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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Bahngespräch
Eingestellt am 16. 05. 2002 06:33


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visco
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Bahngespräch


      »Glauben Sie, dass das Glück endlich sein kann?«
      Der Herr ihr gegenüber blickte verwundert von seiner Zeitung auf. »Verzeihung? Sprechen Sie mit mir?«
      »Was ist für Sie Glück?« hakte die Fremde nach und sah ihn dabei fragend an.
      »Sechs Richtige im Lotto. Wieso?«
      Die junge Frau schüttelte den Kopf. »Nein, das meine ich nicht. Geld, meine ich. Darum geht´s doch gar nicht.«
      »Sie haben mich gefragt, was Glück ist. Nun, sechs Richtige im Lotto ist doch wohl reine Glücksache, oder etwa nicht?«
      »Ja, schon, aber das ist was anderes. Ich meine das Gefühl, wenn man glücklich ist.«
      Der Herr im Anzug überlegte kurz. »Hhm, ich glaube zu ahnen, auf was Sie hinaus wollen. Gerade eine Beziehung hinter sich, was?« schlussfolgerte er dann.
      »Ja.«
      »Tut mir leid. Ihre erste Trennung?«
      »Die erste richtige.«
      »Tja, die erste ist immer die schlimmste. Man braucht am längsten, um drüber weg zu kommen. Sie sollten sich das nicht zu sehr zu Herzen nehmen. Es wird schon wieder«, erklärte er mit einem aufmunternden Lächeln und nahm seine Zeitung wieder auf.
      »Jetzt hören Sie sich an wie mein Vater.«
      »Der könnte ich ja wohl auch sein«, gab er von hinter dem aufgeschlagenen Tagesblatt zurück.
      »Sind Sie denn glücklich?«
      »Wir sind seit über zwanzig Jahren verheiratet, meine Frau und ich.«
      »Ob Sie glücklich sind, wollte ich wissen.«
      »Ich, ja, ich denke, schon, dass wir das sind.« Die Zeitung senkte sich. »Natürlich ist es nach so langer Zeit nicht mehr so aufregend wie es früher einmal war, aber doch, ja, ich würde schon sagen, dass wir glücklich sind.«
      »Das klingt nicht besonders überzeugend. Warum haben Sie sich nicht getrennt, als es nicht mehr aufregend war?«
      »In guten wie in schlechten Zeiten. Das haben Sie doch sicher schon einmal gehört. Es mag heutzutage nicht gerade im Trend liegen, aber für uns hat das noch immer Gültigkeit. Man gibt eine Verbindung nicht einfach auf, nur weil es mal Probleme gibt. So wurde ich zumindest noch erzogen.«
      »Woher wissen Sie dann, dass die erste Trennung immer die schlimmste ist?«
      »Weil, na ja, weil sie nicht meine erste Frau ist. Ich war schon einmal verheiratet. Manchmal passt man eben doch nicht zusammen, obwohl man vorher fest daran geglaubt hat. So was stellt sich aber erst später heraus. Wenn man eine Zeit lang zusammen gelebt hat.«
      »Wir haben nicht zusammen gelebt, aber das hätte ich gerne.«
      »Sie sind noch sehr jung. Sie werden schon noch den Richtigen finden.«
      »Also das halte ich für unwahrscheinlich. Mit Männern kann ich nämlich nichts anfangen. Hab´s versucht. Hat aber nichts gebracht. Jedenfalls mir nicht. Ich hoffe, Sie sind jetzt nicht geschockt oder so.«
      »Nein, ich, tja, wie soll ich sagen? Etwas irritiert, ja. Sie müssen verzeihen, ich habe vorher noch nie, ich meine ...«
      »... mit einer Lesbe gesprochen? Das wollten Sie doch sagen.«
      »Ja, ich denke, das wollte ich wohl. Und eigentlich auch wieder nicht. Ich meine, ich habe keinerlei Erfahrung mit, oder besser gesagt, auf diesem Gebiet. Ich glaube nicht, dass ich der richtige Gesprächspartner für Sie bin.«
      »Ich will immer noch wissen, ob Glück endlich sein kann. Um das zu beantworten muss man doch keine Frau sein.«
      »Da haben Sie wohl Recht, sicher nicht, nein. Und trotzdem. Ich weiss wirklich nicht, ob ich Ihnen da weiterhelfen kann.«
      »Bitte versuchen Sie´s wenigstens. Es würde mir echt viel bedeuten.«
      »In Ordnung. Also schön.« Er faltete die Zeitung sorgfältig zusammen und legte sie beiseite. »Dann sollten wir damit beginnen, was Sie denn unter Glück verstehen. Sie sind doch mit Ihrer, tja, Freundin, Partnerin, glücklich gewesen. Wenigstens eine Zeit lang. Wie war das für Sie? Ich meine, was hat dieses Gefühl von Glück für Sie ausgemacht?«
      »Ich bin einfach wahnsinnig gerne mit ihr zusammen. Ich kann gestresst sein, schlecht gelaunt, total down, ganz egal. Sobald ich in ihrer Nähe bin, geht´s mir wieder super. Dafür muss sie nicht mal was sagen. Sie muss einfach nur da sein.«
