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Leselupe.de > Erotische Geschichten
Bahnhofsimpressionen
Eingestellt am 25. 10. 2005 19:28


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Cyrano
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Bahnhofsimpressionen

Heute Abend bewohne ich hohle Hallen. Das ist die Bahnhofsleere. Wie die Kammern eines abgetrennten Herzens, welches, künstlich am Leben erhalten, noch regelmäßig, aber flach pulsiert. Der Bahnhof hat hier nur zwei Gleise; daher zwei Bahnsteige, die von einem zur Mitte geöffneten Dach ungenügend gegen Regen geschützt sind. Zum Glück regnet es nicht. Wenn die Schienen Adern darstellen, wie es uns die Volkswirtschaft und die Dichtung des 19. Jahrhunderts so gerne glauben machen möchten, dann warte ich auf den Venenzug nach Hause. Sauerstoffarmes Blut, verstanden? Also blicke ich aus der linken Herzkammer gen Himmel, wo in systolischen Phasen zwischen den wolkigen Hautfetzen, die ein himmlisches Skalpell in die feinen Muskelfasern dieser Lebenspumpe eines vielleicht bald sterbenden Organismus zu reißen scheint, mich der käsig-mondgesichtige Chirurg leicht benebelt angrinst, und mit stoischem Desinteresse auf mich, eine Zelle, leuchtet.

Traum richtet sich gen Himmel. Finger umfasst Flasche. Kehle hocherfreut.

Das Bild verschwimmt, das Herz hört auf zu schlagen. Bahnhof ist wieder Bahnhof, Beton bleibt tot und kalt. Wo nur Erbautes ist, und die Erbauer fehlen, musst du nicht nach Leben suchen. Zwischen den abgeschrägten Sandsteindecken: der bereits Mond verschluckt. Dunkelheit dröhnt, ich schreie: Wer hat dir das Gesicht je angedichtet, alter Knabe? Bist ja doch nur´n Haufen Dreck und Staub. Was soll ich in dir den Menschen, oder gar die Schöpfung, suchen, wenn ich sie nicht einmal in meinem Nachbarn zu finden vermag? Oder am Kartenschalter (die sind jetzt elektronisch).
Noch einmal spottet Luna kess von SĂĽden, doch ich ignoriere. Ja, warum Menschen suchen? Was ist gegen Beton denn einzuwenden?

Wieder Flasche, gluck gluck gluck. Was ist gegen Bier denn einzuwenden? Fokussiert den Blick aufs Wesentliche. Hier: auf meine FĂĽĂźe. Ich bin so weit gegangen.

Und schließlich auch gerannt. Dass ich Ausdauersport verabscheue, hat die Deutsche Bahn (AG) wohl noch nicht mitgekriegt. Dass ich zu langsam war, versteht sich von selbst. Sonst: keine Bahnhofsimpressionen. Ja, was ist nun gegen Beton einzuwenden? Vor meinen Augen taucht der nachttaufeuchte Sandsteinboden in rötliche Farbschattierung ein. Im Gehörgang Donnerrauschen. Stahlradquietschen. Pneumatikzischen. Ja, in die Großstadt fahren noch Züge. Artesische Züge. Aber das ist nicht meine Welt. Nun spiegelt sich eine grelle Deckenleuchte in dem weißen Streifen, der da anzeigt: Gefahrenzone, bitte zurücktreten. Ungewohnte Helligkeit, gemischt mit Gesichtern. Das Stimmengemurmel entfernt sich bald. Wieder allein im kalten Bauwerk, das ein Herz sein soll. Was gegen Beton einzuwenden ist? Er atmet nicht.

