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Begegnung am Kreuzmast
Eingestellt am 14. 09. 2014 18:41


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Ralph Ronneberger
Foren-Redakteur
Autor mit eigener TV-Show

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Begegnung am Kreuzmast


Heute Vormittag hatten wir mit unserer schmucken „Lydia“ am Kai des Rostocker Stadthafens festgemacht. Vor und hinter unserem Schiff dĂŒmpelten noch etliche andere Großsegler an der Hafenmauer sanft vor sich hin. Morgen wĂŒrde die alljĂ€hrliche Hanse-Sail eröffnet, und es sollten angeblich mehr als zweihundert Segelschiffe teilnehmen. Schon morgen frĂŒh hießt es „Leinen los“ zu einem Zehn-Stunden-Törn mit dreißig Passagieren. Da hatte der Kahn zu blitzen.
Daher war am Nachmittag „Rein Schiff“ angesagt. Deck schrubben, Leinen aufschießen, Restaurant und KombĂŒse herrichten, die Toiletten putzen und natĂŒrlich alle Messingteile auf Hochglanz bringen. Letzteres war meine Aufgabe. Ich hasste dieses eintönige Polieren – nur bei der Schiffsglocke gab ich mir immer richtig MĂŒhe. Und nun hing sie glĂ€nzend in der Abendsonne – ein echter Hingucker.
Doch der Höhepunkt beim „Rein-Schiff“ kam immer dann, wenn ich mich mit meinem Seemannsstuhl von der Vorpieck zu Lydia hinab seilen durfte. Lydia ist unsere Gallionsfigur, oben Frau unten Fisch. Sie gab auch dem Schiff seinen Namen. Mit einem derben Feudel schrubbte ich ihr die dunkelgrĂŒnen Schuppen blank. FĂŒr das liebliche Gesicht benutzte ich dagegen einen weichen Schwamm, um ihr auch wirklich einen porentief reinen Teint zu verpassen. FĂŒr die ansehnlichen BrĂŒste benutzte ich eine BĂŒrste mit besonders feinen Borsten. Jedes Mal, wenn ich sie solcherart massierte, wurde ich den Eindruck nicht los, dass sich ihr weiches LĂ€cheln, das sie selbst bei grober See beizubehalten pflegte, noch um eine Spur vertiefte.
GemĂŒtlich auf meinem Brett sitzend, betrachtete ich das strahlend saubere Vollweib und lĂ€chelte zurĂŒck.

Nachdem ich mich wieder an Deck gehangelt hatte, fand ich von unserer kleinen Crew niemanden mehr an Bord vor. Die Bande hatte sich, mit dem KĂ€pt’n an der Spitze, klammheimlich aus dem Staub gemacht. Wahrscheinlich saßen sie schon in irgendeiner Kneipe und ließen sich volllaufen. Und mir, dem Alten, der ja ohnehin nicht mehr so viel vertrĂ€gt, drĂŒckte man damit automatisch die Bordwache aufs Auge. Tolle Kumpels!

Womit sollte ich jetzt die Zeit totschlagen? Um mich mit einem Buch in meine Kammer zu verziehen, fand ich das sommerabendliche Wetter zu schön.
Ich schaute hin zur Uferstraße, wo etliche SpaziergĂ€nger unterwegs waren, wohl um den Anblick so ungewohnt vieler Segelschiffe in sich aufzunehmen und mehr oder weniger fachmĂ€nnisch fundierte Kommentare loszuwerden. Manch gaffender Blicke traf auch mich.
GeschĂ€ftigkeit vortĂ€uschend schlenderte ich ĂŒber das Deck, zupfte ein wenig an den Tampen und kontrollierte die NagelbĂ€nke auf sauberen Sitz der Taue. Dabei stolperte ich ĂŒber eine PĂŒtz, die jemand hinter dem Niedergang zum Achterdeck abgestellt hatte. Die zu diesem Eimer gehörende Leine machte einen arg ramponierten Eindruck. Lange wĂŒrde sie nicht mehr halten. Ich musste an die Bande bleichgesichtiger Halb- und Viertelmanager denken, deren Chef fĂŒr morgen einen kurzen Segeltörn bei uns gebucht hatte. Dies sollte wohl der firmenfinanzierte Abschluss eines dreitĂ€gigen GehirnwĂ€sche-Seminars werden. FĂŒr morgen war aber alles andere als eine spiegelglatte See vom Wetterdienst prognostiziert worden. Da wĂŒrde wieder mal sehr viel Unverdautes zu beseitigen sein. Um den Mageninhalt all der sensiblen Seminar-GeschĂ€digten durch das Speigatt nach außen zu befördern, brauchte man viel Wasser, und Wasser kommt aus dem Meer – gehoben mit der PĂŒtz.

Somit hatte sich der Kreis geschlossen und ich wusste, was zu tun war. Aus einer Backskiste kramte ich alle benötigten Utensilien hervor und schnappte mir den kleinen Zinkeimer. Ich suchte mir in der NĂ€he des landseitigen Schanzkleides einen Platz, der gleichzeitig als Sitz und Arbeitsplatte dienen konnte. WĂ€hrend ich das eine Ende der Leine aufzudröseln begann, spĂŒrte ich, dass die Abendsonne noch immer genug Kraft besaß, um mir angenehm das Genick zu streicheln.
Ich mochte vielleicht zwei bis drei Minuten vor mich hin gebosselt haben, als das Genickstreicheln abrupt aufhörte. Ich drehte den Kopf, um die Ursache des Schattenwurfes zu ergrĂŒnden – und da sah ich ihn. Einen Mann – etwa in meinem Alter, also jenseits der FĂŒnfzig. Mit der linken Hand auf einen altmodischen Spazierstock gestĂŒtzt, verharrte er in Ă€hnlicher Pose wie Lord Nelson auf seiner SĂ€ule am Trafalgar Square. In seinem dunklen Anzug wirkte er sonntĂ€glich herausgeputzt, obwohl heute ein ganz ordinĂ€rer Mittwoch war. Vielleicht kam er von einer Feier oder gar von einer Beerdigung? Doch gegen Letzteres sprach der auffĂ€llig lange weiße Schal, den er sich trotz der sommerlichen Temperaturen lĂ€ssig umgeworfen hatte. Dazu trug er einen enorm breitkrempigen Hut, der das halbe Gesicht im Schatten ruhen ließ. Die untere HĂ€lfte vom Antlitz deckte ein grauer Vollbart ab. Seine große Sonnenbrille erlaubte es mir nicht auszumachen, wohin er seinen Blick gerichtet hielt. Aber ein unbestimmtes GefĂŒhl sagte mir, dass seine Augen auf mir ruhten. Sollten sie doch. Was ging mich dieser durchgeknallte KĂŒnstler an? Denn fĂŒr einen solchen hielt ich ihn, und mit derartigen Pseudo-Intellektuellen hatte ich nichts an der MĂŒtze. Die gehörten meist zu der Sorte von Passagieren, die sogar gegen Luv kotzten.
Mit diesem Gedanken wandte ich mich wieder meiner Arbeit zu. Doch keine zehn Sekunden mochten vergangen sein, als ich im RĂŒcken ein kratziges „ÄhĂ€hm“ vernahm. Und als ich nicht reagierte folgte ein zweites „ÄhĂ€hm“ – diesmal etwas lauter. Nun drehte ich doch den Kopf und blinzelte zu dem Schlapphut-Mann hinauf. Er hatte die Sonnenbrille abgenommen und musterte mich mit einer Mischung aus Verlegenheit und Neugier.
„Ich hab da mal ne Frage“, sagte er. „FĂŒr Sie mag sie doof klingen, aber
“
„Es gibt keine doofen Fragen – nur doofe Antworten“, brummte ich gleichgĂŒltig, wusste aber, dass ich ziemlich ungnĂ€dig reagieren wĂŒrde, wenn er vielleicht wissen wollte, ob wir auch genĂŒgend Rettungsboote mitfĂŒhrten oder ob wir unser Kielschwein regelmĂ€ĂŸig fĂŒtterten.
„Den Spruch habe ich auch schon mal gehört“, kam es stattdessen ziemlich ungnĂ€dig zurĂŒck. „Ich wollte eigentlich nur wissen, ob es bei ihrem Schiff auch ein Groß-Untermarssegel gibt.“
„Ein waaas?“
Ich ließ vor Überraschung glatt den Marlspieker fallen.
„Nee, sowas ham wir nich“, Ă€chzte ich, wĂ€hrend ich mich nach dem Spieker bĂŒckte.
„Auch kein Kreuzstag- oder ein Vorstengestagsegel?“
„Nee, ham wir auch nicht!“
Diese Landratte fing nun doch an zu nerven.
Dann sah ich, wie er einmal tief durchatmete und sein Gesicht den Ausdruck von Resignation annahm. Er hob den Kopf und starrte die Masten an.
„Es gibt diese Segel also gar nicht“, sprach er mehr zu sich selbst und ließ einen tiefen Seufzer hören. Dann schaute er wieder zu mir und lĂŒftete artig seinen Monsterhut.
„Na ja, haben Sie jedenfalls besten Dank.“
Er sah schon ein bisschen niedergeschlagen aus, als er die Sonnenbrille wieder aufsetzte und sich zum Gehen wandte. Weiß der Kuckuck warum – er tat mir fast ein wenig Leid.
„Aber mit einem Großstengestagsegel kann ich dienen!“, rief ich daher.
Er stockte, kam wieder nĂ€her und fragte leise: „Und ein Untermarssegel?“
„Nein. Die Segeltypen, die Sie mir genannt haben, finden sich meist nur auf Vollschiffen“, erklĂ€rte ich und war um einen sachlich freundlichen Ton bemĂŒht.
„Ach! Das ist also gar kein Vollschiff?“
Langsam wurde mir der Mann unheimlich. Der schmiss hier mit Begriffen um sich, deren Bedeutung er nicht annĂ€hernd zu kennen schien. Was sollte das? Gehörte er zu den affektierten Arschlöchern, die sich irgendwelche seemĂ€nnischen Begriffe angelesen hatten, um damit vor komplett aufgetakelten Ü-40-Tussis zu glĂ€nzen? Möglich, aber diesen Eindruck machte er eher nicht.
„Unsere „Lydia“ – das ist eine besonders schmucke Schonerbrigg“, sagte ich nicht ohne Stolz. „Man kann auch Brigantine dazu sagen. Wenn Sie aber ein ganz tolles Vollschiff sehen wollen, dann mĂŒssen Sie ein StĂŒck die Warnow abwĂ€rts gehen. Ganz in der NĂ€he liegt die „Dar Pormoza“. Das ist ein polnisches Vollschiff. Dort können Sie
“
Ich stockte, weil ich den Eindruck hatte, die Landratte wĂŒrde mir gar nicht mehr zuhören.
„Schonerbrigg? Kein Begriff. Damit kann die Sache nichts zu tun haben“, hörte ich ihn halblaut brabbeln.
‚Dann eben nicht‘, dachte ich und nahm meine Arbeit wieder auf.

