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Leselupe.de > Humor und Satire
Bahnhof
Eingestellt am 09. 08. 2002 12:18


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Lugh
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jun 2002

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Morgen!

Den folgenden Text habe ich niedergeschrieben weil er mir eine Zeit lang einfach im Kopf herumspukte.

F├╝r alle Nicht-├ľsterreicher: Die Kronenzeitung ist wohl mit der Bild-Zeitung zu vergleichen. Der U-Express ist eine Gratis-Zeitung und beinhaltet die gesammelten Dummheiten der Kronenzeitung auf ein paar Bl├Ąttern. Detail: Die Kronenzeitung ist mit 40% Lesern in ├ľsterreich die relativ gr├Â├čte Tageszeitung der Welt. B├Âse Zungen k├Ânnten jetzt behaupten: Jedes Volk bekommt die Zeitung, die es verdient. Aber jetzt zum Bahnhof:

Gut, ich hatte es geschafft mit der Stra├čenbahn zum Bahnhof zu gelangen.
Ein schwieriges Unterfangen. Die erste Stra├čenbahn hatte ich nicht erwischt, da der Fahrer unbedingt zwei Minuten vor der Abfahrt die T├╝ren sperren musste. Vermutlich ist das auch die einzige Freude, die man hat, wenn man die ganze Zeit eine Stra├čenbahn f├Ąhrt und nicht einmal lenken darf. Von diesem Standpunkt aus gesehen hatte ich durchaus Verst├Ąndnis f├╝r das Verhalten des Fahrers. Nun, ich wartete. Ich sah auf die Uhr und wartete noch immer. So ging das im Minutentakt. Irgendwann vernahm ich pl├Âtzlich einen langgezogenen kindlichen Ausruf: „AAAAAAAAAHHHHHHH!“ Daraufhin Schweigen. Irritiert drehte ich mich um. Das selbe Kind nahm wieder Anlauf, AAAAAAAAAHHHHHHH und ... lief gegen eine Mauer. Einfach so. Das Kind hatte sich anscheinend nicht verletzt und setzte zum n├Ąchsten Versuch an. Ungerechter Weise musste die Mutter weiter, sie nahm das Kind an der Hand. Von der Mauer-Aktion hatte sie nichts mitbekommen, daf├╝r h├Ątte sie sich umdrehen m├╝ssen. Auch sonst durfte niemand die Angelegenheit mitverfolgt haben. Ich legte den Fall unter „interessantes Erlebnis oder Halluzination“ ab und nahm mir vor, beim n├Ąchsten Mal Auspuffgase nicht zu inhalieren.
Ich wartete nun bereits zehn Minuten auf die Stra├čenbahn, die vor vier Minuten h├Ątte kommen sollen. Doch was war das, Metall gl├Ąnzte am Horizont. Das war doch nicht ... ja, ein Stromabnehmer. Die Stra├čenbahn nahte. Ich fasste neuen Mut. Doch ein Blick durch die schmutzigen Scheiben der Stra├čenbahn tr├╝bte meine Stimmung: Nasenfl├╝gel an Nasenfl├╝gel standen die Menschen in der Stra├čenbahn. Zum Gl├╝ck half ein kr├Ąftiger Mann hinter mir mich noch hinein zu pressen. Er selbst kam nat├╝rlich auch noch mit hinein. Sein Ellbogen in meinem R├╝cken lie├č mich das die ganze Fahrt nicht vergessen. Auch den Umstand, dass er eine Dusche vertragen konnte verdr├Ąngte ich ob der gro├čz├╝gigen Hilfe beim Einsteigen.
Schlie├člich erreichten wir den Bahnhof. Der Vorgang beim Aussteigen lie├č sich am Besten mit einer Explosion vergleichen. Ich wei├če darauf hin, dass die bei einer Explosion sich verteilenden Partikel nicht immer mit dem Fu├čende zuunterst aufkommen. Aber zum Gl├╝ck habe ich einen Holzkopf. Ich erhob mich, putzte mich kurz ab und richtete meine Schritte Richtung Bahnhof. Ich stellte mich vor die T├╝r mit dem Bewegungsmelder, aber ich hatte mich wohl zuwenig bewegt. Ich wedelte mit den H├Ąnden, machte einen Schritt nach vorne, zwei zur├╝ck. Neben mir gingen die Leute durch eine normale Dreht├╝r, aber in solchen Dingen war ich sehr stur. Nach einigen weiteren sinnlosen Versuchen die T├╝r zu ├╝berreden, mich durchzulassen (ich versuchte es halt wie Alice im Wunderland), nahm mich ein Obdachloser, dessen Essen man am Bart ablesen konnte, freundlich bei der Hand, f├╝hrte mich zur T├╝r daneben und hindurch. Im Abgang nuschelte er noch etwas wie: „So jung und schon stockbetrunken.“
