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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Begegnung auf den Steinstufen
Eingestellt am 06. 11. 2001 12:37


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ingridmaus
Hobbydichter
Registriert: Oct 2001

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Hi leute,
heute werfe ich Euch zum erstenmal einen Text zum Frass vor, also seid nett aber vor allem schoen kritisch!

Begegnung auf den Steinstufen
Sie saß auf den warmen Steinstufen und wartete.
Sie saß da, die Augen halbgeschlossen, und schaute mĂŒde in die Welt. GleichgĂŒltig zerbröselten ihre Finger Birkenpollen und ließen die Samen auf die Steinstufen fallen. Auf der Stufe unter ihr saß eine Schnecke.
Auch sie wartete.
Sie bröselte und wartete und dabei bemerkte sie den Vogel nicht, der auf dem lĂ€ngsten Ast der gewaltigen Birke saß und sich mit dem Baum im sanften Wind hin- und herwiegte. Sie wartete lange und schließlich hielt es der Vogel nicht mehr aus. Er breitete die FlĂŒgel aus und warf sich in den Wind. Er stĂŒrzte hinab und landete dann vorsichtig auf ihrem Knie. Sie blickte nicht auf.
„Worauf wartest Du?“ fragte der Vogel.
Jetzt wandte sie den Kopf und sah ihn aus ihren halbgeschlossenen Augen an.
„Darauf, daß es beginnt.“ antwortete sie leise.
Der Vogel nickte.
„Wie lange wartest Du schon?“
„Solange ich hier sitze.“
Sie wandte sich wieder den Birkenpollen zu und zerbröselte sie ĂŒber den Steinstufen. Aber der Vogel zeigte Kampfgeist.
„Warum fliegst Du nicht dem Beginn entgegen? Dann mĂŒĂŸtest Du nicht so lange warten.“
Sie hielt irritiert inne und ein Windstoß fegte ĂŒber die Steinstufen, nahm ihr die Birkenpollen aus der Hand und trug sie davon. Sie sah ihnen nach, einem tanzenden Kreisel aus glitzernden Punkten, wie er hĂŒpfend und taumelnd dem Himmel entgegenflog.
„Ich kann nicht fliegen.“ sagte sie.
Der Vogel sprang entsetzt von ihrem Knie.
„Du kannst nicht fliegen? Aber was kannst Du dann?“
Sie suchte sich ein paar Kiesel und begann, sie zwischen ihren Fingern hin- und hergleiten zu lassen.
„Ich kann warten.“ erwiderte sie.
Der Vogel ĂŒberlegte. Der Wind blĂ€hte sein Gefieder und wĂ€rmte seine Seele. Der Vogel rupfte sich schnell und entschlossen eine Schwanzfeder aus und legte sie ihr auf den Schoß.
„Nimm meine Feder,“ sagte er, „es ist meine Beste. Mit ihr kannst du gewiß fliegen.“
Sie starrte die lange geschwungene Feder an, die Sonne schien ihr ins Gesicht und ihre Augen leuchteten strahlend blau. Sie ließ die Kiesel fallen, nahm die Feder auf und folgte mit ihrem Zeigefinger vorsichtig dem Verlauf des schimmernden Gefieders. Der Wind fuhr sanft unter die Feder und ließ sie erzittern.
Da legte sie die Feder neben sich auf den Steinstufen ab.
„Und wenn Du mir hundert solcher Federn brĂ€chtest,“ sagte sie leise, „ich könnte trotzdem nicht fliegen. Es ist einfach nicht möglich.“
„Wie Du willst.“ antwortete der Vogel und fraß die Schnecke auf. Dann sprang er hoch, breitete die FlĂŒgel aus und ließ sich davontragen, höher und höher, bis er ganz verschwunden war. Der Wind wirbelte die Feder hoch, einen Moment lang stand die Feder in der Luft, direkt ĂŒber ihr. Dann trug der Wind sie davon, weit weg, hinter die gewaltige Birke und noch weiter.
Sie saß auf den Steinstufen.
Die Steinstufen waren kalt.
Doch die Erinnerung hielt ihre Seele warm
Sie wartete.
Ilo


Vielleicht eine Frage zum Anstoss: Worauf glaubt Ihr, wartet sie?
Gruesse,
Ingrid

__________________
Never wake a sleeping dragon!

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Antaris
Routinierter Autor
Registriert: Sep 2001

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Fliegen

Hallo Ingridmaus,

da ist Dir ja eine nette, poetische Geschichte gelungen. Sie ist auch gut erzÀhlt, das einzige was mich sprachlich stört ist die hÀufige Verwendung von sie, er... das wirkt ein wenig monoton.

Ja worauf wartet sie... Ich sehe in der Geschichte eine Parabel ĂŒber KreativitĂ€t und das Entstehen von Kunst. Du bist auf dem richtigen Weg.

