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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Babytage
Eingestellt am 26. 04. 2018 13:01


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Mariposa
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Apr 2018

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Babytage

„Tsch…brr…tsch…“, von diesen Lauten meines persönlichen Weckers werde ich aus dem Schlaf gerissen, wo ich im Traum zusammen mit vielen Menschen durch ein riesiges, verwinkeltes Gebäude geirrt bin. Leider kannte ich als einziger den Weg zum Ausgang nicht. „Tsch…brää…“, benommen reibe ich meine Augen, ehe mein Blick auf meinen „Wecker“ fällt: Er hat zwei blasse Ärmchen, zwei stämmige, strampelnde Beinchen, einen blonden Wuschelkopf, eine Stupsnase und zwei meeresblaue, wache Augen. Durch das gekippte Schlafzimmerfenster dringt das fröhliche Pfeifen der Frühaufsteher unter den heimischen Vogelarten. Ein Blick auf meinen digitalen Wecker im Schein der Nachtlampe verrät mir die genaue Uhrzeit: 04:17. Während ich jeden anderen Wecker, der es wagen würde, mich um diese Zeit aus dem Schlaf zu reißen, gnadenlos in die Zimmerecke schmeißen würde, beuge ich mich über das Beistellbett und streichle meiner Tochter Elisa über den Kopf. Sie beginnt zu glucksen und dreht ihren Kopf schnell von rechts nach links und wieder zurück. Dann greift sie nach meinem Arm und fängt an, daran zu saugen. Mit Hunger hat dieses Verhalten nichts zu tun, wie ich inzwischen weiß, vielmehr hilft das Saugen den Babys, sich selbst zu beruhigen. Außerdem ist Elisas letzte Mahlzeit noch keine zwei Stunden her. Nach den Erfahrungen der letzten zehn Tage wird sich der nächste Appetit gegen sieben Uhr melden. Ich gebe meiner Tochter den Schnuller, und schon schließt sie ihre Augen und dreht ihren Kopf nach rechts. Elisa schläft, und ich bin hellwach. Ich weiß, dass ich nicht wieder einschlafen kann, wenn ich nach vier Uhr morgens aufwache, daher schalte ich das Babyfon an und verlasse leise, damit ich weder Elisa noch meinen Mann wecke, das Schlafzimmer. Ich beschließe, das Beste aus dieser außerplanmäßigen „Freizeit“ zu machen – mein erster Gedanke ist, mich mit einem Buch faul aufs Sofa zu setzen, doch der Anblick von zwei gut behängten Ständern mit seit mindestens drei Tagen trockener Wäsche im Wohnzimmer holt mich auf den Boden der Tatsachen zurück. Also trage ich den Wäscheständer mit Elisas Kleidung ins Kinderzimmer und räume sie in den Kleiderschrank. Dort entgeht meiner Nase der etwas strenge Geruch, der vom Windeleimer in meine Richtung zieht, nicht. Seit Elisa, ergänzend zum Stillen, auch das Fläschchen bekommt, ist der Bedarf an Windeln und frischer Wäsche stark gestiegen. Um kurzfristige Abhilfe zu schaffen, kippe ich das Fenster. Am zweiten Wäscheständer hängt meine eigene Kleidung. Um sie an Ort und Stelle zu bringen, müsste ich ins Schlafzimmer, wo sich mein Schrank befindet. Da ich hierfür nächtliche Ruhestörung begehen müsste, beschließe ich, den Anblick des recht chaotisch behängten Drahtgestells im Wohnzimmer noch für weitere, unbestimmte Zeit zu ertragen. Auf dem Rückweg vom Kinder- ins Wohnzimmer sagen mir im mit Linoleum ausgelegten Flur meine Staubmäuse „guten Morgen“: Munter wirbeln sie beim Vorbeigehen durch die Luft, um danach ihren Schlaf neben der Bodenleiste friedlich fortzusetzen. Ich befürchte, dass irgendwann in naher Zukunft ein freundlicher Mitarbeiter der Unteren Naturschutzbehörde an meiner Wohnungstür klopfen wird, um mir mitzuteilen, dass mein Flur mit sofortiger Wirkung zum Naturdenkmal erklärt wird. Im Ernst, ich frage mich, wo innerhalb von vier Tagen, als ich den Flur letztmals gekehrt habe, all dieser Staub herkommt. Eine nicht unwesentliche Mitschuld weise ich definitiv meinem hormonbedingten Haarausfall zu. Seit ich Elisa stille, liegen meine Haare kreuz und quer in der ganzen Wohnung