Nun stand ich in der Bahnhofshalle und wusste nicht so recht weiter. Die Chance, meinen Zug zu erwischen, hatte ich bereits vor zehn Minuten verspielt. Ich sa├č also f├╝r eine weitere Stunde hier fest. Um mir etwas die Zeit zu vertreiben wandte ich mich dem Kiosk links von mir zu. Hier gab es alles, was die ├Âsterreichische Presse zu bieten hatte: Standard, Kurier, News („Jetzt zum Kombi-Abo: Der Gratis-Bikini von Palmers!“), die Krone („Nach dem 11. September wieder mehr Geburten!“). Die letzte Schlagzeile regte mich zum Nachdenken an. „Warum?“, fragte ich mich. Wollten die ├ľsterreicher nach den vielen Toten am 11. September f├╝r Nachschub sorgen? Hatte die Trag├Âdie die Leute wieder n├Ąher zueinander gebracht? W├Ąre es nicht m├Âglich, dass es tats├Ąchlich erst nach dem 12. oder 13. September mehr Geburten waren? Lassen wir dieses Thema, es f├╝hrt ja doch zu nichts.
„Gut“, sagte ich mir, „setzt du dich halt in ein Caf├ę.“ Anscheinend hatte ich das laut gesagt, zumindest glotzte mich eine alte Frau sehr misstrauisch an und presste ihren Dackel fester an sich. Ich ├╝berlegte, ob ich kurz beruhigend l├Ącheln sollte, aber vielleicht w├Ąre sie dann endg├╝ltig davongelaufen. Ich erinnerte mich an die Aktion eines Freundes, der eine alte Frau damit erschreckt hatte, dass er ihr eingeredet hatte, im U-Express w├Ąren geheime satanistische Botschaften versteckt.
Die alte Frau hatte gerade eine Kronenzeitung in die Hand genommen. Ich ├╝berlegte kurz ... nein, die Dame war schon gestraft genug. Eine ├╝bereifrige Angestellte sah in ihr eine potentielle Ladendiebin. Ich wandte mich von dem Szenario ab. Das Caf├ę war einen Stock h├Âher, ich n├Ąherte mich zielstrebig der Treppe. Zu sp├Ąt merkte ich, wer sich noch der schmalen Treppe n├Ąherte, so beschleunigte ich erst zu sp├Ąt, die Einkaufstaschen-Omi war vor mir bei der Treppe und blockierte sie nat├╝rlich komplett.
Das ist ├╝brigens ein interessanter Effekt von alten Frauen: Sie sind extrem langsam wenn sie vor dir gehen, blockieren dabei immer den ganzen Weg, sind aber trotzdem immer schnell genug um eben vor dir zu sein.
Wir erreichten die obere Etage. Die Einkaufstaschen-Omi steuerte auf die n├Ąchste Treppe zu. Nicht ganz ohne Schadenfreude beobachte ich den jungen Mann, der es bis jetzt recht eilig gehabt hatte, nun aber die Stufen im Zwei-Sekundentakt erstieg. Mit einer 180-Grad-Drehung wandte ich mich in Richtung Caf├ę, welches zwar nicht den besten Eindruck machte, aber das einzige hier war, das einem Caf├ę auch nur nahe kam. Ich setzte mich ans Fenster, um das Treiben auf dem Bahnhof zu beobachten. Die vielen Menschen faszinierten mich. Es gab Kleine und Gro├če, Dicke und D├╝nne, Junge und Alte, Intelligente und welche mit dem U-Express in der Hand. Eigentlich der gr├Â├čte Vorteil des U-Express au├čer gratis Toilettenpapier: Man erkannte die Idioten schon von weitem an der „Zeitung“ in der Hand. Aber ich will nat├╝rlich nicht alle U-Express-Leser als Idioten bezeichnen, manche kaufen ihn sich auch nur wegen der nackten Frau auf Seite 3.