Mit feurigen GrĂŒĂŸen

Antaris

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klara
Hobbydichter
Registriert: Aug 2001

Werke: 11
Kommentare: 53
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Schöne Geschichte.
Worauf sie wartet? Ich weiß es nicht.
Ich glaube, es geht um den Begriff "Warten" allein. Es ist hier in deiner Geschichte nicht wichtig, auf was sie wartet. Der Vogel, der Wind, die Samenkörner... Sie sind in Bewegung.
Die wartende Schnecke ist gefressen worden.
Was blĂŒht dem wartenden MĂ€dchen?
Ich hörte mal jemanden sagen, dass das Warten das Gegenteil vom Leben sei.
Ich las so eine -Ă€hnliche- Botschaft aus deiner Geschichte.
Liege ich völlig daneben?
Herzliche GrĂŒĂŸe.
__________________
klara

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ingridmaus
Hobbydichter
Registriert: Oct 2001

Werke: 2
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Hi Antaris, hi Klara,

danke fuer das Lob *freu*

Was das stupide "er" und "sie" angeht - ja, ich weiss, mir gefaellts auch nicht so gut, allerdings weiss ich keine Alternative. Persoenliche Namen will ich ihnen nicht geben, sonst wird das ganze zu spezifisch und es soll ja allgemein bleiben. "Sie" koennte ich ja hin und wieder mit "Maedchen" oder "Frau" bezeichnen, aber da tut sich das naechste Problem auf - mir ist es eigentlich fuer die Geschichte ziemlich wurscht, ob "sie" alt oder jung, maennlich oder weiblich ist - sie ist einfach jemand der wartet, koennte jeder sein. Deshalb hab ich so ein Problem mit der Benennung. Wenn jemand eine Auswegsbezeichnung wuesste, waere ich recht dankbar.
Wow, Antaris, "eine Parabel ueber das Entstehen von Kunst" - ich wusste gar nicht, dass ich sowas schreiben kann Wo liest Du das denn?
Klara, Du bist ziemlich nah dran an dem, was ich auch empfunden habe, als ich die Geschichte geschrieben habe - meine Antwort waere gewesen, sie wartet darauf, dass das Leben beginnt. Aber nachdem jeder, der die Geschichte liest, bis jetzt etwas anderes darin gesehen hat (siehe Antaris), gibt es wohl mehrere Botschaften, von denen ich beim schreiben gar nichts wusste.
Ist die Geschichte nicht zu kurz? Ich hab sie vor zwei Monaten geschrieben, und seitdem ungefaehr 200 - 300 Woerter rausgekuerzt, langsam krieg ich Zweifel ob das nicht zuviel war.
__________________
Never wake a sleeping dragon!

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Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Ingridmaus!

Auch wenn dein Beitrag schon eine Weile her ist, hier kommt jetzt meine Resonanz auf deine Worte.
In allem finde ich deine Story völlig in Ordnung. FĂŒr mich hat sie genau die richtige LĂ€nge. Wenn sie 200-300 Worte lĂ€nger war, so scheinst du echt die Kunst des Weglassens zu beherrschen. Ich finde das schwieriger als das endlose HinzufĂŒgen von Worten.
Das "SIE" und "ER" mit dem - wie ich finde - passgerechten Gebrauch in der Story, stört mich persönlich ĂŒberhaupt nicht. Eine Namensgebung oder Bezeichnung wĂ€re nur unnötiger Ballast, der vom eigentlichen Thema, ja sogar von der Handlung, ablenkt.
Und jetzt muss ich gezwungenermaßen meinen "Mut zur LĂŒcke" beweisen: wo um Himmels Willen soll denn die "Parabel ĂŒber KreativitĂ€t" stecken? Und das Entstehen von Kunst? Die Kunst ist hier doch schon entstanden! So siehst du es ja auch:-)
ZurĂŒck zu deiner Story: ganz hervorragend fand ich deine Wortwahl, den in sich harmonischen Klang beim Lesen, was das Ganze dem Leser so richtig ins Herz wachsen lĂ€sst!
SUPER!!!!
Worauf die Protagonistin wartet??? Ich weiß es nicht, ich finde das hier auch nicht unbedingt so wichtig. Sie kann eigentlich auf alles warten. Vielleicht ist es auch einfach nur Sehnsucht nach etwas, was sie selbst nicht kennt.
Liebe GrĂŒĂŸe,
Guido

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ingridmaus
Hobbydichter
Registriert: Oct 2001

Werke: 2
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Danke

Hi Guido,
vielen Dank fuer die lobenden Worte *nochmalfreu* - ich finds auch sehr nett, dass Du meinen Beitrag von ganz unten noch mal ausgebuddelt hast.
Das mit der Parabel ueber die Entstehung von Kunst hab ich auch nicht ganz kapiert, trotz Antaris' genauerer Emailerklaerung , aber ich freu mich, dass jeder was anderes in meiner Geschichte entdeckt!
Liebe Gruesse
Ingrid
__________________
Never wake a sleeping dragon!

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