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Leselupe.de > Humor und Satire
Bangla gegen den Rest der Welt
Eingestellt am 14. 05. 2010 15:33


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Wisch
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Bangla gegen den Rest der Welt

Bangla gegen den Rest der Welt
New York City, USA – 1996

Man stelle sich ein Formular mit blöden Fragen vor. Dann stelle man sich eine Landung vor, etwas holprig vielleicht, aber okay! Weiterhin stelle man sich GepĂ€ck vor, das schnell in die richtigen HĂ€nde geraten ist und mit FĂŒĂŸen weitergeschoben wird. Wenn es nicht zu viel verlangt ist, stelle man sich nun eine Schlange vor, nein, nicht die, sondern die andere. Der Weg (der Schlange) ist vorgegeben. Ein freundliches »How are you!«, danach wird’s ernst – drei Minuten, fĂŒnf Minuten, manchmal auch lĂ€nger (es kommt auf das gesunde MischungsverhĂ€ltnis von Ehrlichkeit und DĂ€mlichkeit des Besuchers an). Immigration heißt das Zauberwort – und das, was nun vor einem liegt. Die im Flugzeug ausgefĂŒllten Formulare werden einer nĂ€heren PrĂŒfung unterzogen. Wie sieht es mit ansteckenden Krankheiten aus? War jemand der Familie Kriegsverbrecher? Man stelle sich vor, vor dem TicketverkĂ€ufer seines Lieblingskinos zu stehen, wĂ€hrend man ein wenig Geduld und ein leichtes KopfschĂŒtteln mitbringt.
Gut, aber sind die Fragen wirklich ernst gemeint, denken wahrscheinlich nicht nur wir. So what oder wie der weit gereiste Deutsche sagt: what shall‘s! Ja, ich habe einen gĂŒltigen Personalausweis und ersuche um Einlass als nicht immigrierender Besucher; nein, ich habe nichts Böses im Sinn mit Ihrem Land; niemand hat mich ausgeschlossen aus diesen oder jenen GrĂŒnden, seien es ansteckende oder mentale, narkotische oder dealende, kriminelle oder abgeschobene GrĂŒnde, oder gar subversive und kommunistische, nein, entschieden nein, nein, nein! Ich bin keine Gefahr fĂŒr Wohlergehen, Gesundheit und Sicherheit der Vereinigten Staaten von Amerika.
Da mĂŒssen alle durch, die in die USA hineinwollen. Ist es jetzt noch schwierig, sich vorzustellen, dass man in New York ist. Pardon, New York City natĂŒrlich.

Draußen vor dem John F. Kennedy Airport warten die Taxis, große gelbe Kutschen, gemeinsam mit jenen uniformierten Menschen, die ihren Broterwerb »Taxireinstecken« nennen könnten und mit autoritĂ€ren Handbewegungen die Fahrer herbeirufen. Von ihnen erfĂ€hrt der Passagier, dass der Pilot des gelben UngetĂŒms nicht mehr als 30 Dollar plus 3,50 Dollar TunnelgebĂŒhr plus fĂŒnfzehn Prozent Trinkgeld verlangen könne. Also hinein ins Taxi – sehr bestimmt, sehr freundlich, von sehr fĂŒrsorglichen HĂ€nden getrieben (das Vorurteil, alle Amerikaner haben keine Zeit, bestĂ€tigt sich hier zum ersten Mal) – und die Fahrt nach Manhattan kann beginnen. NatĂŒrlich wissen wir, dass es einen Bus gibt, der billiger ist, doch manchmal gibt es GrĂŒnde, die teurere Variante zu wĂ€hlen.
Kaum Platz genommen (wir liegen wie auf einem Sofa, mittels einer Glasscheibe vom Pilotensitz getrennt) schießt der Wagen wie ein Wilder davon, wobei der Bordstein noch einmal gerade soeben ungeschoren davonkommt, wĂ€hrend der Taxifahrer, jemand mit fernöstlicher Zunge, der man kaum folgen kann, uns (ich glaube aus gesetzlichen GrĂŒnden, bin mir aber nicht sicher) noch einmal mit Worten und einem Aufkleber, so gut es eben geht, aufklĂ€rt, wie viel die Fahrt kosten dĂŒrfe. Im gleichen Atemzug klagt er uns, vielleicht mehr noch sich selbst, die Ohren voll, dass die Fahrt ja eigentlich 40 Dollar kosten wĂŒrde, eigentlich, aber aus unerfindlichen GrĂŒnden billiger sei. Auf solche Diskussionen darf man sich erst gar nicht einlassen, denke ich, finde es jedoch recht ersprießlich, als er die beklagenswerten LebensverhĂ€ltnisse in Bangladesch (unser Taxifahrer stammt aus Bangladesch) im Besonderen anfĂŒhrt, die beklagenswerten VerhĂ€ltnisse im Fernen Osten sowieso, die beklagenswerten VerhĂ€ltnisse seines Onkels in Brooklyn obendrein, die beklagenswerten VerhĂ€ltnisse in seinem Taxi ohnehin. Das sehe ich ein. Schon jetzt schaut er wie fĂŒnfeinhalb Tage Regenwetter drein.