Ein gellender Pfiff reißt mich aus meinem Sinnen. Und aus meinem Schreiben. Ich lege den Stift nieder, vielleicht entgleitet er mir. Rollt über den Bogen, den ich im Schoß behüte. Schlingert, fällt lautlos. Mit dumpfem Klang schlägt er auf den Rand der blaumetallnen Bank, die mir als Sitzgelegenheit dient. Steigt dann abermals in die Luft, seine Pirouetten wischen noch kurz, ein verzeitetes Spiegelbild, über die Netzhaut, und verlieren sich dann in Stille und Dunkelheit. Der Blaue Kuli schlägt, scheinbar, erst nach Sekunden, auf, und ruft sich in der Ohrmuschel noch einmal in Erinnerung: Pliiing. Pling. Pling. Pling. Raaaatsch. Fällt auf die Gleise, und rollt aus. Verloren. Zum Glück trage ich immer mindestens zwei Kugelschreiber bei mir. Wo war ich?
Achja, der Nachtzug gen GroĂźstadt schlich unterdessen von dannen.
Es wird eine lange Nacht werden. Bier und Einsamkeit. Noch mindestens FĂĽnf Flaschen, bis der erste FrĂĽhzug kommt. Ein paar Stunden Schlaf mit eingerechnet. EndgĂĽltig mit mir allein, kritzele ich auf ein StĂĽck Papier:

„Ratskrone oh du.
Hast vorĂĽbergehenden Sieg
davongetragen im ewigen Streit.

Oettinger in Scherben vor Ăśberfeuerter Germania.
Sturz eines Denkmals.

Oh, du neue Königin der Arbeiterscharen.
Opium für´s Volk.
Immer.“

In der Schlacht der billigsten Biere gibt es einen neuen König. Der trägt seine Krone für 4,99 zum Markte. Unter den ärmeren Bevölkerungsschichten geht schon seit jeher die These, dass der Staat Alkohol subventioniert, um das Volk mundtot zu machen. Ich sage: Das regelt alles der Markt. Wenn der Absatz nur hoch genug ist, pendelt sich der Preis auf einem erträglichen Niveau ein. Schade, dass man nicht alles kaufen kann. Das politische Desinteresse ist nur willkommener Nebeneffekt. Na, prost. Lasst es euch schmecken.
Ich trinke ja noch zu wenig, denke zu viel. Opium für das Volk. Das wäre es doch. Würde eine Nacht auf dem Bahnsteig vielleicht fast erträglich machen. All die Figuren. Oder einfach Schlaf. Da muss ich mir nicht einmal mehr den Mond ermenscheln. Oder Herzen träumen. Zeig dich nur unberührt, staubig-käsiger Spötter. Wirst ja doch untergehen!

Vielleicht habe ich so eine halbe Stunde auf meiner Bank gesessen, und über all die Mythen sinniert, die den Großen und kleinen Bahnhöfen dieses Landes angedichtet werden. Denkstoff: Gluck, gluck:

Ein Tor zur Jugend-Subkultur, so wie der Bahnhof Zoo in Berlin. Oder ein Vorhof zur Hölle, wie die über-dreißig-jährigen es gerne darstellen. Oder ein arbeitsames Zentrum der Dienstleistungsgesellschaft, siehe Köln.
Ich war da. Dort ist das Übernachten verboten, und dunkel ist es auch. Ach ja, das sitzen auf dem Boden ist ebenfalls untersagt. Oder Frankfurt: Junkiewunderland, wenn die Grünen grade nicht aufpassen, und Eingang zum Straßenstrich. Alles gelogen. Und wo sind die Penner, die man den kleineren Städten immer andichtet? Wo sind die alten Männer, vor denen mich meine Mutter immer warnte: „Geh ja nicht mit“? Pustekuchen. Fünf Jahre Bahn gefahren, und keiner spricht mit mir. So ein bisschen Prostitution brächte wohl Spannung in den Abend. Oder einer, der mich zu sich einlädt. Wohin?, würde ich fragen. Vielleicht hätte der ja einen Plan, wohin man hier gehen kann… Oder Drogen. Welche logische Assoziation führt denn vom Bahnhofsambiente direkt zum Drogenkonsum? Eben.
Die Bahnhofwelt ist schlicht und alkoholisch. Bestenfalls.

