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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Bauernsöhne im Queer Cinema
Eingestellt am 24. 02. 2018 23:05


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Arno Abendschön
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Inzwischen gibt es so viele Beispiele, dass man von einem Trend sprechen kann: Das Queer Cinema geht aufs Land, siedelt seine Geschichten unter Bauern an. Das begann zögernd um die Jahrtausendwende und hat sich im laufenden Jahrzehnt deutlich verstärkt. Auch international längst renommierte Filmemacher beteiligen sich: Ang Lee, André Téchiné, Xavier Dolan. Ist es eine Art Exotismus, ist man der bisherigen Schauplätze müde? Dabei spielt sich offen schwules Leben nach wie vor überwiegend in urbaner, vor allem metropolitaner Umgebung ab. Dorthin zieht es jede neue Generation Gleichgeschlechtlicher, allein schon aus Gründen der Partnerwahl. Um diese seltsam erscheinende Gegenbewegung eines Teils der Filmkultur verstehen zu können, wollen wir eine Reihe von Filmen auf ihnen gemeinsame Elemente hin untersuchen. Achten wir vor allem auf die Stellung der Helden innerhalb des ruralen Milieus. Wie sind die familiären Verhältnisse dargestellt, was erfahren wir über ökonomische Zusammenhänge?

Ein frühes Beispiel ist „Red Dirt“ von Tag Purvis (USA 2000). Der junge Griffith ist Waise, seine Eltern sind bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Es kann sich auch um Suizid gehandelt haben. Großgezogen hat ihn eine Tante - tatsächlich ist sie seine leibliche Mutter, wie sich dann herausstellt. Sie ist Neurotikerin und ihr droht Unterbringung in der Psychiatrie. Wie die Farm in Mississippi bewirtschaftet wird, interessiert den Film kaum. Ein gewisser Wohlstand scheint vorhanden. Griffith langweilt sich auf dem Land, hat aber nicht die Kraft, es zu verlassen. Zu stark bleibt auch nach seinem Coming-out die Bindung an die Mutter und die gewohnte Umgebung. Dagegen verlässt seine Kusine, die ihn heiraten wollte, von ihm enttäuscht die Heimat.

Auch Ennis in „Brokeback Mountain“ von Ang Lee (USA 2005) hat seine Eltern bei einem Autounfall verloren. Seine materielle Lage ist von Anfang an miserabel und bleibt es bis zum Schluss des Films: die elterliche Ranch mit Hypotheken überlastet, keine ausreichende Schulbildung, hartes Dasein als abhängiger Rancharbeiter, frühe und unüberlegte Heirat, Scheidung mit drückender Alimentenzahlung. Sein Gefühlsleben ist ebenfalls anhaltend defizitär. Allein der Kontakt zu seinen Töchtern mildert die am Ende sich abzeichnende Alterseinsamkeit.

In Benjamin Cantus „Stadt, Land, Fluss“ (Deutschland 2011) finden wir erneut desolate Familienverhältnisse vor. Markos Vater hat die Familie verlassen, der Mutter wurde als Alkoholikerin das Sorgerecht entzogen. Marko lebt in einer WG und lernt Landwirt. Schauplatz ist ein Dorf in Brandenburg. Gedreht wurde auf dem Gelände einer realen landwirtschaftlichen Genossenschaft, die in die Handlung einbezogen ist. Deren Verhältnisse erscheinen solide. Dennoch wird resigniert festgestellt, dass das Bearbeiten des Bodens weniger lukrativ sei als die Geschäfte der Banken im Hintergrund. Marko findet innerhalb der Genossenschaft einen Partner.

„Sleepless Knights“ von Stefan Butzmühlen und Christina Diz (Deutschland 2012) spielt in der spanischen Provinz. Die Wirtschaftskrise hat Carlos von Madrid vorübergehend in die karge Extremadura heimkehren lassen. Seine Familie lebt dort kleinbäuerlich bescheiden, doch auskömmlich von Schafzucht. Der Vater leidet zunehmend an Demenz. Leichte innerfamiliäre Spannungen erklären sich aus gelegentlich vorkommender Rivalität zwischen Geschwistern. Carlos nimmt eine Beziehung zu einem ins Dorf versetzten jungen Polizisten auf.

Kleinbäuerlich trist geht es in Nanouk Leopolds Romanverfilmung „Oben ist es still“ (Niederlande 2013) zu. Ein alternder schwuler Sohn lebt allein mit seinem sehr alten Vater, pflegt ihn zu Tode, ist beziehungsunfähig an den Hof gefesselt, von dem er weiß, dass er keine Zukunft haben wird. Die Utopie eines wirklichen Ausbruchs ist seit Jahrzehnten begraben.

Ein kleines Dorf in Masuren hat die Regisseurin Szumowska als Schauplatz für ihr Drama „Im Namen des …“ (Polen 2013) gewählt. Ein Priester verliebt sich in den Bauernsohn Lukasz. Auch dessen Herkunft weist das uns schon bekannte Muster auf: der Vater tot, ein Bruder geistig behindert, der Hof eine dürftige Klitsche. Während der Weg des Pfarrers in Depression und Stagnation führt, schafft Lukasz einen etwas pikanten sozialen Aufstieg, nämlich aufs Priesterseminar.

