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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Baumgeschichten
Eingestellt am 21. 12. 2001 04:45


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AaronCaelis
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Aurora Borealis
2000.01.11, geschrieben innerhalb von 3 Stunden


Du stehst auf der Lichtung. Eigentlich ist es gar keine Lichtung, mehr eine gr√∂√üere freie Fl√§che. Du denkst, im Sommer k√∂nnte das eine sch√∂ne gro√üe Wiese sein, mit vielf√§ltiger Bl√ľtenpracht, sogar hier, so weit im Norden. Du atmest flach, denn jeder tiefe Atemzug schmerzt. Du atmest ein und du f√ľhlst die stechende K√§lte in deiner Brust. Du atmest aus und siehst, wie die Feuchtigkeit der ausgeatmeten Luft zu Reif wird. Du musst die Augen senken um es zu sehen, so schnell geschieht das. Du l√§sst die K√§lte deine Lunge f√ľllen und bl√§st die Luft kraftvoll aus. Wie eine Wolke Wasserdampf sieht das aus, doch es ist schnell wieder vorbei. Du denkst an eine hei√üe, dampfende Tasse Tee... Ach, wie sehr √§hneln sich doch die Zust√§nde! Der eine aus Hitze, der andere aus K√§lte geboren. Du hast den Eindruck, du w√§rest in Gedanken etwas sehr Wichtigem ganz nahe gekommen, aber schon ist der Moment vorbei, die Idee verfl√ľchtigt, wie die W√§rme deines Atems.

Du stehst auf der Lichtung. Schneeschuhe w√§ren gut, denkst du, aber sie w√ľrden nicht sehr n√ľtzlich sein, der Neuschnee ist locker, noch hat er sich nicht gesetzt. Er ist fast wie Pulver, ganz fein und trocken. Kleine Schneeflocken und nicht so nass wie die zu Hause. Flockig und leicht sieht die Schneedecke aus, doch birgt sie t√∂dliche Gefahr, du wei√üt es, denn du hast es erlebt. Aber das ist schon so lange her... Egal, die Naturgesetze d√ľrften sich mittlerweile nicht ge√§ndert haben, nur deine Erinnerungen vielleicht, die sind verblasst. Nun, du hast auch ohne Schneeschuhe die Lichtung leicht erreicht. Obwohl, so leicht war es nicht, denn der Schnee ist tief. Einen halben Meter vielleicht, oder auch mehr. Du bist das Laufen auf Schnee nicht gewohnt, jetzt hast du sogar den Beweis daf√ľr. Dir ist hei√ü, aber du widerstehst dem Drang, deine dicke Pelzjacke zu √∂ffnen. Du wei√üt sehr wohl, was Unterk√ľhlung ist...

Du stehst auf der Lichtung und das Tuch, das du vor deinen Mund getan hast, ist nass. Aber nur innen, au√üen ist es Eis. Ja, es ist sehr kalt. Vorhin ist ein Schwei√ütropfen, der sich unter deiner M√ľtze hervorgewagt hat, auf deiner Stirn gefroren. Das war ganz eigenartig und du hast gesp√ľrt, wie es geschah. Das war fast so, als wenn deine nasse Haut trocknet. Wie das klingt! denkst du am√ľsiert und kurz erinnerst du dich an die Geschichte mit dem K√ľrschner, die du als Kind einmal gelesen hattest. Du blickst zur√ľck auf deine Spur im Schnee. Sie f√ľhrt aus dem Wald heraus, bis hierher. Keine besonders sch√∂ne oder regelm√§√üige Spur, aber das ist dir nicht so wichtig. Du bist hier, das alleine z√§hlt. Du blickst wieder nach vorne und freust dich auf das kommende Ereignis.

