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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Begegnung mit der Wahrheit
Eingestellt am 10. 07. 2002 22:24


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Zimbra18
Festzeitungsschreiber
Registriert: Nov 2001

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Es waren die mit Abstand schrecklichsten Minuten meines kurzen Lebens. Es war, als fiel ein entsetztes Meer von stechenden Regentropfen auf mich ein. Es war, als st├╝rbe ich bei vollem Bewusstsein. Es war, als mir die Wahrheit ihr Gesicht zeigte. Ein Gesicht, das mir die Welt von einem zum n├Ąchsten Augenblick vermieste; ein Gesicht, das mir seine k├╝hlen Z├╝ge zeigte und mich das grausame Gef├╝hl sp├╝ren lie├č, dass ich an mir selbst ersticke.
Ich stand bei Einbruch der D├Ąmmerung am Grabe meiner Gro├čmutter. Friedh├Âfe hatten mir bis zu diesem Zeitpunkt nicht das geringste Gef├╝hl der Unsicherheit hervorlocken k├Ânnen, nein, allzu oft genoss ich es, ├╝ber das weiche Kiesbett zu schreiten und dem erhabenen Knirschen der Steine beizuwohnen, das vertrauensvoll eine z├Ąrtliche Bindung mit der gen├╝gsamen Stille einging. Doch nun sollte es anders kommen, sollte dieser sonst so angenehme Ort Zuschauer eines innerlichen Kampfesschauspiel werden. Vielleicht mag dies daran gelegen haben, dass ich zum ersten Mal allein dort war. Ich wei├č es nicht. Jedenfalls ├╝berkam mich pl├Âtzlich und in rasender Geschwindigkeit ein tiefes Gef├╝hl. Es wurde mir klar, wie erb├Ąrmlich ich bin, wie klein die Menschen sind. In einigen Jahren werde auch ich hier liegen, dachte ich, j├Ąmmerlich, wie ein get├Âtetes Wild am Wegesrand, das seine letzten schweren Atemz├╝ge getan hat. Ihm wurde keine Beachtung geschenkt. Meine Lieben werden mein Grab besuchen, klammern sich vielleicht an die Hoffnung, es gehe mir nun besser als zu Lebzeiten, versuchen, dem Schicksal des Menschen zu entgehen. Ich weine. Bitterlich. Sinke hinab auf Knien. Es regnet. Meine Wangen sind k├╝hl. Die Kieselsteine bohren sich r├╝cksichtslos in meine Knie. Warum leben? Nein, wir leben nicht! Unser ganzes Dasein ist ein einziges Sterben, ein pausenloses Fortschreiten bis zum bitteren Ende, bestimmt von einem h├Âheren Ziel. Wir sind so klein, so eingeschr├Ąnkt, wie es unsere Worte nicht beschreiben k├Ânnen. Wir streben nach Erfolg in unserem kleinen Kosmos, ohne uns dar├╝ber bewusst zu werden, wie sinnlos doch jedes Ziel sein muss, wenn wir hier enden. Zwanzig, vielleicht drei├čig Jahre bleiben unsere j├Ąmmerlichen Reste der Nachwelt erhalten – dann sind wir auch in den letzten Gedankenfetzen ein Nichts. Traurige Wahrheit.
So muss sich der Tod anf├╝hlen. Es ist, als bahnten sich die Regentropfen einen unaufhaltsamen Weg mitten in mein Herz hinein. Sie ist so grausam, diese Wahrheit, dieses Bewusstsein ├╝ber die eigene Nichtigkeit. Ich renne. Einfach nur weg. Gr├Ąssliche Momente. Bis ich mich beruhigte.
Ich liebe Friedh├Âfe.

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kio
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Oct 2000

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Du dr├╝ckst hier etwas aus, das jeden Menschen fr├╝her oder sp├Ąter ereilen wird. Zum einen den Umgang mit der Sterblichkeit, zum anderen die eigene Sterblichkeit. Doch auch wenn man sich als Mensch deshalb mal kurz sehr klein im Universum f├╝hlt, noch viel winziger als jedes string-Teilchen, die Gedanken in Richtung Unwichtigkeit wandern. Genau dann sollte man als Mensch die St├Ąrke erkennen, das Gl├╝ck, das einem gegeben ist, part of it zu sein. Und es genie├čen. Genau in dem Augenblick deiner Erkenntniss.
Hast traurig, aber supi geschrieben. Die Trauer hat ein Ende. Auch so ein Gl├╝ck des Mensch-Seins, gru├č, kio....p.s.schreib weiter, machst das super
__________________
so einfach, wie m├Âglich, aber nicht einfacher. A. Einstein

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soleil
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Registriert: May 2001

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Hallo Zimbra,

dieser Text hat mich sehr beeindruckt. Die Sprache schafft eine ganz eigene Dynamik beim Lesen; man kann sich in die Situation einf├╝hlen.

