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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Begegnung
Eingestellt am 30. 05. 2002 18:48


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Otto Lenk
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2001

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Wie jedes Jahr verbrachten meine Frau und ich unseren Winterurlaub auf Teneriffa. Eine Abends, wir kamen vom Strand zurĂŒck, fanden wir in unserem Zimmer einen Zettel. Er war wohl unter dem TĂŒrschlitz geschoben worden. Auf dem Zettel stand folgende Nachricht:
Termin: 06.01.2002
Uhrzeit: 12:00
Ort: Teide „Vulkan“ Gipfel
Teilnehmer: TrÀumer und Freunde des kleinen Prinzen
Grund: Seminar zu ErklÀrung der Sinnigkeit der Reinigung eines erloschenen Vulkans
Gastgeber: der kleine Prinz
Wir waren voller Zweifel bezĂŒglich des Sinnes eines Seminars zwecks ErklĂ€rung der Sinnig-
keit eines erloschenen Vulkans. Noch grĂ¶ĂŸer waren unsere Zweifel bezĂŒglich der Anwesen-
heit des kleinen Prinzen. Trotz aller Zweifel, den uns der gesunde Menschenverstand mit auf den Weg gegeben hatte, beschlossen wir das Geheimnis dieser Nachricht zu lĂŒften. Ich muß wohl nicht nĂ€her erlĂ€utern, dass wir den kleinen Prinzen lieben und verehren. Das war es wohl und die Tatsache, dass uns etwas an der Nachricht sehr neugierig machte.
Nun ist es nicht gerade ein Spaziergang zum Teide. Er ist 3700m hoch und trotz einer Seil-
bahn die hinauffĂŒhrt, ist es noch ein anstrengendes StĂŒck Weges, um zum Krater zu ge-
langen. Oben angekommen waren wir zunĂ€chst ziemlich mĂŒde, enttĂ€uscht und niedergeschla-
gen. Ein einsamer Krater. Kein kleiner Prinz. Niemand. Es war also so, wie wir tief im Inneren vermutet hatten. Jemand hatte sich einen dummen Scherz mit uns erlaubt. Hier oben war Nichts. Ruhe und......Nein! Es war keine Ruhe. Es war die absolute Stille. Je lĂ€nger wir dort oben standen, um so tiefer drang sie in uns. Der ganze Lebensballast schien von uns zu fallen. Und nachdem die Stille eingekehrt war, begannen die Augen zu sehen. Tausende von Metern unter uns lag die Insel. Es war, als wĂŒrden wir mit den Augen ĂŒber sie hinwegfliegen.
Da war kein Horizont mehr. Wir flogen ĂŒber unseren Horizont hinweg. Das Meer glitzerte, und malte Millionen von Sternen in den oben-unten Himmel. Wir waren unendlich klein und doch so groß wie nie zuvor.
In diese Stille hinein vernahmen wir die Stimme eines Mannes.
„Habt ihr euch einmal Gedanken darĂŒber gemacht, woran ein tĂ€tiger Vulkan seine Schönheit erkennt?“
Da stand ein alter Mann. Gebeugt. Schneeweißes Haar, das Gesicht wie eine Kraterlandschaft.
„Wo kommen sie denn her“, fragte ich den alten Mann, nicht verstehend, wie dieser Greis den beschwerlichen Weg zum Krater hatte gehen können.
„Ich bin ihr Seminarleiter“, sagte der alte Mann. „Sind sie die einzigen Teilnehmer?“
„Wir haben außer uns niemanden hier oben bemerkt.“
„Ich verstehe. Ja, ja! Die TrĂ€umer sterben aus. Keine Zeit mehr zum trĂ€umen. Und ihr? Habt ihr eine Antwort auf meine Frage? Wie schon gesagt, ich bin euer Seminarleiter. Was schaut ihr so? Wen oder was habt ihr erwartet? Das der kleine Prinz persönlich erscheint? Na ja! Das wĂ€re eigentlich eine gute Voraussetzung. Ich beschĂ€ftige mich seit Jahrzehnten mit dem kleinen Prinzen und war einfach neugierig, ob es außer mir noch TrĂ€umer gibt. 50000 Zettel
habe ich verteilen lassen. Ihr Zwei seit gekommen. Nun! Habt ihr euch schon einmal Gedanken darĂŒber gemacht, woran ein tĂ€tiger Vulkan seine Schönheit erkennt? NatĂŒrlich nicht.
Warum hat der kleine Prinz seine Vulkane gereinigt? Ist es nicht so, dass der tĂ€tige Vulkan erst durch das Sehen der erloschenen Vulkans seine Schönheit erkennt, sich seiner Lebendigkeit bewusst wird? Ja, aber auch im Erloschenen liegt Schönheit. Das Erloschene ist Sinnbild des Vergangenen und des ZukĂŒnftigen. Dessen was war und sein wird. Das Vergangene, Erloschene muss klar sein. Wenn man darauf zurĂŒckblickt, dĂŒrfen keine Schatten den Blick trĂŒben. Das Vergangene muss geklĂ€rt sein, um ungetrĂŒbten Blickes in die Zukunft und zurĂŒckblicken zu können. Ich habe zufĂ€llig zwei Besen dabei. Wenn ihr nun den Vulkan reinigt, geht vorsichtig mit der Asche um. Kehrt sie nicht achtlos zur Seite. Es ist die Lebensasche des Vulkans. So etwa, wie eure Vergangenheiten und Erinnerungen. Oft kehrt ihr auch sie achtlos zur Seite und beachtet sie nicht mehr. Vergesst, dass aus der Asche der Vergangenheit eure Gegenwart geformt wurde. Macht euch an die Arbeit. Ich werde hier oben ein wenig herumschlendern und mir spĂ€ter das Ergebnis eurer Arbeit anschauen.“
Wir machten uns an die Arbeit. WĂ€hrend wir liebevoll den Vulkan reinigten, erzĂ€hlten wir uns Geschichten von frĂŒher. Geschichten und Ereignisse die wir schon lange vergessen hatten. Nun gut. Wir hatten sie nicht vergessen. Wir wollten uns nicht an sie erinnern. Es handelte sich um Erinnerungen, die wir verdrĂ€ngt hatten. Tief in unserer Seele hatten sie Platz genommen. Dort wo alles schwarz, dunkel und traurig ist. Aus Angst und Scham hatten wir einen Teil unseres „IchÂŽs“ in uns eingesperrt. Mit jedem Öffnen wurde unsere Seele leichter.
Als die Dunkelheit hereinbrach war unsere Arbeit getan und wir waren ĂŒberglĂŒcklich. Frei vom Seelenballast blickten wir uns so tief in die Augen wie nie zuvor.
Gemeinsam machten wir uns auf die Suche nach unserem Seminarleiter. Er war nicht zu finden. Uns kam diese ganze Zusammenkunft recht merkwĂŒrdig vor. Es war keine Zeit sich weiter Gedanken darum zu machen. jEs wurde sehr schnell dunkel und wir machten uns an den Abstieg. Nach einer Weile blieben wir stehen. Wir konnten nicht glauben, was wir vom Krater vernahmen. Von dort oben war ganz deutlich das Lachen eines Kindes zu hören.


