut, aber dann kippt sie plötzlich um. Aus dem Konflikt und aus der Beurteilung dieses Konfliktes, aus der sich oft die Lösung entwickelt, kann sicherlich mehr herausgeholt werden. Die fehlende Reaktion Romans auf den Totschlag an seinem Baby lässt mich gefühlt im Regen stehen.

Die Idee - eine Mutter, die gefühlt das falsche Baby entbindet, und diesen inneren Konflikt zu lösen hat - ist gut und bietet Stoff für eine spannende Geschichte.
Ich könnte mir auch vorstellen, dass die Kurzgeschichte gewänne, wenn man sich auf diesen Konflikt beschränkt, und nicht noch durch Vorurteile Konflikte begründet und Nebenhandlungen andeutete?

Vielleicht magt Du dem zweiten Teil der Geschichte mehr Tiefe verleihen, damit der Konflikt und seine Lösung mehr herausgestellt wird?

Mit Interesse lesend udn ohne fĂĽr sich der Weisheit letzten Schluss in Anspruch nehmend

Sina

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Val Sidal
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Registriert: Jan 2013

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Hallo Sina,

danke fĂĽr deinen Kommentar.

Auf deine zahlreichen Bemerkungen und Fragen möchte ich (noch) nicht im Detail eingehen, aber folgende Hinweise könnten bei der Lektüre hilfreich sein:

- Der Text ist keine Reportage – der Erzähler ist eine fiktive Figur, die durch die Art, was er sieht und wie er erzählt (Klischees, flapsige, unterschwellig sexistische Wortwahl, billiger Sprachwitz usw.) sich selbst beschreibt. Es ist nicht der Autor, den wir da hören.

- Ich hoffe, ich greife nicht zu stark in den Interpretationsraum ein, wenn ich die Aufmerksamkeit auf den Konflikt lenke, der über den der Ramona hinausreicht und nur im Subtext durch den Erzähler mehr oder weniger explizit in Erscheinung tritt, wenn er sagt: „Romans Blick verfolgte den kleinen Kopf und Körper, wie sie langsam in die neue Welt drangen, um zu erfahren, dass nichts mehr sein würde, wie in den neun Monaten zuvor, als sie noch ein zusätzliches Organ waren – in Ramonas Körper eingepflanzt. Ein Organ, das nun ausgeschieden wird, um irgendwie – wenn alles gut geht – ein Mensch zu werden.“

Danke fĂĽrs Lesen und Kommentieren.

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Val Sidal
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Hallo Blumenberg,

ein paar Bemerkungen zu deinem Kommentar:

Wie der Titel es bereits aussagt, kulminiert die Geschichte in einem psychotischen Schub (Postpartale Psychose) der Wochenbettdepression, deren psychosoziale Plausibilität an unterschiedlichen Stellen im Text angelegt und entwickelt wird. Die Glaubwürdigkeit der gewalt(tät)ige(n) Eruption wird durch den Grad der Entfremdung flankiert – das Neugeborene ist lediglich ein implantiertes, in Ramonas kranken Wahrnehmung, missratenes Organ.

Dein Vorschlag würde mMn der Geschichte nicht helfen. Die Art Rationalität, die dafür erforderlich wäre, ist bei Ramona nicht vorhanden: Der Hebamme gelingt es nicht, Ramona deutlich zu machen, dass die Haarfarbe bei der Geburt noch nichts über die spätere Farbe aussagt.

Die Wortwahl („packte das Ärmchen des Kindes und knallte es mit einer Wucht gegen die Wand, dass der kleine Schädel wie eine reife Wassermelone augenblicklich aufgeplatzt war.“) rundet das Bild vom Erzähler ab: Er zeigt das Drama voyeuristisch, zynisch, ohne jede Empathie und Verständnis.

Danke fĂĽrs Lesen und Kommentieren.

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valS
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James Blond
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Registriert: Aug 2014

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Der sog. Baby-Blues ist von einer echten postpartalen Psychose zu unterscheiden. Sein Stimmungstief ist auf den 3-5 Tage nach der Geburt einsetzenden Hormonumschwung zurĂĽckzufĂĽhren. Seine Dynamik entspricht nicht der Darstellung in der Geschichte.