Viele Gr├╝├če
Soleil

PS: Wirklich nur Kleinigkeiten! ;-)
--------
Es waren die mit Abstand schrecklichsten Minuten meines kurzen Lebens. Es war, als fiele ein entsetztes Meer von stechenden Regentropfen auf mich ein. Es war, als st├╝rbe ich bei vollem Bewusstsein. Es war, als mir die Wahrheit ihr Gesicht zeigte. Ein Gesicht, das mir die Welt von einem zum n├Ąchsten Augenblick vermieste; ein Gesicht, das mir seine k├╝hlen Z├╝ge zeigte und mich das grausame Gef├╝hl sp├╝ren lie├č, dass ich an mir selbst ersticke.
Ich stand bei Einbruch der D├Ąmmerung am Grabe meiner Gro├čmutter. Friedh├Âfe hatten mir bis zu diesem Zeitpunkt nicht das geringste Gef├╝hl der Unsicherheit hervorlocken k├Ânnen, nein, allzu oft genoss ich es, ├╝ber das weiche Kiesbett zu schreiten und dem erhabenen Knirschen der Steine beizuwohnen, das vertrauensvoll eine z├Ąrtliche Bindung mit der gen├╝gsamen Stille einging. Doch nun sollte es anders kommen, sollte dieser sonst so angenehme Ort Zuschauer eines innerlichen Kampfesschauspiel -> reicht hier nicht "Kampfes" v├Âllig aus? werden. Vielleicht mag dies daran gelegen haben, dass ich zum ersten Mal allein dort war. Ich wei├č es nicht. Jedenfalls ├╝berkam mich pl├Âtzlich und in rasender Geschwindigkeit ein tiefes Gef├╝hl. Es wurde mir klar, wie erb├Ąrmlich ich bin, wie klein die Menschen sind. In einigen Jahren werde auch ich hier liegen, dachte ich, j├Ąmmerlich, wie ein get├Âtetes Wild am Wegesrand, das seine letzten schweren Atemz├╝ge getan hat. Ihm wurde keine Beachtung geschenkt. Meine Lieben werden mein Grab besuchen, klammern sich vielleicht an die Hoffnung, es gehe mir nun besser als zu Lebzeiten, versuchen, dem Schicksal des Menschen zu entgehen. Ich weine. Bitterlich. Sinke hinab auf Knien. Es regnet. Meine Wangen sind k├╝hl. Die Kieselsteine bohren sich r├╝cksichtslos in meine Knie. Warum leben? Nein, wir leben nicht! Unser ganzes Dasein ist ein einziges Sterben, ein pausenloses Fortschreiten bis zum bitteren Ende, bestimmt von einem h├Âheren Ziel. Wir sind so klein, so eingeschr├Ąnkt, wie es unsere Worte nicht beschreiben k├Ânnen. Wir streben nach Erfolg in unserem kleinen Kosmos, ohne uns dar├╝ber bewusst zu werden, wie sinnlos doch jedes Ziel sein muss, wenn wir hier enden. Zwanzig, vielleicht drei├čig Jahre bleiben unsere j├Ąmmerlichen Reste der Nachwelt erhalten ÔÇô dann sind wir auch in den letzten Gedankenfetzen ein Nichts. Traurige Wahrheit.
So muss sich der Tod anf├╝hlen. Es ist, als bahnten sich die Regentropfen einen unaufhaltsamen Weg mitten in mein Herz hinein. Sie ist so grausam, diese Wahrheit, dieses Bewusstsein ├╝ber die eigene Nichtigkeit. Ich renne. Einfach nur weg. Gr├Ąssliche Momente. Bis ich mich beruhigte.
Ich liebe Friedh├Âfe.

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Stoffel
gesperrt
One-Hit-Wonder-Autor

Registriert: Jun 2002

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Hallo,

Dir sind bei diesem Besuch erstmals Gedanken ├╝ber das Leben gekommen, seinem Sinn und der Bedeutung.Ging mir an einem anderen Ort auch schon so.Nur nicht ganz so heftig.
Mir gef├Ąllt das mit dem "Wild am Wegesrand"
als Vergleich nicht so.Aber es wird Deine Art des Vergleiches sein zu diesem starken Gef├╝hl.

meinst Du wirklich
"entsetztes Meer",oder eher ein "entsetzliches Meer"?

WAS f├╝r ein "tiefes Gef├╝hl"?
Ein tiefes Gef├╝hl von.....?

Es muss ein Tag gewesen sein,an dem Du wohl sowieso schon etwas sensibel,emotional drauf warst(?)
Sonst sehr realistisch geschrieben,fast ergreifend.

Stoffel


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Aurora borealis
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jul 2002

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Ich kann nicht viel sagen ... ich bin einfach nur begeistert. Ich werde zum fan!
Aurora b.

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Zimbra18
Festzeitungsschreiber
Registriert: Nov 2001

Werke: 8
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Danke f├╝r die Reaktionen auf meine Geschichte!!
Ich denke, ich bin sehr gewachsen durch diese Erfahrung. Man kann sagen, dass sie der H├Âhepunkt einer ganzen Reihe von Gedanken uns -ausbr├╝chen war.
Ich w├╝rde mich sehr ├╝ber weitere Meinungen freuen.
Liebe Gr├╝├če,
zimbra18

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