Du stehst auf der Lichtung und wartest. Wie lange es wohl noch dauern wird? fragst du dich. Ja ja, Ungeduld war schon immer ein Problem und nicht nur deines. Du vertreibst dir die Zeit und betrachtest den Wald, der dich umgibt. Er besteht aus Nadelb√§umen, aber du wei√üt nicht, was f√ľr eine Sorte B√§ume das ist. Fichten vielleicht, oder Tannen? Nordlandtannen, so wie dein allj√§hrlicher Tannenbaum. Aber der ist im Vergleich zu diesen B√§umen geradezu winzig. Du kannst H√∂hen √ľber drei Metern nicht so gut sch√§tzen, aber du denkst, diese B√§ume sind bestimmt zehn Meter hoch, h√∂chstwahrscheinlich noch h√∂her. Zwanzig Meter vielleicht? Es bleibt beim Raten und so wichtig ist es nun auch wieder nicht, denkst du schon wieder. Du betrachtest die B√§ume, ihre m√§chtigen, kerzengeraden St√§mme, ihre √Ąste, stark gebeugt von der Schneelast. Den ganzen Weg hierher hast du bef√ľrchtet, der Schnee k√∂nnte von einem der B√§ume fallen und dich unter sich begraben. Aber nichts dergleichen ist geschehen. Du bist unter dem drohenden Wei√ü vorbeigestapft und nicht ein einziges mal rieselte Schnee auf dich herab. Der Wind ist auf meiner Seite, denkst du, denn er ist heute Abend nicht da. Du kannst dir denken, was der Wind mit diesen Zweigen und √Ąsten so alles anstellen k√∂nnte, wenn er sich blicken lie√üe, und mit dem Schnee darauf. Und du wei√üt genau, was ein kalter scharfer Wind bedeutet. Damals, auf dem Schiff, da war es gar nicht so kalt, aber der Wind! Der Wind... Oben in den Bergen ist es genauso, aber daran m√∂chtest du jetzt lieber nicht denken. Eigentlich mag ich den Wind, denkst du, aber ich bin froh, dass er heute zu Hause geblieben ist. Es gibt sehr wenig kleine B√§ume hier, bemerkst du und nur wenig Unterholz. Ob dies wohl eine angelegte Monokultur ist? Davon wei√üt du nichts, aber du kannst dir denken, dass die Arbeit hier wohl sehr hart sein muss.

Du stehst auf der Lichtung und l√§sst deine Gedanken schweifen. Du betrachtest den Himmel, siehst die unz√§hligen Sterne. In der Stadt hat man diesen Anblick nicht, auch nicht an klaren Tagen... Die Zeit vergeht und du wartest auf das Ereignis. Trotz der guten Isolierung f√ľhlst du, dass du langsam abzuk√ľhlen beginnst. Schon werden deine F√ľ√üe kalt und dein Gesicht scheint bar jeden Gef√ľhls zu sein. Aber noch geht es und du wartest, weitgehend reglos dastehend, wie schon die ganze Zeit davor. Wie es wohl sein mag? Du hast schon viel von dem Ereignis geh√∂rt und es auch im Fernsehen schon gesehen, aber erlebt hast du es noch nicht. Du freust dich und langsam d√§mmert dir, dass du vielleicht besser getan h√§ttest, jemanden mitzunehmen, um deine Freude zu teilen. Aber du wolltest es ja allein f√ľr dich erleben und so stehst du jetzt auch alleine hier. Du atmest tief ein und seufzt und das Stechen in deiner Brust erinnert dich wieder an die K√§lte.

