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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ballast
Eingestellt am 13. 08. 2001 21:27


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Kyra
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Mar 2001

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Ballast

Es ist wie immer am Freitagabend, die Schlange vor Danielas Kasse wird immer lĂ€nger. Sie sitzt auf der Kante ihres Drehstuhls und schiebt die Packungen mit geizigen Bewegungen am LesegerĂ€t vorbei. Obwohl die feuchte OktoberkĂŒhle ihr durch die EingangstĂŒr ĂŒber den RĂŒcken streicht, ist ihr fast ĂŒbel vor Hitze. WĂ€hrend ein alter Mann mit fahrigen Fingern MĂŒnzen aus der kleinen Geldbörse fischt, lĂ€sst sie den Kopf sinken und sieht auf die GrĂŒbchen in ihren HandrĂŒcken – BabyhĂ€nde, es sind viel zu große, verletzliche BabyhĂ€nde, die auf ihren vollen Oberschenkeln liegen. Rund und weich, mit rosig polierten NĂ€geln ruhen sie dort nebeneinander, wie zwei zufriedene SeekĂŒhe. Daniela trĂ€gt wie immer einen dunkelblauen Kittel ĂŒber der Hose, ein weites Zelt in dem ihr Körper sich verkriechen kann, die riesigen BrĂŒste, der unförmigen Bauch, dieser afrikanisch ausladenden Hintern, der ihr immer das GefĂŒhl gibt, alle lachen ĂŒber sie, sobald sie sich umdreht. Als sie den Blick wieder hebt, liegt das Geld von dem Alten schon da und er wartet mit einem geduldigen LĂ€cheln. Die Röte der Gereiztheit steigt ihr in das hĂŒbsche, leicht aufgedunsene Gesicht, wĂ€hrend sie die MĂŒnzen ungezĂ€hlt in die Kasse wirft. Sie will heute keine Freundlichkeiten, keine Nachsicht, kein VerstĂ€ndnis – nicht einmal Streit, sie wĂŒnscht sich nur Leere, Ruhe, eine riesige FlĂ€che Nichts, Stillstand, den Tod im Leben. Ohne zu denken kassiert sie weiter bis immer weniger Menschen das GeschĂ€ft betreten, es langsam ruhig um sie wird, die GesprĂ€che an der BĂ€ckereitheke wieder zu verstehen sind und sie nicht mehr in herbstblasse mĂŒde Gesichter blicken muss.
Jetzt fĂŒhlt sie es wieder, diese verhasste Bewegung in ihrem Inneren – jenes Wesen, das in ihr heranwĂ€chst, ohne sie je gefragt zu haben, ob sie es wolle, ob sie das ertragen könne. Wie ein Parasit ernĂ€hrt es sich schon seit ĂŒber neun Monaten von ihrem Leib und verlĂ€sst ihn erst, wenn es vor der Welt als Mensch gilt.
Daniela schĂ€mt sich schon lange fĂŒr ihren Körper, aber seitdem sie fĂŒhlt, wie sich dieses eigene Leben in ihm entwickelt, mischt sich die Scham mit Ekel.
Mit flachem Atem bedient sie die letzten Kunden, nimmt die Schublade aus der Kasse und geht ins BĂŒro, um das Geld zu zĂ€hlen. Hier trifft sie den Mann, der bei einer gehetzten ungeschickten Begegnung im Lager, zwischen Kartons mit Tomatensuppe und einer Palette Kartoffeln Marke Hansa, den Samen in sie pflanze – er arbeitet in der Fleischabteilung, sie begegnen sich jeden Abend bei der Abrechnung, aber seit jenem Tag schaffen sie es beide, sich in diesem winzigen Raum zu bewegen, als seien sie Lichtjahre voneinander entfernt.
Seitdem trĂ€umt Daniela hĂ€ufig von einem kleinen Topf mit blutroter Suppe, in die ihr alles hineinfĂ€llt, was sie gerne hat. Der kleine Clown, der auf ihrem Bett sitzt, die Katze die sie als Kind hatte, ihr Lieblingslehrer aus der Volksschule, einmal ist selbst ihre ganze Wohnung darin untergegangen. Immer muss sie dann selber in die heiße Röte hinabsteigen, aber nie ist es ihr gelungen, den geliebten Gegenstand zu bergen. Nachdem sie einmal, nach so einem Traum in ihrem rot bezogenen Bett erwachte und nicht mehr aufhören konnte zu schreien, schlĂ€ft sie nur noch in weißer BettwĂ€sche.
Die letzten Monate hatte sie versucht, dieses Geschöpf in sich zu töten, mit Gedanken, mit SchlÀgen und mit einer Stricknadel, mit Alkohol und Tabletten. Ihr ging es dabei immer schlechter, aber nichts von dem schien bis in die tiefe Höhlung ihres Bauches vordringen zu können - sie ist machtlos gegen dieses angeblich so verletzliche Lebewesen.
Auf ihrem kurzen Heimweg ĂŒberkommt sie wieder dieser unertrĂ€gliche Ekel, am liebsten wĂŒrde sie sich mit bloßen HĂ€nden den Bauch aufreißen und dieses Ding herausholen, nur um endlich wieder alleine zu sein. Daniela ist gerne alleine, sehr gerne – wenn jemand sie fragte, was ihr im Leben am wichtigsten sei, wĂŒrde sie ohne zögern antworten können. Mit trockenen Augen der Wut betritt sie ihre Wohnung, lĂ€sst Tasche und Mantel fallen, ein KleidungsstĂŒck nach dem anderen zieht sie sich aus, wĂ€hrend sie ins Bad geht. SpĂ€ter, im warmen Wasser, weicht der Zorn einer fast angenehmen, gedankenlosen Trauer, in der sie sich alleine und geborgen fĂŒhlt.
Als sie sich spĂ€ter abtrocknet, fĂ€llt ihr Blick in den großen Spiegel an der BadezimmertĂŒr. Manchmal, wenn es ihr gelingt, völlig zu vergessen wie andere sie sehen, kann sie ihren Körper ohne Abscheu betrachten. Alles an ihr ist schwer und stark, die Üppigkeit erscheint ihr dann als Geschenk eines großzĂŒgigen Schöpfers. Ihre breiten HĂŒften sind der reine Ausdruck der Fruchtbarkeit. Sie war jung, ihre FĂŒlle spannte die zarte Haut ĂŒber dem Bauch, lĂ€sst sie aber nicht reißen. Sie zuckt zusammen als sie dort plötzlich eine Bewegung fĂŒhlt, starrt in den Spiegel und beobachtet wie sich dort eine kleine Erhebung abzeichnet, wie ein KĂ€tzchen unter dem Laken – nur ist dies kein KĂ€tzchen, sondern beharrt darauf, ein Teil von ihr zu sein. Die friedliche Stimmung ist verbraucht, aufgesaugt von ihrem Unterleib.
In der Nacht wird sie von ziehenden Schmerzen geweckt, Daniela ist sofort hellwach. Seit Monaten hatte sie die Gedanken an diesen Augenblick vermieden, aber sie ist sich sicher, es alleine durchstehen zu können. Niemand weiß davon, keiner wird es je erfahren. Die nĂ€chsten Stunden sind eine qualvolle Erlösung. Nachdem sie mĂŒhsam mit einer Schere die Nabelschnur durchtrennt hatte, bindet sie ihre Verbindung mit dem Baby endgĂŒltig ab und wickelt es sorgfĂ€ltig in mehrere HandtĂŒcher. Dabei vermeidet sie es, ihm in das winzige rote Gesicht zu sehen, sie verschließt ihre Ohren vor den ersten zarten Schreien und schickt ihre Gedanken auf einen Vogelflug ĂŒber die Baumwipfel eines Urwaldes. Niemand beachtet auf der nĂ€chtlichen Strasse eine große schwere Frau, die mit einem Packen im Arm mit erschöpften Schritten zum Krankenhaus geht. Im VorĂŒbergehen legt sie das BĂŒndel vor dem Portal der Klinik ab.
Wenig spÀter liegt sie in ihrem, wieder blutrot bezogenem Bett und fÀllt in einen traumlosen Schlaf.

