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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Beam you up, Baby?
Eingestellt am 01. 05. 2006 09:03


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sabiko
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Heutzutage kann man alles digitalisieren. Aber wussten Sie schon, dass das sogar mit Eltern und Kindern geht?

Und das ist genau das, was mich von anderen Müttern unterscheidet: Ich bin eine stolze Digital-Mama, während eine Vielzahl anderer Mütter zur altmodischen weil analogen "Ich trage mein Baby im Portemonnaie mit mir herum" - Fraktion gehören. Ich hingegen liebe mein Datastick-Baby und habe ihm sogar einen ganzen Dateiordner gewidmet. Und der Ordner wiederum hat viele Unterkapitel: Baby im Kinderwagen, Baby im Schnee, Baby im Frühling, Baby unterm Weihnachtsbaum, Kleinkind zu Ostern...

Die moderne Digital-Mama hat den analogen "Photo im Portemonnaie" - Müttern eine ganze Ecke voraus. Sie verfügt nicht nur über ein Mehr an Informationen, sondern - so sie eine hippe Digital-Mama ist - ihre Informationen sind noch dazu viel aktueller! Sogar kleine Filmchen erlaubt mein Datastick-Baby. Was macht es da schon, dass meine Daten nicht jederzeit abrufbar sind. Wo heutzutage doch überall dort, wo man sein Baby normalerweise zu zeigen wünscht, irgendwo auch ein Laptop herumsteht. An der Kasse im Supermarkt werde ich jedenfalls um ganz andere Sachen gebeten, als ein Photo meines Nachkömmlings zu zeigen. Kurz vor einer Besprechung von frisch eingeflogenen Kollegen im Büro, da macht sich aber erfahrungsgemäß so ein Datastick-Baby sehr gut: "Beam you up, Baby!"

So eine schicke Digital-Mama ist nahezu ideal fürs Kind: Mit der modernern Technik vertraut und stets auf dem neuesten Stand der Dinge. Sogar bei Erziehungsproblemen versteht sie sich über Internet und Email auszutauschen ... Jetzt gerade sitze ich allerdings an meinem PC und schaue nachdenklich auf das Photo des Nachwuchses einer Kollegin. Sie hat dessen Abbild extra für mich per Scanner digitalisiert, um es mir zumailen zu können. Ein niedliches Bild, leicht geknickt und angegraut, so wie sie es halt ihrem Portemonnaie entnommen hatte.

Meine Babybilder sehen nie so aus: Sie strahlen und blitzen. Und manchmal werden sie künstlerisch per Paint, Photoeditor oder Powerpoint zu extravaganten Weihnachts- oder Geburtstagskarten verwandelt. Und danach? Danach speichert und schließt Mama die Datei, verstaut das Kind im Datastick und wendet sich dem Arbeits-Alltag zu. Meine Kollegin aber, die stolpert immer wieder über den Nachwuchs: Wenn sie in der Kantine oder im Supermarkt zahlt. Wenn sie Visitenkarten zückt, Kontoauszüge druckt oder Geld abhebt. Na, eben immer dann, wenn Otto-Normalverbraucher das Portemonnaie zückt. Und das ist verdammt häufig am Tag.

Wäre Freud noch am Leben, so hätte er sich nach der Traumanalyse garantiert die Analyse des Digitalisierungsverhaltens seiner Mitmenschen vorgenommen. Und ich kann ihn fast hören, wie er vor großem Publikum seine neuesten Ergebnisse bekannt gibt:

"1. Digital-Mama: Pflegt den Nachwuchs zu digitalisieren. Ein freudsches "Beam you up, Baby" - Phänomen, das den geheimen Wunsch preis gibt, das Kind je nach Lust und Laune (seiner oder die der Mama) her- oder auch wegbeamen zu können. Allem Anschein nach ein Produkt der Tamagochi-Generation.
2. Analog-Mama: Handfeste Mutter mit Babyphoto im Gepäck, erdverbundenen. Stellt sich dem Leben, der Realität und dem Kind tatkräftig und beherzt. "

Und was würde er über die Kinder der Digital-Mütter vermelden, wenn er mit letzteren erst einmal fertig ist? Hängen den ganzen Tag passiv auf dem Sofa und daddeln am PC? Beamen später ihre Eltern dahin, wo der Pfeffer wächst?

