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Leselupe.de > Science Fiction
Begegnung mit einem Ketzer
Eingestellt am 06. 05. 2007 20:06


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Prospero
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Begegnung mit einem Ketzer

Der Mann machte einen bedenklich unsicheren Eindruck. Eine Weile verharrte er mit hilflosem Blick direkt vor dem Eingang, ein Hindernis f√ľr jeden, der hinaus oder herein wollte. Dann, als er endlich den schwarz-roten Seidenschal auf dem Tisch entdeckt hatte, kam er z√∂gernd heran und erkundigte sich h√∂flich nach den √Ėffnungszeiten der Picasso-Ausstellung in der 27. Stra√üe.
    Shannon lehnte sich auf ihrem Stuhl zur√ľck und musterte ihn. Er war mittelgro√ü und dem Anschein nach √ľber siebzig. Ein schlaffes Gesicht, gepr√§gt von √ľberdimensionalen Tr√§nens√§cken, m√ľde blickende, w√§√ürige Augen, sp√§rlicher Haarwuchs. Bekleidet war er mit braunen Hosen, einem hellblauen Hemd und dunklem Sakko.
    Nicht eben unauff√§llig, dachte sie ver√§rgert. Ihre eigene Erscheinung hatte sie mit Bedacht gew√§hlt, auch den Einbau einiger hart an der Legalit√§tsgrenze vorbeischrammender Accessoires - kleine H√∂rner, Fellbesatz an den Schl√§fen und Schnurrhaare unter der Nase - nicht vergessen, sodass sie die angestrebte Mitte auf der Schr√§gheits-Skala der im Lokal pr√§senten Outfits m√ľhelos erreichte.
    Einen Augenblick lang war sie versucht zu sagen, dass sie nichts √ľber diese Ausstellung wisse, oder einfach nur den Kopf zu sch√ľtteln, dann aber gab sie doch die korrekte Antwort: "Die Ausstellung ist nicht in der siebenundzwanzigsten Stra√üe. Es ist die achtundzwanzigste ... nein, warten Sie: die drei√üigste!"
    Der Mann nickte eifrig, wie um zu zeigen, dass er alles genau verstanden habe, und setzte sich anschlie√üend. "Ich hei√üe Keron", sagte er. "Aber das wissen Sie ja ... Und was Picasso angeht: Eigentlich mag ich ihn nicht. In meinen Augen ist er ein Scharlatan, nichts weiter. Ein genialer Scharlatan vielleicht, aber trotzdem ein Scharlatan."
    Shannons Ver√§rgerung wuchs. Warum redet er solchen Stuss?, dachte sie emp√∂rt. Warum nennt er seinen Namen?
    "Ungew√∂hnliches Outfit", meinte sie mit jedem Tadel in der Stimme, zu dem sie f√§hig war.
    Keron schien die Zurechtweisung nicht zu bemerken oder nicht bemerken zu wollen. "Ich bin nicht mehr jung", sagte er gleichm√ľtig. "Das ist eine Tatsache, ob es mir gef√§llt oder nicht. Warum also sollte ich es verbergen?" Er beugte sich ein St√ľck vor und fuhr in vertraulichem Ton fort: "Ich verrat Ihnen was: Ich bin neu hier, gewisserma√üen ... Ob Sie's glauben oder nicht: Ich habe erst vor zwei Wochen ein Implantat erhalten."
    Shannon lie√ü ihre Schnurrhaare zucken, ihrem Frust auf diese Art Ausdruck verleihend. "Tats√§chlich?", fragte sie reserviert. "Wieso?"
    "Ich wei√ü nicht, ich bin kein Arzt ... Man hat gesagt, es sei gef√§hrlich, mir eins einzusetzen. Eine Allergie, oder so was ..."
    In Shannons Kopf schrillten jetzt die Alarmglocken. Was Keron sagte klang absurd, das Einsetzen einer Nackenbuchse war ein Routineeingriff, sie hatte nie geh√∂rt, dass es dabei ernsthafte Probleme gab. Und log er hier nicht, musste er bei seiner Anwerbung gelogen und sie mit einer falschen Identit√§t hinters Licht gef√ľhrt haben - gut m√∂glich nat√ľrlich auch, dass er sie in allem belog.
    Blieb die Frage, was er damit bezweckte. Dass er ein Polizeispitzel sein k√∂nne, hielt sie f√ľr unwahrscheinlich, die benahmen sich anders. Ihren √Ąrger unterdr√ľckend forschte sie unter gesenkten Lidern hervor in Kerons runzligem Gesicht. War er wirklich ein alter Mann oder spielte er den nur? Sie gelangte zu keinem eindeutigen Ergebnis. Normalerweise verstand sie sehr gut "hinter die Maske" zu schauen, doch hier versagte ihr Talent. Was wohl vor allem an Kerons Outfit lag, war es doch allem Anschein nach von √§u√üerst simpler, h√∂chstens ansatzweise als authentisch zu bezeichnender Beschaffenheit.