Meine Blicke schweiften herum, ich erfasste eine mittelalterliche Dame, also eine Dame mittleren Alters, mit orange-gef├Ąrbten Haaren. Ich wei├č nicht warum, aber ich musste an einen Leserbrief an Bravo denken. Ein M├Ądchen hatte sich die Schamhaare orange gef├Ąrbt, woraufhin ihr diese ausgefallen waren. Nun versuchte ich mir diese Frau mit Glatze vorzustellen. Kein sch├Âner Anblick. Von dieser einen Vorstellung fasziniert stellte ich mir auch die nachkommenden Personen mit Glatze vor. Ein Spielverderber hatte schon eine. Nachdem ich auf diese Art einen kahlen Pudel gesehen hatte, lie├č ich wieder davon ab. Das war doch zuviel gewesen. Eine zu gute Vorstellungskraft kann grausam sein. Diese leidvolle Erfahrung musste ich machen, als ich mir ein h├╝bsches M├Ądchen nackt vorgestellt hatte und eine Frau mit einem Nilpferdarsch ins Bild stampfte. Ich verstehe auch nicht, warum gerade Frauen mit so einer Figur bevorzugt hautenge Hosen tragen.
Lassen wir dieses unappetitliche Thema. Das Mineralwasser in meinem Glas wurde immer weniger, ob ich es trank oder ob es verdunstete konnte ich nicht sagen. Aus Langeweile begann ich die Leute mit Schwei├čflecken zu z├Ąhlen, aber nicht lange. Eine Durchsage erregte meine Aufmerksamkeit: „Bitte beachten Sie folgende Durchsage.“ Ich beachtete ... und wartete, aber da kam nichts. F├╝r beachtliche 17 Minuten kam nichts. Aber ich hatte ihn beachtet, vielleicht wollte der arme ├ľBB-Mann ja nur Beachtung. Ich nahm mir vor, zu Hause eine Kerze f├╝r ihn aufzustellen.
Mein Glas war leer und bald w├╝rde mein Zug einfahren. Ich bezahlte bei dem freundlichen Kellner, der im vorherigen Leben Scharfrichter gewesen sein musste, und verlie├č das Caf├ę Richtung Bahnsteig. Dabei kam ich an einer der Rolltreppen vorbei, die mich sofort fesselte. Die Rolltreppe f├╝hrte zu dieser Etage nach oben. In mir stieg das Verlangen hoch, die Rolltreppe aber nach unten zu begehen, also sozusagen gegen die Fahrtrichtung. Es gab nat├╝rlich keinen einzigen sinnvollen Grund dies zu tun, au├čer der M├Âglichkeit. Edgar Allan Poe sprach in einem seiner Texte vom Alb der Perversheit, der einen etwas tun lie├č, nur weil es verboten war. In mir r├╝hrte sich gerade ein ├Ąhnliches Gef├╝hl. Es hatte keine Sinn, war v├Âllig stumpfsinnig, aber ich hatte die M├Âglichkeit die Rolltreppe nach unten zu gehen. Bed├Ąchtig wandte ich mich ab und entfernte mich langsam, Schritt f├╝r Schritt. Ich lie├č die Rolltreppe hinter mir zur├╝ck. Aber vielleicht w├╝rde ich wiederkommen, wenn es dunkel war.
Vorerst aber betrat ich den Zug und suchte mir einen ruhigen Sitzplatz. Bald nach der Abfahrt traf ich auf die wohl sonderbarste Spezies auf Erden: den Schaffner. Diese Menschen zeichnen sich durch v├Âllige Unkenntnis der englischen Sprache (zumindest die bei den Flughafenlinien, wo es am n├Âtigsten ist), fehlenden Sinn f├╝r Humor, betont l├Ąssige Art und ihre Lieblingsw├Ârter „Zugestiegen“ und „Fahrkarten bitte“ aus. Lange Zeit glaubte ich ja, es g├Ąbe vor der Stadt eine Ortschaft voller Schaffner. Dort lebten sie isoliert von der restlichen Menschheit, vermehrten sich (das w├╝rde auch die weiblichen Schaffner erkl├Ąren) und ab einem bestimmten Alter lie├č man sie auf die Passagiere los. Wie sonst k├Ânnte es Schaffner geben? Wie viele Kinder sagen sich: „Wenn ich gro├č bin, will ich Schaffner werden.“? Dieses Weltbild zerbrach als mir ein Freund versicherte, in seinem Haus w├╝rde ein Schaffner wohnen, wie ein ganz normaler Mensch.
Da sa├č ich nun im Zug und entfernte mich immer weiter von meinem Bahnhof.