Auf der Kaimauer rĂŒhrte sich nichts. Aber aus den Augenwinkeln konnte ich erkennen, wie er mir mit spĂŒrbar zunehmendem Interesse auf die HĂ€nde schaute.
„Was machen Sie da eigentlich?“, hörte ich ihn nach einer Weile fragen.
„Das sehn’se doch! Ich spleiße!“
„Aha!“
Dann war wieder eine Weile Ruhe. Dass er mich so ungeniert beobachtete, machte mich nervös. Und da hatte ich auch schon den Salat. Die Kausche vom Eimer wackelte wie ein LĂ€mmerschwanz in dem gespleißten Auge umher. WĂŒtend riss ich an den Enden der Kardeelen. Aber da war nichts zu retten. Alles noch mal von vorn!
Mitten in mein aufkommendes Wutknurren mischte sich von oben das bekannte „Ähehm“.
Ungehalten schaute ich zu der Landratte auf. Ihm musste meine verĂ€nderte Miene nicht entgangen sein, denn er lĂŒpfte wieder den Hut und deutete sogar eine winzige Verbeugung an.
„Ich will wirklich nicht aufdringlich sein, aber darf ich mir das mal aus der NĂ€he ansehen?“
Ich weiß nicht, warum ich ihn nicht angeschrien habe, er solle sich zur „Dar Pormoza“ oder besser noch zum Teufel scheren. Ich habe keine Ahnung, was mich veranlasste, stumm zu nicken.
WĂ€hrend die NervensĂ€ge mit unsicheren Schritten ĂŒber die kurze Gangway an Bord strauchelte, hatte ich meinen Pfusch bereits komplett wieder aufgedröselt. Ich musste bescheuert sein. Jetzt wĂŒrde er mir sogar aus unmittelbarer NĂ€he auf die HĂ€nde starren.
„Ist leider schief gegangen“, sagte ich, als er neben mich trat. „Man sollte sich bei einer solchen Arbeit nie ablenken lassen.“
WĂ€hrend ich das sagte, hielt ich ihm vorwurfsvoll das Tauende unter die Nase. Doch das schien ihn nicht zu beeindrucken.
„Darf ich?“, fragte er stattdessen und nahm mir Seil und Spiecker aus der Hand.
Dann setzte er sich neben mich und betrachtete aufmerksam die Leine. Er befĂŒhlte jedes einzelne Kardeel und nahm dann auch noch die Kausche in die Hand. Mein spöttisches LĂ€cheln ignorierte er. Oder nahm er es gar nicht wahr? Ein merkwĂŒrdig gespannter Ausdruck lag auf seinem Gesicht. Als er ziemlich ungeschickt zu hantieren begann, zeigte ich ihm das hĂ€mischste Grinsen zu dem ich fĂ€hig war. Doch nach kurzer Zeit fror mir diese Grimasse buchstĂ€blich ein und ich fing an, RumfĂ€sser zu staunen. Hatte mich dieser Anzugpinkel mit seiner Fragerei nur verarschen oder auf die Probe stellen wollen? Saß da ein waschechter Seemann vor mir? Ich hĂ€tte es geglaubt, wenn er die Klappe gehalten hĂ€tte. Aber wĂ€hrend er sich mit der Leine abmĂŒhte, erkundigte er sich, ob man das Ruder wirklich nach Luv legen muss, wenn man am Wind segelt.
„Das Ruder oder die Pinne?“, fragte ich und musste mir das Lachen verkneifen.
Diese Weisheit konnte ihm nur ein Hobby-Segler vermittelt haben. Einer von der Sorte, die glauben, sich schon zu den Reichen und Schönen zĂ€hlen zu dĂŒrfen, nur weil es ihnen gelingt, sich ein paar Segelstunden vom Munde abzusparen.
„Wir sind hier nicht auf einer Jolle, sondern auf einem Großsegler. Da zĂ€hlt nur der Kurs, und der muss gehalten werden. Der Steuermann hat seinen Blick auf den Kompass zu richten. Den Rest erledigt die Mannschaft ĂŒber die Segelstellung.“
Und dann erklĂ€rte ich ihm noch, was „am Wind“ eigentlich bedeutet und dass man auch „vor dem Wind“, bei „halbem Wind“ und bei „Raumwind“ segeln könne, und ich schob auch gleich noch ein paar Fachbegriffe hinterher.
Vielleicht hatte meine Stimme dabei etwas zu oberlehrerhaft geklungen. Als er kurz aufschaute, wirkte sein Blick verwirrt. Aber das Ă€nderte sich schlagartig, als er mir ein perfekt gespleißtes Auge prĂ€sentierte. Auch die Kausche saß fest.
„Donnerwetter!“, entfuhr es mir. „Das haben Sie aber nicht zum ersten Mal gemacht!“
Er reagierte nicht, sondern schien gedanklich weit weg zu sein.
„Kann sein“, flĂŒsterte er schließlich.
„Aber das weiß man doch“, wandte ich ein.
„Eben nicht“, flĂŒsterte es zurĂŒck.
Ich verstand die Welt nicht mehr. Saß neben mir ein ehemaliger Seemann, der unter GedĂ€chtnisschwund litt? Wie er so auf der Backskiste hockte, gedankenverloren auf das Seil in seinen HĂ€nden starrte und immer wieder den Kopf schĂŒttelte, da konnte er einem schon wieder leidtun. Irgendetwas stimmte mit dem Mann nicht. Auf einmal verspĂŒrte ich den Wunsch, herauszufinden, was mit diesem seltsamen Menschen los war. Ich nahm ihm das Seil aus der Hand, legte es auf die Holzplanken und rollte mit dem Fuß den Spleiß so lange, bis er schön glatt war. Dabei kam mir eine Idee.
„Jetzt ist alles perfekt. Ich glaube, wir haben uns ein Bier verdient“, sagte ich und wartete gespannt auf seine Reaktion.
Sein Gesicht verĂ€nderte sich schlagartig – so, als wĂ€re er soeben aufgewacht.
Mit einem heiteren Grinsen meinte er: „Oh ja – ein kĂŒhles Bier aus einem Glas mit einem Griff an der Seite und einem HĂ€ublein Schaum obendrauf. Geht das?“
„Das wird sich machen lassen“, versprach ich und schob den fein gezwirnten Herrn nach achtern, wo sich in den Heckaufbauten unser sogenanntes Bord-Restaurant verbarg. Wir waren schon stolz auf den ganz mit dunklem Edelholz verkleideten Raum, in dem vier große Tische standen, ĂŒber denen rustikale Messingleuchter baumelten. Auf den PolsterbĂ€nken fanden jeweils drei Personen ausreichend Platz. Es gab auch einen winzigen Tresen, vor den vier schmale Barhocker geschraubt waren. Und auf einen solchen komplementierte ich meinen Gast.
WĂ€hrend ich das Bier zapfte, sah ich, wie die Landratte den Kopf in alle Richtungen drehte und dann ein anerkennendes Schnaufen hören ließ.
„Nettes Ambiente“, sagte er und kramte eine flache Schachtel hervor, der er ein Zigarillo entnahm. „Darf ich?“
In mein Nicken mischte sich bereits das feine Zischen des aufflammenden Streichholzes. VergnĂŒgt betrachtete er das Bier, das ich ihm rĂŒber schob.
„Fehlt nur noch eine schöne alte Jukebox und ein Billardtisch, so einer mit kunstvoll gedrechselten Beinen.“
„Ne Jukebox? WĂ€r ne Idee. Aber die meisten unserer Passagiere stopfen sich lieber Stöpsel in die Ohren und holen sich ihr GequĂ€ke von einer Musik-App, statt eine MĂŒnze in den Schlitz zu werfen. Aber Billard – das hat was. Da könnte man ganz neue Spielregeln erfinden – immer dem Seegang angepasst.“
Als er sah, dass ich von einem Ohr zum anderen grinste, stutzte er.
„Logisch“, knurrte er. Dann schaute er auf und nahm endlich die doofe Sonnenbrille ab. Ernst blickte er mir ins Gesicht, als er sagte: „Ich bin tatsĂ€chlich noch nie auf einem Segelschiff gewesen.“
„Und wo hast du
 haben Sie spleißen gelernt?“
„Ich habe wirklich keine Ahnung.“
Ich sagte ihm, dass ich das nicht recht glauben könne und wollte dann wissen, wo er denn die ausgefallenen Segelbezeichnungen aufgeschnappt hÀtte.
Statt zu antworten nahm er einen tiefen Zug aus dem Bierglas. Dann schaute er mich an, als wolle er etwas sagen, entschied sich aber anders und setzte das Glas erneut an.
Ex!
Ich pfiff anerkennend durch die ZĂ€hne, griff nach dem leeren Humpen und schob ihn unter den Zapfhahn. Der Mann blieb mir ein RĂ€tsel. Irgendetwas schien ihn zu beschĂ€ftigen, aber da musste es eine Hemmschwelle geben, die ihn daran hinderte, darĂŒber zu reden. Fehlendes Vertrauen?
„Ich heiße Olly“, sagte ich, und wĂ€hrend ich ihm mit der Linken das gefĂŒllte Glas rĂŒber schob, streckte ich ihm die Rechte entgegen.
„Ich bin der Hajo“, erwiderte er und schlug ein.
Seine Hand fĂŒhlte sich kalt an. Er musste wohl bemerkt haben, dass ich kurz zuckte.
„Durchblutungsstörungen – sagt mein Hausarzt.“
„Tja, in unserem Alter stellen sich eben diese und jene Zipperlein ein“, glaubte ich anmerken zu mĂŒssen und versuchte ein Lachen.
„Hab ich schon lange. Fast genauso lange wie diesen immer wiederkehrenden Traum.“
Ich verstand zwar den Zusammenhang nicht, freute mich aber, dass Hajo aufzutauen begann.
Der blies dicke Rauchwolken gegen die Decke unseres Nichtraucher-Restaurants und sah mich dann ganz eigenartig an.
„Kannst du dir vorstellen, dass man Dinge trĂ€umt, die einem Begriffe vermitteln, die man aus dem Leben gar nicht kennt? Ich habe zum Beispiel noch nie das Wort “Vorstengestagsegel“ gehört, aber im Traum bin ich jedes Mal damit konfrontiert worden. Und dann muss ich feststellen, dass es so ein Segel tatsĂ€chlich gibt, genauso wie die anderen Dinge, die immer wieder im Traumgeschehen eine Rolle spielen. Wie geht das?“
„Das geht“, grinste ich. „Ich habe mir im Traum auch schon Witze erzĂ€hlt, die ich noch gar nicht kannte.“
An seiner Reaktion merkte ich, dass ich einen Fehler gemacht hatte. Er zog sich innerlich zurĂŒck. Scheiße. Und dabei hatte er ein Thema berĂŒhrt, das auch mich jahrelang beschĂ€ftigt und das ich als einzigartig angesehen hatte. Gab es so etwas vielleicht öfter? Ich hatte noch nie mit jemandem darĂŒber gesprochen.
„Kleiner Scherz“, sagte ich hastig. „Aber mal im Ernst. Soviel ich weiß, verarbeitet man im Schlaf meist die EindrĂŒcke des Tages. Vielleicht passiert das auch mit Erlebnissen, die schon weiter zurĂŒck liegen. Aber ich meine, man muss im wahren Leben mit den Begrifflichkeiten konfrontiert worden sein, die dann im Traum auftauchen.“
„Genau das meine ich auch“, murmelte er und sog nervös am Zigarillo.
Unsere Blicke begegneten sich, hielten sich eine ganze Weile gegenseitig fest – und da ahnte ich, dass er das Gleiche dachte wie ich. Aber wir sprachen es beide nicht aus.
„Übrigens, du bist nicht der Einzige, der einem solchen PhĂ€nomen ausgeliefert ist“, sagte ich stattdessen, wĂ€hrend ich mit dem Wischlappen eine BierpfĂŒtze vom Tresen wischte. Dabei musterte ich ihn aus den Augenwinkeln. In seinem Gesicht regte sich nichts. Also beschloss ich nachzulegen. „Auch ich hatte solche TrĂ€ume.“
„Verscheißern kann ich mich alleine“, knurrte er und nahm wieder einen großen Schluck, aber seine ablehnende Haltung wirkte nicht sehr ĂŒberzeugend.
Ich beugte mich zu ihm herĂŒber und fuhr fort: „Hast du eine Ahnung, was ein Brooktau oder ein Pfortenreep ist? Oder hast du jemals von Richttaljen oder Stangenkugeln gehört?“
„Na wahrscheinlich auch solcher Seemannskram, aber davon habe ich nie getrĂ€umt.“
„Aber ich. Und ich hatte lange keine Ahnung, was diese Begriffe bedeuten. Ich vergaß sie ja auch meistens wieder. Aber die TrĂ€ume wiederholten sich, wurden intensiver – reicher an Bildern. SpĂ€ter habe ich die Wörter dann gegoogelt. Es handelt sich um GegenstĂ€nde, mit denen Schiffskanoniere noch vor zweihundert Jahren zu tun hatten. Ich fragte mich, was das mit meinen wirren TrĂ€umen zu tun haben sollte. Doch sie selbst gaben die Antwort – indem sie immer realer und intensiver wurden. Ich sah mich plötzlich in einem dunklen Raum mit niedriger Decke und voller Qualm. Er herrschte ein HöllenlĂ€rm – Menschen schrien, Kanonen krachten, Holz splitterte
 und dann war Schluss. Alles löste sich auf, ich schien zu schweben, versuchte mich zu orientieren
 und
 an der Stelle wachte ich regelmĂ€ĂŸig auf.“
„Interessant“, murmelte Hajo und drĂŒckte seinen Zigarillo-Stummel im Aschenbecher aus. „Kann da etwas im Unterbewusstsein herum spuken, von dem du nichts weißt?“
„Aber auch dort kann ja nur das versteckt sein, was man erlebt oder erfahren hat. Doch welche Erfahrung besaß ich denn im Umgang mit Kanonen, die bereits vor zwei Jahrhunderten abgefeuert wurden?“
„Das scheint mir etwas zu sein, wo du nie dahinter kommen wirst“, sagte Hajo, und ich sah ihm an, dass er auch zu sich selbst gesprochen hatte.
Er musste sehr erregt sein, denn er fingerte schon wieder nach der Schachtel mit den Zigarillos. Als er eins von den Dingern in Brand setzen wollte, zitterte seine rechte Hand, die das Streichholz hielt.
„Ich habe auch so ein Bild, mehr ist es nicht. Ich stehe an Deck eines Schiffes, das kaum Fahrt macht, fast quer zum Wind treibt. Ich starre auf das blasige Wasser. Um mich herum ein wildes Menschengewimmel, hin und wieder von Rauchfetzen verdeckt. Doch ich vernehme keine GerĂ€usche. Es ist, als stĂŒnde ich in einer durchsichtigen Glocke, die mich abschirmt. Die Glocke heißt Angst. Sie nimmt mir die Luft, droht mich zu erdrĂŒcken. Ich möchte schreien und kann nur stöhnen – und dann werde ich sanft gerĂŒttelt – von meiner Frau. Und sie fragt jedes Mal, ob ich wieder diesen doofen Seefahrertraum hatte. Es ist immer die gleiche Szene – es geht weder vorwĂ€rts noch zurĂŒck.“
Er schaute mich an, mit einem Blick, in dem sich Ratlosigkeit mit einer unbestimmten Ahnung zu mischen schien. Ich glaubte zu wissen, was dieser Blick meinte.
Ich gab mir einen Ruck und sagte: „Glaub mir, es bedarf nur eines ganz bestimmten Auslösers. Ein Erlebnis, eine Wahrnehmung oder ein intensives GesprĂ€ch können diese Bilder ins Laufen bringen, den Film vor- und zurĂŒckzuspulen.“
„Bist du dir da sicher?“
„Ziemlich sicher. Zumindest habe ich diese Erfahrung gemacht.“
„Dann lass mal hören“, tönte Hajo ins Bierglas und linste erwartungsvoll ĂŒber den Rand.
Ich bemerkte, dass er jetzt deutlich kleinere Schlucke nahm. Spannung?
Einen Moment zögerte ich noch, weil ich plötzlich Hemmungen bekam, einem wildfremden Menschen etwas zu erzĂ€hlen, worĂŒber ich bislang mit noch niemandem gesprochen hatte. Doch ich fĂŒhlte, da saß mir jemand gegenĂŒber, der wahrscheinlich genauso suchte, wie ich es jahrelang getan hatte.
„Vor vier Jahren war es“, begann ich, wĂ€hrend ich auch mir ein zweites Bier einließ.
Beim Zapfen erzĂ€hlte ich ihm, dass wir damals mit unserer flotten „Lydia“ im Ärmelkanal kreuzten, um die bretonische KĂŒste abzuklappern. Als ich ihm von deren wilden Schönheit der Landschaft erzĂ€hlte und unter anderem von der Felseninsel Mont-Saint-Michele, dem „Wunder des Abendlandes“, schwĂ€rmte, bemerkte ich, dass ihm nichts an diesen Schilderungen zu liegen schien.
„Komm auf den Punkt“, hörte ich ihn auch prompt sagen.
„Also gut. Nur ein paar Kilometer weg von besagter Felseninsel liegt die uralte Hafenstadt Saint-Malo. Als gemeinsam mit unserer Crew durch die winkligen Gassen lief, auf der wuchtigen Wehrmauer stand und auf die vorgelagerten Inseln starrte, hatte ich urplötzlich das Empfinden, schon einmal hier gewesen zu sein. Das alles kam mir wahnsinnig vertraut vor. Aber ich kannte dieses GefĂŒhl. In Paris war es mir Ă€hnlich ergangen. Ich maß dem auch nicht viel Wert bei. Aber dann kam es. Im Hafen von San Malo liegt ein originalgetreuer und seetĂŒchtiger Nachbau einer Fregatte aus dem 18. Jahrhundert. Als altgediente Segelschiffer mussten wir uns das unbedingt ansehen.
Minuten spĂ€ter standen wir an Deck dieses Schiffes, ließen unsere Blicke an den Masten auf- und abgleiten, strichen mit der Hand ĂŒber das Schanzkleid und bewunderten die verwirrende Vielfalt der Takelage. WĂ€hrend die anderen noch fachsimpelten, stieg ich ĂŒber einen Niedergang in das im Halbdunkel liegende Zwischendeck hinab.
Ich sah die langen Bankreihen an den ebenso langen Tischen, auf denen sogar Teller standen, so als wĂŒrden sie darauf warten, dass die Freiwache herein kĂ€me, um ihre sicherlich nicht ĂŒppige Mahlzeit zu sich zu nehmen. Dann fiel mein Blick auf die HĂ€ngematten, die an der Decke befestigt waren. Von dem weißen Tuch wurde ich auf einmal nahezu magisch angezogen. Ich musste mich mit RĂŒcksicht auf andere Besucher regelrecht zusammenreißen, um nicht so eine Matte zu entern und mich hinein zu werfen. Und plötzlich wusste ich: In so einem Ding hast du schon einmal gelegen – dicht an dicht mit den Kameraden. So dicht, dass die Matten bei Seegang aneinander scheuerten. Wachte man nachts auf, brauchte man nur auf diese ReibgerĂ€usche zu achten, um zu wissen, wie wild es draußen die Wogen trieben. Ein innerer Zwang reizte mich, wenigstens das Leinen anzufassen.
Und da passierte es.
Das ganze Zwischendeck fing mit einem Mal an zu schwanken, der vom Kiel aufgehende Großmast knarrte beĂ€ngstigend, das Geschirr polterte von den Tischen, und plötzlich katapultierte mich eine gewaltige Kraft hinauf an Deck. FĂŒr einen Moment wurde mir schwarz vor Augen.
Vielleicht durchlebte ich auch eine Ohnmacht. Ich weiß es nicht. Als ich zu mir kam, war ich von gewaltigem LĂ€rm umgeben. Ein fĂŒrchterliches Krachen ließ die Planken unter mir beben. Dazwischen vielstimmiges Geschrei, aus dem nur die helle Stimme unseres Deckoffiziers herauszuhören war. Das alles wurde von fortwĂ€hrendem Knallen und Knattern untermalt.
Was war das?
Ich öffnete die Augen und wurde gewahr, dass ich vor einer Kanone kniete und einen Tampen in der Hand hielt. Beißender Qualm legte sich ĂŒber die Augen und machte das Atmen schwer.
„Was willst du mit der Richttalje? Zum Ausrennen ist es zu spĂ€t!“, hörte ich jemanden rufen.
Es war der GeschĂŒtzfĂŒhrer. Mit der rechten Hand, in der er eine schwere Axt hielt, wies er auf das feindliche Schiff, das bereits so nahe gekommen war, dass es nur noch Augenblicke sein konnten, bis die BordwĂ€nde sich berĂŒhrten. Schon flogen dutzende Enterdreggen zu uns herĂŒber, fanden Halt und drĂŒben zogen ganze Menschentrauben an den Seilen. Ein GerĂ€usch, das das Aufeinanderprallen von schwerem Eisen signalisierte, ließ mich den Kopf heben. Meine Kanone, die doch eben noch schwere Kugeln gespien hatte, war gegen die MĂŒndung eines gegnerischen GeschĂŒtzes gestoßen. Beide Schiffe hatten sich ineinander verkrallt. Nun wĂŒrde der Kampf „Mann gegen Mann“ beginnen.
„Sie kommen!“, hörte ich den GeschĂŒtzfĂŒhrer brĂŒllen. „Drauf Kinder! Zeigt ihnen, dass wahre RevolutionĂ€re nie aufgeben!“ Und mit einem donnernden „Vive la rĂ©publique!“ stĂŒrmte der HĂŒne mit kreisender Axt den Angreifern entgegen.
Es wurde ein fĂŒrchterliches Gemetzel. Enterhaken gegen Axt oder SĂ€bel. Die EnglĂ€nder, denen es gelang, sich bis auf das Deck unserer Fregatte vorzukĂ€mpfen, sahen sich allerdings einer Übermacht unserer Leute gegenĂŒber. Doch etliche ihrer Kameraden hatten drĂŒben die noch intakten Wanten besetzt und ĂŒberschĂŒtteten unser Deck mit Gewehrkugeln. Einige unserer Leute versuchten, mit gleicher MĂŒnze zurĂŒckzuzahlen.
Ich besaß außer meinem Messer keine Waffe. So blieb mir nur der Wischer, der neben der Kanone lehnte. WĂ€hrend ich die Stange ergriff und mich zu orientieren suchte, stellte ich fest, dass die EnglĂ€nder rasch wieder von unserem Schiff vertrieben sein wĂŒrden. Doch da sah ich, wie das Zwischendeck der gegnerischen Fregatte ganze Trauben von Rotröcken ausspie, die sich rasch formierten. Marineinfanterie!
Ihrem Angriff ging eine, aus mindestens hundert Gewehren abgefeuerte Salve voraus, die fast die HĂ€lfte unserer Leute niederstreckte. Diejenigen, die nicht unmittelbar in das Handgemenge verwickelt waren, suchten irgendwo hinter den Aufbauten Schutz.
Und dann kamen sie, eine rot-weiße Masse ĂŒberschwemmte mittschiffs unser Deck.
Aus!
UnwillkĂŒrlich ließ ich meinen Wischer sinken.
Doch da ertönte die durchdringende Stimme unseres Deckoffiziers, der vom Achterdeck aus ungefĂ€hr zwei Dutzend MĂ€nner als VerstĂ€rkung heran fĂŒhrte.
Mit dem Ruf: „Allons enfants de la Patrie!“ warf er sich mit seinen Leuten den Angreifern entgegen und verschaffte den vor der Übermacht zurĂŒckweichenden GeschĂŒtzbesatzungen ein wenig Luft. Auch die zwischenzeitlich in Deckung gegangenen Leute brachen wieder hervor. Die Marinesoldaten waren zwar in der Überzahl, aber sie besaßen nur ihre abgefeuerten Gewehre. Zum Nachladen gab es keine Zeit. Es blieb ihnen weiter nichts, als mit dem Bajonett anzugreifen. Doch fĂŒr einen altgedienter Seemann, der mit Axt oder Enterhaken umzugehen weiß und der es gewohnt ist, auf schwankendem Boden zu kĂ€mpfen, ist ein BajonettkĂ€mpfer, der sich nicht mit seinen Kameraden zu einer Linie formieren kann, eine leichte Beute. Die rotbejackten MilchbĂ€rte fielen reihenweise. Und jetzt warf auch ich mich ins GetĂŒmmel. Einer dieser jungen Infanteristen ging auch gleich mit dem Gewehrkolben auf mich los. Im gleichen Moment holte das Schiff aber so schwer ĂŒber, dass er gegen das Schanzkleid geworfen wurde. Ich stieß ihm das dicke Ende des Wischers mit solcher Wucht gegen die Brust, dass er mit einem spitzen Aufschrei rĂŒckwĂ€rts ĂŒber Bord ging und durch den schmalen Spalt zwischen den Schiffen ins Wasser klatschte. Keine Ahnung, ob irgendjemand den armen Kerl dort rausgefischt hat oder ob er jĂ€mmerlich ertrunken ist. In diesem Moment war mir das egal. Ich war nur von Wut erfĂŒllt – Wut auf diese Kerle, die uns stundenlang mit zwei Schiffen gejagt, unsere stolze Fregatte unter Feuer genommen und schwer beschĂ€digt hatten. Und jetzt wollten sie uns hier niedermachen. Ich musste genauso viel Mut und Entschlossenheit zeigen wie meine Kameraden, die dem Angriff nicht nur standhielten. AllmĂ€hlich drĂ€ngten sie die Soldaten zurĂŒck.
Mit dem Ruf „Nieder mit den Rosbifs!“, rammte ich einem bereits zurĂŒckweichenden Rotrock meinen Wischer in den Unterleib.
Ich sah, wie er lautlos zusammenklappte. Grimmig blickte ich auf den nach Luft ringenden Soldaten herab. Erst im letzten Augenblick bemerkte ich, dass sich ein junger Offizier seitlich heran geschlichen hatte und drauf und dran war, mir mit einem SĂ€belhieb den SchĂ€del zu spalten. Nur durch einen raschen Sprung rĂŒckwĂ€rts konnte ich dem Hieb ausweichen. Ich hielt den Wischer mit beiden HĂ€nden und holte nun meinerseits aus, um ihm das Ding auf den Kopf zu dreschen. Doch er parierte geschickt, trat obendrein leicht zur Seite, sodass mein, mit viel Schwung gefĂŒhrter Schlag ins Leere ging. Bevor ich den Stock auch nur annĂ€hernd wieder hoch bekam, drang der Bursche wieder vor und fĂŒhrte seinen SĂ€bel so, dass mir der Klinge um ein Haar tief in die Brust gedrungen wĂ€re. Wieder rettete mich ein großer Schritt nach hinten. Doch dabei stolperte ich ĂŒber Teile einer zerschossenen Nagelbank und stĂŒrzte rĂŒcklings zu Boden. Zwischen den TrĂŒmmerteilen und dem Kreuzmast eingekeilt, vermochte ich mich kaum zu bewegen und bot meine Brust der SĂ€belspitze schutzlos dar.
‚Aus!“, fuhr es mir erneut durch den Kopf.
UnwillkĂŒrlich blickte ich in das junge Gesicht ĂŒber mir. In den grauen Augen erwartete ich Triumph zu sehen, aber ich fand eher Verwirrung darin.
Da das Schiff in diesem Moment stark ĂŒberholte, strauchelte der Mann und suchte sich mit der Linken am Mast abzustĂŒtzen, wĂ€hrenddessen er gleichzeitig zum tödlichen Stoß ansetzte. Doch der SĂ€bel blieb kurz vor dem Ziel in der Luft hĂ€ngen. Eine gewisse Ratlosigkeit schien den Mann erfasst zu haben. Warum dieses Zögern?
Ich wusste, dass ich verloren war und schrie ihn an, dass er, der rotbejackte Hurensohn, endlich ein Ende machen möge. Dabei starrte ich wie hypnotisiert auf die vibrierende Spitze der Waffe und keuchte vor Angst.
Plötzlich ein spitzer Schrei und gleichzeitig hörte ich den SÀbel zu Boden poltern. Der Mann brach vor mir in die Knie und presste seine linke Hand gegen den rechten Oberarm. Erschrocken starrte er auf den Blutschwall, der dort hervor drang. Irgendeine gezielte oder auch nur verirrte Kugel hatte ihm den Arm zerfetzt.
Das war meine Chance. Es gelang mir, den Oberkörper aufzurichten und mein Messer aus dem GĂŒrtel zu ziehen. Mit einigen Schnitten durchtrennte ich die Leinen, in denen sich meine Beine verfangen hatten. Auf den Knien kroch ich zu dem Verwundeten, der inzwischen abgekippt war und stöhnend auf der unverletzten Seite lag. Jetzt starrte er auf mein Messer wie ich Sekunden vorher auf seinen SĂ€bel.
Aber auch ich zögerte – so, wie er gezögert hatte. Ich sah in seine angstvoll aufgerissenen Augen und dann auf die grĂ€ssliche Wunde, aus der mit dem Blut auch das Leben aus ihm heraus pulsierte.
„So, du verdammter Rosbif, jetzt gebe ich dir den Rest“, krĂ€chzte ich und spĂŒrte, dass ich dies nur sagte, um meine Hemmung zu ĂŒberwinden.
Es wollte mir nicht gelingen, die eben noch verspĂŒrte Todesangst durch Wut oder Hass zu ersetzen. Anstatt ihm das Messer durch die Kehle zu ziehen, schnitt ich von einem sinnlos herum hĂ€ngenden Seil ein StĂŒck ab und ließ dann das Messer fallen.
Was veranlasste mich dazu, ihm den Strick um den Arm zu legen und die Wunde abzubinden? Ich tat das betont grob und vermied es, seinem Blick zu begegnen. WĂ€hrend ich mit aller Kraft bemĂŒht war, den Knoten so fest wie möglich zu binden, riskierte ich endlich einen Blick in die Runde. Aufatmend sah ich das Deck von Rotröcken befreit und bemerkte, dass die beiden Schiffe langsam auseinander drifteten.
Plötzlich ertönte das Kommando: „Klar Schiff!“ und wenig spĂ€ter: „An die GeschĂŒtze!“
Letzteres galt auch mir. Ich richtete mich auf und suchte nach meinem Wischer.
„Besetzt die BackbordgeschĂŒtze!“
Was sollte das? Die feindliche Fregatte befand sich doch steuerbord!“
Doch dann sah ich den Grund. Das große englische Linienschiff, das bei der Verfolgungsjagd zurĂŒckgeblieben war, hatte inzwischen aufgeholt und trieb jetzt im Abstand von höchsten zweihundert Metern mit uns auf gleicher Höhe.
‚Alles umsonst!‘, fuhr es mir durch den Kopf, und ich starrte schockiert auf die geöffneten StĂŒckpforten des Dreideckers.
Und dann brĂŒllten sie los, die Achtzehn- und SechsunddreißigpfĂŒnder, spien Feuer und Rauch. Und schon krachte und schmetterte es ĂŒber mir, wo die heranfliegenden Stangenkugeln in den Resten unserer Takelage wĂŒteten. Es kostete Überwindung, mich nach dem Wischer zu bĂŒcken. Angesichts dieser feindlichen Übermacht erschien mir ein WeiterkĂ€mpfen nahezu sinnlos. Trotzdem hob ich ihn auf und
 ein furchtbarer Schlag in den RĂŒcken warf mich zu Boden. Der Schmerz war grauenvoll, aber als noch furchtbarer empfand ich die Tatsache, meinen Schmerz nicht herausbrĂŒllen zu können. Irgendetwas Großes musste zwischen meinen SchulterblĂ€ttern stecken, und nur unter höllischen Schmerzen gelang es mir ganz flach zu atmen. Es kann nur ein schwaches Röcheln gewesen sein, zu dem ich noch fĂ€hig war. Nun wusste ich – es war zu Ende.
Vor meinen Augen begann alles zu verschwimmen, es rauschte in den Ohren und im Mund schmeckte ich mein Blut. Dass ich direkt neben dem verwundeten EnglĂ€nder lag, bekam ich noch mit. Ich fĂŒhlte, wie er meine Hand ergriff. Und mitten durch den LĂ€rm vernahm ich seine Stimme.
„Sterbende sollten sich die HĂ€nde reichen.“
Er hatte deutsch gesprochen. Oder gaukelte mir die beginnende Ohnmacht den Klang meiner Muttersprache nur vor?
Ich weiß nicht, ob ich ihm noch etwas geantwortet habe. Ich spĂŒrte nur, wie der bohrende Schmerz im RĂŒcken nachließ. Mit einem Mal fĂŒhlte ich mich ganz leicht, nahezu unbeschwert und fast eine Spur von glĂŒcklich. Das hielt auch noch an, als es still und dunkel um mich wurde. Es war ein riesiges schwarzes Tuch, in das der Tod mich hĂŒllte, ein Tuch in dem ich willig versank. Denken und FĂŒhlen hörten auf.