Meine neben mir sitzende Freundin hat sich seit zwei Minuten, genauer gesagt nach der ersten Kurve, ausgeklinkt und ist zu einer Stellungnahme nicht bereit – sie sieht Ă€ngstlich nach draußen. Dann sagt sie: »Es gibt eigentlich keinen Grund, warum mir das Herz bis zum Hals schlĂ€gt. Aber es schert sich einen Dreck darum.«
Nanu, denke ich, sie hat die WĂŒste und ihre Ente (2CV) ĂŒberlebt und den Winterschlussverkauf bei Karstadt, und schaue furchtsam hinterher. Der Mann aus Bangladesch mit diesem dornenvollen Leben jagt seinen Wagen kreuz und quer ĂŒber drei bis acht Spuren durch den dichten Verkehr, von oben muss es aussehen wie die Verfolgungsjagd von O. J. Simpson (auch wenn wir nicht in einem Ford Bronco sitzen), und mir kommt der Gedanke, als preiswerter Statist in einem Ami-Krimi missbraucht zu werden.
»Nie hat jemand den Weg vom Flughafen nach Manhattan flotter zurĂŒckgelegt als wir«, meint meine Freundin lapidar, bevor sie sich wieder der Aussicht da draußen widmet.
»Wusstest du, dass der Name Manhattan der Indianersprache Algonkin entstammt und â€șOrt der Vergiftungâ€č heißt?«, frage ich sie.
»Bis heute nicht.«
MĂŒrrisch katapultiert er unachtsame Fahrer zur Seite, schĂŒchtert mit der Faust ein, wenn die Reaktion ein Hupen ist, droht mit Wortsalven, wenn die Reaktion kein Hupen ist. Er ist ein cholerischer, schlecht rasierter, schlecht gewaschener, schlecht Auto fahrender, bestimmt schlecht riechender Taxifahrer, der fĂŒr den Erwerb seines Yellow-Cab-Scheins, so verstehe ich ihn, vier Monate auf Essen und Trinken und Schlafen verzichtet hat. Er selbst pfeift aus dem letzten Loch, von denen ich nicht weniger als fĂŒnf zwischen seinen SchulterblĂ€ttern zĂ€hle. Da ich seinen Namen so schnell vergessen habe wie die Wettervorhersage, nenne ich ihn Bangla. Das finde ich gerechtfertigt, denn Angst scheint er nicht zu kennen. Im Augenblick hupt und flucht und gestikuliert er – nun, das finde ich keineswegs besorgniserregend, denn er scheint das Recht des beklagenswerten Bangladeschers, eingeklemmt zwischen Indien, Myanmar, dem Himalaja und New York, auf seiner Seite zu haben. Dieser Mann, der, als er spĂ€ter vor dem Hotel vor uns steht, ein kleiner Wicht ist, nicht grĂ¶ĂŸer als Humphrey Bogart mit Stöckelschuhen, hĂŒpft die Fahrstreifen rauf und runter, schert sich kaum um die Vorfahrt anderer Fahrer und prĂŒft unsere Jetlagnerven ein ums andere Mal. Das Gesicht meiner Freundin hat sich mittlerweile weiß gefĂ€rbt, obwohl sie, wie ich sagte, die WĂŒste und ihre Ente und den Winterschlussverkauf bei Karstadt ĂŒberlebt hatte (eine feine Leistung, wie ich ihr immer wieder eingestehen muss).

