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Leselupe.de > Horror und Psycho
Begegnung
Eingestellt am 19. 09. 2002 17:35


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Rems Florian
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Dec 2001

Werke: 4
Kommentare: 19
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Begegnung



von Florian Rems



Die Dunkelheit h√ľllte den Bahnhof in eine gespenstische Stille. Keine Menschseele hielt sich hier auf. Um zwei Uhr Nachts war dieser Vorort wie ausgestorben. Ich glaube, ich war der Einzige der sich um diese Zeit noch drau√üen aufhielt. Genaugenommen wartete ich auf den Zug, der mich wieder in die Stadt bringen w√ľrde. Das Warten nahm nun bereits mehr Zeit in Anspruch, als es die Zugfahrt selbst tun w√ľrde.
Schlie√ülich fuhr die Bahn ein und ich lie√ü mich m√ľde in einen der gepolsterten Sitze fallen. Erst jetzt fiel mir auf, dass, soweit ich sehen konnte, sich auch niemand in diesem Zug befand. Was bei Tageslicht eine kaum bemerkenswerte Tatsache war, f√ľhrte nachts zu einem stetigen Unwohlsein. Und so war es mir zu diesem Zeitpunkt auch unm√∂glich zu schlafen. Die Fahrt sollte noch meine volle Aufmerksamkeit erlangen. Radikaler und intensiver als es mir lieb war.
Pl√∂tzlich stellten sich die Haare auf meinem Arm auf. Es war ein Gef√ľhl, als ob tausend und aber tausend Ameisen meinen K√∂rper entlanglaufen w√ľrden. Beinahe, als w√ľrde ich frieren. Aber es war nicht k√§lter als vorher. Ich sp√ľrte, dass etwas nicht stimmte. Zu diesem Zeitpunkt war ich mir sicher, etwas Fremdes zu erleben.
Allm√§hlich steigerte sich das Unwohlsein. Paranoia begann von mir Besitz zu ergreifen. Einige male meinte ich, hinter mir eine Gestalt erblickt zu haben. Pl√∂tzlich sp√ľrte ich etwas auf meiner rechten Schulter. Es war kalt. Ich drehte mich schlagartig um, aber da war nichts.
W√§hrend sich die Angst bis zur Panik aufschaukelte, versuchte ich mir zu erkl√§ren, was hier los war. Es gab zwei M√∂glichkeiten. Entweder war ich verr√ľckt, oder es geschah etwas √úbernat√ľrliches aus einer anderen Welt. Das, wor√ľber man in den unz√§hligen Klatschbl√§ttern lesen konnte. Das, von dem man immer glaubte, nur an den Haaren herbeigezogen zu sein.
Bei dem Gedanken, den Zug endlich zu verlassen, erstarrte ich. Pl√∂tzlich f√ľhlte ich mich so hilflos, verloren. H√§tte der Zug nicht bereits anhalten m√ľssen? Waren da nicht schon einige Haltestellen gewesen?
Panisch blickte ich aus dem Fenster und sah - nichts. Es war nicht die nächtliche Dunkelheit. Da war einfach nichts. Als hätte jemand die Fenster mit schwarzem Papier zugeklebt. Ich war mir sich, dass ich durch die Fenster blicken hatte können, als der Zug noch im Bahnhof gestanden hatte. Was war hier los? Was konnte ich tun?
Entschlossen stand ich auf. Die Welle des tatkr√§ftigen Mutes verfl√ľchtigte sich allerdings schnell wieder. Trotzdem blieb ich stehen, schritt langsam durch den Zug und kontrollierte jedes Fenster, jede T√ľr, einfach jede M√∂glichkeit um den Zug verlassen zu k√∂nnen. Meine Suche blieb erfolglos.
Nun hatte ich schon jedes Zeitgef√ľhl verloren. Es mochten nur Minuten gewesen sein, vielleicht waren es aber auch schon Stunden. Langsam begann ich eine leichte Schw√§che zu f√ľhlen. Immer noch wollte sich mein Puls nicht beruhigen. Die Schwei√üperlen standen mir auf der Stirn. Ich hatte panische Angst. Ja, Todesangst. Ich war fertig.
Im Geiste malte ich mir ein Szenario aus, in dem der Zug einfach hielt, und ich hinausspazierte, als wäre nie etwas passiert. Doch sollte es anders kommen.
Allm√§hlich begriff ich, dass es keinen Ausweg gab. Je l√§nger ich √ľberlegte, desto aussichtsloser war meine Situation. V√∂llig entkr√§ftet lehnte ich mich an eine Wand und lies die n√§chste Panikattacke √ľber mich hinwegrollen.
Und auf einmal packte mich das Grauen, mehr als je zuvor. Ein Schrei! Es war ein Schrei, der durch den gesamten Zug jagte. Ein Schrei, der aus den Tiefen der Hölle zu kommen schien. Diese Stimme kam nicht von dieser Welt!
Nun rannte ich nur noch. Versuchte von diesem Ort wegzulaufen. Wie benebelt ignorierte ich die Tatsache, dass mich meine Flucht niergends hinf√ľhren w√ľrde. Aber ich rannte weiter. Abteil f√ľr Abteil. Wagon f√ľr Wagon.
Und dann traf es mich wie ein Blitz. Mit einem Ruck blieb ich stehen, fest angewurzelt. Der Anblick fesselte mein Gehirn, machte die einzelnen Gedankenstränge nutz- und ziellos. Wie in einem Schock gefangen, versuchte ich mir einen Weg in die normale Welt zu kämpfen. Krampfhaft suchte ich nach rationalem Denken.
Da vor mir auf dem Boden saß ein kleines Mädchen. Es trug ein langes weißes Kleid. Und es schrie. Es schrie, dass es mir durch Mark und Bein ging, dass mir dieses Mädchen grauenhafter erschien, als das der Teufel selbst vermocht hätte.
Sie schaute sich offenbar Schwarzweisphotos an. Ich trat n√§her heran. Langsam, Schritt f√ľr Schritt. Und was ich dort auf den Photos sah, lie√ü den Gedanken, dass es sich hier doch um eine normale Situation handeln k√∂nnte, schnell wieder verfliegen. Das M√§dchen war nicht das, was sie zu sein schien. Auf den Photos, die sie nacheinander betrachtete, war ein Zugungl√ľck, ein v√∂llig zerst√∂rter Wagon zu sehen. Man konnte eine Leiche erkennen, eine kleine v√∂llig blutverschmierte Leiche. Und sie trug ein wei√ües Kleid.
Die ständigen Schreie und dieser Anblick vermischten sich zu einer Atmosphäre, die jegliches klare Denken verhinderte. Und dann, von einem Moment zum nächsten hörte das Mädchen auf zu schreien. Ebenso stoppte sie damit, die einzelnen Photos durchzusehen.
Die pl√∂tzliche Stille war noch viel shockierender und f√ľr diesen Augenblick schien mein Herz stillzustehen. Nun lag vor dem M√§dchen ein Farbphoto. Es zeigte die gleiche Szene, ein zerst√∂rter Wagon, ein Leiche. Nur diesmal war nicht sie das Opfer, sondern - ich. Ich!
√úberw√§ltigt von diesen Sinneseindr√ľcken wich ich zur√ľck. Die Angst lie√ü meinen Puls in die H√∂he schnellen und erzeugte eine √§tzende √úbelkeit. Nun f√ľhlte ich schon Schmerzen in der Brust.
Das M√§dchen blickte auf. Ihre blutunterlaufenen Augen starrten mich an. Dann hob sie den Zeigefinger und begann zu lachen. Sie lachte mich aus. Sie lachte √ľber mich. Ihre gr√§ssliche Fratze pr√§gte sich in mein Gehirn, genauso wie mich ihr niederschmetterndes Lachen v√∂llig durchdrang und meinen Lebenswillen aufzuzehren drohte.
In diesem Moment √ľbernahm mein √úberlebensinstinkt die Kontrolle. Denken konnte ich nicht mehr. Und doch warf ich mich intuitiv aus dem Fenster und schlug hart neben den Schienen auf.
Halb bewusstlos sah ich dem Zug nach, wie er auf eine v√∂llig zerst√∂rte Br√ľcke zufuhr und schlie√ülich in den Abgrund st√ľrzte. Ich h√∂rte keinen Aufprall, als ich endg√ľltig das Bewusstsein verlor.