    W√§hrenddessen sprach Keron weiter, kam richtig in Fahrt, schw√§rmte von seinen Eindr√ľcken und Erlebnissen und davon, wie fantastisch alles sei. Doch auch jetzt wurde Shannon das Gef√ľhl nicht los, dass er sie belog: Irgendetwas an seiner Begeisterung klang falsch.
    "Ich war in einem Wald", erz√§hlte er. "Die Farben, die Ger√ľche ... Fantastisch!"
    "Hier gibt es keinen Wald", warf Shannon ein.
    "Vielleicht ist 'Wald' ja das falsche Wort. Ein W√§ldchen ..."
    "Es gibt auch kein W√§ldchen."
    "Nat√ľrlich gibt es das!" Keron schniefte entr√ľstet, beschrieb dann detailliert, wo man den Wald finden konnte, wie er hingelangt war - und wie viel er hatte zahlen m√ľssen, um ihn betreten zu d√ľrfen.
    Nun begriff Shannon. "Dieser Wald", sagte sie abwehrend, "ist nicht real."
    Ihre Bemerkung hatte einen eigent√ľmlichen Effekt zur Folge: Kerons Greisenaugen funkelten auf einmal in jugendlichem Zorn. "Halten Sie mich f√ľr bl√∂d?", fragte er ungehalten. "Ich wei√ü, dass er nicht real ist!"
    "So hab ich es nicht gemeint." Wider Willen musste Shannon l√§cheln. "Sagen wir so: Gewisserma√üen ist er in doppeltem Sinn nicht real. Sie waren im Niemandsland; was Sie erlebt haben, war ein Computerprogramm, nichts weiter. Kein authentischer Datenraum."
    Keron starrte sie misstrauisch an. "Man hat mich betrogen, meinen Sie?"
    "Wieso betrogen? Sie wollten einen Wald, und Sie haben einen bekommen. Es hat Ihnen doch gefallen?"
    "Es war fantastisch! Ich wei√ü, was ein richtiger Wald ist, glauben Sie mir! Als Kind bin ich oft in einem herumgestromert, und eigentlich war alles genauso, wie ich es in Erinnerung habe."
    Erneut lie√ü Shannon ihre Schnurrhaare zucken. Was erz√§hlt er jetzt wieder?, dachte sie missmutig. Will er mich auf den Arm nehmen? Laut sagte sie: "Im Niemandsland erscheint vieles real - auf den ersten Blick. Schaut man jedoch genauer hin ... Haben Sie die B√§ume ber√ľhrt, die Sie gesehen haben?"
    "Aber ja! Es wirkte absolut echt."
    "Haben Sie versucht, Bl√§tter abzurei√üen?"
    "Warum h√§tte ich das versuchen sollen?"
    "Wahrscheinlich h√§tten Sie's gar nicht gekonnt ... Lagen Bl√§tter auf der Erde?"
    "Gewiss, da lagen welche ... Ah, jetzt f√§llt mir etwas Merkw√ľrdiges ein: Die Bl√§tter wirbelten herum, obwohl gar kein Wind zu sp√ľren war."
    "Haben Sie andere Menschen gesehen?"
    "Jetzt, wo Sie es sagen: nein. Ich war der einzige."
    "Na sehen Sie: All das sind Merkmale fehlender Authentizit√§t ... Verstehen Sie das nicht falsch, das ist nicht zwangsl√§ufig so. Man k√∂nnte das eine oder andere durchaus verbessern, aber gew√∂hnlich macht das niemand. Zu aufw√§ndig."
    "Interessant." Keron kniff die Augen zusammen, hob den Arm und vollf√ľhrte eine kreisende Handbewegung. "Also betrachten Sie das hier als real?"
    "Warum nicht?"
    "Weil es auch nur eine Simulation ist."
    "Eine authentische Simulation!"
    Keron spuckte aus - eine rein symbolische Geste, da sein primitives Outfit gar nicht f√§hig sein konnte, den daf√ľr ben√∂tigten Speichel zu produzieren - und sagte abf√§llig: "Und wennschon, das ist nur ein Wort, das sich irgendjemand ausgedacht hat. Es bedeutet nichts."
    "Es bedeutet schon etwas ... Wenn sich die Kopie vom Original durch nichts mehr unterscheiden l√§sst: Ist es dann √ľberhaupt noch eine Kopie?"
    Keron zeigte sich unbeeindruckt: "Die Kopie ist nicht vollkommen, sonst m√ľsste es auch W√§lder geben. Ich meine, richtige W√§lder."
    "Es wird bald welche geben. Bei solch komplexen Strukturen muss man behutsam vorgehen. Vor allem braucht es Zeit. Ein funktionierendes √Ėkosystem kann nicht installiert werden, es muss wachsen."