Auf sechs Uhr, das heißt, irgendwo in meinem Rücken, stören leise Stimmen den Bewusstseinstrom. Irgendwo, irgendwo fern, schlug eine Glocke gerade Zwei. Mechanisch lange ich nach der Flasche. Leer. Noch vier Einheiten dieser Nacht, nach meiner Zeitrechnung. Zuhören:
„Machs gut meine Liebe“, spricht ein dunkler krächzender Bariton, der durchaus einem älteren Herrn gehören könnte, wahrscheinlich aber die Tabak- und Biergestaltete Stimme einer fast noch jugendlichen Person darstellt.
„Mach du das selbe, und mach´s noch viel besser“. Frauenstimme, zart. Sie intoniert ein wenig unsicher.
„War nett“.
„Das war´s“
„und wieder?“
„bald“

Lange stille, Vor dem Inneren Auge in aller Ausführlichkeit die durch dicke Winterklamotten kaum gehemmte Vereinigung: Die junge Frau hebt sanft, (ich denke), die weiche rötliche Oberlippe des verlockenden Mundes (ich schätze), wie die Wimpern des nicht minder aufreizenden Augenpaares (das folgt daraus). Tief blickt er derweil in dieses (wohin auch sonst), glaubt die Abgründe einer Seele zu erspähen, die in Wahrheit verschlossen wie tagsüber die Pforten der Hölle (wie abgedroschen, doch Metaphern fallen nicht vom Himmel). Wäre ja noch schöner sich ausspionieren zu lassen. Dann sacht-, bedachtes näher rücken. Eine von Leichtigkeit getragene Berührung.

Wie gern hätte ich gelinst. Die Stille lesen. In der Kommunikationsgesellschaft die einzige Hoffnung auf einen Brocken Wahrheit. Schnell noch nen Schluck, Klischees bedienen.

Ihre.
Speichelreste an der Unterlippe befeuchten die obere des Gegenübers (bäh…). Sanft die Zunge an der selbigen, dann über die Zähne gleitend. Tiefer, tiefer! Heftiger Tanz in überschwänglicher Extase. In das unregelmäßige Zucken spielt der Schmerz des Abschieds. Ihre Hände, gerade noch fingernagelspitz in das feste Fleisch seine Hinterns gekrallt, jetzt langsam lösend. Flüchtig letzter Kontakt beider Lippen. Nass…




Dann hinfort, in unterschiedliche Richtungen. An der VerwĂĽstung, der selbstverschuldeten VerwĂĽstung unseres Lebensraumes werden wir irgendwann zu Grunde gehen. Kein wunder, dass es uns so nach Feuchtigkeit sehnt.
„Hab dich so lieb“! “Leb wohl und komm wieder“
Bestimmt nur so ein Spießerpärchen (ich sabbere innerlich)

Der Fiktion mutig die Stirn bietend, riskiere ich endlich einen Blick. Sodom und Gomorra. Aber die meisten Menschen schämen sich, fast ständig, ihrer Gedanken. Und Männer (auch Frauen, doch die reden nicht so offen darüber, danken am Tag bis zu acht Mal an Sex. Achtmal? Warum versuchen wir stets quantitativ zu erfassen, was nur qualitativ ausgedrückt werden kann? Weil man mit Zahlen bescheißen kann, und über Werte nur streiten. Und wen kümmert Qualität? Trinke ich gutes Bier, oder viel? Eben. Dass Frauen weniger darüber reden, hat meiner Meinung nach übrigens was mit Domestizierung zu tun. Aber Feminismus ist out. Besonders Nachts. Und erst recht am Bahnhof.
Wie dem auch sei, mein eingelullter Geist ist plötzlich hellwach, und die Hose zwickt ein wenig. Meinen Kopf zaghaft verdreht, die Schultern noch immer unauffällig den Gleisen zugewandt, überschaue ich die Szenerie. (Unauffälligkeit ist anstrengend). Ein breitschultriger Schatten verschwindet in Unterführung, die vom Bahnhof höchstwahrscheinlich in die Ortschaft, es wäre mir im Traum nicht eingefallen, nachzusehen, führt. Aus der Höhle, die ins Kleinstadtleben führen könnte, fällt, gleißend, Licht. Kontrastiert zum Dunkel meiner nächtlichen Bleibe, und könnte doch kaum irrelevanter sein.
Übrigens sticht der Scheidende mit stacheligen Schulterblättern gegen die Helligkeit ab. Der Kopf zeichnet sich winzig gegen hervorstechende Haartracht, die die Umrisse des sonst kahlrasierten Schattenschädels schmückt, Schatten waren schon immer von dämonenhafter Anziehung. So sehen also heute Spießerpärchen aus. Es soll mich nicht kümmern (gluck). Jemand ist auf der Szene zurückgeblieben. Vorhang auf.