      »Hhm, ja, verstehe. Sie haben also, Verzeihung, hatten ein sehr inniges Verhältnis?«
      »Ich glaube, ihr geht es nicht anders. Wir können uns morgens am Telefon noch so richtig gefetzt haben, aber wenn wir uns dann sehen, ist sie total verändert. Nicht mehr so kritisch oder von oben herab. Sie wissen, was ich meine. Wenn wir uns in den Armen halten, spüre ich, wie sehr sie mich vermisst hat. Dann ist alles vergessen, und es ist, als könnte uns nie wieder etwas trennen.«
      »Sie fühlen sich zueinander hingezogen. Ist das vielleicht eine rein körperliche Sache?«
      »Nein, speziell am Anfang war es das überhaupt nicht. Sie ist nicht mal mein Typ. Es ist, ich weiss nicht, wie ich das beschreiben soll. Es geht irgendwie viel tiefer.«
      »Sie fühlen sich mit ihr auf eine besondere Art und Weise verbunden.«
      »Ja. Wenn man es so nennen will? Wir kennen uns eigentlich noch gar nicht so lange, ein halbes Jahr erst, und trotzdem kommt es mir so vor, als kennen wir uns schon ewig.«
      »Ah. Sie empfinden eine gewisse Vertrautheit.«
      »In ihrer Nähe fühle ich mich einfach geborgen, sicher, irgendwie. Alles, was sie sagt oder tut, kommt mir so richtig vor. Es fühlt sich einfach richtig an, verstehen Sie? Ich weiss, sie liebt mich, da bin ich mir wirklich absolut sicher, und ich liebe sie auch, aber wir sind eben nur glücklich, wenn wir zusammen sind, also, wenn wir uns sehen. Sonst irgendwie nicht. Können Sie mir noch folgen?«
      »Tja, nun, wenn ich ehrlich sein soll, nicht so ganz, nein. Also haben Sie sich nun getrennt oder nicht?«
      »Sie meinen, ob wir uns noch treffen? Nein, tun wir nicht. Es ist Schluss, finito, game over, aus und vorbei.«
      »Das verstehe ich nicht. Dann hat sie Ihre Gefühle doch nicht in gleichem Umfang erwidert? Wessen Entscheidung war es denn, einen Schlussstrich zu ziehen?«
      »Ihrer. Sie kann einfach nicht mehr, sagt sie.«
      »Dann haben Sie sich gestritten?«
      »Oh ja, und wie! Das heisst, ich bekam einen Abriss nach dem anderen. Wie unvernünftig ich doch wäre, und wann ich denn endlich erwachsen würde. Sie hat ja auch Recht! Sie hat überhaupt immer Recht, mit allem, aber ich bin nunmal wie ich bin, und daran lässt sich so schnell nichts ändern!«
      »Sie ist älter als Sie, oder?«
      »Um einiges, ja, schon. Zwölf Jahre, so in etwa. Na und? Drum weiss ich trotzdem, dass wir glücklich sind, wenn wir zusammen sind! Und im Bett war´s auch klasse! Zählt das denn alles überhaupt nicht?«
      »Doch, sicher, aber zu einer funktionierenden Beziehung gehört eben noch mehr. Viel mehr. Und wenn ich Sie richtig verstanden habe, dann hagelte es für Sie Vorwürfe, die durchaus berechtigt waren. Ohne genau zu wissen, um was es dabei ging, liegt doch die Vermutung nahe, dass sich Ihre Beziehung als schlicht alltagsuntauglich erwiesen hat. So etwas kommt vor, und glauben Sie mir, so etwas kann man nicht früh genug beenden, sonst wird es für beide Seiten nur noch schmerzhafter.«
      »Ich werde sie nicht so einfach aufgeben, verstehen Sie? Da kann sie dreimal Schluss gemacht haben!«
      »Für ein Miteinander bedarf es immer noch zwei, für´s Schluss machen aber nur einen. Und Sie sagten doch selbst, sie habe immer Recht gehabt, mit allem. Dann also auch damit.«
      »Ich hasse es, wenn Sie Recht hat! Und ich hasse es, wenn sie so scheiss vernünftig, so verdammt logisch und nüchtern ist! Gefühle sind nicht rational. Sie sind verdammt nochmal was Besonderes und viel mehr wert als irgendwelche, ach, ich weiss auch nicht, was!«
      »Die nächste Haltestelle ist meine. Da steige ich aus. Ich möchte Ihnen aber noch sagen, dass mir unser Gespräch sehr gefallen hat, auch wenn ich Ihnen wohl leider nicht helfen konnte. Im Grunde war das aber auch gar nicht nötig, denn ich glaube, Sie können sich Ihre Frage jetzt selbst beantworten.«
      »Die mit dem Glück? Kann ich? Wieso?«
      »Aber es liegt doch auf der Hand. Nicht das Glück ist endlich sondern das, was wir daraus machen. Ist es nicht so?«
      »Ich weiss nicht. Ja, vielleicht. Dann glauben Sie, wir haben immer noch eine Chance?«
      »Das ist eine ganz andere Frage. Aber mit Glück hat das dann nichts zu tun, auch wenn ich Ihnen dazu selbiges von Herzen wünsche.«

