Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂĽssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5551
Themen:   95231
Momentan online:
278 Gäste und 8 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Befehlsdosis
Eingestellt am 05. 08. 2013 14:21


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Ralph Ronneberger
Foren-Redakteur
Autor mit eigener TV-Show

Registriert: Oct 2000

Werke: 65
Kommentare: 1405
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Ralph Ronneberger eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Befehlsdosis

„Fukushima, Fukushima – immer nur Fukushima! Ich kann es nicht mehr hören, geschweige denn sehen!“
Mit diesen Worten greift meine Frau zur Fernbedienung und zappt sich so lange durch die Programme, bis sie eine ihrer so geliebten Kochshows gefunden hat.
Ich kann ihr Verhalten nur teilweise nachempfinden. Ein wenig verärgert, erhebe ich mich von der Couch, begebe mich auf den Balkon und zünde mir eine Zigarette an.

Das Bild von den japanischen Feuerwehrleuten will mir nicht aus dem Kopf gehen. Äußerlich gefasst und ohne erkennbare Regung in den Gesichtern, nahmen sie den Befehl entgegen, sich dorthin zu begeben, wo die Kernstrahlung einen Aufenthalt eigentlich verbietet. Als geschulte Leute müssten sie doch wissen, dass ihre feuerroten Schutzanzüge, nur so heißen, aber gar nicht schützen. Was mag in den Köpfen dieser Männer, die im Begriff sind, ihre Gesundheit oder gar ihr Leben zu verlieren, wirklich vorgehen?

