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Leselupe.de > Fremdsprachiges und MundART
Bauernschläue
Eingestellt am 19. 11. 2014 18:13


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Wolfgang Bessel
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2007

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Bauernschläue

Berta lief mittlerweile wie en gereizten Tiger durch dat Haus. „Willi, wat solln denn jetz die Leute denken, wenn wir nich mehr auf Jagd gehn? Die meinen, wir hätten nich mehr genug Kohle. Ändere diesen Zustand! Werd endlich aktiv!“
„Ach, die Leute? Ich krieg ne Krise. An wat anderet kannze wohl nich denken. Die Leute! Die Tratschtüten sind Dir immer wichtiger gewesen. Frag lieber ma, wie et inne Seele von Deinem Mann aussieht. Wenn nich bald wat geschieht, werd ich sterbenskrank.“
Da sachte doch meine eigene Ehefrau ganz seelenruhig: „Unkraut vergeht nich.“
Musste ich mir sonne abscheuliche Antwort gefallen lassen? Berta hatte zwar häufig die unselige Neigung, mir die Wahrheit am Kopp zu knallen. Dieser verächtliche Ausspruch war allerdings schlimm. Die hatte doch en Knall!
„Berta, hasse wat gegen Unkraut? Merk Dir ma eins: Keine Pflanze wächst zufällig. Dein „Unkraut“ bringt dat natürliche Gleichgewicht in unsere Ehe. Auch wenn et Dir nich immer in Dein angeblich so gepflegtet Beet passen tut.“
Urplötzlich war Stille inne Küche.

Et tat sich immer noch nix in Richtung Jagdmöglichkeit.

Doch! „Wild und Hund“ schickte mir eines Tages vier Jagdangebote auf einen Schlag. Dat waren die chiffrierten. Nur zwei davon schienen auffen ersten Blick interessant. Ich verabredete mich mit die Pächter und machte mich am Wochenende zur Besichtigung vonne Reviere auffe Socken. Allein! Niemand sollte mir dabei reinquatschen.
Der erste Anbieter war son grüner Sprechblasen-Intellektueller ausse Nordeifel, der ganz offensichtlich pleite war. Du liebe Zeit! Seine plüschig eingerichtete Wohnung sah aus wie nach nem Granateinschlag. Von Ordnung und Sauberkeit keine Spur. Gut, dat Berta nich dabei war, die wär rückwärts wieder rausmarschiert.
Der Mann führte mich in sein versifftet Wohnzimmer und pries die Herrlichkeit von seinem Revier. Dat war mir schon äußerst verdächtig.
Mein Misstrauen bestätigte sich bei ner Revierrundfahrt.
Nach zehn Minuten sachte ich für den schlaffen Schlampen-Lappes: „Danke, ich hab genug gesehn, Herr Krawalla. Wenn man keine Zähne im Maul hat, kann man damit nich klappern. Ich bin nich ihre Bank. Dat Revier iss ne Katastrophe. Ihre Hochsitze gehören alle abgerissen. Eigentlich müssten Se mir die Fahrtkosten erstatten. Waidmannsheil!“ Der Kerl saß da wie en Holzklotz und peilte doof ausse Wäsche.
Dat zweite Eifel-Revier lag direkt aufem Heimweg. Landschaftlich war dat wirklich schön. Die Einrichtungen sahen auch sehr gepflegt aus. Dat Revier gefiel mir. Als ich aber hörte, dat dort fünf! Mitpächter eingetragen waren, war Schicht. Ich fragte den Mann: „Hörn Se ma, Herr Schrappsack, haben Se nich schon genug Esel inne Jagd am äsen?“ Der Jagdpächter fühlte sich auch noch auf’n Schlips getreten und schmiss mich raus.
Enttäuscht fuhr ich heim und dachte: Beschiss und Geldschneiderei auffe ganzen Linie. So platzen Jagdträume!

Klar, mit dieser jagdlichen Ausbeute konnte ich Berta nich imponieren. Sie motzte rum und machte mir weiter die Hölle heiß.
Eine Woche später, Sie werden et nich glauben, kriegte ich Post aus meiner alten Jagd in Bassenhausen. Ich riss den Umschlag auf und verschlang dat Anschreiben. Et kam vom 1. Vorsitzenden, dem Schweinejupp. Donnerwetter. Ich glaube, dat war sogar fehlerfrei geschrieben. Na ja, bei so vielen Lehrern im Dorf!
Wollen Se ma lesen?

