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Leselupe.de > Gereimtes
Begegnung mit der Vergangenheit (Herz-Schmerz-Prosaversuch)
Eingestellt am 30. 09. 2001 19:36


Autor
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Ralph Ronneberger
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Der Mann go├č sich das Glas randvoll, dann leerte er es mit einem Zug. Oh, das frische Leitungswasser tat gut. Nachl├Ąssig wischte er mit dem Handr├╝cken die Schwei├čperlen von der Stirn. Eigentlich h├Ątte er jetzt duschen m├╝ssen. Doch es trieb ihn zu dem kleinen Schreibtisch mit der zerkratzten Platte, auf der nichts weiter lag, als ein schmaler Karton mit handgesch├Âpftem Briefpapier.
ÔÇÜWen interessiert es schon, wenn ich nach Schwei├č rieche', dachte er und verzog unfroh die Mundwinkel. Behutsam entnahm er der Verpackung einen der teuren B├Âgen, legte ihn vor sich hin und pr├╝fte auf einem Schmierblatt sorgf├Ąltig die Funktion des F├╝llfederhalters. Dann begann er zu schreiben.

Liebe Marlies,

heute ist der erste wirklich warme Tag in diesem Jahr. Da zog es mich mit Macht aus der Wohnung, die mir den ganzen Winter ├╝ber Zuflucht und Gef├Ąngnis zugleich gewesen ist. Ich holte mein altes Fahrrad aus dem Keller und schwang mich in den morschen Sattel. Ich besa├č kein bestimmtes Ziel. Ich wollte nur einfach hinaus in unsere herrliche Umgebung.
Die ungewohnte Bewegung tat gut. Ich pumpte die Lungen voll frische w├╝rzige Waldluft, lauschte dem gleichm├Ą├čigen Schnurren der Reifen und ├Ąrgerte mich nicht einmal ├╝ber das Schutzblech, dessen Geklapper in einem h├Ą├člichen Kontrast zum Zwitschern der V├Âgel stand. Mit einem Wort - ich f├╝hlte mich seit langem mal wieder so richtig wohl.
Irgendwann wurde mir bewu├čt, da├č ich ausgerechnet die Route gew├Ąhlt hatte, die mir - die uns - so unendlich vertraut ist. Und da! Kurz hinter den f├╝nf Eichen - Du kennst ja die Stelle - da passierte es! Kein Sturz, keine Panne, kein Schw├Ącheanfall. Nein, ein v├Âllig normaler, aber f├╝r mich ersch├╝tternder Vorgang.

Mir kam eine radelnde Familie entgegen. An der Spitze zwei Kinder im Alter von zehn bis zw├Âlf Jahren, die trotz des flotten Tempos noch gen├╝gend Puste besa├čen, um sich lautstark zu unterhalten. Dahinter eine junge Frau, die sich f├╝rsorglich an der Seite ihrer Mutter hielt, obwohl man der alten Dame die Anstrengung kaum ansah. Seitlich etwas versetzt fuhr ein Mann, der bem├╝ht schien, die kleine Herde geb├╝hrend zusammen zu halten.
"Vorsicht! Radfahrer von vorn!" rief er seinen Kindern zu, als er mich sah. Ich fuhr an den ├Ąu├čersten Rand des Weges, hielt an und lie├č die kleine Gruppe an mir vor├╝ber ziehen. Ich mu├č sie angestarrt haben, wie einen Gespensterzug. Das Ganze w├Ąhrte ja nur Sekunden, aber sie reichten aus, um mich in eine tiefe Depression zu st├╝rzen. Wem war ich da soeben begegnet? Der Vergangenheit? Uns? Dieser junge Mann mit seinem schwarzen strubbeligen Vollbart, sah er nicht genauso aus, wie ich vor f├╝nfzehn Jahren? Nun ist mein Bart fast wei├č, unsere Kinder sind l├Ąngst erwachsen und Deine Mutter lebt krank in einem Pflegeheim. Und Du? Nur Du bist so wie damals - jung und unendlich sch├Ân. Ich wurde pl├Âtzlich von einer wahnsinnigen Sehnsucht gepackt. Sie ri├č an meiner Seele und nahm mir den Atem. "Marlies!" Ein gefl├╝sterter Schrei nach Dir, nach den Kindern - nach Gl├╝ck.
V├Âllig verst├Ârt raste ich zur├╝ck, verzweifelt bem├╝ht, die Erinnerung abzusch├╝tteln. Vergebens. Hartn├Ąckig hielt sie sich an meiner Seite, verfolgte mich bis hierher und h├Ąlt mich noch immer gefangen. Aber ein Leben in st├Ąndiger Erinnerung ist ein Leben ohne Zukunft. Ich werde diesen Weg nie wieder fahren.

Dein Klaus.

Der Mann schob mechanisch die Schutzkappe ├╝ber die Feder. Dann nahm er mit spitzen Fingern den kostbaren Bogen und legte ihn zu einem Stapel ebenso sorgf├Ąltig beschriebener Bl├Ątter. Briefe, die er nie abgeschickt hatte.

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Renee Hawk
???
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Hallo Ralph,

der offene Schlu├č l├Ą├čt mich spekulieren, da durch tendiere ich zu folgendem:
a.) Marlies und Klaus haben sich vor langer Zeit getrennt
b.) Marlies lebt nicht mehr
c.) Klaus ist zu feige seiner Frau seine Gef├╝hle zu gestehen, da sie sich im laufe der Jahre derart auseinander gelebt haben.

Sch├Ân wie du diesen Brief geschrieben hast. Manche Frauen w├╝nschen sich die offene Erkl├Ąrung mancher Handlungen ihres Mannes in Schriftform, da bleibt Zeit zum Nachdenken; f├╝r beide. Warum tun M├Ąnner sich so schwer einen Brief abzuschicken?

liebe Gr├╝├če
Rene├Ę

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Ralph Ronneberger
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Hallo Rene├Ę,

das ist ja ein Ding! Als ich dieses Mini-Geschichtchen schrieb, kam ich nie auf den Gedanken, es k├Ânnte mehrere M├Âglichkeiten geben. Aber Du hast Recht. Der Schlu├č l├Ą├čt da was offen. Ich hatte jedenfalls beim Schreiben die Variante a) im Hinterkopf.
Du fragst:"Warum tun M├Ąnner sich so schwer einen Brief abzuschicken?"
Das wei├č ich auch nicht. Ich jedenfalls schicke meine Briefe immer brav ab. Ich schreibe nur selten welche. Daf├╝r sind sie dann aber immer sehr lang.

Liebe Gr├╝├če von Ralph,
der sich gr├╝belnd den Kopf kratzt und sich wundert, da├č wir uns ausgerechnet bei Herzschmerz mal wieder ├╝ber den Weg laufen. Na ja - es wird wohl jetzt, wo ich wieder etwas flei├čiger bin, auch in anderen Rubriken dazu kommen.
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