Mir ist kalt. Ich hätte eine Jacke überziehen sollen. Damals herrschte brütende Hitze.
Damals?
Wie komme ich plötzlich darauf?
Fast dreißig Jahre ist das her! Ich sehe mich mitten unter meinen Kameraden im Stabszelt sitzen – das Notizbuch auf den Knien. Wir starren auf den großen Tisch, auf dem die topographische Karte ausgebreitet liegt. Es ist stickig in dem Zelt. Draußen sorgt die Nacht bereits für eine leichte Abkühlung. Hier drinnen rinnt uns noch immer der Schweiß über den Rücken, und die Augen tränen vom Zigarettenqualm.
Der Stabschef unseres Pionier-Bataillons ist aufgestanden und tippt mit dem Zeigefinger auf den fetten roten Punkt auf der Karte. Um diese Stelle sind verschiedenfarbige Ringe gezogen. Sie markieren Sektoren unterschiedlicher Strahlungsintensität.
„Ich fasse zusammen! Der Kernschlag hat unter anderem auch die strategisch wichtige Oder-Brücke völlig zerstört. Unsere Aufgabe ist es, eine Behelfsbrücke zu schlagen. Wir haben dafür genau vierundzwanzig Stunden Zeit, dann muss der Nachschub wieder nach Westen rollen.“
Er richtet sich auf und lässt den Blick über seine Offiziere schweifen. Schließlich treffen seine Augen mich.
„Genosse Oberleutnant! Wie lautet Ihr Entschluss?“
Ich springe auf, merke nicht, dass der Hocker hinter mir umkippt. Nervös fummle ich am Koppelschloss herum und überfliege meine Notizen, ehe ich mit dem Vortrag beginne. Als einer der fünf Stellvertreter des Bataillonskommandeurs bin ich für den technisch-organisatorischen Ablauf auf der Brückenbaustelle verantwortlich. Und ich bin neu in dieser Funktion.
Ich wiederhole die Aufgabenstellung, erläutere einige technische Details und teile dann mit, dass eine aus vormontierten Stahlelementen bestehende Brücke zum Einsatz kommen soll.
„Ich benötige dafür lediglich die erste und zweite Kompanie, sowie zwei Züge der Gefechtssicherstellungskompanie und den Ramm-Zug. Der Rest des Bataillons kann in der Reserve verbleiben. Genosse Major – Ausführungen beendet“
Der Stabschef nickt, aber ich bin noch nicht entlassen. Er hat noch Fragen. Unter anderem will er wissen, warum ich mich für die Stahlbrücken-Variante entschieden habe. Die würde erhebliche Transportkapazitäten in Anspruch nehmen.
„Und warum scheidet eine Holzbrücke aus? Wir könnten das Material vor Ort gewinnen. Wozu haben wir drei Sägegatter?“
„Genosse Major, ich befürchte, dass es in einem weiten Umkreis von der Einschlagstelle keine Wälder mehr geben wird.“
Verhaltênes Gelächter in der Runde, bevor es von den wütenden Blicken des Stabschefs erstickt wird. Er lässt meine Antwort unkommentiert, was einem Einverständnis gleich kommt und wendet sich an seinen Stellvertreter für Technik und Ausrüstung.
„Sie stellen unverzüglich das Marschband zusammen und melden mir in einer Stunde Vollzug. Abmarsch – null drei Uhr!“
Während der Angesprochene aufspringt und sein „Ja-wolll, Genosse Major!“ bellt, entsteht unter den betroffenen Kompaniechefs aufgeregtes Gemurmel.
„Noch Unklarheiten?!“, schnauzt der Major. Schon der Tonfall lässt erkennen, dass ihm an Fragen wenig gelegen ist.
Einer der Kompaniechefs hebt den Kopf und gibt mit zögernden Worten zu bedenken, dass er den Zeitpunkt für den Abmarsch für zu früh halte.
„Die Strahlenbelastung ist vor Ort noch viel zu hoch, wenn wir dort eintreffen.“
„Unsinn! Die Genossen werden unter kompletter Schutzausrüstung ihre Aufgabe erfüllen.“
„Ja, aber…“
„An der von mir festgelegten Befehlsdosis werden keine Abstriche zugelassen!“, faucht der Stabschef und lässt gefährlich tiefe Stirnfurchen erkennen.
„Damit wird die Quote der Totalausfälle bereits nach vierundzwanzig Stunden zwischen sechzig und siebzig Prozent liegen“, brummt unser Bataillonsarzt halblaut und handelt sich einen giftigen Blick ein. Eine Antwort erhält er nicht.
„In genau einer Stunde - Befehlsempfang - beim Bataillonskommandeur!“, hören wir stattdessen.
„Zu Befehl – Genosse Major!“, grummelt es zurück. Die Stimmung ist gereizt.
Langsam stehen wir auf und verlassen das Zelt. Die Kommandeure begeben sich zu ihren Einheiten und zerstreuen sich zwischen den Bäumen. Ich bin bereits ein paar Schritte gegangen, als ich auf den Bataillonsarzt treffe. Er lehnt an einem Kiefernstamm und stopft sich eine Pfeife. Wir kennen uns gut, stammen aus dem gleichen Ort und haben schon mehrere Reserveübungen gemeinsam absolviert. Im Zivilleben ist er Psychiater.
„Mich kotzen diese perversen Spielchen von Mal zu Mal mehr an“, faucht er, während er ein Streichholz aufflammen lässt.
„Siebzig Prozent Totalausfälle – zumindest laut Handbuch! Und der Rest der Truppe hätte auch nur noch Stunden oder Tage zu leben. Viel Arbeit für unsere Militärseelsorger.“
Er lacht gallig ĂĽber diese Bezeichnung, mit der eigentlich die Politoffiziere gemeint sind. Es ist unter anderem deren Aufgabe, die Todeskandidaten bei Laune zu halten und die gewĂĽnschte Leistung abzufordern, so lange es irgend geht.
„Für einen solchen Befehl müsste man den Kerl über den Haufen schießen“, fährt der Doktor fort und ist dabei, sich um Kopf und Kragen zu reden.
„Nicht so laut“, zische ich. „Und außerdem – es ist doch nur ein Manöver.“
Er nickt bedächtig und stößt eine Qualmwolke gen Himmel.
„Befehlsdosis – welch abartige Umschreibung für ein Todesurteil mit langsamer Vollstreckung. Gebe Gott, dass wir so etwas nie im Ernstfall verantworten müssen“, knurrt der bekennende Atheist.

Schon wenige Jahre später, als Einzelheiten über die Katastrophe von Tschernobyl bekannt wurden, erinnerte ich mich wieder an diese beklemmende Szene im Stabszelt. Und jetzt sind die Bilder erneut da. Es hat Ernstfälle gegeben. Nicht kriegsbedingt, aber für die Betroffenen entsetzlich genug. Trotz des bitteren Geschmacks im Mund bin ich ein wenig froh – froh darüber, keine Verantwortung tragen zu müssen. Das macht es leichter, die Bilder zu verdrängen, sie nicht in den Alltag einbrechen zu lassen.

Ich drĂĽcke die Zigarette aus und setze mich wieder brav neben meine Frau.
Der Koch auf dem Bildschirm ist gerade dabei, saftig-roten Paprika zu schnippeln. Das Rot erinnert mich an die Farbe der Schutzanzüge der japanischen Feuerwehrmänner. Ist wohl doch nicht so einfach – das Verdrängen.
__________________
Schreib ĂĽber das, was du kennst!

Version vom 05. 08. 2013 14:21

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


4 ausgeblendete Kommentare sind nur fĂĽr Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
ZurĂĽck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Werbung