In Manhattan angekommen, vor einer der nicht seltenen Baustellen dieser Stadt, schert ein schwarzer Cadillac, nicht unĂ€hnlich dem deutschen Reißverschlusssystem, in den fließenden Verkehr. Er macht allerdings den Fehler, sich vor unseren Taxifahrer zu zwĂ€ngen. Das tut man nicht, das ist Gesetz (man sieht, wir fĂŒhlen uns schon heimisch und solidarisch). Bangla bedenkt ihn per se mit einer wahren Schimpfkanonade amerikanischer FlĂŒche (sie sind amerikanisch, da gibt es keinen Zweifel), die immer lĂ€nger und schlimmer wird, da dummerweise zudem noch eine penetrante Ampel auf Rot steht, sodass nichts mehr geht. Wir stecken im Stau fest. Bangla hupt und droht, droht und hupt. Flink wie ein Wiesel hat er flugs sein Fenster heruntergekurbelt und schreit seinen Zorn nach draußen, wo ihm niemand eine Spur von Aufmerksamkeit schenkt.
Diese Tatsache bringt den schmĂ€chtigen Mann so sehr in Rage, dass er sich ein paar MĂŒnzen schnappt und sie gegen das Fahrzeug seines vermeintlichen Widersachers schleudert. Sechs Tage Regenwetter. Dieser scheint glĂŒcklicherweise zuÂŹnĂ€chst keine Notiz davon zu nehmen, doch eine zweite MĂŒnzaufforderung in die Heckscheibe lĂ€sst ihn cool und ruhig und zwei Meter groß aus dem Fahrzeug steigen. In diesem Moment bemerken wir, dass sowohl der Cadillac als auch sein Fahrer schön schwarz sind und beide eine spiegelnde Glatze haben. Wir rĂŒcken auf TuchfĂŒhlung zusammen, wĂ€hrend Bangla dem schwarzen, elegant gekleideten Mann, ĂŒber dessen rechter Augenbraue eine kleine Narbe wie ein Reiskorn unter der Haut verlĂ€uft, ein derbes, hochstimmiges »son of a bitch« zuwirft, noch ehe er vor dem Taxifenster zum Stehen kommt. Dann spitzt er die Ohren, was ihm leichtfĂ€llt, denn was die abstehenden Gehörorgane betrifft, kann ihm so leicht keiner im Umkreis von Kilometern das Wasser reichen. Bangla hĂŒpft in seinem Sitz, als habe ihn ein besonders schlimmer Anfall von Schluckauf ereilt, und schreit der Glatze ins Gesicht – nachdem er aus begreiflicher PrĂ€vention seine Brille von der Nase genommen hat –, er möge ihm doch bitte gefĂ€lligst eine reinhauen, aber er wĂŒrde schon sehen, was er davon habe. Er scheint mit dem Mundwerk nicht weniger flink zu sein als mit dem Fahren.
»Der ist doch nicht ganz dicht im OberstĂŒbchen«, sagt meine Freundin, und in diesem Moment grĂ€bt sich ihre rechte Hand in meinen linken Oberschenkel.
Ich schreie vor Schmerz auf und weiß mit einem Mal nicht mehr, von welcher Seite die grĂ¶ĂŸere Gefahr droht, aber ich kann ihr das nicht ĂŒbel nehmen. Mein Skrotum hat sich bereits beĂ€ngstigend stark zusammengezogen. Nach dieser Überraschung linse ich neugierig in den New Yorker Nachmittag. Draußen steht noch immer der schwarze Riese und ĂŒberlegt, ob sich ein Strafgerichtsverfahren gĂŒnstig auf seine Karriere als Broker oder Anwalt auswirken wĂŒrde. Ich spĂŒre, wie Adrenalin und Endorphine sich heimlich die Hand reichen und schon dabei sind, die TĂŒr zu öffnen, da kommt er wohl zu einem abschlĂ€gigen Ergebnis, das er mit den unfeinen Worten »fuck you« kundtut, geht die paar Schritte hoch erhobenen Hauptes zurĂŒck zu seinem Cadillac, steigt ein und fĂ€hrt davon. Nun ja, er sieht sich dazu imstande, denn die Schlange vor uns hat sich wunder-samerweise aufgelöst, und auch die Ampel scheint des Roten ĂŒberdrĂŒssig geworden zu sein.
Bangla gelingt es, sein Fluchen nun mit fremdlĂ€ndischen Tönen zu wĂŒrzen, die ich vorschnell, aber aus durchaus logischen ErwĂ€gungen, dennoch unverifiziert, den Zungen des Fernen Ostens zuschreibe. Sechseinhalb Tage Regenwetter.
Mittlerweile sind unser Taxifahrer und mithin wir selbst Kopf der Baustellen-/Ampelschlange geworden. WĂ€hrend er justament den Wagen seelenruhig startet, schlĂ€gt uns eine Flutwelle von Hupsignalen entgegen, die Bangla jovial mit den Worten »fucking bastards« kommentiert. Er fĂ€hrt ein paar Schritte vor, hĂ€lt an, steigt aus und sammelt mit der Ruhe eines Tiefseetauchers die soeben geworfenen MĂŒnzen auf, was den nachfolgenden Verkehr zu einem wahren Hupkonzert veranlasst, worauf er wĂŒtend, aber nachlĂ€ssig mit der Faust droht. Wieder fĂŒnfeinhalb Tage Regenwetter.
In dem Moment ĂŒberquert vor uns eine Frau die Straße, die stundenlang vor dem Schminkspiegel zu sitzen scheint, bevor sie ĂŒberhaupt einen Schritt vor die TĂŒr setzt. Irgendwie ist sie zu dem Schluss gekommen, dass es sich lohnt, neben einem bis oben zugeknöpften Mantel auch noch einen meterlangen Schal zu tragen. Neugierig – und in gewisser Weise todesmutig – lugt sie in unser Taxi hinein, ehe sie, wohl von Banglas missvergnĂŒgtem Gesichtsausdruck angetrieben, rasch das Weite sucht, um nicht von seinem sich ankĂŒndigenden Kavalierstart ĂŒberrascht und auf die Hörner genommen zu werden. GlĂŒck gehabt.