„Lieber Willi,

wie der Jagdvorstand erfuhr, bist Du immer noch an unserer schönen Jagd in Bassenhausen interessiert.
Das Dorf gehört nicht zu den reichsten im Landkreis und ist auf die Jagdpacht, die bei uns übrigens die höchste Einnahmequelle darstellt, angewiesen. Ich musste versuchen, für die Gemeinde das Beste herauszuholen. Dies ist mir leider nicht gelungen.
Nach monatelangen Beratungen sind wir uns gestern einig geworden, die Jagd an Dich zu verpachten. Auch in Hinblick auf die Jagdhütte und die vielen jagdlichen Einrichtungen ist unsere Entscheidung sicherlich für alle Seiten sinnvoll.

Du musst unser Zögern bitte verstehen. Wir Jagdgenossen haben nichts gegen Dich persönlich.
Wir würden uns freuen, wenn Du, Deine liebe Berta und der Jagdaufseher Uli die Jagd weiterführen würden.
Der enorme Wildschaden, der in der jagdlosen Zeit eingetreten ist, beläuft sich nach Schätzung eines vereidigten Sachverständigen auf achttausend Euro. Dieser Betrag wird von der Jagdgenossenschaft selbstverständlich übernommen.
Wir haben den Pachtvertrag modifiziert und diesem Schreiben beigefügt. Bitte unterschreib ihn und schick ihn umgehend zurück.

Herzliche Grüße und Waidmannsheil
Josef Güllemann
1. Vorsitzender Jagdgenossenschaft Bassenhausen

Anlage
1 Jagdpachtvertrag“


„Beertaaa!“, schrie ich triumphierend durch dat Haus. „Komm schnell zu Papa, frohe Botschaft!“ Unser Hund kam zuerst angerannt, er wedelte vergnügt mit der Rute. Ahnte dat Tier wat?
„Willi, wat iss passiert? Hasse sechs Richtige?“
„Nee, Bertaken, viel wat Wertvolleret haben wir soeben gewonnen! Ich hab schon nich mehr dran geglaubt.“
„Willi, spann mich nich auffe Folter, sach endlich, wat los iss!“
„Berta, geh Kerzen stiften, wir haben gesiegt, wir kriegen die Jagd in Bassenhausen – und dat zu meinen Bedingungen. Hier kuck ma in den Brief rein. Dat iss dem Juppes bestimmt nich leicht gefallen, dem iss en dicken Klunker ausse Krone gefalln. Wahrscheinlich hat er schwer Druck vom Gemeinderat und den anderen Jagdgenossen gekriegt – von wegen Wildschaden und fehlender Jagdpacht und so.
Ja, Berta, da leuchten Deine hübschen Augen, man muss nur Ausdauer bei die Vögel haben. Endlich haben se mein großzügiget Angebot geschnallt.“

Ich nahm den Vertrag und unterschrieb ihn. Rein in den Umschlag, Spucke auffe Briefmarke und zugeklebt.
„Willi, mein Schatz, Du hass mich ja überhaupt noch nich kucken lassen, wat se Dir da im Pachtvertag „modirazifiziert“ haben. Vielleicht sind da so kleingedruckte Klauseln drin wie bei die Versicherungsbedingungen. Lern mir nich die Bauern kennen. Lass mich vorsichtshalber noch ma reinäugen.“ Ich starrte sie ungläubig an. „Berta, der Brief iss schon zu!“
Sie ließ nich locker. Sie riss den Umschlag auf, nahm den Pachtvertrag raus und las. Berta wechselte die Gesichtsfarbe ständig von Blass in Rot.
Mir schwante Fürchterlichet.
Dann fuhr sie mich frontal an: „Willi, biss Du eigentlich so blöd oder tusse nur so? Hasse nich gesehn, wat da oben fürn Pachtpreis steht? Und dass die Lumpen nur den Wildschadenersatz für den Dachs gestrichen haben?“
„Nee, Berta, dat glaub ich nich, Du willz mich veräppeln. Gib ma den Wisch her.“
Tatsächlich, meine Berta hatte Recht. Leider. Ich zerriss den Vertrag und warf ihn wutschnaubend in den Papierkorb. Ich stand da wie son angeschmierten Halbaffe.
Bäh, wat waren dat für fiese Zeitgenossen. Man sollte da wirklich keinem Menschen trauen. Haben die Halunken mit ihrer Bauernschläue etwa geglaubt, wenn se son salbungsvollet Anschreiben schickten, dann würde Willi Püttmann den Vertrag erst gar nich mehr durchlesen und ihn blindlings unterschreiben? Natürlich haben se dat! Und ich Döskopp fall auch prompt auf diesen miesen Trick rein!
Berta war mächtig am Schäumen. Nich nur wegen der unverschämten Jagdgenossen. Nee, ich kriegte en Einlauf, der war nich von schlechten Eltern! Die zog vom Leder, wat dat Zeug hielt: „Wenn Du mich nich hättes, wärsse schon zehnmal pleite. So ein Mann schimpft sich auch noch ‚selbständigen Handwerksmeister’! Meine Mutter wusste damals schon, dat kaufmännisch nix mit Dir los war. Ich würde mit Dir noch ma im Armenhaus landen, warnte se mich noch ein Tach vor unserer Ehe.“
Berta zog ihren Mantel an, nahm den Autoschlüssel vom Reck und verabschiedete sich mit den Worten: „Ich halt dat hier nich mehr aus. Ich fahr zu meiner Schwester.“ Ich schrie hinterher:
„Ja, hau ruhig ab, geh auffe Suche nach Frieden, den wiersse allerdings bei Deiner streitsüchtigen Schwester auch nich finden!“ Weg war se.