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Patina
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: May 2002

Werke: 3
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Diesen Text finde ich einfach schön. Hat wirklich was vom kleinen Prinz. Gut auch, daß aus dieser Selbstfindungsgruppe nichts wurde. Ich hasse diesen Kram. Ich war ĂŒbrigens auch schon auf dem Teide - in grauen Vorzeiten. Damals lag sogar etwas Schnee.

Herzliche GrĂŒĂŸe von Patina

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Otto Lenk
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2001

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Hallo Patina,

lieben Dank fĂŒr dein Kompliment. Der Teide ist einer der schönsten Berge der Welt, und der kleine Prinz ohne Worte

Liebe GrĂŒĂŸe Otto

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Sanne Benz
Guest
Registriert: Not Yet

Lieber Otto,
eine sehr schöne Geschichte, die zum Nachdenken anregt. Passt heute gerade gut zu meinen Gedanken.Mir gefÀllt sie sehr.
Wenn Du erlaubst, habe ich mal etwas angemerkt..
aber ich weiß, jeder hat seinen eigenen ErzĂ€hlstil..

"fanden wir auf dem Boden unseres Zimmers, einen Zettel...er war wohl.."
"Ich muss dazu sagen, daß wir den "kleinen Prinzen" lieben und verehren.."
"absolute Stille.."(könnte man sagen"Totenstille",denn nichts ist stiller?)
"...und sein Gesicht glich einer Kraterlandschaft"
"..ob es ausser mir noch weitere(andere) TrÀumer gibt.."
"..habe ich verteilen lassen und nur ihr zwei seid gekommen.."
"..war das helle(fröhliche) Lachen eines Kindes zu hören.."

Liebe GrĂŒĂŸe
schönen Sonntag noch
Sanne

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