__________________
Ich hatte eine Lösung gefunden, nur passte sie nicht zum Problem.

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loona
Wird mal Schriftsteller
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Hi Visco,

long time, no see ;o)

Dieser Dialog ist sehr präzise aufgeschrieben. Er beinhaltet auch die fast typischen Unlogiken eines solchen Gesprächs. Insgesamt lebt der Text nur von dem Gesagten und darunter leidet er auch (aus meiner Sicht). Beide Charaktere sind nicht so recht lebendig oder einzigartig, sie bleiben quasi Stellvertreter für "den älteren, liberalen Mann" und die "unerfahrene, kürzlich verlassene Frau". Vielleicht lag ja genau das in Deiner Absicht. Leider führt es aber dazu, daß ich mich in die Beiden nicht hineinfühlen kann, daß ich sie distanziert beobachte und daß ich mich letztendlich sogar "langweile", denn es kommt keine unerwartete Aussage, kein Aha-Erlebnis, keine "echte Erkenntnis".

having said this grüße ich Dich

loona

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flammarion
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hallo,

visco, ich finde das gespräch ganz große klasse. es hat mir viel gegeben. ganz lieb grüßt
__________________
Old Icke

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visco
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@loona, @flammarion: Besser später als nie möchte ich mich für eure netten Beiträge bedanken.

Liebe Grüße,
      Viktoria
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Ich hatte eine Lösung gefunden, nur passte sie nicht zum Problem.

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