    Keron sagte nichts darauf, verfiel in br√ľtendes Schweigen, w√§hrenddessen ihn Shannon weiter beobachtete. Noch immer hatte sie M√ľhe, sein Mienenspiel zu deuten. Seine falsche Begeisterung hatte er abgelegt, wirkte nun m√ľrrisch, von widerspr√ľchlichen Gef√ľhlen erf√ľllt. Pl√∂tzlich wurde sein Gesicht v√∂llig ausdruckslos, vielleicht, weil sein billiges Outfit es aufgegeben hatte, seinen Gem√ľtszustand zu interpretieren.
    "Ich war selbst Programmierer", sagte er, es klang, als spr√§che er von einer Zeit, die tausende Jahre zur√ľcklag. "Ich wei√ü, was eine Simulation ist. Dieses Glas zum Beispiel" ‚Äď er deutete auf ein halb geleertes Bierglas, mit dem sich Shannon die Wartezeit verk√ľrzt hatte ‚Äď "ist nur ein St√ľck Code, eine Folge von Einsen und Nullen. Sein Verhalten wird von programmierten Funktionen bestimmt, seine Eigenschaften von Daten, die in Konstanten und Variablen gespeichert liegen."
    "Nun, da irren Sie sich. Authentischer Datenraum funktioniert anders als eine herk√∂mmliche Simulation. Ein herk√∂mmliches Programm basiert darauf, dass bekannte Daten hinter bekannten Adressen liegen, im authentischen Datenraum gibt es so etwas nicht. Daten und Adressen sind zun√§chst virtuell, werden erst in einer m√∂glichen Zuordnung real. Authentischer Datenraum simuliert keine Objekte wie etwa ein Glas, definiert nur eine Reihe von M√∂glichkeiten, die Einsen und Nullen als Objekte zu interpretieren. Grundlage daf√ľr ist die Umsetzung eines starren Schemas mithilfe spezieller Algorithmen, etwa wie eine Schablone, die √ľber den Speicher gef√ľhrt wird. Man k√∂nnte auch sagen: Die eigentliche Simulation besteht in nichts anderem als dem Bestreben, die Inhalte von Speicherzellen zu Daten zu machen, und ihr Zustandekommen h√§ngt davon ab, ob dies zu jedem Zeitpunkt gelingt.
    Das hei√üt aber: F√ľr einen User ist dieser Mechanismus zwingend und nicht zu beeinflussen, das Kann gleichzeitig ein Muss, die M√∂glichkeit, ein Glas wahrzunehmen gleichbedeutend damit, dass man es tats√§chlich wahrnimmt. Und es hei√üt auch: Jede M√∂glichkeit des Agierens innerhalb der Simulation erf√ľllt sich nur im Rahmen einer allgemeing√ľltigen Ordnung, die zu umgehen unm√∂glich ist. Etwa wie die Naturgesetze in der realen Welt. Ein Glas kann nicht nach Belieben irgendwo und irgendwann erscheinen, es muss auf konventionelle Weise hergestellt werden, und wenn es zerbricht, bleiben Scherben, die sich nicht anders als auf konventionelle Weise beseitigen lassen."
    Keron hatte mit leicht geneigtem Kopf und - wie Shannon zu erkennen glaubte - wachsendem Abscheu zugeh√∂rt. Ihr Verdruss erreichte einen neuen H√∂hepunkt, der sie das ganze Gerede schlagartig satt bekommen lie√ü. "Ich verschwende nur meine Zeit", sagte sie. "Ich glaube, ich geh besser ..."
    Sie erhob sich halb von ihrem Sitz, wohl wissend, dass Keron sie nicht so einfach w√ľrde verschwinden lassen.
    "Warten Sie!", sagte Keron auch prompt. In seine Stimme mischte sich ein Anflug von H√§rte.
    "Warum sollte ich?", fragte Shannon, lie√ü sich aber dennoch auf ihren Stuhl zur√ľckfallen.
    "Ich brauche Ihre Hilfe", erwiderte Keron. Und f√ľgte unheilschwanger hinzu: "Bekomme ich die nicht, werden Sie das bereuen."
    "Meine Hilfe? Dann sollten Sie aufrichtig zu mir sein."
    "Es stimmt, ich habe gelogen. Aber das musste ich ... "
    "Was ist mit Ihrem Implantat?"
    "Das hab ich schon l√§ngere Zeit. Allerdings benutze ich es selten."
    "Keine Allergie?"
    "Nein."
    "Was wollen Sie also?"
    Als h√§tte sie einen verborgenen Schalter bet√§tigt, geriet Keron unversehens in heftige Erregung. Wieder fuchtelte er mit der Hand in der Luft herum. "Diese Scheinwelt zerst√∂ren!", rief er aufgebracht. "Sie ist S√ľnde! Blasphemie!"