verteilt; selbst an recht exotischen Orten wie in Elisas Schlafanzug oder in der Margarinepackung habe ich schon welche entdeckt. Zum Glück sind ein paar wenige auf meinem Kopf geblieben, und ich hoffe, das bleibt auch so. Um mich selbst davor zu schützen, das Opfer eines Putz- und Aufräumwahns zu werden, habe ich mit mir folgende Selbstvereinbarung geschlossen: die Staubmäuse dürfen sich drei Tage lang ungehindert paaren und vermehren, ehe ich einschreite. Heute ist Tag vier. Also schreite ich zur Tat. Das in der Küche befindliche Handkehrset wird mein Komplize. Nach vollendeter Tat begutachte ich zufrieden das Ergebnis meiner Arbeit. Das Schöne am Putzen ist, dass man mit einem sofort sichtbaren Arbeitserfolg belohnt wird – davon kann man im Büro oft nur träumen! Nun muss ich mir auch keine Gedanken mehr darüber machen, wie hoch der Eintrittspreis für die Besichtigung meines Naturdenkmals festzulegen wäre. Als ich wieder die Küche betrete, blinkt mir die LED des Wäschetrockners vorwurfsvoll entgegen. Ich gebe zu, dass ich gestern Abend vergessen habe, das Gerät nach dem letzten Trockengang abzuschalten. Dies hole ich nun nach, damit der Trockner aus Mangel an Zuwendung nicht den Geist aufgibt. Die (hoffentlich) trockene Wäsche darf noch ein Weilchen gut versteckt in der Trocknertrommel bleiben, entscheide ich. Inzwischen ist es viertel vor Fünf, das heißt, wenn alles planmäßig läuft, habe ich noch gut zwei Stunden für mich. Ich könnte zur Abwechslung in Ruhe meine E-Mails lesen, kommt es mir in den Sinn. Wenn Elisa wach ist, möchte sie gefüttert, gewickelt oder bespaßt werden und zeigt wenig Verständnis, wenn ich mich für länger als fünf Minuten aus ihrem Blickfeld entferne, um zum Beispiel am PC zu arbeiten. Dann macht sie zunächst mit einem ausdauernden Nörgeln auf ihre Situation aufmerksam; dieses geht, wenn ich nicht sofort Abhilfe verschaffe (was ich jedoch regelmäßig tue, denn wer wünscht sich schon ein trauriges Kind) recht rasch in ein klagendes Weinen über. Die Aussicht, ungestört Mails zu lesen, ist so verlockend, dass ich nach dem Betreten des Wohnzimmers umgehend den Rechner hochfahre. Da der letzte Mail-Check schon zwei Tage her ist, warte ich nach dem Login ganz gespannt darauf, dass sich mein Posteingang mit den freundlichen Worten „Welcome Beatrix Schönwald“ öffnet. Nicht, dass ich auf Post vom Weihnachtsmann hoffe (der wäre ohnehin ein halbes Jahr zu spät oder zu früh dran) – vielmehr sind der Umgang mit dem PC und die Neugier auf möglicherweise eingetroffene Nachrichten von der „Außenwelt“ eine echte Abwechslung zu der Endlosschleife „Baby Stillen, Wickeln, Waschen“…Nur, damit ich nicht falsch verstanden werde: Ich liebe meine Tochter und mache diese Dinge alle sehr gerne für sie. Allerdings muss ich ehrlicherweise auch feststellen, dass vor allem in Elisas ersten drei Lebensmonaten wenig Zeit und Gelegenheit für anderes blieb. Ich kann mich noch gut an meinen ersten Supermarkteinkauf drei Wochen nach Elisas Geburt erinnern: Ich schlenderte langsam durch das Geschäft und betrachtete aufmerksam das vollständige, in Regalen eingeräumte Sortiment, während mein Mann daheim auf Elisa aufpasste. Noch nie in meinem Leben zuvor hatte der Einkauf von Lebensmitteln für mich den Unterhaltungswert eines Freizeitparkbesuchs gehabt! Endlich, mein Posteingang öffnet sich, und siehe da, er enthält zwei neue Nachrichten: E-Mail Nummer eins kommt von einem Mode-Onlinegeschäft und enthält eine Kaufempfehlung für einen neuartigen Still-BH. E-Mail Nummer zwei ist von Jasmin Kirchner, einer Tagesmutter in meinem Wohnort, die wir in der vergangenen Woche besucht haben. Wie es sich bei dem netten Kennenlerntreffen schon abgezeichnet hat, unterbreitet mir Frau Kirchner ein Betreuungsangebot für drei halbe Wochentage ab Elisas erstem Geburtstag. Ich fürchte, ich werde ihr Angebot schweren Herzens ablehnen müssen, da