Der erste Sonnenstrahl des Morgens weckte mich. Bis auf einige, ziemlich schmerzhafte blaue Flecken war ich unverletzt. Ein paar Minuten lang versuchte ich in den Abgrund zu blicken, aber das Gelände war zu locker und ich konnte nicht nahe genug herankommen.
Also lief ich die Schienen entlang zur√ľck, bis in den n√§chsten Bahnhof. Dort begegnete ich einer √§lteren Dame, die ihren Einkauf gerade nach Hause trug. Voller Freude einen anderen Menschen zu sehen, teilte ich mich ihr sofort mit: „Wir m√ľssen sofort Polizei und Notarzt rufen. Diese Nacht ist hier ein Zug in den Abgrund gest√ľrzt!”
„Junger Mann, aber junger Mann, beruhigen sie sich erst einmal! Sie sind ja v√∂llig fertig. Welchen Zug meinen sie √ľberhaupt?”
„Er m√ľsste hier etwa um drei Uhr oder so, vorbei gefahren sein.”
„Oh, das glaube ich nicht! Hier, auf dieser Strecke f√§hrt schon lange kein Zug mehr. Ich wohne in dem H√§uschen da dr√ľben, und wenn hier ein Zug vorbeif√§hrt, dann w√ľrd’ ich das sicherlich mitkriegen.”
„Aber der Zug ist auf die zerst√∂rte Br√ľcke gefahren und in den Abgrund gest√ľrzt. Ich...”
„Ja, nat√ľrlich. Das ist aber schon . . . 57 Jahre her.”
„Was?”
„Gehen sie nach Hause. Schlafen sie sich aus. Sicherlich wird sich dann alles aufkl√§ren.”
Ich befolgte ihren Rat. Doch kam ich zur der Einsicht, dass ich dieses Erlebniss einfach nicht begreifen kann. Mir war eine Welt begegnet, f√ľr die das menschliche Gehirn wohl noch nicht reif genug ist. Und deswegen bewahre ich mir das Wissen, dass es passiert ist, ohne daran glauben zu k√∂nnen.