    "Nicht so laut!", zischte Shannon besorgt zur√ľck. Ein Blick durch das Lokal beruhigte sie wieder. Der Treffpunkt war gut gew√§hlt, der Trubel in dem drittklassigen Stripteaseschuppen - auch wenn die Post erst sp√§ter so richtig abgehen w√ľrde - gro√ü genug, sodass niemand von ihnen Notiz nahm.
    Nun war ihr klar, was sich hinter der Maske verbarg, wer der Mann war, der ihr gegen√ľbersa√ü: ein religi√∂ser Eiferer, vermutlich katholisch gepr√§gt. S√ľnde, dachte sie ver√§chtlich. Warum m√ľssen diese Knaben immerzu von S√ľnde reden?
    Kerons Erregung hatte sich inzwischen wieder gelegt. "Ich bin ein Ketzer", sagte er mit un√ľberh√∂rbarem Stolz. "Ich wei√ü, dass ich ein Ketzer bin, aber das macht nichts ... War Jesus nicht auch ein Ketzer? H√§tte man ihn sonst ans Kreuz geschlagen?"
    "Was fragen Sie mich? Ich glaube nicht an Jesus und diesen Kram. Und ehrlich gesagt: Auf mich wirken Sie nicht wie ein Ketzer. Eher wie das ganze Gegenteil."
    Trotz der Unzul√§nglichkeit seines Outfits war diesmal eindeutig erkennbar, dass Keron sich gekr√§nkt f√ľhlte.
    "Uns Sie?", frage er b√∂se. "Was sind Sie eigentlich? Warum sind Sie hergekommen?"
    "Ich bin hier, weil wir eine Abmachung hatten. Die ja nun wohl geplatzt ist ..."
    W√§hrend sie sprach, legte sie ihre Hand auf Tasche, in der sich die Disc mit dem Virus befand, die sie Keron hatte √ľbergeben wollen. Er hatte sich bei der Kontaktaufnahme als Angestellter einer Bank mit Zugang zu sensiblen Bereichen ausgegeben und sich bereit erkl√§rt, den Virus in das System zu schleusen.
    Keron nickte: "Da hab ich ebenfalls gelogen ... Wie sollte das Ganze denn ablaufen?"
    Shannon erkl√§rte, wie sie sich die Sache vorgestellt hatte, und f√ľgte hinzu: "F√ľr Sie w√§re es v√∂llig ungef√§hrlich gewesen. Das versichere ich Ihnen. Niemand h√§tte etwas gemerkt, es ging zun√§chst nur darum, Daten zu sammeln."
    "Daten wof√ľr?"
    "F√ľr einen sp√§teren Angriff vielleicht."
    "Der was bewirkt h√§tte?"
    "Ziemliches Chaos, nehme ich an."
    Keron machte eine wegwerfende Handbewegung. "L√§cherlich! Ich will mehr, und Sie werden mir dabei helfen!"
    Shannon seufzte. "Haben Sie mir eigentlich zugeh√∂rt? Sie scheinen noch immer zu glauben, es g√§be ein System, in das man sich einhacken und das man mit einem Virus lahmlegen k√∂nnte. Aber so ist es nicht. Ich sagte doch: Alles, was Sie wahrnehmen und worauf Sie einwirken k√∂nnen, existiert nur im Rahmen simulierter Gesetze. Wenn Sie also zerst√∂ren wollen, geht das nicht anders als in der realen Welt. Mein Rat: Werden Sie Sprengstoffexperte. Oder werden Sie Physiker und erfinden Sie die Atombombe neu. Ich kann Ihnen nicht helfen ..."
    Keron lie√ü sich davon nicht beirren: "Ich meine es ernst", sagte er leise und drohend. "Entweder Sie helfen mir - oder ich lasse Sie und Ihre Freunde hochgehen!"
    "Ich sagte doch ..."
    "Ihnen wird schon etwas einfallen, da bin ich sicher. Ich gebe Ihnen Zeit zum Nachdenken - bis morgen ..."

    Aurel gab sich zerknirscht: "Es ist meine Schuld. Ich habe Keron √ľberpr√ľft." Dabei schielte er sehns√ľchtig auf Shannon herab, wohl hoffend, sie w√ľrde widersprechen.
    Shannon dachte gar nicht daran, ihm diesen Gefallen zu tun, zog die Stirn kraus und blickte schweigend an seinem Brustkasten vorbei ins Leere. Sie trug ihr Lieblingsoutfit, eine Eigenkreation: blonder Pferdeschwanz, schmale Schultern, eine d√ľnne, biegsame Gestalt mit nur alibihaft angedeuteten weiblichen Rundungen; dazu ausgeblichene Jeans und ein khakifarbenes T-Shirt. Vor dem H√ľnen Aurel wirkte sie geradezu winzig. Sie empfand das Absurde der Situation: ein Miezek√§tzchen, das angesichts einer Bulldogge in Zorn geriet, w√§hrend die Bulldogge um Frieden bettelte und nur ganz schwach zu knurre wagte.