Manchmal kumulieren meine Anfälligkeit für Frauen mit roten Haaren, mein Sinn für (schwarz?)Romantik, und eine nicht zu verleugnende, wahrscheinlich rein sexuelle Anziehung, die Mädchen mit Dreads. Lederjacken und Stiefeln auf mich ausüben, zu einem geradezu gefährlichen Mix an, nun, sagen wir, Poesie. Besonders in einsamen Bahnhofsnächten. Folgendes kommt dabei heraus:

„Innerstes nun blickt
das Antlitz der Göttin der Finsternis
Edles Haupt - Totenbleicher Ewigkeitsblick
umwallt von feurigem Odem,
so sanft sich niederlassend
in Feingliedrigen Strähnen auf dem krallenbewährten Wams.

Leblose Beine blaublĂĽtigen Frostes
Schritte ĂĽberragender Macht.
Und so nackt.
Tierisches Leder von klarem Lack schreit zerfetzt zu werden
Bis zu den Knien die blutigen Stiefel der roten Armee
zertrete mich, werde singen.

Lebengefrierender Hauch,
vom schwarzen Herzen
in die feurige Kehle entlassen
Soll mich die Höhle Beelzebubs doch verschlingen
und die verlockende Feuchtigkeit
die meiner dort lauert“

Das rothaarige Punkermädchen bemerkt meinen Blick, und nähert sich zielstrebig. Sie wird, wie heute üblich, nur die Äußerlichkeiten beachtend, gewisse Übereinstimmungen unserer Überzeugungen annehmen. Vielleicht kotzt es sie aber einfach an, dass ihr Typ sie alleine am Bahnhof hat stehen lassen. Oder sie hat gesehen, dass ich noch Bier habe. „Loge. und du?“, stellt sie sich vor. Ihr Typ muss ein Idiot sein. Oder er hat was wichtiges vor. Oder seine Eltern haben das Mädel rausgeschmissen. Oder… naja, ich hätte mich auch ungern ohne triftigen Grund nachts am Bahnhof rumgetrieben. „Und du?“ wiederholt sie. Mein nachtpechschwarzer Wollmantel hüllt mich in Schweigen. Kein Wort an jene, denen deine Seele gehören könnte. Verlier dich nie in deutschen Käffern. In einer kalten Bahnhofsnacht ist dies Geschöpf eine wahrlich beeindruckende Erscheinung. „Wie du willst“, sagt sie, „bin Dunkelheit gewohnt“.

Ein dunkles Fieber erdreistet sich, meine Nervenbahnen zu fluten. Entgleitet die Schwarze Fee, entreißt sie mich in das Grenzenlose. Der Körper bleibt verendend zurück. Spaltung der Lust: unendlicher Tod. Halte sie, halte die Höllengottesgleiche. Festgekrallt am dreckstrotzenden, nach Exkrementen stinkenden Absatz der farblosen Stiefel. Schwarzes Loch zu den Füßen der unnahbaren.

Nach einigen Sekunden des Zögerns und Träumens (Oh, ferne Welten, wie traurig, euch zu verlassen), gelingt mir eine gestammelte Antwort: „Timon, angenehm“. Das selbst in finsterer Nacht die Situationen, in denen dass Hirn vor den Lenden denken darf, so rar gesät sind. Willensfreiheit? Ach, währst du beim Beton geblieben! Was ist eggen Herzen einzuwenden? Sie wollen durchblutet werden.
Ich frage nach ihrem Freund, das heiĂźt, nach dem Schatten, den ich in entweichen sah. Gib dich nicht weg, sage ich mir. Ich hatte eine lange Nacht vor mir, und reichlich Trunk. Ja, warum menschen suchen? Suchts ja scheinbar doch nur Frauen. Frage also.