Ich weiß nicht, wie lange dieser Zustand anhielt. Ich erschrak ein wenig, als das Tuch blitzartig von mir gezogen wurde und meine geblendeten Augen ein Bild wahrnahmen. Unter mir die raue See und inmitten dieser WasserwĂŒste drei Schiffe. Das Bild wurde zur Szene. Der Umstand, dass ich ĂŒber ihr schwebte, beunruhigte mich nicht. Selbst die Erkenntnis, keinen Körper zu besitzen fand kein Erschrecken. Ich wunderte mich nur, als ich diesen meinen Körper an Deck der zerschossenen Fregatte entdeckte. Er lag, mit dem Gesicht nach unten, noch immer am Kreuzmast. Aus dem RĂŒcken ragte ein riesiger Holzsplitter, der einmal Teil einer Rahe gewesen sein musste. An Deck wimmelte es vor roten Uniformen und ich sah, wie man „meinen“ jungen Offizier davon trug. Mein Körper blieb unbeachtet liegen.
Mir war das gleichgĂŒltig. Ich wollte das auch gar nicht mehr ansehen mĂŒssen. Mit dem, was dort unten geschah, hatte ich nichts mehr zu tun. Doch womit dann? Wer war ich jetzt, wo sollte ich hin?
Dankbar registrierte ich, wie eine dichte Wolke aus feinem Dunst mich umfing und den Blick ins Leben versperrte. Der Nebel wurde dichter und begann sich zu verfĂ€rben. Einem schwachen GrĂŒn folgte ein krĂ€ftiges Rot – dann kam das undurchdringliche Schwarz. Ich fĂŒhlte mich geborgen in dieser finsteren Wolke, die mich wie ein Kokon aus feinster Watte umhĂŒllte und mich immer schneller davon zu tragen schien. Endlos lange.
Doch dann – ein blendend heller Blitz, der den Kokon zerfetzte und mich – oder was von mir ĂŒbrig war – in seine Atome zu zerlegen schien. Um mich herum nur schmerzhaft gleißendes Licht von einer nie gekannten IntensitĂ€t und dann
 eine warme krĂ€ftige Hand, die meine Schulter umfasste und sanft daran rĂŒttelte.
„Heh, Olly – was ist mit dir? Wach auf. Wir haben dich schon auf dem ganzen Schiff gesucht.“
Ich besaß also eine Schulter. Und die Stimme gehörte dem Koch unserer „Lydia“.
Besaß ich auch einen Kopf? Mit dieser selbstgestellten Frage kam ich langsam zu mir. Noch völlig verwirrt und benommen öffnete ich die Augen und versuchte mich langsam zu orientieren. Ich saß auf einer der schmalen HolzbĂ€nke, den Kopf auf die grobe Tischplatte gebettet, dicht ĂŒber mir ein halbes Dutzend HĂ€ngematten.
Was fĂŒr ein Traum!