mein Arbeitgeber mich entweder für drei volle Arbeitstage oder gar nicht zurück haben möchte. Ich muss heute Vormittag unbedingt mit Frau Wegmann-Schulz, der Leiterin der örtlichen Kita, wo ich mein ungeborenes Kind im dritten Schwangerschaftsmonat angemeldet habe, telefonieren, um herauszufinden, ob sich zwischenzeitliche eine (hoffentlich positive) Prognose im Hinblick auf einen Krippenplatz in sieben Monaten treffen lässt. Ach ja, die gute Arbeit…Ich habe immer gerne gearbeitet. Dennoch muss ich zugeben, dass ich mich nach zehn Jahren Berufserfahrung in einem international tätigen Konzern, die letzten vier davon in der Personalabteilung, auf meine (vorübergehende) Jobauszeit und auf die neue Herausforderung jenseits von Schreibtisch, Drucker und Aktenvernichter gefreut habe – immer mit dem Wissen im Hinterkopf, dass ich, so bald als möglich und für Elisa verträglich, wieder auf das Rad der Geschäftigkeit aufsteigen würde. Während der allseits gefürchtete Babyblues kurz nach der Geburt mich freundlicherweise verschonte - vielmehr fühlte ich mich trotz der Strapazen der Geburt, anfänglicher Stillprobleme und haufenweise schlafloser Nächte meist tatkräftig und energiegeladen - machte ich am Ende von Elisas zweiten Lebensmonat eine schwierige Phase durch: Elisa befand sich damals auf dem besten Wege, sich zu einem Schreikind zu entwickeln, täglich zwischen sechzehn und neunzehn Uhr schrie sie ohne ersichtlichen Grund wie am Spieß und war durch nichts zu beruhigen. Nun, das stimmt nicht ganz – unter allen erprobten Maßnahmen, von den „Klassikern“ wie Schaukeln, leise sprechen, Schnuller geben bis hin zu ausgefalleneren Methoden wie Staubsaugen (dieses Geräusch soll auf viele Babys tatsächlich beruhigend wirken) schuf nur diese Abhilfe: Wenn mein Mann (und auch nur er!) Elisa Bauch an Bauch, mit Babys Kopf über seiner Schulter, durch die Wohnung trug. Nachdem mein Mann so einige Minuten durch die abgedunkelte Wohnung geschritten war, fand Elisas vom stundenlangen Schreien erschöpfter Körper endlich seine Ruhe, und sie schlief, den Kopf mit den verquollenen Augen auf Papas Schulter gestützt, ein. Und wir Eltern waren mit den Nerven am Ende. Nun kann man sich allzu gut vorstellen, wie heiter es wurde, wenn mein Mann in dieser Situation, meist arbeitsbedingt, nicht anwesend war. Körperliche Nähe zu mir verstärkte Elisas Weinen sogar, bot also keine Lösung des Problems. In dieser Zeit stand ich kurz davor, sämtlichen befreundeten Paaren mit Familienplanung einzureden, sich diesen Schritt gründlich zu überlegen. Ich war reif für einen Urlaub auf einer fernen Insel, oder zumindest reif für ein Wochenende. Leider würde Elisa meinen Urlaubsantrag nicht genehmigen. Zum ersten Mal seit Beginn meines Mutterschutzes wurde mir bewusst, wie sehr ich den immerwährenden Rhythmus aus Arbeit – Überstunden – Vorfreude aufs Wochenende – Wochenende vermisste. Allein der Gedanke daran, dass meine derzeitige Situation als „Nur-Hausfrau-und-Mutter“ eine vorübergehende sein würde und mein Leben in absehbarer Zukunft, mehr oder weniger, seinen alten Rhythmus wieder aufgreifen würde, gab mir die Kraft, diese schwere Zeit durchzustehen. Ich beschließe, wieder einmal die Homepage meines Arbeitgebers zu besuchen, was ich ungefähr alle zwei Wochen mache, um mich über die aktuellen Stellenangebote zu informieren. Derzeit sind sieben Stellen zu besetzen. Dort, wo unter „Ansprechpartner“ früher mein Name geschrieben war, steht nun „Nadja Keppler“. Auf den sanften Stich ins Herz, den ich beim Lesen dieses Namens jedes Mal spüre, bin ich schon vorbereitet. Ich schließe den Internetbrowser und setze den PC in den „Energie sparen“-Modus. Ehe sich der Rechner von mir verabschiedet, werfe ich noch schnell einen Blick in die rechte untere Bildschirmecke, die mir die Zeit verrät: 5:17 Uhr, das heißt, mir verbleiben planmäßig noch fast ein dreiviertel Stunden. Ich