„Stoß mich ab. Stoß mich ab. Errichte die Mauer, die hoch genug zu trennen“. Theatralik hemmt die Blutzufuhr. Es geht mir dabei längst nicht nur ums Herz,

„ Er ist ja nicht wirklich mein Freund, sagt sie. Grinst: Ein Freund… Nimm´s nicht so genau, ich tu es auch nicht.“ Dass er sie allein am Bahnhof zurück gelassen hat? „Nachtschicht. Die heutige Arbeitswelt ist wirklich grausam. Nun, ich bin ein freier Mensch“ Montag bis Mittwoch, und Samstag, ab 2Uhr. Aussichten?

Versklave mich, Teufelsweib, hörig in alle Ewigkeit, amen. Ausgehöhlten Herzkammern immerfort im Zentrum dienend. Draußen ist nicht für mich. Lebenszeichen längst in Salz gemeißelt. Nur ein Bahnsteig: Oh Sodom. Oh Gommorra, losgelöst von willkürlicher Moralpolitik.

Doch ich lege ihr lieber meine Biertheorie da, biete ihr von meinem an. Zeige ihr sogar das Gedicht. So produktiv ist die Nacht…
„Ist dir aufgefallen, dass Ratskrone längst die anderen Billigmarken verdrängt hat? So geht’s denn Bergab mit dem Lebemann. Zeichen der Wirtschaftskrise.“

Die Heilige der hohlen Hallen nimmt einen kräftigen Schluck. Da belebt es die Kammern, da strömt der Lebenssaft (der rote). Da wird Beton endgültig in den Hintergrund gedrängt. Oh du, mein Herz, und hart ist hier nur noch… Schäumendes goldblondes Gesöff aus dem Winkel zwischen den Lippen ohne Wiederkehr, hinunter in die Kehle. Unangetastet. Laszives Lecken. Es stirbt zwischen Skylla und Charybdis meine Nachtbetrachtung. Meine Gleichmut. Der Lindwurm lebt, die Adern einer sterbenden Gesellschaft sind mir nur noch Beiwerk. Schauplatz des modernen Lust und Trauerspiels. Friss das, Dostojewskij. Bahnhof, da hasst du deinen Mythos. Zusehen. Besser als Selbsttrinken. Macht das die vorgerückte Stunde?

„Ekliges Zeug“, stellt sie fest. „Kein Geld für was besseres?“ Na ja, immerhin Alkohol. Nimm.

Alles was ich habe opfere ich dir, oh Gebieterin. Jede Summe allein, den Verbliebenen Saft der vergorenen Gerste vom Schneeweißen Königinnenhals zu genießen. Komme hernach, was geschehen mag. (Bullshit).
Ein Tropfen gar auf dem schuldigen Busen, Quelle der Verdammnis, Triebe der Lust. Verlockend. Gequetscht vom seidenen Spitzen BH. Dunkelheit. Vergänglichkeit, Ohnmacht gleich. (Noch mehr Bullshit).

Zitternd nehme ich ihr die Flasche aus der Hand. Nur nicht die Kontrolle verlieren. Warum nicht? Noch einen Moment den Entzug genießen. Darum nicht. Ich bin frei… Vorfreuen. „Alkohol ist eigentlich weniger Genuss, als Strafverfahren des Trinkers“, stottere ich gedankenlos. Diesen Gedanken wollte ich schon immer mal formulieren. Strafverfahren als Lebensmotto. Wann trinke ich schon der Freude wegen? Warum verkaufen sich alkoholfreie Getränke nur an trockene Alkoholiker? Genau: Bitterstoffe. Schmerz als Philosophie. Wo das Gehirn nicht sterben soll, bleibt wenigstens schlechter Geschmack zurück.
Allein zur Strafe zieht der schwere Trinker den Schnaps allem anderen vor. Nicht wegen des Gehaltes, oder weil er billiger ist. Genusstrinker sind eine Erfindung der Werbung. Genuss. Den finden wir anderen Ortes. Bald, ja bald…

Aus schwarzen Katakomben durchbohren mich Blicke von der Färbung der Moore der Grampians. „Bohre nur Amazone. Oh süße Qualen“ Ein weiterer Schluck. Rotes Fleisch des Magierinnenmundes auf harten, festem Glas. Betörendes Lippenspiel, als der Saft zu fließen beginnt. Plötzlich tief in ihr inneres, für die letzten Tropfen.