    Dojo, der etwa drei Meter entfernt auf einem halbhohen Tisch hockte, versuchte zu vermitteln: "Ich sehe uns nicht in irgendwelcher Gefahr. Keron blufft nur."
    Er trug einen Kimono und hatte sich das Haar nach der Art japanischer Samurais frisiert. Im Obi steckte ein Kurzschwert. Abgesehen von seiner schwarzen Hautfarbe und der verspiegelten Sonnenbrille auf seiner Nase, wirkte er wie geradewegs einem Akira-Kurosawa-Film entsprungen.
    Aurel griff seine Worte begierig auf: "Wir haben uns genau an die Regeln gehalten. Er kann nichts wissen. Weder von dir noch von uns."
    Shannon schwieg weiter und zog nachdenklich die Unterlippe zwischen die Z√§hne: Keron hatte sich zu gut informiert gezeigt, als dass man ihn untersch√§tzen durfte. Zweifellos war er intelligent und wer konnte schon sagen, was er alles wusste?
    "Glaubst du wirklich, er w√ľrde uns verraten?", fragte Aurel.
    "Da bin ich sicher."
    "Der Typ ist verr√ľckt!", entfuhr es Dojo. "Ein Spinner!"
    "Er ist nicht verr√ľckt", erwiderte Shannon abweisend.
    "Du nimmst ihn auch noch in Schutz?", fragte Dojo ungl√§ubig. "Der Kerl will uns ans Messer liefern!"
    "Er tut nur, was er f√ľr richtig h√§lt. Nicht anders als wir."
    "Wenn er wirklich eine Gefahr bedeutet", sagte Aurel, "warum geben wir ihm dann nicht, was er will? Ich meine irgendetwas, das ihn zufrieden stellt ..."
    "Und was?", fragte Shannon.
    Aurel hob die Schultern. "Keine Ahnung."
    "Dann halt lieber die Klappe!", sagte Shannon barsch.
    Einen Augenblick sp√§ter schon bereute sie ihre Unbeherrschtheit, √ľber deren Ursache sie sich nicht einmal ganz im Klaren war. Im Grunde konnte sie Aurel nichts vorwerfen, wie es aussah, hatte er keinen Fehler begangen, sich genau an die vereinbarte Prozedur gehalten. M√∂glicherweise hatte ein Zufall Keron die Informationen in die Hand gespielt, so etwas kam vor, geh√∂rte nun mal zu den Unw√§gbarkeiten, die sich nicht berechnen lie√üen.
    "Na sch√∂n", sagte Dojo. "Die Frage ist doch aber: Was machen wir jetzt?"
    Nach kurzem √úberlegen stand Shannons Entschluss fest: "Ihr macht gar nichts." Um ihren schroffen Ton wieder gut zu machen, f√ľgte sie bittend hinzu: "√úberlasst Keron mir. Ich werde schon mit ihm fertig."

Am Nachmittag erhielt Shannon einen Anruf von Keron, der sie zu einem Schnellimbiss in der Nähe des Bahnhofs bestellte. Sie machte sich sofort auf den Weg. Als sie den Treffpunkt erreichte, fand sie Keron an einem der Tische aus imitiertem Holz sitzen. Er trug das gleiche Outfit wie bei ihrer ersten Begegnung; vor ihm stand ein Teller Suppe. Shannon setzte sich zu ihm. Sie hatte diesmal ein schlichtes Allerweltsoutfit gewählt. Keron hob den Kopf und blinzelte sie fragend an. Ohne sich lange mit Erkennungsritualen aufzuhalten, sagte Shannon: "Ich habe nachgedacht ... Vielleicht gibt es ja eine Möglichkeit ..."
    Keron schnaufte zufrieden, hob den L√∂ffel an den Mund und schl√ľrfte genie√üerisch. Anschlie√üend fixierte er sie mit einem sp√∂ttischen Blick, der eindeutig besagte: Na also, ich wusste es doch!
    "Das betrifft nicht den authentischen Datenraum", sagte Shannon, erbost √ľber die Vorstellung, Keron k√∂nne sie f√ľr eine L√ľgnerin halten, "sondern nichtauthentische Komponenten, die in die Simulation integriert sind, und die es nat√ľrlich noch massenhaft gibt. Denken Sie nur an Ihren Wald! Solche Komponenten haben den Charakter von Singularit√§ten, etwa wie schwarze L√∂cher in der realen Welt. Paradebeispiel daf√ľr sind die Zugangsportale. Warum, ist einleuchtend: Um sich in den Datenraum einzuloggen, bedarf es einer adressierbaren, von innen wie au√üen gleicherma√üen definierten Schnittstelle. Gleiches gilt f√ľr die Outfits. Ein Outfit kann niemals vollkommen authentisch sein, denn das w√ľrde bedeuten, dass der User vollst√§ndig in der Simulation aufg√§nge. Jedes Outfit enth√§lt deshalb immer eine Singularit√§t, und genau das ist der Punkt, an dem man ansetzen k√∂nnte: Jede Abkopplung geht mit einer kontrollierten Aufl√∂sung der Singularit√§t einher, gel√§nge es, diese √ľber die Trennung des Users hinaus zu verz√∂gern, entst√ľnde undefinierter Datenraum. Was dann gesch√§he, k√§me der schlagartigen Freisetzung einer betr√§chtlichen Energiemenge in der realen Welt gleich. Die Zerst√∂rungen w√§ren enorm."