verspüre Lust, das TV-Programm um diese Uhrzeit zu testen. In Elisas Anwesenheit achte ich inzwischen peinlichst genau darauf, dass der Fernseher ausgeschaltet ist. In ihren ersten Lebenswochen hat sie ein paar Mal mit meinem Mann und mir für kurze Zeit ferngesehen – ja, sie hat tatsächlich, von den flimmernden Bildern fasziniert, in die Röhre geschaut -, ist danach jedoch in ein untröstliches Weinen ausgebrochen. Der Grund hierfür muss wohl in einem klassischen Fall von Reizüberflutung gelegen haben, was mir leider erst nach der zweiten Weinattacke vor dem TV eingefallen ist. Nun gut, auf das TV-Nachmittagsprogramm kann ich ohnehin getrost verzichten, schließlich habe ich nicht vor, in der Elternzeit meine Gehirnzellen abzutöten. Damit ich mich entspannt auf dem Sofa niederlassen kann, muss ich mir zunächst etwas Platz schaffen: das gemütliche „L-Teil“ ist seit einigen Wochen zu einer Spielwiese für Elisa umfunktioniert; ein Handtuch ist darauf ausgebreitet, auf dem allerhand Spielsachen verteilt sind. Auf der angrenzenden Sitzfläche muss ich zunächst einen Buchstapel auf den Wohnzimmertisch umverlagern. Oben auf liegt ein aus der Bibliothek entliehener Ratgeber mit dem Titel: „Babynahrung - frisch auf den Tisch“. Das Buch hat mir eine Bekannte empfohlen, die Ernährungswissenschaften studiert hat. Auch meine Nachsorgehebamme, die mich vorgestern zum Thema „Beikosteinführung“ beraten hat, kennt es und hat mir angeraten, Gemüse-, Obst- und Getreidebrei nach den darin enthaltenen Rezepten zuzubereiten. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich naiverweise davon ausgegangen war, dass ich nach fünf bisweilen sehr anstrengenden Monaten des Stillens - eine Brustentzündung blieb mir auch nicht erspart - auf die Errungenschaften der Lebensmittelindustrie zurückgreifen und Elisa, zumindest für eine Mahlzeit am Tag, die doch als gesundheitlich unbedenklich geltenden Babygläschen füttern würde. Wenn es um die Ernährung der Kleinsten in unserer Gesellschaft geht, sollte sich kein Konzern einen Skandal leisten können. Außerdem würde ich nur die Produkte kaufen, die von den einschlägigen Verbraucherorganisationen getestet und für gut befunden wurden. Da sollte das gute Gewissen doch auf meiner Seite sein, oder? Zugegebenermaßen ist das nicht der Fall. Im allgemeinen Trend, Erzeugnisse, die man Jahrzehnte lang industriell gefertigt konsumiert hat, heute wieder selbst herzustellen, schwimmt man gegen den Strom, wenn man zum Fertigprodukt greift. Selbst wenn sich dieses über lange Zeit bewährt hat. Und gegen den Strom zu schwimmen, erfordert Gewissensarbeit, zumindest bei mir. Ich sehe das inzwischen so: mit dem (gelegentlichen) Griff zum Babygläschen nehme ich die Hilfe von außen an, die mir in Form von anwesenden Omas zur (gelegentlichen) Kleinkindbetreuung leider nicht zur Verfügung steht, denn Elisas Omas wohnen im dreihundert Kilometer entfernten München bzw. in Dänemark. Über das Thema „Babybrei“ werde ich mir in den nächsten Tagen in einer ruhigen Minute (wenn sich eine solche finden lässt) nochmals Gedanken machen müssen. Da die Beikosteinführung zwischen dem fünften und siebten Lebensmonat empfohlen wird, drängt die Zeit noch nicht, da Elisa erst vor zwei Tagen fünf Monate alt geworden ist. Jetzt brauche ich ein paar ruhige Minuten für mich. Ich greife nach der Fernbedienung, lasse mich auf dem Sofa nieder und stelle das Babyfon auf den Couchtisch. Als wäre es von der Erschütterung geweckt worden, leuchtet das Display in diesem Moment blau auf, und ein blechernes, dramatisches Weinen erfüllt den Raum. Es ist 5:20 Uhr, verrät mir meine Armbanduhr. Und mein Kurzurlaub ist vorbei, ehe er begonnen hat. Elisas Schlaf- und Wachrhythmus scheint durch den gestrigen Grillabend, zu dem mein Onkel anlässlich seines siebzigsten Geburtstags geladen hat, ordentlich durcheinander gekommen zu sein. Ich schalte den Empfänger