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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Begegnung mit der Zeit
Eingestellt am 21. 04. 2002 15:05


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aenne göltzer
Hobbydichter
Registriert: Apr 2002

Werke: 2
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Begegnung mit der Zeit
Das Hupen war nicht zu ĂŒberhören – Torsten reagierte Ă€rgerlich, war er doch gerade erst kurze Zeit bei Michael. Beide saßen an dem kleinen Fischteich im Garten von Michaels Eltern und beobachteten die Fische. Wie im Flug war die Zeit vergangen. Hupen war das abgesprochene Zeichen, um seine Mutter zum Einkaufen zu begleiten. Sichtlich außer Atem sprang er in das wartende Auto. Seine Mutter hatte es eilig, es hatte sich Besuch angemeldet und der Einkauf musste heute getĂ€tigt werden. Mit einem vollbepackten Kofferraum kamen sie zu Hause an und Torsten verschwand sofort auf seinem Zimmer, um noch ein wenig mit dem Goldhamster zu spielen. Die Stimme des Vaters holte Torsten aus seinem Reich. Vater kam von der Arbeit und bevor der Besuch klingeln wĂŒrde, sollte der Rasen in Form gebracht werden. Von weitem hörte er das Knattern des RasenmĂ€hers und er bewaffnete sich mit einer Harke, um sich dann im Garten nĂŒtzlich zu machen. Mutter war in der KĂŒche mit dem Kochen beschĂ€ftigt, als es an der TĂŒr klingelte. Tante Johanna und Onkel Bernd hatten sich fĂŒr den Abend angemeldet und mit etwas GlĂŒck wĂŒrde Torsten noch heute Abend stolzer Besitzer der neusten CD seiner Lieblingsgruppe sein.
Gespannt setzte er sich an den festlich gedeckten Tisch, als auch schon seine Tante auf ihn zustĂŒrzte, etwas von wichtigen Terminen erzĂ€hlte und ihm einen kleinen Geldschein in die Hand drĂŒckte. „Leider haben wir es nicht mehr geschafft, in den Plattenladen