„So eine Art Strafverfahren“, fragt sie, „wie das Erfrieren am Bahnhof, nachts um halb Zwei?“ Recht hat sie. Ihr Lächeln, oder was ich dafür halte, ist schier atemberaubend. Einfach nur anregend. “Das man sich dem hier aussetzt, lässt auf erdrückende Einsamkeit schließen. Oder auf Dummheit“. Sagt sie. „Oder darauf, dass man nicht bereit ist, nach einem Zug zu rennen, wenn der Schaffner einen doch klar kommen sieht“. Antworte ich. Sie lächelt noch breiter, fragt: „Nach dem letzten?“

Einsamkeit. Oh, ja…

„Das der Kälte aussetzen stellt eine ungewollte und doch willkommene Suche nach poetischer Inspiration dar“, witzele ich voller Ernst, und sterbe fast, mich spiegelnd, in ihren entblösten weißen Zähnen. „Dasselbe“, winkt sie ab, meine Göttin, meine Verderberin.

Knecht ist mein freier Wille. Noch eine Flasche scheppernd zu den anderen Leichen. Hochlandmoorgrün rammt gewaltsam in Haut und Knochen. Blut quillt vor geistigem Auge, eine Braune Soße mit Bier und Bahnhofabfall. Werde nun erst der Kälte gewahr. Traum einer Winternacht. Noch eine Flasche Bier, geteilt, dann auch den letzten Schluck, geteilt… endlich Erfüllung… dennoch, ich friere.
Brutal in mich eindringen, ja! Ergründet, frisst, trinkt, schlingt meine verborgensten Träume. Ihre Hand gleitet am inneren meines Schenkels entlang. Dann magnetengleich. Beuge mich vor, auf übermenschlichen Befehl. Sie starrt in meine Augen. Unsre Kälte flutet Herz und Lunge, droht Gedärme zu zerbersten. Nur ein Freund, ich bin frei. Im Strafverfahren sagen stumme Zeugen aus. Ich Will. Ja, ich will. Ich will erfrieren. Erfrieren, ewiglich an deinen Lippen. Erfrieren, will. Erfrieren. Sauge mich ein, mach mich dienen, beschütze mich vor den Grausamkeiten, die die Brüchige Wand der Halle längst nicht mehr aufhalten kann. Saug mich ein, mach mich verlieren.

Zunge leckt Zähne aus nächster Nähe. Lebendiges Fleisch säumt Kiefer und Zähne. Noch zwei Flaschen. Egal.
Das perlende Weiß ihrer messerscharfen Eckhauer (die meisten Männer stehen auf Vampire, das mythologische Vorbild kommt dem Traum, beim Sex zu sterben so bildlich nahe) sticht mir tief in den Unterleib.

Wir wissen selten, wo wir endigen möchten. Wie? Genießend. Wo also? Wo immer wir können!

Die skelettzarten Finger mittlerweile ebenso angelangt. Verreinigung. Polarsturm in Herz und Magengegend, Feuersbrunst deiner Heimat lodert von dort aus erdwärts. „Herausgezwungen, oh Todesfee, wonach immer dir es verlangte. Hoffe, du weißt zu belohnen“. Du Weißt. Zungen tanzen um den Blocksberg, rotnasse Lappen aufbäumender Lebendigkeit. Schlabbere begierig den Saft des Lebens und des Todes. Fädenziehen, als du kurz von mir lässt. Explosion. Beide Kammern der hohlen Hallen, Beton wie Muskelfleisch zerreißt es in der Nacht. Das kalte Bauwerk erfüllt heißer, schwerer Atem. Feuer, Feuer…und kein Zug bis morgen. Schläfst du schon? Mich friert. Schon wieder friert es mich. Wie schnell doch heiße Luft entweicht. Und kein Zug bis morgen…

