Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5439
Themen:   92269
Momentan online:
295 Gäste und 13 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Balthasar
Eingestellt am 08. 04. 2011 21:06


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
ArN
Festzeitungsschreiber
Registriert: Mar 2004

Werke: 5
Kommentare: 33
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um ArN eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Die Stadt stank.
Er roch mit jedem Atemzug die AusdĂŒnstungen der Menschen und Tiere dieser ĂŒberforderten Metropole am Bodensee. Im Normalfall hatte die Stadt zirka sechstausend Einwohner, aber in diesen Zeiten des Konzils war der Ausnahmezustand der Normalfall und es befanden sich zehn Mal mehr Menschen in der Gemarkung.
Die Schritte des Mannes waren schnell, aber achtsam.
Trotz aller Vorsicht trat er sich immer wieder auf den Saum der Kutte, die ihn als Franziskanermönch fĂŒr alle Mitmenschen erkennbar machte. Und an Mitmenschen mangelte es auch zu dieser spĂ€ten Stunde nicht. Den Kopf hielt er, trotz ĂŒbergezogener Kapuze, tief gesenkt, damit keiner sein Gesicht erkennen konnte. Seit ihn das Schicksal vor gut einem halben Jahr an diesen verfluchten Ort gefesselt hatte, lief einiges schief. Aber jetzt, in dieser kalten MĂ€rznacht, hatte er seit Langem endlich wieder das GefĂŒhl sein Leben mit Gottes Hilfe in die eigenen HĂ€nde nehmen zu können.
Und dieses Leben strebte nach der Befriedigung von BedĂŒrfnissen. Das Treffen, arrangiert von Herzog Friedrich, sollte in zwei Stunden stattfinden, also blieb ihm noch genug Zeit um den HĂŒbscherinnen in ihrem Haus hinter dem Dom einen Besuch abzustatten.
Schon von Weitem stach dem Vorbeigehenden die gelbe Schandfarbe entgegen, die die Frauen als Ă€ußeres Zeichen tragen mussten. Die Dunkelheit der hereinbrechenden Nacht machte aus der Schandfarbe jedoch eine Signalfarbe fĂŒr nĂ€chtliche VergnĂŒgungen.
Obwohl es nicht so ungewöhnlich war, dass sich ein Mönch in dieses Haus begab, wartete er einen unbeobachteten Moment ab, um durch die TĂŒr ins Innere zu gelangen.
„Willkommen im Haus zum sĂŒĂŸen Winkel, HochwĂŒrden.“
Die hagere, alte Frau hinter dem Tisch begrĂŒĂŸte ihren Besucher mit einem abschĂ€tzenden Blick.
„Hier seit Ihr richtig, denn ich sehe, dass Ihr euer Inkognito wahren wollt und dieses Haus ist bekannt fĂŒr seine Diskretion.“
Ohne ein Wort zu verlieren, griff der Mönch in seine Kutte, holte ein LeinensĂ€ckchen heraus und warf der Alten ein paar MĂŒnzen auf den Tisch. Mit gierigem Glanz in den Augen schnappte sich das Weib die GeldstĂŒcke. Wie oft hatte er diesen Blick gesehen? Ob Bischöfe, Könige, Kaufleute oder Konkubinen, in diesem Fall waren vor Gottes Angesicht wirklich alle gleich.
„Ihr werdet natĂŒrlich sofort bedient. Folgt mir“, forderte die Frau ihren Gast auf, nachdem sie die MĂŒnzen in ihrer Rocktasche hatte verschwinden lassen. Die Alte fĂŒhrte ihn die Stiegen hoch bis vor eine KammertĂŒr und öffnete sie.
„Viel VergnĂŒgen euer Hochwohlgeboren“, sagte das alte Weib mit einem zynischen Unterton und entfernte sich.
Die Kammer wurde nur spĂ€rlich vom Schein der Kerze auf dem Tisch erhellt, an dem zwei StĂŒhle standen. An dem Fenster beim Bett stand eine junge rothaarige Frau.
„Setzt Euch“, forderte die Frau ihren Besucher auf, ging von ihrem Fensterplatz an den Tisch und setzte sich. Auch sie trug zu ihrem Kleid einen gelben Umhang, der ihren Stand sichtbar machte.
„Nun, sagt mir erst einmal, mit welchem Namen ich Euch ansprechen soll“, sagte die HĂŒbscherin zu ihrem GegenĂŒber, der nun ebenfalls Platz genommen hatte.
Eigentlich war er ja nicht zum Reden hergekommen, aber etwas an dieser jungen, rothaarigen Frau faszinierte ihn.
„Nenn mich Balthasar, wenn du mir schon unbedingt einen Namen geben willst“, antwortete der Mann mit der Franziskanerkutte, die Kapuze noch immer tief im Gesicht.
„Balthasar, ein heiliger Name, fĂŒr einen heiligen Mann“, flĂŒsterte die Frau leise. „Wollt Ihr einen Blick in die Zukunft werfen?“
Heiß durchfuhr es Balthasar. Eine Hexe; und dazu noch eine rothaarige. Aber in seiner jetzigen Situation konnte eine Vorausschau auf zukĂŒnftige Ereignisse bestimmt nicht schaden.
„Leg los!“, beantwortete er knapp den Vorschlag der schönen Rothaarigen.