Ich weiß nich, ob Sie solche ehelichen Situationen kennen. Woran liegt dat ewige Zänkische bei den Weibern? Ich weiß et nich, ich weiß et wirklich nich.
Ich fühlte mich nach Bertas Rüffel wie son Ochse auffe Weide vonne Abdeckerei.
Verdammt und zugenäht. Ja, ich hatte kapitalen Bockmist gebaut. Ich hätte ja fast meine Existenz gefährdet – mich mit dem Vertrag in den Ruin getrieben. Ich holte mir ne Flasche Bier, setzte mich am Schreibtisch dran und antwortete der Jagdgenossenschaft mit nem gewaltig geschwollenen Kamm. Ich dachte, et iss besser, en eckiget Etwat als en rundet Nix zu sein.

„Liebe Jagdgenossenschaft,

es ist mir eine Ehre und Freude, dass Ihr nach monatelangem Kampf und erheblichen Wildschäden doch endlich mein großzügiges Angebot akzeptieren wollt.
Euch sind im Vertrag leider einige böse „Schreibfehler“ unterlaufen. Schaut Euch noch mal genau die eingetragenen Zahlen an. Mein altes Angebot steht noch eine Woche. Sollten die „Schreibfehler“ bis dahin nicht ausgebügelt sein, biete ich nur noch die Hälfte vom alten Pachtpreise oder sucht Euch einen anderen Blödmann. Merke:
Man sollte niemanden den Teppich vonne Füße ziehn, wenn man selbst drauf steht. Man fällt dabei leicht auf die Schnauze!

Ich erwarte umgehend einen Vertrag mit den Konditionen meines Vorgängers und eine Laufzeitverlängerung von neun Jahren.

Mit Waidmannsheil
Willi Püttmann“


Ich rief den Jagdhüter und dat Else, die Lebensgefährtin vom verstorbenen Jagdpächter, an und berichtete von der neuen Entwicklung.
Die waren nich ma überrascht. Sie hatten im Dorf schon wat läuten gehört und waren natürlich stinkig über dat miese Verhalten von den Schrapphälsen.
Dat Else war froh. Wat sach ich? Froh? Die war ja so wat von glücklich, dat se endlich ma wieder wat von mir hören tat. Die war richtig aufgekratzt. „Willi“, sachte se, „schön, dass ich Deine Stimme mal wieder hören darf. Das ist ja mal ein Lichtblick für uns. Ich werde den Jagdvorstand und den Gemeinderat gleich anrufen. Hoffentlich kann ich bei den Betonköpfen etwas für Dich bewirken. Es wäre doch schade, wenn wir uns aus den Augen verlieren würden, nicht wahr, mein lieber Willi?“
Sie flirtete sehr verdächtig. Hatte ich denn bei ihr son tollen Eindruck hinterlassen? Hing dat mit meiner ausdrucksstarken Rede am Grab ihres Lebensgefährten oder meine männliche Aurora zusammen, also mit die Ausstrahlung? Und während sie mir weitere Schmeicheleien inne Lauscher flötete, dachte ich: Willi, et gibt vielleicht doch noch Weiber auffe großen weiten Welt, die deine Qualitäten richtig zu würdigen wissen.
„Ja, Else, wat Du sagen tus, dat wär wirklich traurig, wenn wir uns nicht wiedersehn würden. Wenn allet klappt, hätten wir auch nich dat Gedöns mit dem Verkauf am Hals. Else, ich hab Dich auch schon vermisst.“
Leck mich inne Täsch, dat hätt ich nich sagen dürfen! War ich denn von allen guten Geistern verlassen? Die Braut hatte ja förmlich auf diesen Satz gelauert! „Du hasst mich vermisst, liebster Willi?“
Ich zog schnell die Notbremse. „Else, dat Berta iss gerade gekommen, ich muss Schluss machen, ich ruf Dich die Tage an und berichte, wat Ambach mit die Jagd iss. Waidmannsheil, Else.“





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Wolfgang M. A. Bessel
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