***

Vorsichtig Löse ich meinen Griff von ihr. Unglaublich? Ja, war es. Was soll man noch mehr daran denken, wenn es frostig in der Nierengegend zieht? Wird es davon wärmer? Ich erhebe mich für einen Moment, stecke das Unterhemde sorgsam in die Hose (die knöpfe ich zu), und mein altes Cordhemd in die Selbe. Den Mantel wickele ich enger um meine Hüftgegend. Erschöpft. Die Stunden zwischen Vier und Morgengrauen sind gemeinhin die kältesten. Einsame Stunden sind kälter. Ich gehe behutsam zur Bank zurück, zwänge mich unter den warmen Körper. Er murmelt etwas, doch ich höre nicht zu. Noch einmal schaue ich mich um, bevor ich selbst ein paar Stunden Schlaf suche. Noch immer: kalte Hallen, trostloser Stein, wolkiger Himmel, und ein staubig-käsiger Beobachter. Betonrealität. Was ist gegen beton einzuwenden? Er ist unbefriedigend. Als Schöpfung. Als ewiges Leben. Als das, was bleibt. Beton ist lieblos.

Bald wird es hell, es muss ja. Ich weiß kaum, wie ich die Nacht verbracht habe, doch Geborgenheit , muss meinen Traum geprägt haben, ich bin nicht von der Bank gefallen. Habe mich fester, enger angeschmiegt. Sonnenstrahlen. Schüchtern, beinahe ängstlich zwinge ich meine Lider auseinander. Eine salzige Kruste leistet sanften Widerstand. Noch. Bald blinzele ich der Sonne entgegen. Arme und Beine fest um ihren Körper geschlungen, ruht mein Kopf an der Brust eines rothaarigen Punkermädchens. Sie trägt eine Nietenjacke, Korsett, darunter einen schwarzen Seiden BH. 52-Loch Stiefel, Doc Martens, Lack, bis hinauf zu den Knien geschnürt.
Ganz schön dick aufgetragen.
Auch der den Hintern kaum bedeckende Rock aus pechschwarzem Glanzleder. Die nicht zu verachtende Lücke, welche notwendigerweise klaffen muss, mit einer grobmaschigen Strumpfhose kaum ausgefüllt. Sowieso überall Löcher. An sich finde ich so was ja übertrieben. Vom bleichen Gesicht bröckeln an mehreren Stellen Fragmente fast schneeweißen Make–up´s, darunter kommen rötlich angehauchte Hautpartien zum Vorschein. Pass auf die Sonne auf. In dieser nacht habe ich mich bei ihr geborgen gefühlt. Rückblickend würde ich sagen sie ist nicht mein Typ. Bei Licht betrachtet wirken ihre Zähne gelblich…


Ich steige in den 6.52er. Sie ist nicht mein Typ. Von der blauen Metallbank winkt mir jemand. Sie ist nicht mein Typ. Das Lebewohl fällt jetzt leicht. Sie ist nicht mein Typ. Jene Nixe der Nacht wird sich als Abbild vieler anderer entpuppen. Die sind nicht mein Typ!

Ich reite heimwärts. Ich bin der Sauerstoff in den Adern einer sterbenden Industrienation. (Die ist nicht mein Typ). Es gibt einen Reflex, der verhindert das Luftanhalten. Der Selbsterhaltungstrieb der Gesellschaft heißt Sex (sie ist nicht mein Typ…) Ich versuche einen letzten Blick auf den Bahnsteig zu erhaschen (sie ist nicht mein Typ). Ich freue mich auf den Tag (der Tag stirbt mit der Trockenheit). Mit der Bah reisen sie entspannter (sie ist nicht mein Typ), und ich fahre in den Sonnenaufgang.
Der Tabakduft im Raucherabteil (ich wäre niemals freiwillig darauf gekommen, mich ins Raucherabteil zu setzen, aber die frühe Züge sind überfüllt von arbeitswilligen Menschen), schmeckt nach letzter Nacht. Inhalieren. Inhalieren. Inhalieren. Sie ist nicht mein Typ. Ich könnte den Bahnhof jederzeit wieder aufsuchen. Wegen der Inspiration. Zum Aderlass in der Herzgegend. Zum Schienenverkehr… sie ist nicht mein Typ.