In Xavier Dolans „Sag nicht, wer du bist“ (Kanada 2013) ist der schwule Bauernsohn schon tot, sein überlebender Partner lernt erst bei dessen Beerdigung die Familie und deren sozial isolierte Lage im Dorf kennen. Die Kamera zeigt ringsum verlassene, zum Verkauf stehende Anwesen. Der Bruder des Toten bewirtschaftet mit Mühe die ansehnliche Farm allein. Sein Verhältnis zur verwitweten Mutter ist ambivalent, das zu Sexualität problematisch, zwei wesentliche Quellen seiner großen Aggressivität. Der Besucher aus Montreal befreit sich durch Flucht aus seiner Verstrickung dort und lässt zwei Gescheiterte allein zurück.

André Téchiné bezieht in „Mit siebzehn“ (Frankreich 2016) einen traditionellen Pyrenäen-Bergbauernhof und eine hypermoderne Milchviehhaltung im Gebirgsvorland als Nebenschauplätze ein, übt diskret Kritik an der Entwicklung von Landwirtschaft zu Agrarindustrie. Die Bäuerin auf dem alten Hof hatte lange nur Fehlgeburten, das Ehepaar hat daher Thomas, der halbafrikanischer Herkunft ist, an Kindes statt angenommen. Thomas erlebt sehr verunsichert während einer nun doch gelingenden Schwangerschaft der Adoptivmutter sein eigenes Coming-out. Der Film endet verheißungsvoll offen.

Fassen wir zusammen: Die acht vorgestellten Filme weisen auffallend viele Brüche und Traumata im Familienleben auf, von denen die meisten nichts mit Homosexualität von
Söhnen zu tun haben: Krankheiten, Unfälle, vorzeitiger Tod usw. In fast allen Filmen spielen Strukturprobleme und -wandel auf dem Land eine zumindest deutlich wahrnehmbare Rolle. Wie steht es demgegenüber mit Elementen von Homophobie oder sonstiger Ablehnung der sexuellen Differenz? Diese kommen zwar gelegentlich vor, spielen aber eine geringere Rolle als man hätte erwarten können. Dabei erweckt das publizistische Echo auf solche Filme oft den Eindruck, hier ginge es primär um die Ausweitung der Kampfzone aufs Land – Kampf um Gleichberechtigung bis in den hintersten Winkel. Die realen Filmstoffe entsprechen dieser Einordnung jedoch nicht. Es gibt auf ihren ländlichen Schauplätzen Homophobie und allgemeine Ablehnung eher seltener und wenn, dann meist verhaltener, maskierter als im städtischen Milieu. (Die Ausnahme „Brokeback Mountain“ ist ein schon historischer Stoff, Jahrzehnte vor unserer Gegenwart angesiedelt.)

Was also sind die Motive für diesen Drang der Filmemacher, ein traditionell urbanes Thema in ländlicher Umgebung neu zu interpretieren? Das klassische Coming-out-Drama wird abgelöst durch sozial und psychologisch breiter fundierte Drehbücher. Der Gesichtskreis hat sich erweitert. Zwei randständige Milieus amalgamieren – haben wir es mit einer Art Regenbogenkoalition auf filmästhetischem Gebiet zu tun? Eher nicht, denn das ländliche Sozialdrama kommt seit langem als solches gut allein zurecht. Doch der Schwulenfilm profitiert schon vom Bühnenwechsel. Er setzt seine Figuren in neuer Beleuchtung in Szene. Mit der Viehzucht auf den Höfen kommt Kreatürliches – Geburt und Tod – stärker ins Blickfeld von Individuen, deren Schicksal es gewöhnlich ist, kein biologisches Leben via Reproduktion weiterzugeben. Zudem sind sie auf dem dünn besiedelten Land ohnehin seltene Exemplare, zwangsläufig viel exotischer wirkend als in den Szenevierteln der Metropolen. Das homosexuelle Individuum grenzt sich so stärker ab, gewinnt auf dem Land an unverwechselbarer Identität zurück, was es in der Gesamtgesellschaft im Zuge an sich begrüßenswerter Entwicklungen an Besonderheit eingebüßt hat.

Es ist kein Zufall, dass diese Kinofilmsparte nun eine Ausweichbewegung macht, zeitlich parallel zur fortschreitenden Angleichung des rechtlichen Status ihres Publikums. Kunst meidet Trivialität, das bloß Selbstverständliche, das nur noch als normal Anerkannte. Leicht überspitzt formuliert: Die Ehe für alle kommt und der anspruchsvolle Schwulenfilm zieht sich aufs Dorf oder die Farm zurück. Dort, in einer vormodernen Welt, sucht und erlebt er eine Wiederaufladung mit Bedeutung. Zum klarsten Ausdruck dieser Tendenz findet Dolans Film, wohl der ästhetisch kraftvollste in der Reihe. Sein Tom, ein Werbefuzzi aus Montreal, ist überwältigt von einer blutigen Kalbsgeburt wie später von einem Tierkadaver. Er weigert sich lange, sich in Sicherheit zu bringen, denn er glaubt, er habe das nun gefunden: das wahre, authentische Leben.

Nachtrag: In diese Reihe gehören auch „Sturmland“ (Ungarn 2014) und „God’s Own Country“ (Großbritannien 2017), die noch gesondert rezensiert werden.

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