Du stehst auf der Lichtung und pl√∂tzlich wird dir bewusst, wie leise es hier ist. Nein, leise ist nicht das richtige Wort. Absolute, totale Stille, das ist es! Du strengst auf einmal dein Geh√∂r an, versuchst ein Ger√§usch auszumachen, etwas herauszufiltern, einen vertrauten Laut zu vernehmen. Nichts. So etwas hast du noch nie erlebt. Dein ganzes Leben warst du von einem nie nachlassenden L√§rmpegel umgeben, von anderen Menschen und vielf√§ltigen Ger√§uschen. Du hast gelernt sie zu ignorieren, die Ger√§usche und die Menschen auch. Doch hier n√ľtzen dir deine Filter gar nichts. Du l√§sst sie fallen, pl√∂tzlich sind sie weg, so, als w√§ren sie nie dagewesen. Und dann h√∂rst du es! Auf einmal ist die Lautlosigkeit ‚Äěan‚Äú, sie umfasst dich, sie durchdringt jede Faser deines Seins, sie ist in dir, sie umgibt dich, omnipr√§sent und absolut. Du bist √ľberw√§ltigt. Einem solchen Ansturm zu widerstehen, das hast du nie gelernt. Panik kommt in dir auf, du bekommst Angst, wie selten zuvor in deinem Leben, du willst weg, fort, weg, nach Hause, weg, weg, weg!!! Das ist schlimmer als die Finsternis, schlimmer als K√§lte, schlimmer als Hunger, schlimmer als... Da! Ein Ger√§usch! Oder nicht? Nein! Doch! Da war es noch einmal! Und wieder! Und wieder! Was ist das, wo kommt das her; ein Pochen? Ja, ein rhythmisches Pochen: To-tak, to-tak, to-tak, to-tak... Du bist nicht allein, das Gef√ľhl der Ohnmacht weicht von dir, noch bevor du dir deines Zustands so richtig bewusst geworden bist. Deine Sinne funktionieren wieder, wie du es gewohnt bist und langsam denkst du wieder klar. To-tak, to-tak, to-tak, dein Herz schl√§gt noch schnell; vorhin hat es gerast und dein Blut rauscht in deinen Ohren. Du ziehst den rechten Handschuh aus und betastest dein Gesicht. Es ist hei√ü, es gl√ľht. Und du sp√ľrst, wie dir der Schwei√ü den R√ľcken herunterl√§uft, ganz langsam die Wirbels√§ule entlang. Es ist √ľberstanden!, denkst du, w√§hrend du umst√§ndlich den Handschuh wieder anziehst. Es f√§llt dir auf, dass du die ganze Zeit √ľber kein Wort gesagt hast und sogar in den Augenblicken des Schreckens hast du keinen Schrei ausgesto√üen. Du verstehst das nicht, aber das ist schon in Ordnung so, denkst du. Du h√∂rst-f√ľhlst nun dein Herz nicht mehr schlagen und es ist so still wie zuvor. Aber das macht dir jetzt nichts mehr aus, du hast es √ľberstanden. Andachtsvoll lauscht du den Lauten der Stille und sie klingen wunderbar in deinen Ohren. Jetzt wei√üt du, wieso du alleine hierher gekommen bist. Langsam erfasst dich ein Gef√ľhl der tiefsten Zufriedenheit. Es ist nicht das Gef√ľhl des Gl√ľcklich-Seins, es geht viel weiter, dar√ľber hinaus. Und tiefer. Und du stehst nur da und l√§chelst. Du bist satt, voll, befriedigt, nichts begehrst du mehr, was du nicht schon hast und es ist GUT.
Du stehst auf der Lichtung und du blickst nach vorne, √ľber die B√§ume hinweg. Aber nur kurz, obwohl nun zu sehen ist, worauf du die ganze Zeit gewartet hast: Das Ereignis ist endlich eingetreten. Doch du drehst dich um und du gehst zum Waldrand und blickst nicht zur√ľck.

EPILOG
An der H√ľtte angekommen warten sie schon gespannt auf dich. ‚ÄěUnd, hast du es gesehen?‚Äú, ‚ÄěWie war es?‚Äú, ‚ÄěHast du es gefilmt?‚Äú best√ľrmen sie dich. Du blickst auf und schaust sie der Reihe nach an. Und dann l√§chelst du.

Und am Firmament, weit oben im Norden, √ľber dem m√§chtigen Nadelwald, da erstrahlt in den herrlichsten Farben die Aurora Borealis.


__________________
What a man thinks - really thinks - goes down into him and grows in silence.
What a man writes in books are the thoughts that he wishes to be thought to think.

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