Cyrano


P.S.: An sich sollte der Text zwischen zwei schriftarten springen, um innerliches und äußerliches auch visuell zu variieren, aber ich denke das ist hier nicht nötog, da auch der Blocksatz sich in Luft aufgelöst hat... außerdem wüsste ich nicht, wie man das macht.


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Henry Lehmann
Guest
Registriert: Not Yet

Ist das jetzt groĂźe Literatur oder das wirre Geschreibsel eines Abiturienten im Drogenrausch?

Bin ratlos, werde mir aber am Wochenende noch mal in alle Ruhe ein Urteil bilden.

Henry

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Cyrano
Autorenanwärter
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Den Drogenrausch weise ich vmir, das wirre Geschreibsel nicht unbedingt, von Verwirrung ist der Text mit Sicherheit durch und durch durchwachsen... Wo man den Abiturienten herauslesen soll, ist mir absolut nicht klar, verstehe das jetzt mal als ne Art bewertung, die wohl eine Gewisse Unreife (den Text betreffend, nicht den Kritiker), impliziert...
(Hab´Abitur, das ist schon war, aber als Abiturient habe ich mich eigendlich nur in der ersten Zeit danach gefühlt... die ist dahin)

Und die große Literatur... Bejahen möcht ichs nicht, sollte aber jemand Lust haben, ausgerechnet zu diesem Urteil zu kommen, leg ich auch keine Steine in den Weg...Dem großen literaten zumindest erlaubt man gerne einen Stil, für den der Lernende gehörig den Marsch geblasen bekäme.

Also ein schönes Wochenende, vielleicht eröffnet sich dir ja der Text noch in irgendeiner Weise.

Cyrano

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F Fuller
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Ich muss zugeben, irgendwann habe ich einfach aufgehört zu lesen.

Lieber Cyrano, wenn du Deinen Leser an Deine Geschichte fesseln willst, darfst du ihn nicht schon in den ersten drei Absätzen vergrualen (ich habe es immerhin etwas weiter geschafft - kann ich jetzt stolz sein?).

Gruss
Fuller

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Melusine
Guest
Registriert: Not Yet

quote:
Usprünglich veröffentlicht von Cyrano:
Dem großen literaten zumindest erlaubt man gerne einen Stil, für den der Lernende gehörig den Marsch geblasen bekäme.

Das hat auch seine GrĂĽnde, oh Dichter mit der groĂźen Nase. Solch Stil will beherrscht sein.

Linke und rechte Gehirnhälfte öffenen ihre Pforten weit, hinein geht ein wirres Bild, verständlich? nun ja, stellenweise; interessant? mäßig.

Ich vermute, es soll die Perspektive eines Betrunkenen rüberbringen, das tut es auch - liest sich wie das unzusammenhängende Geschwafel eines Ratskronenberauschten mit 2 Promille (oder mehr). Tipp: nächstens nach dem Nüchternwerden überarbeiten.

Prädikat: unlesbar. Sorry.

LG Mel

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Separa
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Nov 2005

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Profil

´Hallo Cyrano.
Also mir gefällt dein Schreibstil. Ich habe es jetzt mehrmals gelesen, und jedesmal "sehe" ich etwas neues.
Du bringst die "Bilder" in deinem Text auf ganz besondere Weise zum Ausdruck, und ich glaube, daß du nicht die Perspektive eines Betrunkenen rüberbringen willst, sondern die Perspektive eines Träumenden. Es zieht wie ein Traum an dir vorüber und das konntest du meiner Meinung nach gut vermitteln.
Leider gibt es sehr wenige BĂĽcher, die in solchem Stil geschrieben sind. Weiter so.

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