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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Bakterien Denken
Eingestellt am 19. 12. 2002 04:56


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Rolf-Peter Wille
???
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Bakterien Denken


© Rolf-Peter Wille


Denken, so sagte man uns, ist Analyse. Denken, so sagte man uns, ist Verstand, ist rational. Ordnung im Denken, so glauben wir, ist wie Ordnung im Raum. H√ľbsch s√§uberlich reihen wir die Dinge vor-, hinter-, neben- und was-wei√ü-ich -einander, und auch unsere Wohnverh√§ltnisse, wenn wir nicht unseren studentisch bohemischen Gewohnheiten treu geblieben sind, m√ľssen streng wissenschaftlich gegliedert sein. Das Sofa geh√∂rt ins Wohnzimmer und der K√ľhlschrank in die K√ľche und auf gar keinen Fall umgekehrt. Auch in einem anst√§ndigen Satze, wie zum Beispiel nicht diesem hier, springen kann nicht einfach herum das Pr√§dikat.

Seit Aristoteles gleicht unser Ged√§chtnis einem Katalog: S√§ugetiere sind S√§ugetiere, Reptilien sind Reptilien, und Fische sind Fische. Alle diese letztgenannteren m√ľssen sich zugliedern in jedem Falle der Familie der Wirbeltiere und man kann diese nicht vermischen zum Beispiel mit der Familie der Bakterien. Wir Wirbeltiere ‚ÄĒ homo sapiens geh√∂rt auch dazu ‚ÄĒ haben eine Wirbels√§ule. Die Bakterien haben keine. Ergo: Bakterien sind keine Familienangeh√∂rigen. "Familie" ist vielleicht irref√ľhrend in diesem Zusammenhang. Vielleicht m√∂chten wir uns einen gem√ľtlichen Familientreff vorstellen. Aber von wegen: Nur dahinstellen d√ľrfen wir die Dinge. Vorstellen sollen wir uns gar nichts. Es ist ganz schlicht und lakonisch: Wirbeltiere ins Wohnzimmer, Bakterien in die K√ľche!

Mu√ütest Du jetzt lachen? Was ist passiert? Nun wir haben uns etwas ausgedacht. Und das Ausdenken ist Denken, behaupte ich. Nicht rationales Denken nat√ľrlich. Wir haben zwei Beispiele miteinander vermischt: das "Sofa/Wohnzimmer ist nicht K√ľhlschrank/K√ľche" Beispiel einerseits, und andererseits das "Wirbeltiere sind nicht Bakterien" Beispiel. Ich habe das zweite Beispiel auf das erste projiziert, die Wirbeltiere ersetzen das Sofa (oder warum setzen wir sie nicht einfach darauf?) und die Bakterien zittern wie Espenlaub im K√ľhlschrank (sie haben es ja auch nicht besser verdient). So k√∂nnte es jetzt weitergehen: Wir k√∂nnen eine Geschichte erfinden. Wie die Bakterien ausbrechen (es gab einen Stromausfall, oder der K√ľhlschrank war "made in Taiwan"). Die Wirbeltiere, sagen wir es sind Krokodile, sind eingeschlafen auf dem Sofa und schlummern ihren Krokodilschlaf. Die Bakterien beginnen eine Invasion des Wohnzimmers. Aber es ist schon merkw√ľrdig. Die Ideen √ľberst√ľrzen sich jetzt in meinem Kopf. Eine Injektion. Die Bakterien der Fantasie beginnen eine Invasion und der Krokodilschlaf meines Geistes scheint unterbrochen. Wie konnte das geschehen? Nun, wir haben nur eine "normale" Situation auf die andere projiziert. Man k√∂nnte das "metaphorische Projektion" nennen oder vielleicht noch besser "metaphorische Injektion". Das zweite Beispiel "Bakterien gegen Wirbeltiere" war die Metapher, wir f√ľllten unsere Spritze mit einem "Bakterien/Wirbeltier" Serum und injizierten unsere gesitteten Wohnverh√§ltnisse. Bakterien und Wirbeltiere machten sich breit in unserer Wohnung, die Sitte verschwand, die Einbildungskraft wuchs, und‚Ķ, nun‚Ķ, ist das nicht Denken?

Was aber machen wir nun mit unserem armen rationalen Denken? La√ü‚Äô mich eine Metapher gebrauchen. Vergleichen wir unser Denken mit unserem Verdauungssystem: Das metaphorische, das kreative Denken ist die Nahrung. Die Energie. Die Kalorien. Die Vitamine. Rationales Verstehen und Reflektion w√§ren in dieser Analogie die Darmt√§tigkeit. Bakterien, schon wieder, aber die harmlosen Verdauungsbakterien. Vielleicht haben wir eine verfaulte Metapher geschluckt? Die Bakterien der Reflektion zersetzen sie in ihre harmlosen Bestandteile. Rationales Denken und Reflektieren kre√Įeren nichts, aber sie sind unsere Verteidigung, sie befreien unser Denken von der Sklaverei der Metapher.

Sklaverei der Metapher? Ja. Metaphern sind nur liebensw√ľrdig in ihrer Kindheit. Einige von ihnen, wenn sie alt werden, gleichen faulen Krokodilen oder agressiven Bakterien. H√§ngen Dir meine Krokodile und Bakterien bereits zum Halse heraus? Kein Wunder! Diese Metapher ist nicht mehr frisch. Ich habe sie zu oft aufgew√§rmt in diesem Essay. Ich h√∂re jetzt auf und Du f√§ngst an zu denken und kochst Deine eigenen Metaphern. Bon app√©tit!


(English Version)




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Schakim

Wird mal Schriftsteller

Registriert: Jan 2002

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"Sklaverei der Metapher"

Hallo, Rolf-Peter!

Du hast hier eine Riesenabhandlung geschrieben - ob nun in Deutsch oder Englisch - egal, doch das w√§re vermutlich auch ein bisschen in k√ľrzerer Form m√∂glich gewesen... Bis dieser spannende Gedankengang von Dir durchgelesen ist, k√∂nnen sich ja die "Bakterien" in rasender Geschwindigkeit vermehren... und die "Krokodile" k√ľmmern sich nicht darum!

Fröhliche Weihnachten!
Schakim

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Rolf-Peter Wille
???
Registriert: Apr 2002

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Hallo Schakim,

Dank fuer's Lesen! Ich hoffe, die Viren oder Bakterien etc. haben Dich nicht infiziert (eigentlich hoffe ich natuerlich, dass sich die Leser infizieren). Aber Du hast recht, dies ist eher ein Essay als Literatur.

Frohe Weihnacht auch an Dich!
Rolf-Peter

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Bernd
Foren-Redakteur
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Lieber Rolf-Peter, riesenlang finde ich es nicht.
Manche Gedanken bed√ľrfen einer gewissen Ausf√ľhrlichkeit und Entwicklung.
Ich denke auch, es ist eine Art literarisches Essay.

Vielleicht ist der Mensch eine Ansammlung von lauter zusammengeklebten Bakterien. Die sich zeitweise vermehren.

Viele Gr√ľ√üe von Bernd
__________________
Copy-Left, samisdada, Dada Dresden

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Rolf-Peter Wille
???
Registriert: Apr 2002

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Lieber Bernd, ...Ansammlung klingt zu prosaisch..., ein Gedicht von Bakterien???

Viele Gruesse und Guten Rutsch,
RP

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