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Phantom
Guest
Registriert: Not Yet

Ich glaube wir hatten schon eimal das Vergn√ľgen, oder??? Im Krimi-Forum???

Deine Geschichte gefällt mir richtig gut, der Zug - das Gefängnis, das Mädchen mit den Bildern, das erinnerte mich an "The Others", sehr gut gemacht... kompliment, wirklich!

Doch ein paar Kritiken hätte ich da noch:

"Pl√∂tzlich sp√ľrte ich etwas auf meiner rechten Schulter. Es war kalt. Ich drehte mich schlagartig um, aber da war nichts. " ... Hier w√ľrde ich noch ein bisschen mehr den Moment ausleben, du brichst, obwohl nicht der H√∂hepunkt der Geschichte, viel zu schnell ab...

"In diesem Moment √ľbernahm mein √úberlebensinstinkt die Kontrolle. Denken konnte ich nicht mehr. Und doch warf ich mich intuitiv aus dem Fenster und schlug hart neben den Schienen auf." ... Das geht irgendwie zu einfach... Dann h√§tte ja dein Protagonist vorher schon eine Fensterscheibe einschlagen k√∂nnen...

Der "Epilog" am Schluss br√§uchtest du eigentlich nicht, ich glaub, es ist jedem klar, dass das ein "Geisterzug" ist... Ich w√ľrde eigentlich den Protagonisten nicht entkommen lassen... :-)

Gruss Phantom


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Rems Florian
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Dec 2001

Werke: 4
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Danke f√ľr deine Kritik,

au√üerdem freue ich mich √ľber das quasi "erneute Treffen".

Der Schreckmoment mit der Kälte auf der Schulter kommt nicht richtig raus. Da hast du recht. Erscheint mehr als eine kurze Nebensächlichkeit. Sollte ich ändern.

Mit dem Fenster hatte ich irgendetwas vor, hab's aber leider vergessen. Nat√ľrlich ist es Schwachsinn, wenn er schon vorher nicht raus gekommen ist. Und √ľberhaupt sind Glasscheiben nie so "weich", dass man da einfach durchfliegen kann. Mir wird schon was einfallen.

Der Schluss: Also eigentlich sollte der Protagonist schon √ľberleben. Vielleicht ist das Ende nicht notwendig. Aber st√∂rt es? Bin mir nicht ganz sicher.

(Mystisches und Science-Fiktion liegen mir irgendwie besser, und machen mir vorallem mehr Spaß als Krimis. Vielleicht beschränk' ich mich drauf.)

Nochmal Danke.

Gruß Rems Florian

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Phantom
Guest
Registriert: Not Yet

Na ja, ich fand das Ende ein bisschen konventionell, das ist alles.

Betreff des Schicksals des Protagonisten muss ich anmerken, dass es deine Geschichte ist und du entscheidest was, wo und wie passiert. Ich frage mich einfach bei den meisten Geschichten, was ich gemacht hätte, dass ist alles. War nur ein kurzer Gedankenblitz meinerseits :-) ... Bei mir wären jetzt zwei Schatten hinter den Fenstern des Zuges zu sehen gewesen, in alten Fotos "blätternd"... quatsch, geht ja gar nicht, die sind ja alle zugeklebt... :-)

Deine Mystery-Geschichte ist wirklich besser, aber nur weil du einmal ein "schlechtes Erlebnis" mit dem Krimi hattest, musst du ihn nicht ganz aufgeben. Freu mich schon auf deine nächste Geschichte :-)

Gruß Phantom

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