Frage: ist das PrÀsens gut in dieser Geschichte, oder nicht?
(Mal von allem anderen abgesehen)

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Breimann
???
Registriert: Dec 2000

Werke: 38
Kommentare: 169
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GlĂŒckwunsch

Hallo Kyra,
zunĂ€chst zur Frage: Ich denke, dass man diese Geschichte nur im PrĂ€sens erzĂ€hlen darf. Das erzeugt diese AktualitĂ€t, diese atemberaubende Schnelligkeit und das GefĂŒh dabei zu sein.
Nur an eine Stelle verlĂ€sst du versehentlich diese Zeitform: "Nachdem sie mĂŒhsam mit einer Schere die Nabelschnur durchtrennt hatte, bindet sie ihre..."

Dein ErzĂ€hlstil gefĂ€llt mir, der Aufbau der ErzĂ€hlung, die schonungslose Beschreibungen des "fĂŒlligen Körpers" und die stillen Qualen, die diese "missbrauchte" junge Frau erleiden muss,sind hervorragend.
Ich bin gespannt auf Reaktionen!
Mit lieben GrĂŒĂŸen aus der Ferne
eduard
__________________
Ich schreibe - also bin ich.

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gladiator
Manchmal gelesener Autor
Registriert: May 2001

Werke: 10
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Hallo Kyra

Auf jeden Fall PrĂ€sens. Ansonsten nichts mehr verĂ€ndern, bis auf den Tempusfehler natĂŒrlich, den Breimann angemerkt hat.

Gruß
Gladiator
__________________
Die Raben fliegen in Scharen, der Adler fliegt allein.

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Kadra
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Kyra!

Meinen GlĂŒckwunsch zu dieser Geschichte. Du hast ein schweres Thema gewĂ€hlt und dies mit viel GefĂŒhl, erstaunlicher PrĂ€zision und Menschenkenntnis umgesetzt.

Ich schließe mich den beiden Kommentaren vor mir an. PrĂ€sens passt hier hervorragend. Einen Tempusfehler habe ich jedoch noch gefunden:

Sie war jung, ihre FĂŒlle spannte die zarte Haut ĂŒber dem Bauch, lĂ€sst sie aber nicht reißen.

Lieben Gruss von

Kadra

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