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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Bahnhofsmission
Eingestellt am 18. 10. 2006 10:29


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Marie-Luise Wendland
???
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Bahnhofsmission

Eines Tages kam Manfred zur Bahnhofsmission und bat, sich ein wenig ausruhen zu d├╝rfen.
Meistens bekommen die Obdachlosen ihren Kaffee in einem Becher an der T├╝r. Die Bahnhofsmission besteht nur aus einem winzigen Raum. Nur ganz dringende F├Ąlle d├╝rfen hereinkommen und Platz nehmen.
Dieser Fall schien dringend.
Manfred konnte kaum sprechen und schien keine Luft zu bekommen. Sein Husten war erschreckend.
Er trug einen dunkelgrauen, sehr sch├Ąbigen Anzug und dazu eine schmuddelige bunte Krawatte.
Unter gro├čen Anstrengungen beim Sprechen teilte er uns mit, dass er Lungenkrebs habe, dabei drehte er sich eine Zigarette, die er nachher, wenn er wieder drau├čen in der Bahnhofshalle war, rauchen wollte.
Wir fragten ihn, ob das denn wohl richtig sei, wenn er bei seiner Krankheit noch rauchen w├╝rde.
Doch Manfred sagte, dass er ein Recht auf ein bisschen Lebensqualit├Ąt habe.
Eine Zigarette als Lebensqualit├Ąt!
Er erz├Ąhlte, dass er drau├čen schlafen w├╝rde. Es war schon herbstlich kalt und wir rieten ihm, die Schlafstelle f├╝r Obdachlose aufzusuchen. Emp├Ârt lehnte er ab. Dort w├╝rde man ihm bestimmt den Schlips stehlen.
Das einzige, was wir noch f├╝r ihn tun konnten, war zuzuh├Âren und ihm ein paar nette Worte zu sagen.
Zwei Wochen sp├Ąter lasen wir in der Obdachlosenzeitung ÔÇ×BodoÔÇť eine Todesanzeige.

Manfred, unser Freund ist tot.
Er starb auf der Platte.
Dieser Tod hat uns sehr bewegt. Der Tod eines Mannes, dessen Lebensqualit├Ąt eine Zigarette war.







__________________
Marie-Luise Wendland
Carpe diem!

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Inu
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Marie Luise

Ein erschreckend lebenswahrer Text, der die Begrenztheiten menschlicher/gesellschaftlicher/ beh├Ârdlicher Hilfsm├Âglichkeiten in unserem Land schrill aufzeigt. Eine kalte Welt.

Mich beeindruckt diese Tagebucheintragung durch ihre Schn├Ârkellosigkeit.

LG
Inu

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Marie-Luise Wendland
???
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Bahnhofsmission

Danke,Inu,
das Schicksal dieses Menschen hat mich lange nicht losgelassen. Ich musste es einfach aufschreiben.
Viele Gr├╝├če,
Marie-Luise

__________________
Marie-Luise Wendland
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Melusine
Guest
Registriert: Not Yet

Liebe Marie-Luise,
auch mich beeindruckt dein Text. Mehr als das Gedicht, f├╝r das diese Begebenheit, wie ich vermute, als Ausgangsbasis diente ("Obdachlos").

Eine tragische Geschichte, ber├╝hrend gerade in der Schlichtheit, in der du sie erz├Ąhlst.


(Kleine Anmerkung am Rande: Ob Rauchen oder nicht macht f├╝r einen Lungenkrebspatienten im Endstadium vermutlich keinen Unterschied mehr. Ich sah einmal einen ebenfalls in seiner Schlichtheit ber├╝hrenden Fernsehspot der ├ľsterreichischen Hospizbewegung mit dem Bildtext: "Warum sollten wir jemandem das Rauchen verbieten, der gerade daran stirbt?" Ich wollte, jemand h├Ątte mir das damals gesagt, als meine Mutter im Sterben lag - Leberzirrhose im Endstadium.)


Mel

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Marie-Luise Wendland
???
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Bahnhofsmission

Hallo Melusine,
ja, du hast Recht. Einem lungenkrebskranken das Rauchen zu verbieten, bringt nichts, ist auch nicht n├Âtig. Es war nur so widerspr├╝chlich, dass der Obdachlose, indem er sich eine Zigarette drehte, von seinem Lungenkrebs sprach. Aus Hilflosigkeit haben wir dann wohl etwas gesagt.
Viele Gr├╝├če
Marie-Luise
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Marie-Luise Wendland
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Melusine
Guest
Registriert: Not Yet

Ja, das verstehe ich. Vermutlich ist es sogar bei ├ärzten sowas wie Hilflosigkeit ... wenn sie schon sonst nichts mehr tun k├Ânnen ...

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