Okay, wer bis hierher gelesen hat, dem gratuliere ich. Schreiben Sie einen Kommentar indem Sie zu dem Text Stellung nehmen, unter allen Kommentaren werden gro├čz├╝gige Sachpreise verlost.

PS: Wer's glaubt wird selig.

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Es gibt nichts sinnloses. Selbst wenn etwas scheinbar sinnlos ist, zeigt es durch seine Sinnlosigkeit doch den Kontrast zum Sinnvollen - und erh├Ąlt dadurch einen Sinn. G├Ąbe es schlie├člich nichts sinnloses, w├╝ssten wir nicht was sinnvoll ist.

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Andrea
???
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8 von 10 Punkten

Sehr viele, sehr sch├Âne Ideen. Nicht nur, da├č es am├╝sant zu lesen ist, es hat auch einen hohen Wiedererkennungswert. Keine Ahnung, an wie vielen alten Frauen ich mich schon auf Treppen vorbeiquetschen mu├čte..
Was mir allerdings ein wenig fehlt, ist die Strukturierung. Es sind einfach zu viele Episoden an einander gest├╝ckelt, ohne da├č man zu einem wie auch immer gearteten runden Abschlu├č kommt. Der Schlu├čsatz wirkt im Gegensatz zum Gro├čteil des Textes sehr konstruiert.
Als Vorschlag: Streich die Schaffner-Episode oder bau sie am Anfang ein ( als ÔÇ×VorfreudeÔÇť auf die Bahn o.├Ą.), so da├č der Text mit ÔÇ×Aber vielleicht w├╝rde ich wiederkommen, wenn es dunkel war.ÔÇť endet. Nat├╝rlich m├╝├čte es dann noch eine Bemerkung wie: Aber wenn ich das tue, m├╝├čte ich vermutlich die n├Ąchste Stunde hier rumschlagen (├╝beraus unelegant formuliert, aber ich hoffe, du wei├čt, was ich meine) eingebaut werden.
Ach ja, was mich noch etwas st├Ârte, war zweimal das ÔÇ×Lassen wir das ThemaÔÇť o.├Ą. Entweder w├╝rde ich den Satz ├Ąndern oder von vornherein den Leser als direkten Ansprechpartner einbauen. Wenn du mit einer Anrede an den Leser beginnen w├╝rdest, w├╝rde das u.U. auch zur Strukturierung beitragen.
Die Episode mit dem Kind zu Anfang finde ich etwas unverst├Ąndlich, aber vielleicht bin ich langsam auch nur zu m├╝de.
Insgesamt aber sicher lesenswert, wenn auch verbesserungsf├Ąhig.

PS: Ich h├Ątte gern die aufblasbare Kaffeemaschine, wenn sich dieses zuf├Ąllige Los einrichten lie├če..

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Andrea Rohmert

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Lugh
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jun 2002

Werke: 5
Kommentare: 16
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Morgen.

Vielen Dank f├╝r dein Lob und deine Kritik.

Wie ich es schon am Anfang erw├Ąhnt hatte war der ganze Text nur eine Ansammlung von Ideen die mir durch den Kopf geschwirrt sind. Ich wollte nur einmal etwas in diese Richtung ver├Âffentlichen um zu sehen, ob die Leute mit meiner Art von Humor etwas anfangen k├Ânnen. F├╝r meine n├Ąchsten Texte werde ich auf eine bessere Strukturierung achten, vielleicht schreibe ich diesen auch noch einmal um.

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