Den ganzen Rest des Tages blieb ich ungewohnt schweigsam. Und ich zweifelte immer mehr daran, das alles wirklich nur getrĂ€umt zu haben. Ich wurde mir immer sicherer, an Bord der Fregatte von Saint-Malo einem frĂŒheren Leben begegnet zu sein. Bis heute habe ich darĂŒber nie ein Wort verloren. Und nun frage ich mich, warum erzĂ€hle ich das ausgerechnet einem wildfremden Menschen wie dir?“
Ich atmete tief durch, nahm einen Schluck und fixierte Hajo, denn ich war auf seine Reaktion gespannt.
Doch Fehlanzeige. Kein nachdenkliches Stirnrunzeln, kein KopfschĂŒtteln, kein unglĂ€ubiges Grinsen – nicht mal ein Schulterzucken. Hajo saß einfach nur da, stierte völlig abwesend in sein Bierglas, und mir schien, als hĂ€tte er meine Frage gar nicht registriert.
„Ich sehe, du glaubst mir von dieser Geschichte kein Wort“, sagte ich betont resignierend.
Ließ er sich wenigstens zu einer BestĂ€tigung meiner Vermutung hinreißen?
Keine Antwort.
Allerdings sah ich, wie die Knöchel seiner das Bierglas umschließenden HĂ€nde weiß waren. Ein Zeichen innerer Anspannung! Dann schien ein Ruck durch ihn zu gehen. Er riss sein Glas an die Lippen und trank das Bier mit einem Zug aus. WĂ€hrend er das GefĂ€ĂŸ hart auf die Theke zurĂŒck setzte und sich mit dem HandrĂŒcken ĂŒber Lippen und Bart wischte, kam wieder Leben in seine Augen. WĂŒrde ich nun eine Antwort erhalten? Ich zog das Glas zu mir herĂŒber und schob es unter den Zapfhahn.
„Lass es gut sein!“, fuhr er dazwischen und blickte demonstrativ auf den Chronometer, der hinter mir an der Wand hing und dessen MessinggehĂ€use erst vor wenigen Stunden auf Hochglanz gebracht worden war.
„Ich muss jetzt nach Hause. Meine liebe Lydia wird sich schon fragen, wo ich so lange abgeblieben bin.“
„Welche Lydia?“
„Meine Frau natĂŒrlich.“
„Ach, deine Frau heißt auch Lydia? Was fĂŒr ein Zufall!“
„Zufall? Ja, kann sein“, brummte er und glitt vom Barhocker.
„Schade.“ Mein Bedauern war ehrlich.
WĂ€hrend er seinen langen Schal neu drapierte und den nach oben gerutschten Hut wieder tief ins Gesicht zog, meinte er, dass es interessant gewesen sei, mich kennenzulernen. Das war alles.
Ein wenig enttĂ€uscht von diesem förmlichen Abschied begleitete ich ihn ĂŒber das Deck bis zur Gangway. Gern hĂ€tte ich ihn aufgehalten. Aber wie?
Als er mir seine kalte Hand reichte, kam mir die Idee, ihn und seine Frau zu dem morgigen Tagestörn einzuladen.
„Ich lasse dich auch an die Schot vom Großstengestagsegel. Und wenn du es dir zutraust, entern wir gemeinsam auf die Fockrah.“
Mein Lachen muss wohl recht gezwungen gewirkt haben, denn er wandte sich mir zu und knurrte: „Warum hast du es darauf abgesehen, mich umzubringen?“
Weil er irritiert wirkte, beeilte ich mich, ihm zu versichern, dass dies als Gag gemeint war und wiederholte meine Einladung.
„Punkt zehn Uhr legen wir ab. Wenn ihr etwas eher da seid, kann ich ja deiner Lydia meine „Lydia“ zeigen.“
Endlich breitete sich so etwas wie ein LĂ€cheln auf seinem Gesicht aus.
„Abgemacht – wir werden rechtzeitig da sein.“
„Ich freue mich!“, rief ich ihm hinterher, wĂ€hrend er ĂŒber die Gangway schritt.
Auf der Kaimauer blieb er stehen. Die Sonne war inzwischen hinter den HĂ€usern der Rostocker Altstadt abgetaucht. Trotzdem schob sich Hajo seine dunkle Brille ins Gesicht. Auf seinen Stock gestĂŒtzt, verwandelte er sich fĂŒr Augenblicke wieder in die Nelson-Statue.
Unvermittelt fuchtelte er mit dem Stock durch die Luft, als wolle er einen imaginĂ€ren Angriff parieren und schlug dann eine gekonnte Riposte. Nun zeigte die Stockspitze auf mich. Und seine Stimme hatte etwas Beklemmendes, als er sagte: „Ich erinnere mich. Du hast mir damals das Leben gerettet. Aber es war kein schönes Leben – mit nur einem Arm.“

__________________
Schreib ĂŒber das, was du kennst!

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Hagen
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Begegnung am Kreuzmast

Hallo Ralph,

FĂŒr diesen grandiosen Text möchte ich mich an dieser Stelle bedanken.
Die Formulierungen zeugen von einer Sachkenntnis, die nicht durch die heilige Schrift, die da heißt ‚Wikipedia‘ zu erlangen ist.
Der Anfang scheint etwas zu holpern, bei genauem Lesen, sowie einem schönen, großen Bier mit einem HĂ€ublein Schaum oberdrauf und einem Griff an der Seite, ist er aber unabdingbar.
Es ist dem Autoren gelungen, den Leser mit genialem Stil bei der Stange zu halten, um ihn den Rest atemlos verschlingen zu lassen; - und es ist ein langer Rest, den das HĂ€ublein auf dem Bier nicht ĂŒberlebt, ohne das Bier zu trinken.
Das will bei mir schon was heißen!

Viele liebe GrĂŒĂŸe
yours Hagen


_______________
Ich höre, und vergesse.
Ich sehe, und erinnere.
Ich schreibe, und verstehe.

(Sehr frei nach Konfuzius)

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orlando
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Hallo Ralph,
gefÀllt mir sehr. Und es kommt alles vor, was auch ein Lyrikerherz erfreuen könnte: Liebe, Revolution, Tod und Geheimnis.
Vor allem Letzteres hast du elegant verpackt und durch die seemÀnnische Fachsprache gleichsam aus seiner Parallelwelt in die RealitÀt gehoben.
Der Leserin bleibt nur ein leiser Zweifel, ebenso wie den Protagonisten.
Kurzum: gelungen!
Eine winzige Ungereimtheit ist mir aufgefallen, die Lydias Schönheit abtrÀglich ist. Statt:

quote:
WĂ€hrend er das GefĂ€ĂŸ hart auf die Theke zurĂŒck setzte und sich mit dem HandrĂŒcken ĂŒber Lippen und Bart wischte
Kein Mensch nennt ein Bierglas ein GefĂ€ĂŸ, nicht einmal der amtlich bestellte Gralsritter.
Damit hat es sich aber schon.

Dir einen herzlichen Dank fĂŒr die unterhaltsame Zeit, die du mir an diesem schauerlichen Herbsttag beschert hast
orlando

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Zeder
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Hallo Ralph,

sehr sehr schön erzÀhlt! Ich freue mich auch, dass Hagen so positiv auf deinen Hinweis reagiert hat. SO gefÀllt mir die Lupe richtig gut!

Anbei ein paar KorrekturvorschlÀge, die alle in (Klammern) gesetzt sind. Ich konnte das hiesige farbige Tool bei diesem langen Text leider nicht nutzen.

