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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Begegnung in Deutschland
Eingestellt am 17. 03. 2009 10:15


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reinhard kreil
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Registriert: Jun 2008

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Begegnung in Deutschland im Jahr 2005

Wie immer saß Bert nicht mit, sondern gegen die Fahrtrichtung an diesem Freitag Abend im Nahverkehrszug. Er tat das schon aus Gewohnheit, selbst wenn wie jetzt viele PlĂ€tze frei waren. Den ganzen Zug, der aus einem einzigen langen Wagen bestand konnte er so ĂŒberblicken. Und er wollte wie immer möglichst lange alleine sein auf seiner Zweierbank, die mit der GegenĂŒberliegenden eine Sitzgruppe bildete. GrundsĂ€tzlich bevorzugten die Leute erst einmal die PlĂ€tze in Fahrtrichtung.

Draußen lag die Dunkelheit. An einer Haltestelle stieg eine Gruppe junger tĂŒrkischer MĂ€nner ein. AusgehmĂ€ĂŸig gestylt. Alle wohl so um die zwanzig. Sie verteilten sich auf mehrere freie Sitzgruppen, brauchten viel Platz, saßen breitbeinig und unterhielten sich laut und angeregt, aber nicht zu laut, ĂŒber mehrere BĂ€nke hinweg. Zwei Haltestellen weiter stieß eine weiterer Trupp junger TĂŒrken dazu. Man kannte und begrĂŒĂŸte sich, nicht ĂŒberschwĂ€nglich, aber selbstverstĂ€ndlich und ohne Ausnahme mit gegenseitiger BerĂŒhrung der Wangen. Es dauerte eine Weile bis alle durch waren.

Bert gefiel dieses Bild. Man meinte den Stolz und das Selbstbewusstsein dieser jungen Leute zu spĂŒren, die sich ohne Scheu auf ihre Art und Weise in der Öffentlichkeit begrĂŒĂŸten. Kultur, Tradition, strenge aber doch familiĂ€re Bindung und Kultur strahlte es aus. Und es gefiel Bert, dass es hier in diesem Land möglich war und geschah, dass sie so leben konnten. Auch er gehörte zu diesem Land. FĂŒr einen Moment versuchte er sich vorzustellen wie eine Zusammentreffen deutscher junger MĂ€nner aussehen wĂŒrde. Ein Hordentreffen.

Einige Haltestellen weiter stiegen die jungen TĂŒrken aus. Es wurde ruhiger. Der Zug war jetzt bis auf wenige Ă€ltere Frauen, die wahrscheinlich von ihrer Arbeit vielleicht als VerkĂ€uferin kamen, leer. Einige deutsch, einige auslĂ€ndisch Herkunft.

Die jungen MĂ€nner draußen hatten offensichtlich alle das gleiche Ziel. Sie liefen als Pulk noch auf der Haltestelle einige Meter neben der Bahn, die gerade anfuhr, her. - Plötzlich, ein Schlag. Sehr laut, aber nicht unmittelbar. Man wusste sofort, dass war nur draußen. Einer musste mit dem Fuß gegen den gerade anfahrenden Wagen getreten und einen ziemlichen Knall verursacht haben. Aber nichts besonderes geschah. Keine der Frauen zuckte merklich zusammen, fing an sich zu empören oder drehte zumindest den Kopf um nach draußen zu blicken. Keiner der TĂŒrken vor den Fenstern lief davon oder lachte spöttisch, weil er einen Streich gespielt hatte. Sie blickten sich auch nicht untereinander an. Es war ihnen unwichtig wer es getan hatte. Sie gingen einfach weiter neben der Bahn entlang und schauten stumm zu den vorbeihuschenden Fenstern herein. Auch der Fahrer unterbrach seine Fahrt nicht. Er hielt nicht an um den Kopf aus dem Fenster zu strecken und mit den Kerlen zu schimpfen. Es war alles normal. Wie wenn es den Knall nicht gegeben hĂ€tte.

Bert hatte den Atem angehalten. Er erschrak ĂŒber die SelbstverstĂ€ndlichkeit mit der nichts geschah. Aber gleich schien es ihm, als ob alle unausgesprochen wussten warum.

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Meine Texte beruhen auf tatsÀchlichen Ereignissen. Biographische, assoziative Episoden zur Aufarbeitung.

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