    "Die Stadt?", fragte Keron gierig.
    "Ein Teil der Stadt", schr√§nkte Shannon ein.
    "Nun, immerhin ... Gibt es Backups?"
    "Nein."
    "Wissen Sie das genau?"
    "Ja."
    "Das ist leichtsinnig, nicht wahr?"
    "Das hat nichts mit Leichtsinn zu tun ... Mir scheint, Sie haben es immer noch nicht begriffen: Authentischer Datenraum l√§sst sich nicht als Augenblickszustand speichern, jeder momentane Zustand ist die Folge eines vorhergehenden. F√ľr eine Rekonstruktion m√ľsste die gesamte Geschichte der Simulation aufgezeichnet werden, und das ist schlicht und einfach unm√∂glich. Backups gibt es nur von nichtauthentischen Komponenten - die allerdings werden die Explosion ohnehin √ľberstehen."
    Keron sann eine Weile dar√ľber nach. "Nun ja ..", sagte er schlie√ülich. "Ich glaube, das reicht ..." Sein Gesicht bekam einen zufriedenen Ausdruck. "Ich will ein Zeichen setzen, Unruhe stiften ... Verstehen Sie?"
    "Die Sache hat jedoch einen Haken", sagte Shannon. "Es w√§re ein Selbstmordanschlag." Als sie Kerons irritierten Blick bemerkte, f√ľgte sie hinzu: "Im √ľbertragenen Sinn nat√ľrlich. Sie werden nicht sterben, nur gibt es keine M√∂glichkeit, Ihre Spuren zu verwischen. Was hei√üt: Man wird Sie in jedem Fall schnappen."
    "Keine M√∂glichkeit?", vergewisserte sich Keron.
    "Keine ... Schlie√ülich beruht der Effekt direkt auf der Verkopplung Ihres Hirns mit der Simulation. Jeder Versuch, die Verbindungswege zu verschleiern, w√ľrde das Ganze scheitern lassen. Anders gesagt: Sie sind gezwungen, Ihren Namen und Ihre Anschrift am Tatort zur√ľckzulassen - nur unter dieser Voraussetzung ist es √ľberhaupt m√∂glich, den Anschlag auszuf√ľhren."
    Shannon registrierte, wie Keron sich straffte, um sie besser ins Auge fassen zu k√∂nnen. Als sie seinem Blick standhielt, lie√ü er ergeben den Kopf sinken. "Na, sch√∂n, man wird mich also schnappen ... Und was dann?"
    "Sie kommen ins Gef√§ngnis, wahrscheinlich bis an Ihr Lebensende. Was Sie vorhaben, gilt als schweres Verbrechen."
    "Ein virtuelles Gef√§ngnis?"
    "Es wird sich real anf√ľhlen, glauben Sie mir."
    "Ich werd' schon klarkommen damit."
    "Sie werden nie wieder einen Wald sehen."
    "Das l√§sst sich nicht √§ndern."
    "Sie werden in einer Welt leben m√ľssen, die Sie als S√ľnde betrachten. Ein oder zwei Stunden am Tag d√ľrfen Sie raus, aber das ist auch schon alles."
    Keron schwieg lange, mit einem m√ľden Ausdruck, der sein Gesicht f√ľr einige Augenblicke authentischer wirken lie√ü, als die besten und teuersten Outfits es waren. "Und wennschon", sagte er schlie√ülich. "Und wennschon ..."

Bereits am anderen Tag ging Shannon daran, den Anschlag vorzubereiten. Zuerst musste ein Outfit gefunden werden, das sich auf eine Weise ver√§ndern lie√ü, die den beabsichtigten Effekt erm√∂glichte. Freilich blieb ihr dabei kaum eine Wahl: Keron bestand darauf, dass es das sein m√ľsse, welches er immer trug, so und nicht anders, in seiner realen Gestalt als gebrechlicher alter Mann wollte er dem B√∂sen entgegentreten.
    Nach einer ersten fl√ľchtigen Untersuchung erkl√§rte sich Shannon einverstanden. Das Outfit schien ihr geeignet, war es doch fast ebenso primitiv wie ein Standardoutfit, und je gr√∂√üer der Mangel an Authentizit√§t - so nahm sie an - desto einfacher w√ľrde es sein, den Plan zu verwirklichen. Sie setzte sich an ihren Computer und erstellte problemlos eine Kopie der Originalversion des Outfits, die √ľber keinen nennenswerten Kopierschutz verf√ľgte. Dann machte sie sich an die eigentliche Arbeit. Sie √∂ffnete einen Editor mit den Codesequenzen der Pseudo-DNA, und ein zweites Fenster, das ihr die modellierten Ergebnisse ihrer Manipulationen bei einem instanziierten Outfit zeigen sollte. Die Anwesenheit Kerons st√∂rte sie dabei.