Lieber Gruß von Zeder

---
Begegnung am Kreuzmast


Heute Vormittag hatten wir mit unserer schmucken „Lydia“ am Kai des Rostocker Stadthafens festgemacht. Vor und hinter unserem Schiff dĂŒmpelten noch etliche andere Großsegler an der Hafenmauer sanft vor sich hin. Morgen wird (wĂŒrde) die alljĂ€hrliche Hanse-Sail eröffnet, und es sollen (sollten) angeblich mehr als zweihundert Segelschiffe teilnehmen. Schon morgen frĂŒh heißt (hieß) es „Leinen los“ zu einem Zehn-Stunden-Törn mit dreißig Passagieren. Da hat (hatte) der Kahn zu blitzen.
Daher war am Nachmittag „Rein Schiff“ angesagt. Deck schrubben, Leinen aufschießen, Restaurant und KombĂŒse herrichten, die Toiletten putzen und natĂŒrlich alle Messingteile auf Hochglanz bringen. Letzteres war meine Aufgabe. Ich hasste dieses eintönige Polieren – nur bei der Schiffsglocke gab ich mir immer richtig MĂŒhe. Und nun hing sie glĂ€nzend in der Abendsonne – ein echter Hingucker.
Doch der Höhepunkt beim „Rein-Schiff“ kam immer dann, wenn ich mich mit meinem Seemannsstuhl von der Vorpieck zu Lydia hinab seilen durfte. Lydia ist unsere Gallionsfigur, oben Frau unten Fisch. Sie gab auch dem Schiff seinen Namen. Mit einem derben Feudel schruppte (schrubbte) ich ihr die dunkelgrĂŒnen Schuppen blank. FĂŒr das liebliche Gesicht benutzte ich dagegen einen weichen Schwamm, um ihr auch wirklich einen porentief reinen Teint zu verpassen. FĂŒr die ansehnlichen BrĂŒste benutzte ich eine BĂŒrste mit besonders feinen Borsten. Jedes Mal, wenn ich sie solcherart massierte, wurde ich den Eindruck nicht los, dass sich ihr weiches LĂ€cheln, das sie selbst bei grober See beizubehalten pflegte, noch um eine Spur vertiefte.
GemĂŒtlich auf meinem Brett sitzend, betrachtete ich das strahlend saubere Vollweib und lĂ€chelte zurĂŒck.

Nachdem ich mich wieder an Deck gehangelt hatte, fand ich von unserer kleinen Crew niemanden mehr an Bord vor. Die Bande hatte sich, mit dem KĂ€pt’n an der Spitze, klammheimlich aus dem Staub gemacht. Wahrscheinlich saßen sie schon in irgendeiner Kneipe und ließen sich volllaufen. Und mir, dem Alten, der ja ohnehin nicht mehr so viel vertrĂ€gt, drĂŒckte man damit automatisch die Bordwache aufs Auge. Tolle Kumpels!

Womit sollte ich jetzt die Zeit totschlagen? Um mich mit einem Buch in meine Kammer zu verziehen, fand ich das sommerabendliche Wetter zu schön.
Ich schaute hin zur Uferstraße, wo etliche SpaziergĂ€nger unterwegs waren, wohl um den Anblick so ungewohnt vieler Segelschiffe in sich aufzunehmen und mehr oder weniger fachmĂ€nnisch fundierte Kommentare loszuwerden. Manch gaffender Blicke traf auch mich.
GeschĂ€ftigkeit vortĂ€uschend, (kein Komma) schlenderte ich ĂŒber das Deck, zupfte ein wenig an den Tampen und kontrollierte die NagelbĂ€nke auf sauberen Sitz der Taue. Dabei stolperte ich ĂŒber eine PĂŒtz, die jemand hinter dem Niedergang zum Achterdeck abgestellt hatte. Die zu diesem Eimer gehörende Leine machte einen arg ramponierten Eindruck. Lange wĂŒrde sie nicht mehr halten. Ich musste an die Bande bleichgesichtiger Halb- und Viertelmanager denken, deren Chef fĂŒr morgen einen kurzen Segeltörn bei uns gebucht hatte. Dies sollte wohl der firmenfinanzierte Abschluss eines dreitĂ€gigen GehirnwĂ€sche-Seminars werden. (Kein Absatz)
FĂŒr morgen war aber alles andere als eine spiegelglatte See vom Wetterdienst prognostiziert worden. Da wĂŒrde wieder Mal (mal) sehr viel Unverdautes zu beseitigen sein. Um den Mageninhalt all der sensiblen Seminar-GeschĂ€digten durch das Speigatt nach außen zu befördern, brauchte man viel Wasser, und Wasser kommt aus (dem) Meer – gehoben mit der PĂŒtz.

Somit hatte sich der Kreis geschlossen, (kein Komma) und ich wusste, was zu tun sei (war). Aus einer Backskiste kramte ich alle benötigten Utensilien hervor und schnappte mir den kleinen Zinkeimer. Ich suchte mir in der NĂ€he des landseitigen Schanzkleides einen Platz, der gleichzeitig als Sitz und Arbeitsplatte dienen konnte. WĂ€hrend ich das eine Ende der Leine aufzudröseln begann, spĂŒrte ich, dass die Abendsonne noch immer genug Kraft besaß, um mir angenehm das Genick zu streicheln.
Ich mochte vielleicht zwei bis drei Minuten vor mich hin gebosselt haben, als das Genickstreicheln abrupt aufhörte. Ich drehte den Kopf, um die Ursache des Schattenwurfes zu ergrĂŒnden – und da sah ich ihn. Ein (Einen) Mann – etwa in meinem Alter, also die FĂŒnfzig schon ĂŒberschritten (besser: also jenseits der FĂŒnfzig). Mit der linken Hand auf einen altmodischen Spazierstock gestĂŒtzt, verharrte er in Ă€hnlicher Pose wie Lord Nelsen (Nelson) auf seiner SĂ€ule am Trafalgar Square. In seinem dunklen Anzug wirkte er sonntĂ€glich herausgeputzt, obwohl heute ein ganz ordinĂ€rer Mittwoch war. Vielleicht kam er von einer Feier oder gar von einer Beerdigung? Doch gegen Letzteres sprach der auffĂ€llig lange weiße Schal, den er sich trotz der sommerlichen Temperaturen lĂ€ssig umgeworfen hatte. Dazu trug er einen enorm breitkrempigen Hut, der das halbe Gesicht im Schatten ruhen ließ. Die untere HĂ€lfte vom Antlitz deckte ein grauer Vollbart ab. Seine große Sonnenbrille erlaubte es mir nicht, (kein Komma) auszumachen, wohin er seinen Blick gerichtet hielt. Aber ein unbestimmtes GefĂŒhl sagte mir, dass seine Augen auf mir ruhten. Sollten sie doch. Was ging mich dieser durchgeknallte KĂŒnstler an? Denn fĂŒr einen solchen hielt ich ihn, und mit derartigen Pseudo-Intellektuellen habe (hatte) ich nichts an der MĂŒtze. Die gehören (gehörten) meist zu der Sorte von Passagieren, die sogar gegen Luv kotzen. (kotzten)
Mit diesem Gedanken wandte ich mich wieder meiner Arbeit zu. Doch keine zehn Sekunden mochten vergangen sein, als ich im RĂŒcken ein kratziges „ÄhĂ€hm“ vernahm. Und als ich nicht reagierte folgte ein zweites „ÄhĂ€hm“ – diesmal etwas lauter. Nun drehte ich doch den Kopf und blinzelte zu dem Schlapphut-Mann hinauf. Er hatte die Sonnenbrille abgenommen und musterte mich mit einer Mischung aus Verlegenheit und Neugier.
„Ich hab da mal ne Frage“, sagte er. „FĂŒr Sie mag sie doof klingen, aber
“
„Es gibt keine doofen Fragen – nur doofe Antworten“, brummte ich gleichgĂŒltig, wusste aber, dass ich ziemlich ungnĂ€dig reagieren wĂŒrde, wenn er vielleicht wissen wollte, ob wir auch genĂŒgend Rettungsboote mitfĂŒhren (mitfĂŒhrten) oder ob wir unser Kielschwein regelmĂ€ĂŸig fĂŒttern.(fĂŒtterten)
„Den Spruch habe ich auch schon mal gehört“, kam es stattdessen ziemlich ungnĂ€dig zurĂŒck. „Ich wollte eigentlich nur wissen, ob es bei ihrem Schiff auch ein Groß-Untermarssegel gibt.“
„Ein waaas?“
Ich ließ vor Überraschung glatt den Marlspieker fallen.
„Nee (Komma) sowas ham wir nich“, Ă€chzte ich, wĂ€hrend ich mich nach dem Spieker bĂŒckte.
„Auch kein Kreuzstag- oder ein Vorstengestagsegel?“
„Nee, ham wir auch nicht!“
Diese Landratte fing nun doch an zu nerven.
Dann sah ich, wie er einmal tief durchatmete und sein Gesicht den Ausdruck von Resignation annahm. Er hob den Kopf und starrte die Masten an.
„Es gibt diese Segel also gar nicht“, sprach er mehr zu sich selbst und ließ einen tiefen Seufzer hören. Dann schaute er wieder zu mir und lĂŒftete artig seinen Monsterhut.
„Na ja, haben Sie jedenfalls besten Dank.“
Er sah schon ein bisschen niedergeschlagen aus, als er die Sonnenbrille wieder aufsetze (aufsetzte) und sich zum Gehen wandte. Weiß der Kuckuck warum – er tat mir fast ein wenig Leid.
„Aber mit einem Großstengestagsegel kann ich dienen!“, rief ich daher.
Er stockte, kam wieder nĂ€her und fragte leise: „Und ein Untermarssegel?“
„Nein. Die Segeltypen, die Sie mir genannt haben, finden sich meist nur auf Vollschiffen“, erklĂ€rte ich und war um einen sachlich freundlichen Ton bemĂŒht.
„Ach! Das ist also gar kein Vollschiff?“
Langsam wurde mir der Mann unheimlich. Der schmiss hier mit Begriffen um sich, deren Bedeutung er nicht annĂ€hernd zu kennen schien. Was sollte das? Gehörte er zu den affektierten Arschlöchern, die sich irgendwelche seemĂ€nnischen Begriffe angelesen haben (hatten), um damit vor komplett aufgetakelten Ü-40-Tussis zu glĂ€nzen? Möglich, aber diesen Eindruck machte er eher nicht.
„Unsere „Lydia“ – das ist eine besonders schmucke Schonerbrigg“, sagte ich nicht ohne Stolz. „Man kann auch Brigantine dazu sagen. Wenn Sie aber ein ganz tolles Vollschiff sehen wollen, dann mĂŒssen Sie ein StĂŒck die Warnow abwĂ€rts gehen. Ganz in der NĂ€he liegt die „Dar Pormoza“. Das ist ein polnisches Vollschiff. Dort können Sie
“
Ich stockte, weil ich den Eindruck hatte, die Landratte wĂŒrde mir gar nicht mehr zuhören.
„Schonerbrigg? Kein Begriff. Damit kann die Sache nichts zu tun haben“, hörte ich ihn halblaut brabbeln.
‚Dann eben nicht‘, dachte ich und nahm meine Arbeit wieder auf.