Ihre HĂ€nde lagen auf dem Tisch und ihr Blick war nach unten gesenkt. Nach etwa einer Minute blickte sie wieder auf.
„Ihr seid auf der Flucht“, sagte sie unvermittelt und erhob sich.
Der Mann, der sich selbst den Namen Balthasar gegeben hatte, erschrak. War er entdeckt? War seine Flucht schon beendet, bevor sie ĂŒberhaupt richtig begonnen hatte? Oder hatte ihn der Herzog doch verraten?
„Keine Angst, Euer Geheimnis bleibt gewahrt“, beruhigte sie ihn und schritt durch die kleine Kammer.
Diese Frau wurde dem angeblichen Mönch immer unheimlicher.
Er versuchte aufzustehen, doch sein ganzer Körper war wie gelÀhmt und er blieb steif auf dem Stuhl sitzen.
„BemĂŒht Euch nicht. Ihr könnt nur wieder aufstehen, wenn ich es will“, beantwortete die HĂŒbscherin seine unausgesprochene Frage.
„Ich weiß vieles ĂŒber Euch, was sowohl die Vergangenheit, als auch die Zukunft betrifft“, fuhr sie fort. „Schon auf dem Hinweg nach Constantia hattet Ihr Pech und euer Wagen ist am Arlbergpass verunglĂŒckt. Nur leider seid Ihr dabei nicht gestorben!“
Blankes Entsetzen spiegelte sich in den Augen des falschen Franziskaners wider. Hatte diese Hexe auch hier ihre KrÀfte im Spiel? Was wollte sie von ihm?
Mittlerweile hatte sie sich ihm weiter genÀhert und zog mit einer raschen Bewegung ein Messer aus ihrem Umhang.
„Vielleicht wolltet Ihr lieber hier sterben?“, raunte die Hexe ihm ins Ohr, zog seine Kapuze herunter und setzte ihm das Messer an die Kehle.
„Komme ich euch nicht bekannt vor? Meine Mutter werdet Ihr gekannt haben, Baldassare Cossa.“
Er wollte schreien, um Hilfe rufen. Aber seine Stimme versagte. Jetzt hatte diese verfluchte Hexe auch noch seinen richtigen Namen genannt.
„Erinnert Ihr Euch an Bologna, die Studienzeit? Dort seid Ihr meiner Mutter begegnet, habt sie geschwĂ€ngert und dann verstoßen, da sie Eurem Aufstieg im Wege war. Ihr wolltet sie sogar töten lassen, doch meine Mutter konnte mit mir fliehen. Es ist nicht leicht gewesen fĂŒr eine unverheiratete Frau mit Kind. Als ich zehn Jahre alt war, starb sie an Hunger und EntkrĂ€ftung. Jahre spĂ€ter hörte ich von dem Konzil und dass dort viele meines Standes gebraucht werden. Gottes FĂŒgung hat uns hier in Costantia zusammengebracht, Vater.“
Das rote Haar. NatĂŒrlich, warum hatte er nicht gleich die Ähnlichkeit mit ihrer Mutter, seiner damaligen Geliebten, entdeckt?
Langsam nahm sie die Klinge von seinem Hals, ging wieder zu ihrem Stuhl und setzte sich.
„Ich werde Euch nicht töten, denn ich habe die mögliche Zukunft gesehen. WĂŒrdet Ihr jetzt hier durch meine Hand sterben, der Nachruf als MĂ€rtyrer wĂ€re Euch gewiss. Doch ich denke ein MĂ€rtyrertod wĂŒrde Eurem hinterhĂ€ltigen Wesen nicht gerecht werden. Flieht Ihr jetzt weiter, werdet Ihr spĂ€ter gefangen genommen, der Titel wird Euch aberkannt und in fĂŒnf Jahren werdet Ihr sterben. Die Geschichtsschreibung wird Euch aus den BĂŒchern streichen wollen. Aber in ferner Zukunft wird jemand Euren Amtsnamen annehmen und diesen Namen von allem Makel befreien.“
Wenn er wieder die Macht dazu hĂ€tte, wĂŒrde er dieses verfluchte Weib verbrennen lassen. Aber im Moment war nur seine weitere Flucht wichtig.
„Dann lass mich jetzt gehen“, quetschte er zwischen den ZĂ€hnen hervor und merkte, dass seine KrĂ€fte in die Glieder zurĂŒckkehrten.
„Lauf schnell, Baldassare Cossa, bevor ich es mir anders ĂŒberlege“, zischte die Frau mit einem Blick, der zugleich wĂŒtend und traurig war.
Mit hastigen Schritten stĂŒrzte der falsche Mönch durch die TĂŒr und die Treppen hinunter, ohne seine Kapuze aufzusetzen. Das Haus zum sĂŒĂŸen Winkel spuckte den falschen Mönch wieder zurĂŒck in die bittere Wirklichkeit.
Sein ĂŒberhasteter Abgang war nicht unbeobachtet geblieben. Verwundert rieb sich die Alte hinter dem Tisch im Flur die Augen. Dieser Mönch hatte ausgesehen wie Papst Johannes XXIII. Verwirrt schĂŒttelte sie den Kopf. Das konnte nicht sein, sie musste sich geirrt haben.
__________________
Die Welt besteht aus Optimisten und Pessimisten.
Letztlich liegen beide falsch.
Aber der Optimist lebt glĂŒcklicher.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!