Die Wochenbettpsychose käme da schon eher infrage, setzt aber in der Regel eine entsprechende psychische Disposition (bipolar oder schizoaffektiv) voraus. Sie äußert sich oft andeutungsweise bereits während der Schwangerschaft durch Stimmungsschwankungen, Verwirrtheit, Angst- und Wahnvorstellungen, Unruhe und Hyperaktivität; die volle Psychose tritt zumeist jedoch erst einige Tage (2-4) nach der Geburt auf, woraus auch eine Gefahr für das Leben von Mutter und Kind erwachsen kann.

Eine spontane Tötung nach der Entbindung (Neonatizid) findet in D meist nur bei verheimlichten Schwangerschaften statt, dann aber nicht auf eine derart brutale Weise.

Allerdings spielt Realismus in dieser Geschichte eine untergeordnete Rolle - schlieĂźlich wird ein zukĂĽnftiges Szenario beschrieben, in dem es um sog. Designer-Babys geht, d.h. um die Erzeugung von Nachkommen mit vorprogrammierten genetischen Eigenschaften, wie z.B. der gewĂĽnschten Haarfarbe.

Leider wird der ethische Konflikt, der sich aus dieser Praxis ergibt, die Frage nach Schuld und Verantwortung, ĂĽberlagert von einer psychotischen Reaktion, die kaum etwas damit zu tun hat und deren Motive hier wenig plausibel ausgefĂĽhrt werden.
Die Haarfarbe als Indikator einer geglückten "biosozialen" Integration steht dafür auf zu wackeligen Beinen und man sollte auch nicht den Stolz der Roma und Sinti auf ihre Abstammung unterschätzen.

So bleibt hier nur der kalkulierte Schock als der klassische Aufhänger einer Kurzgeschichte, der die dramatische Wende einleitet. Für meinen Geschmack etwas zu wenig.

GrĂĽĂźe
JB

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Val Sidal
???
Registriert: Jan 2013

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Hallo James Blond,

vielen Dank für die präzise und differenzierte Einordnung des sog. Baby-Blues. Ich habe die postpartale Psychose in einem Kommentar unkluger Weise selbst ins Spiel gebracht, ohne zu bemerken, dass ich damit meine Wahl des Titels beschädige: Der Titel sollte – ohne Bindestrich geschrieben – einen Blues auf ein Baby markieren, und nur einen – freilich gewollten – Wink auf die Psychose mitschwingen lassen. Nun gut.

Der zweite Teil deiner Kritik ist treffsicher.

Dennoch – einige Bemerkungen dazu.

quote:
Leider wird der ethische Konflikt, der sich aus dieser Praxis ergibt, die Frage nach Schuld und Verantwortung, ĂĽberlagert von einer psychotischen Reaktion, die kaum etwas damit zu tun hat und deren Motive hier wenig plausibel ausgefĂĽhrt werden.

– der erwähnte „ethische Konflikt“ ist nicht Story-immanent. Es wird deutlich, dass bereits die Zwillinge – gelungene – Designer-Babys waren. Dieser Konflikt liegt beim Leser – und dort sollte er auch hin.

quote:
Die Haarfarbe als Indikator einer geglückten "biosozialen" Integration steht dafür auf zu wackeligen Beinen und man sollte auch nicht den Stolz der Roma und Sinti auf ihre Abstammung unterschätzen.
– Ramona hatte in ihrer Heimat keinerlei Probleme mit ihrer Gitana-Zugehörigkeit. Erst in Deutschland wurde sie mit (negativen) Auswirkungen ihres Roma-Sinti-Zigeuner-Seins konfrontiert. Sie IST auf ihre Herkunft stolz – das ist nicht ihr Konflikt; vielmehr projiziert sie Erfahrungen/Befürchtungen auf ihre Kinder. Nicht Integration, sondern Nicht-Auffallen treibt sie um.

quote:
So bleibt hier nur der kalkulierte Schock als der klassische Aufhänger einer Kurzgeschichte, der die dramatische Wende einleitet
– der „Knaller“ am Ende sollte eben doch mehr sein. Er wirkt so, weil der Text dem Leser nicht genügend Raum und Zeit gibt, den gewaltigen Shift zur „Ethik“ der Story, in der das Menschsein erst nach der Abnahme durch den Kunden beginnt, zu verinnerlichen, sie dem eigenen Wertesystem gegenüberzustellen – die eigene Haltung in der Sache emotional und rational zu reflektieren.

Deine Kritik ist valide: Weiter/besser ausgearbeitet, sollten meine Bemerkungen nicht vonnöten gewesen sein.

Danke fĂĽrs Lesen und Kommentieren.

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valS
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