Auf der Kaimauer rĂŒhrte sich nichts. Aus (Aber aus) den Augenwinkeln konnte ich erkennen, wie er mir mit spĂŒrbar zunehmendem Interesse auf die HĂ€nde schaute.
„Was machen Sie da eigentlich?“, hörte ich ihn nach einer Weile fragen.
„Das sehn’se doch! Ich spleiße!“
„Aha!“
Dann war wieder eine Weile Ruhe. Dass er mich so ungeniert beobachtete, machte mich nervös. Und da hatte ich auch schon den Salat. Die Kausche vom Eimer wackelte wie ein LĂ€mmerschwanz in dem gespleißten Auge umher. WĂŒtend riss ich an den Enden der Kardeelen. Aber da war nichts zu retten. (Das ist zu viel des Guten – das versteht kein Mensch mehr!) Alles noch mal von vorn!
Mitten in mein aufkommendes Wutknurren mischte sich von oben das bekannte „Ähehm“. (Neue Zeile) Ungehalten schaute ich zu der Landratte auf. Ihm musste meine verĂ€nderte Miene nicht entgangen sein, denn er lĂŒpfte wieder den Hut und deutete sogar eine winzige Verbeugung an.
„Ich will wirklich nicht aufdringlich sein, aber darf ich mir das mal aus der NĂ€he ansehen?“
Ich weiß bis heute noch (bis heute noch - streichen) nicht, warum ich ihn nicht angeschrien habe, er solle sich zur „Dar Pormoza“ oder besser noch zum Teufel scheren. Ich habe wirklich (wirklich – streichen) keine Ahnung, was mich veranlasste, stumm zu nicken.
WĂ€hrend die NervensĂ€ge mit unsicheren Schritten ĂŒber die kurze Gangway an Bord strauchelte, hatte ich meinen Pfusch bereits komplett wieder aufgedröselt. Ich musste bescheuert sein. Jetzt wĂŒrde er mir sogar aus unmittelbarer NĂ€he auf die HĂ€nde starren.
„Ist leider schief gegangen“, sagte ich, als er neben mich trat. „Man sollte sich bei einer solchen Arbeit nie ablenken lassen.“
WĂ€hrend ich das sagte, hielt ich ihm vorwurfsvoll das Tauende unter die Nase. Doch das schien ihn nicht zu beeindrucken.
„Darf ich?“, fragte er stattdessen und nahm mir Seil und Spiecker aus der Hand.
Dann setzte er sich neben mich und betrachtete aufmerksam die Leine. Er befĂŒhlte jedes einzelne Kardeel und nahm dann auch noch die Kausche in die Hand. Mein spöttisches LĂ€cheln ignorierte er. Oder nahm er es gar nicht wahr? Ein merkwĂŒrdig gespannter Ausdruck lag auf seinem Gesicht. Als er ziemlich ungeschickt zu hantieren begann, zeigte ich ihm das hĂ€mischste Grinsen (Komma) zu dem ich fĂ€hig war. Doch nach kurzer Zeit fror mir diese Grimasse buchstĂ€blich ein und ich fing an, RumfĂ€sser zu staunen. Hatte mich dieser Anzugpinkel mit seiner Fragerei nur verarschen oder auf die Probe stellen wollen? Saß da ein waschechter Seemann vor mir? Ich hĂ€tte es geglaubt, wenn er die Klappe gehalten hĂ€tte. Aber wĂ€hrend er sich mit der Leine abmĂŒhte, erkundigte er sich, ob man das Ruder wirklich nach Luv legen muss, wenn man am Wind segelt.
„Das Ruder oder die Pinne?“, fragte ich und musste mir das Lachen verkneifen.
Diese Weisheit konnte ihm nur ein Hobby-Segler vermittelt haben. Einer von der Sorte, die glauben, sich schon zu den Reichen und Schönen zĂ€hlen zu dĂŒrfen, nur weil es ihnen gelingt, sich ein paar Segelstunden vom Munde abzusparen.
„Wir sind hier nicht auf einer Jolle, sondern auf einem Großsegler. Da zĂ€hlt nur der Kurs, und der muss gehalten werden. Der Steuermann hat seinen Blick auf den Kompass zu richten. Den Rest erledigt die Mannschaft ĂŒber die Segelstellung.“
Und dann erklĂ€rte ich ihm noch, was „am Wind“ eigentlich bedeutet und dass man auch „vor dem Wind“, bei „halben (halbem) Wind“ und bei „Raumwind“ segeln könne, und ich schob auch gleich noch ein paar Fachbegriffe hinterher.
Vielleicht hatte meine Stimme dabei etwas zu oberlehrerhaft geklungen. Als er kurz aufschaute, wirkte sein Blick verwirrt. Aber das Ă€nderte sich schlagartig, als er mir ein perfekt gespleißtes Auge prĂ€sentierte. Auch die Kausche saß fest.
„Donnerwetter!“, entfuhr es mir. „Das haben Sie aber nicht zum ersten Mal gemacht!“
Er reagierte nicht, sondern schien gedanklich weit weg zu sein.
„Kann sein“, flĂŒsterte er schließlich.
„Aber das weiß man doch“, wandte ich ein.
„Eben nicht“, flĂŒsterte es zurĂŒck.
Ich verstand die Welt nicht mehr. Saß neben mir ein ehemaliger Seemann, der unter GedĂ€chtnisschwund litt? Wie er so auf der Backskiste hockte, gedankenverloren auf das Seil in seinen HĂ€nden starrte und immer wieder den Kopf schĂŒttelte, da konnte er einem schon wieder leid tun. (leidtun) Irgendetwas stimmte mit dem Mann nicht. Auf einmal verspĂŒrte ich den Wunsch, herauszufinden, was mit diesem seltsamen Menschen los war. Ich nahm ihm das Seil aus der Hand, legte es auf die Holzplanken und rollte mit dem Fuß den Spleiß so lange, bis er schön glatt war. Dabei kam mir eine Idee.
„Jetzt ist alles perfekt. Ich glaube, wir haben uns ein Bier verdient“, sagte ich und wartete gespannt auf seine Reaktion.
Sein Gesicht verĂ€nderte sich schlagartig – so, als wĂ€re er soeben aufgewacht.
Mit einem heiteren Grinsen meinte er: „Oh ja – ein kĂŒhles Bier aus einem Glas mit einem Griff an der Seite und einem HĂ€ublein Schaum obendrauf. Geht das?“
„Das wird sich machen lassen“, versprach ich und schob den fein gezwirnten Herrn nach achtern, wo sich in den Heckaufbauten unser sogenanntes Bord-Restaurant verbarg. Wir waren schon stolz auf den, (kein Komma) ganz mit dunklem Edelholz verkleideten Raum, in dem vier große Tische standen, ĂŒber denen rustikale Messingleuchter baumelten. Auf den PolsterbĂ€nken fanden jeweils drei Personen ausreichend Platz. Es gab auch einen winzigen Tresen, vor dem (den) vier schmale Barhocker geschraubt waren. Und auf einen solchen komplementierte ich meinen Gast.
WĂ€hrend ich das Bier zapfte, sah ich (Komma) wie die Landratte den Kopf in alle Richtungen drehte und dann ein anerkennendes Schnaufen hören ließ.
„Nettes Ambiente“, sagte er und kramte eine flache Schachtel hervor, der er ein Zigarillo entnahm. „Darf ich?“
In mein Nicken mischte sich bereits das feine Zischen des aufflammenden Streichholzes. VergnĂŒgt betrachtete er das Bier, das ich ihm rĂŒber schob.
„Fehlt nur noch eine schöne alte Jukebox und ein Billardtisch, so einer mit kunstvoll gedrechselten Beinen.“
„Ne Jukebox? WĂ€r ne Idee. Aber die meisten unserer Passagiere stopfen sich lieber Stöpsel in die Ohren und holen sich ihr GequĂ€ke von einer Musik-App, anstatt (statt) eine MĂŒnze in den Schlitz zu werfen. Aber Billard – das hat was. Da könnte man ganz neue Spielregeln erfinden – immer dem Seegang angepasst.“
Als er sah, dass ich von einem Ohr zum anderen grinste, stutzte er.
„Logisch“, knurrte er. Dann schaute er auf und nahm endlich die doofe Sonnenbrille ab. Ernst blickte er mir ins Gesicht, als er sagte: „Ich bin tatsĂ€chlich noch nie auf einem Segelschiff gewesen.“
„Und wo hast du
 haben Sie spleißen gelernt?“
„Ich habe wirklich keine Ahnung.“
Ich sagte ihm, dass ich das nicht recht glauben könne und wollte dann wissen, wo er denn die ausgefallenen Segelbezeichnungen aufgeschnappt hÀtte.
Anstatt (Statt) zu antworten, (kein Komma) nahm er einen tiefen Zug aus dem Bierglas. Dann schaute er mich an, als wolle er etwas sagen, entschied sich aber anders und setzte das Glas erneut an.
Ex! (Neue Zeile) Ich pfiff anerkennend durch die ZĂ€hne, griff nach dem leeren Humpen und schob ihn unter den Zapfhahn. Der Mann blieb mir ein RĂ€tsel. Irgendetwas schien ihn zu beschĂ€ftigen, aber da musste es eine Hemmschwelle geben, die ihn daran hinderte, darĂŒber zu reden. Fehlendes Vertrauen?
„Ich heiße Olly“, sagte ich, und wĂ€hrend ich ihm mit der Linken das gefĂŒllte Glas rĂŒber schob, streckte ich ihm die Rechte entgegen.
„Ich bin der Hajo“, erwiderte er und schlug ein.
Seine Hand fĂŒhlte sich kalt an. Er musste wohl bemerkt haben, dass ich kurz zuckte.
„Durchblutungsstörungen – sagt mein Hausarzt.“
„Tja (Komma) in unserem Alter stellen sich eben diese und jene Zipperlein ein“, glaubte ich anmerken zu mĂŒssen und versuchte ein Lachen.
„Hab ich schon lange. Fast genauso lange wie diesen immer wiederkehrenden Traum.“
Ich verstand zwar den Zusammenhang nicht, freute mich aber, dass Hajo aufzutauen begann.
Der (Er) blies dicke Rauchwolken gegen die Decke unseres Nichtraucher-Restaurants und sah mich dann ganz eigenartig an.
„Kannst du dir vorstellen, dass man Dinge trĂ€umt, die einem Begriffe vermitteln, die man aus dem Leben gar nicht kennt? Ich habe zum Beispiel noch nie das Wort “Vorstengestagsegel“ gehört, aber im Traum bin ich jedes Mal damit konfrontiert (worden). Und dann muss ich feststellen, dass es so ein Segel tatsĂ€chlich gibt, genauso wie die anderen Dinge, die immer wieder im Traumgeschehen eine Rolle spielen. Wie geht das?“
„Das geht“, grinste ich. „Ich habe mir im Traum auch schon Witze erzĂ€hlt, die ich noch gar nicht kannte.“
An seiner Reaktion merkte ich, dass ich einen Fehler gemacht hatte. Er zog sich innerlich zurĂŒck. Scheiße. Und dabei hatte er ein Thema berĂŒhrt, das auch mich jahrelang beschĂ€ftigt und das ich als einzigartig angesehen hatte. Gab es so etwas vielleicht öfter? Ich hatte noch nie mit jemanden (jemandem) darĂŒber gesprochen.
„Kleiner Scherz“, sagte ich hastig. „Aber mal im Ernst. Soviel ich weiß, verarbeitet man im Schlaf meist die EindrĂŒcke des Tages. Vielleicht passiert das auch mit Erlebnissen, die schon weiter zurĂŒck liegen. Aber ich meine, man muss im wahren Leben mit den Begrifflichkeiten konfrontiert worden sein, die dann im Traum auftauchen.“
„Genau das meine ich auch“, murmelte er und sog (zog) nervös am Zigarillo.
Unsere Blicke begegneten sich, hielten sich eine ganze Weile gegenseitig fest – und da ahnte ich, dass er das Gleiche dachte wie ich. Aber wir sprachen es beide nicht aus.
„Übrigens, du bist nicht der Einzige, der einem solchen PhĂ€nomen ausgeliefert ist“, sagte ich stattdessen, wĂ€hrend ich mit dem Wischlappen eine BierpfĂŒtze vom Tresen wischte. Dabei musterte ich ihn aus den Augenwinkeln. In seinem Gesicht regte sich nichts. Also beschloss ich nachzulegen. „Auch ich hatte solche TrĂ€ume.“
„Verscheißern kann ich mich alleine“, knurrte er und nahm wieder einen großen Schluck, aber seine ablehnende Haltung wirkte nicht sehr ĂŒberzeugend.
Ich beugte mich zu ihm herĂŒber und fuhr fort: „Hast du eine Ahnung, was ein Brooktau oder ein Pfortenreep ist? Oder hast du jemals von Richttaljen oder Stangenkugeln gehört?“
„Na wahrscheinlich auch solcher Seemannskram, aber davon habe ich nie getrĂ€umt.“
„Aber ich. Und ich hatte lange keine Ahnung, was diese Begriffe bedeuten. Ich vergaß sie ja auch meistens wieder. Aber die TrĂ€ume wiederholten sich, wurden intensiver – reicher an Bildern. SpĂ€ter habe ich die Wörter dann gegoogelt. Es handelt sich um GegenstĂ€nde, mit denen Schiffskanoniere noch vor zweihundert Jahren zu tun hatten. Ich fragte mich, was das mit meinen wirren TrĂ€umen zu tun haben sollte. Doch sie selbst gaben die Antwort – indem sie immer realer und intensiver wurden. Ich sah mich plötzlich in einem dunklen Raum mit niedriger Decke und voller Qualm. Er herrschte ein HöllenlĂ€rm – Menschen schrien, Kanonen krachten, Holz splitterte
 und dann war Schluss. Alles löste sich auf, ich schien zu schweben, versuchte mich zu orientieren
 und
 an der Stelle wachte ich regelmĂ€ĂŸig auf.“
„Interessant“, murmelte Hajo und drĂŒckte seinen Zigarillo-Stummel im Aschenbecher aus. „Kann da etwas im Unterbewusstsein herum spuken, von dem du nichts weißt?“
„Aber auch dort kann ja nur das versteckt sein, was man erlebt oder erfahren hat. Doch welche Erfahrung besaß ich denn im Umgang mit Kanonen, die bereits vor zwei Jahrhunderten abgefeuert wurden?“
„Das scheint mir etwas zu sein, wo du nie dahinter kommen wirst“, sagte Hajo, und ich sah ihm an, dass er auch zu sich selbst gesprochen hatte.
Er musste sehr erregt sein, denn er fingerte schon wieder nach der Schachtel mit den Zigarillos. Als er eins von den Dingern in Brand setzen wollte, zitterte seine rechte Hand, die das Streichholz hielt.
„Ich habe auch so ein Bild, mehr ist es nicht. Ich stehe an Deck eines Schiffes, das kaum Fahrt macht, fast quer zum Wind treibt. Ich starre auf das blasige Wasser. Um mich herum ein wildes Menschengewimmel, hin und wieder von Rauchfetzen verdeckt. Doch ich vernehme keine GerĂ€usche. Es ist, als stĂŒnde ich in einer durchsichtigen Glocke, die mich abschirmt. Die Glocke heißt Angst. Sie nimmt mir die Luft, droht mich zu erdrĂŒcken. Ich möchte schreien und kann nur stöhnen – und dann werde ich sanft gerĂŒttelt – von meiner Frau. Und sie fragt jedes Mal, ob ich wieder diesen doofen Seefahrertraum hatte. Es ist immer die gleiche Szene – es geht weder vorwĂ€rts noch zurĂŒck.“
Er schaute mich an, mit einem Blick, in dem sich Ratlosigkeit mit einer unbestimmten Ahnung zu mischen schien. Ich glaubte zu wissen, was dieser Blick meinte.
Ich gab mir einen Ruck und sagte: „Glaub mir, es bedarf nur eines ganz bestimmten Auslösers. Ein Erlebnis, eine Wahrnehmung oder ein intensives GesprĂ€ch können diese Bilder ins Laufen bringen, den Film vor- und zurĂŒckzuspulen.“
„Bist du dir da sicher?“
„Ziemlich sicher. Zumindest habe ich diese Erfahrung gemacht.“
„Dann lass mal hören“, tönte Hajo ins Bierglas und linste erwartungsvoll ĂŒber den Rand.
Ich bemerkte, dass er jetzt deutlich kleinere Schlucke nahm. Spannung?
Einen Moment zögerte ich noch, weil ich plötzlich Hemmungen bekam, einem wildfremden Menschen etwas zu erzĂ€hlen, worĂŒber ich bislang mit noch niemanden (niemandem) gesprochen hatte. Doch ich fĂŒhlte, da saß mir jemand gegenĂŒber, der wahrscheinlich genauso suchte, wie ich es jahrelang getan hatte.
„Vor vier Jahren war es“, begann ich, wĂ€hrend ich auch mir ein zweites Bier einließ.
Beim Zapfen erzĂ€hlte ich ihm, dass wir damals mit unserer flotten „Lydia“ im Ärmelkanal kreuzten, um die bretonische KĂŒste abzuklappern. Als ich ihm von deren wilden Schönheit der Landschaft erzĂ€hlte und unter anderem von der Felseninsel Mont-Saint-Michele, dem „Wunder des Abendlandes“, schwĂ€rmte, bemerkte ich, dass ihm nichts an diesen Schilderungen zu liegen schien.
„Komm auf den Punkt“, hörte ich ihn auch prompt sagen.
„Also gut. Nur ein paar Kilometer weg von besagter Felseninsel liegt die uralte Hafenstadt Saint-Malo. Als ich allein (Da du am Schluss von deinen Kameraden gefunden wirst, solltest du hier einen Hinweis anbringen, dass sie von deinem Ausflug wussten – wie sollten sie dich sonst finden können?) durch die winkligen Gassen lief, auf der wuchtigen Wehrmauer stand und auf die vorgelagerten Inseln starrte, hatte ich urplötzlich das Empfinden, schon einmal hier gewesen zu sein. Das alles kam mir wahnsinnig vertraut vor. Aber ich kannte dieses GefĂŒhl. In Paris war es mir Ă€hnlich ergangen. Ich maß dem auch nicht viel Wert bei. Aber dann kam es. Im Hafen von San Malo liegt ein originalgetreuer und seetĂŒchtiger Nachbau einer Fregatte aus dem 18. Jahrhundert. Als altgedienter Segelschiffer muss man sich (ich mir) so etwas angesehen haben.
Minuten spĂ€ter stand ich an Deck dieses Schiffes, ließ den Blick an den Masten auf- und abgleiten, strich mit der Hand ĂŒber das Schanzkleid und bewunderte die verwirrende Vielfalt der Takelage. Über einen Niedergang tauchte ich in das, (kein Komma) im Halbdunkel liegende Zwischendeck hinab.
Ich sah die langen Bankreihen an den ebenso langen Tischen, auf denen sogar Teller standen, so als wĂŒrden sie darauf warten, dass die Freiwache herein kĂ€me, um ihre sicherlich nicht ĂŒppige Mahlzeit zu sich zu nehmen. Dann fiel mein Blick auf die HĂ€ngematten, die an der Decke befestigt waren. Von dem weißen Tuch wurde ich auf einmal nahezu magisch angezogen. Ich musste mich mit RĂŒcksicht auf andere Besucher regelrecht zusammenreißen, um nicht so eine Matte zu entern und mich hinein zu werfen. Und plötzlich wusste ich: In so einem Ding hast du schon einmal gelegen – dicht an dicht mit den Kameraden. So dicht, dass die Matten bei Seegang aneinander scheuerten. Wachte man nachts auf, brauchte man nur auf diese ReibgerĂ€usche zu achten, um zu wissen, wie wild es draußen die Wogen trieben. Ein innerer Zwang reizte mich, wenigstens das Leinen anzufassen.
Und da passierte es.
Das ganze Zwischendeck fing mit einem Mal an zu schwanken, der vom Kiel aufgehende Großmast knarrte beĂ€ngstigend, das Geschirr polterte von den Tischen, und plötzlich katapultierte mich eine gewaltige Kraft hinauf an Deck. FĂŒr einen Moment wurde mir schwarz vor Augen.
Vielleicht durchlebte ich auch eine Ohnmacht. Ich weiß es nicht. Als ich zu mir kam, war ich von gewaltigem LĂ€rm umgeben. Ein fĂŒrchterliches Krachen ließ die Planken unter mir beben. Dazwischen vielstimmiges Geschrei, aus dem nur die helle Stimme unseres Deckoffiziers herauszuhören war. Das alles wurde von fortwĂ€hrenden (fortwĂ€hrendem) Knallen und Knattern untermalt.
Was war das?
Ich öffnete die Augen und wurde gewahr (merkte) , dass ich vor einer Kanone kniete und einen Tampen in der Hand hielt. Beißender Qualm legte sich ĂŒber die Augen und machte das Atmen schwer.
„Was willst du mit der Richttalje? Zum Ausrennen ist es zu spĂ€t!“, hörte ich jemanden rufen.
Es war der GeschĂŒtzfĂŒhrer. Mit der rechten Hand, in der er eine schwere Axt hielt, wies er auf das feindliche Schiff, das bereits so nahe gekommen war, dass es nur noch Augenblicke sein konnten, bis die BordwĂ€nde sich berĂŒhrten. Schon flogen dutzende Enterdreggen zu uns herĂŒber, fanden Halt und drĂŒben zogen ganze Menschentrauben an den Seilen. Ein GerĂ€usch, das das Aufeinanderprallen von schwerem Eisen signalisierte, ließ mich den Kopf heben. Meine Kanone, die doch eben noch schwere Kugeln gespien hatte, war gegen die MĂŒndung eines gegnerischen GeschĂŒtzes gestoßen. Beide Schiffe hatten sich ineinander verkrallt. Nun wĂŒrde der Kampf „Mann gegen Mann“ beginnen.
„Sie kommen!“, hörte ich den GeschĂŒtzfĂŒhrer brĂŒllen. „Drauf Kinder! Zeigt ihnen, dass wahre RevolutionĂ€re nie aufgeben!“ Und mit einem donnernden „Vive la rĂ©publique!“ stĂŒrmte der HĂŒne mit kreisender Axt den Angreifern entgegen.
Es wurde ein fĂŒrchterliches Gemetzel. Enterhaken gegen Axt oder SĂ€bel. Die EnglĂ€nder, denen es gelang, sich bis auf das Deck unserer Fregatte vorzukĂ€mpfen, sahen sich allerdings einer Übermacht unserer Leute gegenĂŒber. Doch etliche ihrer Kameraden hatten drĂŒben die noch intakten Wanten besetzt und ĂŒberschĂŒtteten unser Deck mit Gewehrkugeln. Einige unserer Leute versuchten, mit gleicher MĂŒnze zurĂŒckzuzahlen.
Ich besaß außer meinem Messer keine Waffe. So blieb mir nur der Wischer, der neben der Kanone lehnte. WĂ€hren (WĂ€hrend) ich die Stange ergriff und mich zu orientieren suchte (versuchte), stellte ich fest, dass die EnglĂ€nder rasch wieder von unserem Schiff vertrieben sein wĂŒrden. Doch da sah ich, wie das Zwischendeck der gegnerischen Fregatte ganze Trauben von Rotröcken ausspie, die sich rasch formierten. Marineinfanterie!
Ihrem Angriff ging eine, aus mindestens hundert Gewehren abgefeuerte Salve voraus, die fast die HĂ€lfte unserer Leute niederstreckte. Diejenigen, die nicht unmittelbar in das Handgemenge verwickelt waren, suchten irgendwo hinter den Aufbauten Schutz.
Und dann kamen sie, eine rot-weiße Masse ĂŒberschwemmte mittschiffs unser Deck.
Aus!
UnwillkĂŒrlich ließ ich meinen Wischer sinken.
Doch da ertönte die durchdringende Stimme unseres Deckoffiziers, der vom Achterdeck aus ungefĂ€hr zwei Dutzend MĂ€nner als VerstĂ€rkung heran fĂŒhrte.
Mit dem Ruf: „Allons enfants de la Patrie!“ warf er sich mit seinen Leuten den Angreifern entgegen und verschaffte den vor der Übermacht zurĂŒckweichenden GeschĂŒtzbesatzungen ein wenig Luft. Auch die zwischenzeitlich in Deckung gegangenen Leute brachen wieder hervor. Die Marinesoldaten waren zwar in der Überzahl, aber (sie) besaßen nur ihre abgefeuerten Gewehre. Zum Nachladen gab es keine Zeit. Es blieb ihnen weiter nichts, als mit dem Bajonett anzugreifen. Doch fĂŒr einen altgedienter Seemann, der mit Axt oder Enterhaken umzugehen weiß und der es gewohnt ist, auf schwankendem Boden zu kĂ€mpfen, ist ein BajonettkĂ€mpfer, der sich nicht mit seinen Kameraden zu einer Linie formatieren (formieren) kann, eine leichte Beute. Die rotbejackten MilchbĂ€rte fielen reihenweise. Und jetzt warf auch ich mich ins GetĂŒmmel. Einer dieser jungen Infanteristen ging auch gleich mit dem Gewehrkolben auf mich los. Im gleichen Moment holte das Schiff aber so schwer ĂŒber, dass er gegen das Schanzkleid geworfen wurde. Ich stieß ihm das dicke Ende des Wischers mit solcher Wucht gegen die Brust, dass er mit einem spitzen Aufschrei rĂŒckwĂ€rts ĂŒber Bord ging und durch den schmalen Spalt zwischen den Schiffen ins Wasser klatschte. Keine Ahnung, ob irgendjemand den armen Kerl dort rausgefischt hat oder ob er jĂ€mmerlich ertrunken ist. In diesem Moment war mir das egal. Ich war nur von Wut erfĂŒllt – Wut auf diese Kerle, die uns stundenlang mit zwei Schiffen gejagt, unsere stolze Fregatte unter Feuer genommen und schwer beschĂ€digt hatten. Und jetzt wollten sie uns hier niedermachen. Ich musste genauso viel Mut und Entschlossenheit zeigen, (kein Komma) wie meine Kameraden, die dem Angriff nicht nur standhielten. AllmĂ€hlich drĂ€ngten sie die Soldaten zurĂŒck.
Mit dem Ruf „Nieder mit den Rosbifs!“, rammte ich einem bereits zurĂŒckweichenden Rotrock meinen Wischer in den Unterleib.
Ich sah, wie er lautlos zusammenklappte. Grimmig blickte ich auf den nach Luft ringenden Soldaten herab. Erst im letzten Augenblick bemerkte ich, dass sich ein junger Offizier seitlich heran geschlichen hatte und drauf und dran war, mir mit einem SĂ€belhieb den SchĂ€del zu spalten. Nur durch einen raschen Sprung rĂŒckwĂ€rts konnte ich dem Hieb ausweichen. Ich hielt den Wischer mit beiden HĂ€nden und holte nun meinerseits aus, um ihm das Ding auf den Kopf zu dreschen. Doch er parierte geschickt, trat obendrein leicht zur Seite, sodass mein, mit viel Schwung gefĂŒhrter Schlag ins Leere ging. Bevor ich den Stock auch nur annĂ€hernd wieder hoch bekam, drang der Bursche wieder vor und fĂŒhrte seinen SĂ€bel so, dass mir der Klinge um ein Haar tief in die Brust gedrungen wĂ€re. Wieder rettete mich ein großer Schritt nach hinten. Doch dabei stolperte ich ĂŒber Teile einer zerschossenen Nagelbank und stĂŒrzte rĂŒcklings zu Boden. Zwischen den TrĂŒmmerteilen und dem Kreuzmast eingekeilt, vermochte ich mich kaum zu bewegen und bot meine Brust der SĂ€belspitze schutzlos dar.
‚Aus!“, fuhr es mir erneut durch den Kopf.
UnwillkĂŒrlich blickte ich in das junge Gesicht ĂŒber mir. In den grauen Augen erwartete ich Triumph zu sehen, aber ich fand eher Verwirrung darin.
Da das Schiff in diesem Moment stark ĂŒberholte, strauchelte der Mann und suchte sich mit der Linken am Mast abzustĂŒtzen, wĂ€hrenddessen er gleichzeitig zum tödlichen Stoß ansetzte. Doch der SĂ€bel blieb kurz vor dem Ziel in der Luft hĂ€ngen. Eine gewisse Ratlosigkeit schien den Mann erfasst zu haben. Warum dieses Zögern?
Ich wusste, dass ich verloren war und schrie ihn an, dass er, der rotbejackte Hurensohn, endlich ein Ende machen möge. Dabei starrte ich wie hypnotisiert auf die vibrierende Spitze der Waffe und wusste, dass nur sie mich von meiner grÀsslichen Angst befreien konnte. Und sei es um den Preis des Lebens. (hier stimmt was nicht)
hörte gleichzeitig den SÀbel zu Boden poltern. Der Mann brach vor mir in die Knie und presste seine linke Hand gegen den rechten Oberarm. Erschrocken starrte er auf den Blutschwall, der dort hervor drang. Irgendeine gezielte oder auch nur verirrte Kugel hatte ihm den Arm zerfetzt.
Das war meine Chance. Es gelang mir, den Oberkörper aufzurichten und mein Messer aus dem GĂŒrtel zu ziehen. Mit einigen Schnitten durchtrennte ich die Leinen, in denen sich meine Beine verfangen hatten. Auf den Knien kroch ich an den (zu dem) Verwundeten heran, der inzwischen abgekippt war und stöhnend auf der unverletzten Seite lag. Jetzt starrte er auf mein Messer wie ich Sekunden vorher auf seinen SĂ€bel.
Aber auch ich zögerte – so, wie er gezögert hatte. Ich sah in seine angstvoll aufgerissenen Augen und dann auf die grĂ€ssliche Wunde, aus der mit dem Blut auch das Leben aus ihm heraus pulsierte.
„So, du verdammter Rosbif, jetzt gebe ich dir den Rest“, krĂ€chzte ich und spĂŒrte, dass ich dies nur sagte, um meine Hemmung zu ĂŒberwinden.
Es wollte mir nicht gelingen, die eben noch verspĂŒrte Todesangst durch Wut oder Hass zu ersetzen. Anstatt ihm das Messer durch die Kehle zu ziehen, schnitt ich von einem sinnlos herum hĂ€ngenden Seil ein StĂŒck ab und ließ dann das Messer fallen.
Was veranlasste mich dazu, ihm den Strick um den Arm zu legen und die Wunde abzubinden? Ich tat das betont grob und vermied es, seinem Blick zu begegnen. WĂ€hrend ich mit aller Kraft bemĂŒht war, den Knoten so fest wie möglich zu binden, riskierte ich endlich einen Blick in die Runde. Aufatmend sah ich das Deck von Rotröcken befreit und bemerkte, dass die beiden Schiffe langsam auseinander drifteten.
Plötzlich ertönte das Kommando: „Klar Schiff!“ und wenig spĂ€ter: „An die GeschĂŒtze!“
Letzteres galt auch mir. Ich richtete mich auf und suchte nach meinem Wischer.
„Besetzt die BackbordgeschĂŒtze!“
Was sollte das? Die feindliche Fregatte befand sich doch steuerbord!“
Doch dann sah ich den Grund. Das große englische Linienschiff, das bei der Verfolgungsjagd zurĂŒckgeblieben war, hatte inzwischen aufgeholt und trieb jetzt im Abstand von höchsten zweihundert Metern mit uns auf gleicher Höhe.
‚Alles umsonst!‘, fuhr es mir durch den Kopf, und ich starrte schockiert auf die geöffneten StĂŒckpforten des Dreideckers.
Und dann brĂŒllten sie los, die Achtzehn- und SechsunddreißigpfĂŒnder, spien Feuer und Rauch. Und schon krachte und schmetterte es ĂŒber mir, wo die heranfliegenden Stangenkugeln in den Resten unserer Takelage wĂŒteten. Es kostete Überwindung, mich nach dem Wischer zu bĂŒcken. Angesichts dieser feindlichen Übermacht erschien mir ein WeiterkĂ€mpfen nahezu sinnlos. Trotzdem hob ich ihn auf und
 ein furchtbarer Schlag in den RĂŒcken warf mich zu Boden. Der Schmerz war grauenvoll, aber als noch furchtbarer empfand ich die Tatsache, meinen Schmerz nicht herausbrĂŒllen zu können. Irgendetwas Großes musste zwischen meinen SchulterblĂ€ttern stecken, und nur unter höllischen Schmerzen gelang es mir ganz flach zu atmen. Es kann nur ein schwaches Röcheln gewesen sein, zu dem ich noch fĂ€hig war. Nun wusste ich – es war zu Ende.
Vor meinen Augen begann alles zu verschwimmen, es rauschte in den Ohren und im Mund schmeckte ich mein Blut. Dass ich direkt neben dem verwundeten EnglĂ€nder lag, bekam ich noch mit. Ich fĂŒhlte, wie er meine Hand ergriff. Und mitten durch den LĂ€rm vernahm ich seine Stimme.
„Sterbende sollten sich die HĂ€nde reichen.“
Er hatte deutsch gesprochen. Oder gaukelte mir die beginnende Ohnmacht den Klang meiner Muttersprache nur vor?
Ich weiß nicht, ob ich ihm noch etwas geantwortet habe. Ich spĂŒrte nur, wie der bohrende Schmerz im RĂŒcken nachließ. Mit einem Mal fĂŒhlte ich mich ganz leicht, nahezu unbeschwert und fast eine Spur von glĂŒcklich. Das hielt auch noch an, als es still und dunkel um mich wurde. Es war ein riesiges schwarzes Tuch, in das der Tod mich hĂŒllte, ein Tuch in dem ich willig versank. Denken und FĂŒhlen hörten auf.