Einen Block entfernt, unweit von Ampel und Baustelle, lĂ€dt er uns vor unserem Hotel ab. Ich reiche ihm 35 Dollar, er mir einen bösen Blick, ich lege noch 2 Dollar drauf (das ist fĂŒr den Verzicht auf handfeste Sanktionsmaßnahmen), er ein Augenflackern hinzu. HĂ€tte er mir zumindest geholfen, das GepĂ€ck aus dem Kofferraum zu hieven, wĂ€re mein weiches Herz zum Vorschein gekommen; ich hĂ€tte ihm meine Brieftasche hingehalten, gesagt: »Nehmen Sie ruhig, junger Mann, damit Ihr Onkel, Bangladesch, der Ferne Osten und Ihr Taxi ĂŒber die Runden kommen, nehmen Sie, keine falsche Bescheidenheit.« Doch er versteckt die HĂ€nde in den Hosentaschen. So nicht, junger Mann. Meine Freundin flĂŒstert, ich solle den kleinen Scheißer stehen lassen, es reiche jetzt mit dem Geld, dafĂŒr hĂ€tte man sich auch ein richtiges Taxi leisten können. Ich finde das arg weit hergeholt, aber 
 Ich will sie verdutzt ansehen, da ist sie auch schon im Hoteleingang verschwunden. Kurzerhand steigere ich sein Honorar um einen weiteren Dollar (das ist fĂŒr die HĂ€nde in den Taschen). In dem Moment sieht er mich an, als wolle er sagen, die Welt geht zum Teufel, wenn du mich fragst. Das hier ist ja lĂ€cherlich. In diesem Punkt bin ich genau seiner Meinung, schnappe mir das GepĂ€ck und gehe rein.
Als wir nach einer Viertelstunde die FormalitĂ€ten erledigt haben, sehen wir, wie Bangla, wĂŒtend mit sich selbst redend, sich und sein gelbes Taxi in den New Yorker Nachmittagsverkehr einreiht, fest entschlossen, den NĂ€chsten nicht so glimpflich davonkommen zu lassen. Jetzt scheint er den siebten Tag erreicht zu haben. Es regnet in Strömen.


Version vom 14. 05. 2010 15:33
Version vom 14. 05. 2010 22:27

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