    "Das Outfit muss zerst√∂rt werden", erkl√§rte sie, ohne dabei den Blick vom Monitor zu l√∂sen. "Und zwar so, dass das System glaubt, es w√§re weiter intakt." Sie beugte sich ein wenig vor, be√§ugte die Kurven und Linien, die √ľber den Schirm tanzten, und fuhr fort, w√§hrend sie gleichzeitig auf die Tastatur einzuhacken begann: "Ein solchen Anschein aufrecht zu halten, ist nur f√ľr kurze Zeit m√∂glich, f√ľr sehr kurze Zeit. Je l√§nger es gelingt, desto besser. Auf welche Weise das Outfit zerst√∂rt wird, ist dabei nicht unbedingt von Bedeutung, wenn es schnell geschieht, sind die Erfolgsaussichten aber wahrscheinlich gr√∂√üer. Ich habe an eine Sprengladung gedacht, eine Bombe, die Sie am K√∂rper tragen und in einem geeigneten Augenblick z√ľnden. Am besten inmitten einer Menschenmenge ..."
    "Wird man die Explosion mitbekommen?"
    "Kommt drauf an ... Wer weit genug weg ist, bekommt es nat√ľrlich mit. Sie werden nicht viel merken, und die Leute, die es unmittelbar trifft, auch nicht. Die werden rausfliegen und sich fragen, warum sie rausgeflogen sind. Offiziell wird man nat√ľrlich von einem technischen Fehler reden."
    Keron wirkte alles andere als erfreut. "Die Leute m√ľssen erkennen, was dahinter steckt", brummte er unwillig. "Welchen Sinn h√§tte es sonst?"
    "Halten Sie doch eine Rede", schlug Shannon vor. "Kurz bevor Sie sich in die Luft jagen. Dann wei√ü jeder, was Sache ist."
    Doch auch das schien Keron nicht zu gefallen. "Ich bin nicht gut im Reden halten", gestand er. "Au√üerdem: Wer wird mir zuh√∂ren?"
    "Ich k√∂nnte Ihre Stimmb√§nder modifizieren. Dann kl√§nge es, als spr√§chen Sie durch ein Megafon."
    Keron blieb weiter skeptisch, erkl√§rte, dass er eigentlich etwas anderes im Sinn hatte. "Am liebsten w√§re mir etwas Symbolisches", sagte er mit einem Hauch Euphorie. "Was die Leute wirklich beeindruckt! Sie aufr√ľttelt! Wo sie gar nicht erst nachdenken m√ľssen, was gemeint ist!"
    "Zum Beispiel?"
    "Nun ... Jesus ist am Kreuz gestorben ... W√§re es m√∂glich, etwas in dieser Art ...?"
    "Wie wollen Sie das arrangieren?"
    Keron √ľberlegte eine Weile mit gefurchter Stirn. "Nein, das geht wohl nicht", sagte er dann. "Vielleicht eine Selbstverbrennung? Wie st√ľnde es damit?"
    Shannon √ľberdachte den Vorschlag und nickte anschlie√üend. "Das lie√üe sich machen, denke ich." Sie wandte sich wieder ihrer Arbeit zu.
    "Wird es weh tun?", fragte Keron √§ngstlich.
    "Gut m√∂glich", erwiderte Shannon ohne aufzusehen und ohne sich - auch wenn sie sich gleichzeitig daf√ľr sch√§mte - einem Anflug von Schadenfreude erwehren zu k√∂nnen.
    "Aber ... die Schmerzblocker ...?", sagte Keron best√ľrzt.
    Shannon sah sich gezwungen, ihre Arbeit erneut zu unterbrechen. "Die Wirkung der Schmerzblocker", erkl√§rte sie mit leiser Ungeduld, "basiert auf verschiedenen Strategien. Eine beruht auf automatischer Abkopplung, wenn der Schmerz eine bestimmte Grenze √ľbersteigt, eine andere darauf, Schmerzen nicht ans Gehirn weiterzuleiten. Die erste Variante ist sicherer und wird deshalb bevorzugt, bei den meisten Outfits findet man jedoch eine Vermischung von beidem."
    "Wo liegt dann das Problem?"
    "Ganz einfach darin, dass ich nicht wei√ü, ob die Schmerzblocker die Wirkung meiner Manipulation nicht beeintr√§chtigen und ob die ganze Geschichte dann √ľberhaupt funktioniert. Am Sichersten w√§re deshalb, sie zu deaktivieren."