Ich weiß nicht, wie lange dieser Zustand anhielt. Ich erschrak ein wenig, als das Tuch blitzartig von mir gezogen wurde und meine geblendeten Augen ein Bild wahrnahmen. Unter mir die raue See und inmitten dieser WasserwĂŒste drei Schiffe. Das Bild wurde zur Szene. Der Umstand, dass ich ĂŒber ihr schwebte, beunruhigte mich nicht. Selbst die Erkenntnis, keinen Körper zu besitzen fand kein Erschrecken. Ich wunderte mich nur, als ich diesen meinen Körper an Deck der zerschossenen Fregatte entdeckte. Er lag, mit dem Gesicht nach unten, noch immer am Kreuzmast. Aus dem RĂŒcken ragte ein riesiger Holzsplitter, der einmal Teil einer Rahe gewesen sein musste. An Deck wimmelte es vor roten Uniformen und ich sah, wie man „meinen“ jungen Offizier davon trug. Mein Körper blieb unbeachtet liegen.
Mir war das gleichgĂŒltig. Ich wollte das auch gar nicht mehr ansehen mĂŒssen. Mit dem, was dort unten geschah, hatte ich nichts mehr zu tun. Doch womit dann? Wer war ich jetzt, wo sollte ich hin?
Dankbar registrierte ich, wie eine dichte Wolke aus feinem Dunst mich umfing und den Blick ins Leben versperrte. Der Nebel wurde dichter und begann sich zu verfĂ€rben. Einem schwachen GrĂŒn folgte ein krĂ€ftiges Rot – dann kam das undurchdringliche Schwarz. Ich fĂŒhlte mich geborgen in dieser finsteren Wolke, die mich wie ein Kokon aus feinster Watte umhĂŒllte und mich immer schneller davon zu tragen schien. Endlos lange.
Doch dann – ein blendend heller Blitz, der den Kokon zerfetzte und mich – oder was von mir ĂŒbrig war – in seine Atome zu zerlegen schien. Um mich herum nur schmerzhaft gleißendes Licht von einer nie gekannten IntensitĂ€t und dann
 eine warme krĂ€ftige Hand, die meine Schulter umfasste und sanft daran rĂŒttelte.
„Heh, Olly – was ist mit dir? Wach auf. Wir haben dich schon auf dem ganzen Schiff gesucht. (Auch hier wĂ€re ein Hinweis sinnvoll, wieso deine Kameraden darauf kamen, dich auf dem Schiff zu suchen – du warst ja nur in der Stadt unterwegs)“
Ich besaß also eine Schulter. Und die Stimme gehörte dem Koch unserer „Lydia“.
Besaß ich auch einen Kopf? Mit dieser selbstgestellten Frage kam ich langsam zu mir. Noch völlig verwirrt und benommen, (kein Komma) öffnete ich die Augen und versuchte mich langsam zu orientieren. Ich saß auf einer der schmalen HolzbĂ€nke, den Kopf auf die grobe Tischplatte gebettet, dicht ĂŒber mir ein halbes Dutzend HĂ€ngematten.
Was fĂŒr ein Traum!