des Babyfons aus, und begebe mich auf meine Rettungsmission in Richtung Schlafzimmer. Auf dem Flur höre ich Elisas herzerschütterndes Weingesang sogar durch die geschlossene Schlafzimmertür hindurch. Kaum habe ich diese geöffnet, sehe ich Elisa in ihrem Beistellbettchen, wie sie schnell ihren Kopf hin- und her bewegt. Aus ihren zusammengekniffenen Augen laufen Tränen. Mein Mann hält im Halbschlaf mit ihr Händchen. Vorsichtig bette ich meine Tochter in ihren Stubenwagen um, gebe ihr den Schnuller und verlasse mit ihr das Schlafzimmer, damit zumindest mein Mann noch ein Stündchen weiterschlafen kann, ehe ihn die Pflicht ruft. Im Wohnzimmer angekommen, kaut Elisa wütend auf ihrem Schnuller herum, ehe sie ihn ausspuckt und tief Luft für eine neue Schreiattacke holt. Ich reiche ihr den Schnuller erneut. Mit einem vorwurfsvollen Blick aus ihren verweinten Augen saugt sie ihn kurz an, schüttelt dann heftig den Kopf, und schwupps, liegt der Schnuller neben dem Kopfkissen. Ich wiederhole das Spiel – der Schnuller landet erneut in Elisas Mund, und dieses Mal mache ich ein paar lustige Schnalzgeräusche dazu, die Elisa bei Weinausbrüchen früher manchmal beruhigt haben. Auch dieses Mal hält sie kurz inne, saugt kräftiger an ihrem Schnuller und schließt die Augen. Doch der Frieden hält nur gut eine halbe Minute, dann werden ihre Backen rot, und Elisa bricht erneut in einen Weinkrampf aus. Zwei weitere Male probiere ich mein Glück mit dem Schnuller – vergebens. Elisa scheint sich nicht beruhigen zu wollen. Ihr anhaltendes Klagelied zehrt langsam an meinen Nerven. Ich entscheide mich für den Papa-Tragetrick, ohne mir viel Erfolg davon zu versprechen: ich nehme das weinende Bündel aus dem Stubenwagen, setze es auf meinen gebeugten linken Unterarm, sodass Elisas Bauch meinem zugewandt ist und ihr Kopf auf meiner linken Schulter liegt. Meine Tochter unterbricht ihr Weinen kurz für einen tiefen Seufzer, doch schon nach wenigen Schritten durch das Wohnzimmer wird sie wiederum untröstlich. Ich lasse mich auf das Sofa nieder und setze Elisa auf meine Oberschenkel ab. Dieser Vorgang entlockt ihr einen lauten Protestschrei, der pausenlos in das alte Klagelied übergeht. Da ich inzwischen erschöpft bin und mir selbst zum Weinen zumute ist, lehne ich mich zurück und lege Elisa dabei mit ihrem Rücken auf meinen Bauch. In der Vergangenheit hat diese Maßnahme Elisas Weinanfällen nie abgeholfen, im Gegenteil, meist wurde ihr Weinen dadurch noch eindringlicher. Auch heute stöhnt sie laut auf, um anschließend aus ihren verquollenen Äuglein weiter zu weinen. Sacht schaukle ich meine Tochter und wage einen weiteren Versuch mit dem Schnuller. Wie von mir erwartet, saugt sie ihn kurz an. Eine halbe Minute vergeht, ohne dass sie ihn ausspuckt. Voller innerer Anspannung hoffe ich, dass Elisas Aufregung wieder abebbt, sodass sie sich nicht vom Schnuller verabschiedet, was einen erneuten und wahrscheinlich noch heftigeren Weinausbruch unweigerlich zur Folge haben würde. Doch dann passiert das Unfassbare: Die Spannung weicht aus Elisas Armen und Beinen, und ihr an meinen Bauch geschmiegter Körper bewegt sich in meinem Atemrhythmus langsam auf und ab. Sie saugt nun schon viel ruhiger an ihrem Schnuller. Ich streichele über ihren Kopf, und wuschele durch ihr dichtes, strohblondes Haar. Plötzlich legt sie ihren Kopf in den Nacken und überstreckt ihn dadurch so sehr, dass sie in mein Gesicht blickt. Ihre vom Weinen noch leicht geröteten Augen sehen mich für einen kurzen Moment intensiv an, ehe ihre Augenlider der Schwerkraft nachgeben. Elisa schläft, ihr Gesicht dem meinigen zugewandt, auf meinem Bauch ein – zum ersten Mal in ihrer fünfmonatigen Lebensgeschichte! Dieser Augenblick hat etwas derart Magisches, das mich dazu veranlasst, etwas zu tun, was ich seit meiner Jugend nicht mehr getan habe: Ich dichte. Ich muss die Worte nicht finden; die Worte finden mich:

FĂĽr Elisa

Manche Ă„ngste, manche Fragen,
manche Zweifel – all´ sie nagen
an meinem Wissen um Dich.
Ich freue und ich fĂĽrchte mich.

Ich kann Dich nicht hören oder sehen,
versuche, langsam zu verstehen,
was mit mir passiert;
doch weiĂź ich: Du existierst.
Ich freue und ich wunder mich.

Nun liegst Du da
bei mir, ganz nah;
vor Dir ein weiter Weg.
Vor Unglück möcht´ ich Dich schützen,
ohne zu wissen, wie das geht.
Ich freue mich; ich liebe Dich.

Grau im Schatten, hell im Licht
zeigst du dem Leben Dein Gesicht.


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Lord Nelson
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jan 2018

Werke: 5
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Hallo Mariposa,

deine humorvoll lockere Schilderung einiger Stunden aus dem Leben einer jungen Mutter habe ich sehr gerne gelesen. Bei allen beschriebenen Strapazen spĂĽrt man, auch zwischen den Zeilen, die Liebe und sehr viel Energie.

Ăśber einige Stellen bin ich gestolpert:

quote:
Nun muss ich mir auch keine Gedanken mehr darüber machen, wie hoch der Eintrittspreis für die Besichtigung meines Naturdenkmals festzulegen wäre.
Die Stelle war mir persönlich etwas zu sehr gewitzelt.

quote:
Noch nie in meinem Leben zuvor hatte der Einkauf von Lebensmitteln fĂĽr mich den Unterhaltungswert eines Freizeitparkbesuchs gehabt!
das kann man sehr gut nachvollziehen!

quote:
ist danach jedoch in ein untröstliches Weinen ausgebrochen.
Diese kleine Episode mit dem Fernseher fand ich, aus Sicht des Lesers, vergleichsweise belanglos (auch wenn die Erkenntnis für betroffene Eltern natürlich sehr wichtig ist). Auch der ausgiebige Exkurs über Fertigprodukte schien mir die Story eher zu verwässern, deren Reiz darin liegt, sowohl die Strapazen als auch die Freuden der Mutterschaft aus nächster Nähe miterleben zu dürfen

Ein paar Absätze hätte ich auch hilfreich gefunden.

Viele GrĂĽĂźe
Lord Nelson

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