Meine Hand wandert zur Maus, zur digitalen. Klick "Datei öffnen", Klick "Drucken, Farbe bitte". Nachdem der Drucker rattert, beginnt meine Hand zu zittern, denn nun fährt sie die Maus, die digitale, auf "Alles markieren" und "Datei löschen". Mir ist, als würde ich mein Baby löschen. Aber dafür gewinne ich ja die Gelegenheit, eine tatkräftige Alltags- und Photo-Mama zu werden, um den Nachwuchs vor digitaler Passivität zu bewahren.

Davor muss ich allerdings noch kurz ein größeres Portemonnaie erwerben, in welchem ich nun all die Photos unterbringen kann: "Baby im Kinderwagen, Baby im Schnee, Baby im Frühling, Baby unter dem Weihnachtsbaum, Kleinkind zu Ostern..."

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jon
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… eine Digital-Mama, die Foto noch mit ph schreibt? Das ist ein ausgewachsener Anachronismus.
Das "Beam you up, Baby" ist so markant, dass ich es, als es nach Titel und Data-Stick-Einsatz im Freud-Absatz zum dritten Mal auftauchte, als penetrant empfand. Eleganter fände ich, wenn es nur „freudsches Phänomen" hieße und der Bezug nur über das Verb „beamen“ hergestellt würde.
Aber ansonsten: Gut! Gefällt mir. Interessante Gedanken …
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Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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sabiko
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Hallo Jon, danke fĂĽr den Tipp, denn ich war der Ansicht, dass ich das "Beam you up" sozusagen als Klammer noch einmal am Ende des Textes einfĂĽgen mĂĽsse... Es ist fĂĽr mich immer eine schwierige Geschichte, zu entscheiden, wann Elemente des Textes wiederholt werden sollten und wann nicht... Und Labern ist doch sowieso mein Leben....
Liebe GrĂĽĂźe
Sabiko
die sich das Ph in Foto tatsächlich nicht abgewöhnen kann
:-)

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jon
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Wie man "klammert" ist tatsächlich schwierig und die "jetzt reichts!"-Grenze liegt bei jedem auch anders. Ganz grob würde ich sagen: Je ungewöhnlicher ein Wort, eine Wortverbindung, ein Bild ist, desto sparsamer sollte man damit umgehen. Das ist ein bisschen wie bei der „gefühlten Temperatur“ – obwohl man nur einmal "Beam you up!" sagt, prägt sich das dem Leser so stark ein, als hätte man es schon dreimal verwendet. Klammern solte man da eher mit dem Inhalt und/oder "verwandten Formulierungen". (PS: Im Satire-Bereich kann man den „gefühlt“-Effekt noch verstärken und so eine Formulierung besonders häufig benutzen – aber wirklich nur bei Satire, wo einem das Lachen schon fast wieder vergeht …)
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Alexandra Andrews
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Der Text ist sehr flüssig zu lesen und das "angeschriebene" Problem ist wahrlich gut gewählt.
Denn wenn ich mir die heutige digitalisierte Gesellschaft so ansehe, glaube ich, es geht mit meiner Generation (ich bin 17) wirklich stark abwärts, was auch zum Teil an der globalen Digitalisierung liegt.
Und ehrlich gesagt, wĂĽrde ich die analogen Mamas vermissen. So ein kleines, kompaktes Fotoalbum im Portemonnaie sorgt immer fĂĽr Unterhaltung!
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Es gibt zwei Dinge, die unendlich sind: die menschliche Dummheit und das All. Bei dem Zweiten bin ich mir noch nicht ganz sicher. - A. Einstein

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