zu gehen“ sagte sie zu ihm, „damit kannst Du Dir deine CD selber holen“.
Nun ja, er hĂ€tte sich die CD am liebsten schon heute Abend angehört, aber dann wĂŒrde er eben morgen frĂŒh etwas zeitiger aufstehen, um sich sein Geschenk noch schnell vor dem Unterricht zu kaufen. Die Erwachsenen am Tisch erzĂ€hlten von ihrem Urlaubsstress, denn es gab jede Menge vorzubereiten und zu Planen, um im Urlaub möglichst viel zu sehen und zu erleben. Er konnte die Zeit bis zu den großen Ferien kaum noch erwarten, denn sein Vater hatte versprochen, dieses Jahr mit ihm zu Schnorcheln. Torsten trĂ€umte ein wenig vor sich hin, als seine Mutter zu verstehen gab, dass es allmĂ€hlich Zeit wĂ€re, sich fĂŒr das Bett zu rĂŒsten. Vater fĂŒgte noch hinzu, wie wichtig es fĂŒr einen Jungendlichen im Wachstum ist, ausreichend Schlaf zu bekommen. Also verabschiedete sich Torsten höflich und ging in sein Zimmer. Der kleine Hamster lief eilig in seinem Laufrad, als wĂŒrde er seine Abendgymnastik absolvieren. Torsten beobachtete ihn nachdenklich und begann sich ĂŒber die Hektik der Erwachsenen Gedanken zu machen. Die frische Luft und sein Engagement im Garten hatten ihn mĂŒde werden lassen und so schlief er ĂŒber seinen Gedanken ein.
Er hatte einen ungewöhnlichen Traum.
Es war frĂŒh morgens, die ersten Sonnenstrahlen ließen das Morgentau auf der Wiese verdampfen, als Torsten sich aufmachte, um seine Lieblings CD zu kaufen. Er kannte diesen weg, doch an diesem morgen kam er an eine Kreuzung, wo er sich nicht mehr sicher war,
welchen Weg er gehen sollte. So stand er da und schaute umher, als neben ihm eine Stimme ertönte.
Die Stimme war ihm fremd, aber nicht unheimlich und sie sagte: „ wenn du den richtigen Weg suchst, dann gehe mit mir.“ Torsten erschrak und ĂŒberlegte, woher diese fremde Stimme sein Ziel kannte. „Hab vertrauen“ sagte die Stimme weiter, „wir begegnen uns jeden Tag, denn alles dreht sich nur um mich. Ich bin deine Zeit. Jede der vier Richtungen hat seine eigene Auffassung von der Zeit, also gehe in jede Richtung, dann wirst du deinen Weg finden.“
Nachdenklich bog Torsten in die erste Straße ein und schon nach wenigen Metern empfand er Hektik und Unbehagen. Er sah eine große Fabrik, in der mit großer Geschwindigkeit gearbeitet wurde. Die Arbeiter schwitzten und hetzten umher, sie standen sichtlich unter Zeitdruck und es hatte den Anschein, als wĂŒrden sie ungeheures leisten. Riesige Mengen wurden produziert, jedoch alles was gerade fertig war, zerbrach im nĂ€chsten Augenblick. Hinter der Fabrikhalle lag ein gewaltiger Scherbenhaufen. Torsten erschrak – er erkannte, dass dieser Weg nicht der richtige ist, und eilte zurĂŒck zur Kreuzung.
Er nahm die nĂ€chste Straße. Als er einige hundert Meter gegangen war, sah er eine Gruppe Menschen mit Schaufel und Harken, die hektisch, genervt und total ĂŒberfordert von ihrer vielen Arbeit erzĂ€hlen.
Von der Last des ErzĂ€hlens waren ihre RĂŒcken ganz krumm geworden und sie machten auf Torsten einen unglĂŒcklichen Eindruck. Als er an der Gruppe vorbei gegangen war, erblickte er ein weites Feld, auf dem
keine Pflanzen, kein Baum, kein einziger Strauch wuchs. Nicht einmal ein Grashalm wiegte sich im Wind. Torsten drehte sich um, sein Blick wandte sich noch einmal zu den gebĂŒckten Menschen, die immer noch unverĂ€ndert da standen und erzĂ€hlten. Auf dem weg zurĂŒck zur Kreuzung fĂŒhlte er, dass auch dieser Weg nicht der richtige ist.
Als er in die dritte Straße einbog, hörte er von weitem einen ihm fremden Gesang. E blieb stehen und hörte einen Moment zu. Es klang sehr harmonisch, beinahe lieblich. Da erinnerte er sich an ein GesprĂ€ch mit seinen Eltern, die ihm zu erklĂ€ren versuchten, dass es Menschen gibt, die sich von einer scheinbar höheren Macht beeinflussen lassen, um Zeit zu gewinnen. Sie geben ihr gesamtes Hab und Gut an den Meister, um ihm dann in einer fremden Welt, fern ab von Zeit und Wirklichkeit zu dienen. Auf diesem Weg werde ich mein Ziel nie erreichen dachte Torsten. Also nahm er die letzte Möglichkeit, die ihm die Kreuzung bot.
Die Straße war sehr breit und schien ihm unendlich lang. Er ging vorbei an der Fabrik mit dem großen Scherbenhaufen, an den Menschen, die immer noch mit Schaufeln und Harke beladen diskutierten und auch an der singenden Menschengruppe, die in langen GewĂ€ndern ihrem Meister folgten.
Mit sicherem Schritt ging Torsten auf der langen Straße weiter, die Umgebung wurde ihm wieder Vertaut und er war sich sicher, den richtigen Weg gefunden zu haben. Das Klingeln des Weckers riss Torsten aus seinem Traum. Es war Zeit aufzustehen, denn die Schulglocke wĂŒrde nicht auf ihn warten.

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Gerhard Kemme
Guest
Registriert: Not Yet

Begegnung mit der Zeit

Hallo!
Harmonie und Sprachsicherheit fielen mir auf, es ist irgend-
wie schön, wenn man weiss, das jeder Satz mit grösster
Sicherheit zuende gebracht wird. Viel ZurĂŒckhaltung bei dem
durchaus manchmal umstrittenem Thema Zeit. Sanft wird eine
eigene JugendrealitÀt angedeutet. Auch im Traum bleibt ihm
die Musik-CD der Vorbildgruppe wichtigstes Ziel. Die Konse-
quenzen seines Willens: Harte Industriearbeit in der CD-Fabrik und glÀubige Popgruppen-Nachfolge kommen mir in den Sinn. Vielleicht bringt hier der Traum auch eine leichte
Lebensverfremdung als Vorbereitung auf eine eventuell unge-
wohnte Urlaubswelt.
TschĂŒss Gerd

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