Den ganzen Rest des Tages blieb ich ungewohnt schweigsam. Und ich zweifelte immer mehr daran, das alles wirklich nur getrĂ€umt zu haben. Ich wurde mir immer sicherer, an Bord der Fregatte von Saint-Malo einem frĂŒheren Leben begegnet zu sein. Bis heute habe ich darĂŒber nie ein Wort verloren. Und nun frage ich mich, warum erzĂ€hle ich das ausgerechnet einem wildfremden Menschen wie dir?“
Ich atmete tief durch, nahm einen Schluck und fixierte Hajo, denn ich war auf seine Reaktion gespannt.
Doch Fehlanzeige. Kein nachdenkliches Stirnrunzeln, kein KopfschĂŒtteln, kein unglĂ€ubiges Grinsen – nicht mal ein Schulterzucken. Hajo saß einfach nur da, stierte völlig abwesend in sein Bierglas, und mir schien, als hĂ€tte er meine Frage gar nicht registriert.
„Ich sehe, du glaubst mir von dieser Geschichte kein Wort“, sagte ich betont resignierend.
Ließ er sich wenigstens zu einer BestĂ€tigung meiner Vermutung hinreißen?
Keine Antwort.
Allerdings sah ich, wie die Knöchel seiner, (kein Komma) das Bierglas umschließenden HĂ€nde weiß wurden (waren). Ein Zeichen innerer Anspannung! Dann schien ein Ruck durch ihn zu gehen. Er riss sein Glas an die Lippen und trank das Bier mit einem Zug aus. WĂ€hrend er das GefĂ€ĂŸ hart auf die Theke zurĂŒck setzte und sich mit dem HandrĂŒcken ĂŒber Lippen und Bart wischte, kam wieder Leben in seine Augen. WĂŒrde ich nun eine Antwort erhalten? Ich zog das Glas zu mir herĂŒber und schob es unter den Zapfhahn.
„Lass es gut sein!“, fuhr er dazwischen und blickte demonstrativ auf den Chronometer, der hinter mir an der Wand hing und dessen MessinggehĂ€use erst vor wenigen Stunden auf Hochglanz gebracht worden war.
„Ich muss jetzt nach Hause. Meine liebe Lydia wird sich schon fragen, wo ich so lange abgeblieben bin.“
„Welche Lydia?“
„Meine Frau natĂŒrlich.“
„Ach, deine Frau heißt auch Lydia? Was fĂŒr ein Zufall!“
„Zufall? Ja, kann sein“, brummte er und glitt vom Barhocker.
„Schade.“ Mein Bedauern war ehrlich.
WĂ€hrend er seinen langen Schal neu drapierte und den nach oben gerutschten Hut wieder tief ins Gesicht zog, meinte er, dass es interessant gewesen sei, mich kennenzulernen. Das war alles.
Ein wenig enttĂ€uscht von diesem förmlichen Abschied begleitete ich ihn ĂŒber das Deck bis zur Gangway. Gern hĂ€tte ich ihn aufgehalten. Aber wie?
Als er mir seine kalte Hand reichte, kam mir die Idee, ihn und seine Frau zu dem morgigen Tagestörn einzuladen.
„Ich lasse dich auch an die Schot vom Großstengestagsegel. Und wenn du es dir zutraust, entern wir gemeinsam auf die Fockrah.“
Mein Lachen muss wohl recht gezwungen gewirkt haben, denn er wandte sich mir zu und knurrte: „Warum hast du es darauf abgesehen, mich umzubringen?“
Weil er irritiert wirkte, beeilte ich mich, ihm zu versichern, dass dies als Gag gemeint war und wiederholte meine Einladung.
„Punkt zehn Uhr legen wir ab. Wenn ihr etwas eher da seid, kann ich ja deiner Lydia meine „Lydia“ zeigen.“
Endlich breitete sich so etwas wie ein LĂ€cheln auf seinem Gesicht aus.
„Abgemacht – wir werden rechtzeitig da sein.“
„Ich freue mich!“, rief ich ihm hinterher, wĂ€hrend er ĂŒber die Gangway schritt.
Auf der Kaimauer blieb er stehen. Die Sonne war inzwischen hinter den HĂ€usern der Rostocker Altstadt abgetaucht. Trotzdem schob sich Hajo seine dunkle Brille ins Gesicht. Auf seinen Stock gestĂŒtzt, verwandelte er sich fĂŒr Augenblicke wieder in die Nelson-Statue.
Unvermittelt fuchtelte (er) mit dem Stock durch die Luft, als wolle er einen imaginĂ€ren Angriff parieren und schlug dann eine gekonnte Riposte. Nun zeigte die Stockspitze auf mich. Und seine Stimme hatte etwas Beklemmendes, als er sagte: „Ich erinnere mich. Du hast mir damals das Leben gerettet. Aber es war kein schönes Leben – mit nur einem Arm.“

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Ralph Ronneberger
Foren-Redakteur
Autor mit eigener TV-Show

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Hallo Hagen,

Es tut mir leid, dass ich mich jetzt erst melde, aber nachdem ich den Begriff „grandioser Text“ las, hatte ich erst mal ein paar Tage zu tun, um mir die ĂŒberhitzten Ohren zu kĂŒhlen.

Ja – der holprige Anfang. Mit dem schlage ich mich gedanklich immer noch rum. Die Nadel war vielleicht doch ein wenig zu heiß, mit dem ich diese Geschichte gestrickt habe. Sollte halt schnell gehen.

Aber bezĂŒglich Überarbeitung warte ich einfach mal die Weihnachtszeit ab. Die ist immer so komplett stressfrei, seit sich andere Leute um den Weihnachtsbaum kĂŒmmern.

Jedenfalls bin ich froh, dass dir diese ErzĂ€hlung gefallen hat. Und das gibt mir Auftrieb, um mich auf dieser (historischen) Strecke vielleicht ein wenig mehr zu betĂ€tigen. Nochmals vielen Dank und viele GrĂŒĂŸe

Von Ralph.

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Ralph Ronneberger
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Hallo orlando,

vielen Dank fĂŒr deinen Kommentar, ĂŒber den ich mich wirklich sehr gefreut habe. Allein der Umstand, dass sich eine Fast-Bestseller-Lyrikerin ein solches Textmonster vornimmt und kommentiert, macht mich schon ein wenig stolz.

Aber allein der Satz „ 
herzlichen Dank fĂŒr die unterhaltsame Zeit, die du mir an diesem schauerlichen Herbsttag beschert hast“ war der Auslöser, um den Zeiger meines Stimmungsbarometers in diesem Moment ganz nach oben zu katapultieren. Ich glaube, es gibt fĂŒr einen Autoren kaum Schöneres, als einem (können auch gern viele sein) Leser zu begegnen, der sich nicht nur „nicht gelangweilt“ sondern sogar gut unterhalten fĂŒhlt.

Ach – da wĂ€re ja noch dieses ominöse GefĂ€ĂŸ. Glaub mir – glĂŒcklich war ich damit von Anfang an nicht, aber ich wollte die stĂ€ndige Wiederholung von „Glas“ oder „Bierglas“ möglichst umgehen. Und du hast mir dann vor Augen gehalten: „Es geht auch ohne.“ (So sind'se, die Lyriker - immer am KĂŒrzen. Ok. Davon verstehnse halt was) Du hast Recht. Soll Herr Prot sich doch Mund und Bart wischen – ist doch egal, ob er das GefĂ€ĂŸ vorher hart aufgesetzt hat oder nicht.

Nochmals herzlichen Dank und einen fröhlichen Gruß von
Ralph

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Hallo Zeder,

jetzt komme ich endlich dazu, dir fĂŒr deine anerkennenden Worte zu danken.
Aber wie ĂŒberrascht war ich, als ich mir den von dir durchgesehenen Text zu GemĂŒte fĂŒhrte. Wow. Da hast du ja Schwerstarbeit geleistet und ein komplettes Korrektorat bzw. Lektorat abgeliefert. Vor allem dafĂŒr meinen herzlichen Dank.
Ich weiß, wie viel Zeit so etwas braucht.

Heute habe ich es endlich geschafft, all die vielen Stellen nahezu Eins zu Eins zu Àndern. (Etliche der hervorgehobenen Fehler sind mir schon ein wenig peinlich. Ich hoffe, der Herr Nelson hat sich angesichts meiner Schreibweise nicht im Grab herum gedreht. Und der Lydia schruppe ich auch nie mehr die Schubben.)

Nochmals - großes Dankeschön und

liebe GrĂŒĂŸe von Ralph.


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