    Auf Kerons Gesicht zeigte sich ein Ausdruck von Gereiztheit. "Sie sollten sich etwas mehr M√ľhe geben", sagte er drohend.
    Auch in Shannon erwachte nun der Zorn: "Ich geb mir schon alle M√ľhe! Sie m√ľssen jedoch begreifen, dass mein Wissen in dieser Sache begrenzt ist, schlie√ülich mache ich so etwas das erste Mal. Ich habe gesagt, was ich f√ľr das Beste halte: Eine Bombe. Wenn Ihnen das nicht dramatisch genug erscheint - Ihr Problem. Sie m√ľssen entscheiden, was Ihnen wichtig ist."
    Keron atmete tief durch und blieb eine Weile reglos sitzen. "Gut!", sagte er dann mit pl√∂tzlicher Entschlossenheit. "Deaktivieren Sie die Schmerzblocker!"

Eine Woche sp√§ter war es soweit. Als Ort f√ľr den geplanten Anschlag hatten sie einen kleinen, etwas abseits des Zentrums gelegenen Marktplatz ausgesucht. √Ąu√üerlich gelassen schlenderte Shannon √ľber den asphaltierten Grund. Hin und wieder verharrte sie an einem der St√§nde, besah sich fl√ľchtig - die hoffnungsvollen Blicke der H√§ndler geflissentlich ignorierend - die feilgebotenen Waren und ging dann weiter. Schlie√ülich gelangte sie zu einem lockeren Karree senkrecht aufgestellter Reklametafeln, in dessen Mitte man, um Besucher anzulocken, eine Schau mit exotischen Kleintieren - Schlangen, Vogelspinnen, Skorpione - installiert hatte. Und der Aufwand schien nicht verfehlt: Ein interessiertes Publikum hatte sich vor den Terrarien zusammengefunden und bestaunte die - wie auf Schildern zu lesen stand - "t√∂dlich giftigen" Gesch√∂pfe hinter den in r√∂tlichem Glanz schimmernden Scheiben aus unzerst√∂rbarem Glas, welches das Niemandsland f√ľr die Tiere kapselte. - AuthentischeWesen dieser Art w√ľrden noch einige Zeit auf sich warten lassen.
    Shannon schenkte den K√§sten keine Beachtung. Sie blickte links an einer der Reklamew√§nde vorbei zu einem gro√üem, noch im Bau befindlichem B√ľrogeb√§ude an der Nordseite des Platzes, den neben der menschenlockenden Tier-Schau zweiten Grund, dass sie den Platz als Ort des Anschlags gew√§hlt hatten. Ein mehrstufiges Ger√ľst umschloss den Rohbau, drei Plattformen, √ľber Leitern an den Seiten erreichbar, die unterste in etwa zweieinhalb Metern H√∂he. Alles in allem - da Sonntag war und die Arbeit ruhte - eine beinahe ideale B√ľhne f√ľr Kerons Vorhaben.
    Shannon reckte den Kopf. Sie hatte Keron ersp√§ht, der in unmittelbarer N√§he des Ger√ľsts erschienen war und jetzt begann, die Leiter zu erklimmen, den Kanister mit Brandbeschleuniger in einer Stofftasche bei sich tragend. Noch nahm niemand Notiz von ihm. Keron erstieg die unterste Plattform und stellte die Tasche neben sich ab, bevor er sich, die Arme weit ausgebreitet, in Positur warf.
    "H√∂rt mich an!", schrie er, und seine Worte hallten wie Donner √ľber den Platz. Er holte tief Luft und fuhr mit noch gesteigerter Lautst√§rke fort: "Die Toren sprechen in ihren Herzen: 'Es ist kein Gott.' Sie taugen nichts; ihr Treiben ist ein Greuel; da ist keiner, der Gutes tut ..."
    Nicht √ľbel, dachte Shannon, von einigem Stolz auf ihre Arbeit erf√ľllt. Die Stimme hatte sie prima hingekriegt: tief und dr√∂hnend, mit guter Modulation ausgestattet und von einer geradezu √ľberirdischen Strenge, die Kerons mickrige Erscheinung mehr als wettmachte.
    Sie sah, wie die Leute um sie herum reagierten, sich von den Schlangen und Skorpionen abwandten und neugierig zu dem Bauger√ľst hin√ľberschauten. Keron, von der Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wurde, aus dem Konzept gebracht, verstummte und blickte unsicher √ľber die lockere Menschenmenge hinweg. Doch rasch fing er sich wieder und donnerte weiter, wobei er √ľbergangslos von den Psalmen zur Offenbarung wechselte: "Und der erste Engel ging hin und goss seine Schale aus auf die Erde; und es ward ein b√∂ses und arges Geschw√ľr an den Menschen ..."
    Von irgendwoher tauchten Sicherheitsleute auf - erkennbar an ihren schwarzen Jacken - und sammelten sich vor dem Ger√ľst.
    "Und der zweite Engel goss aus seine Schale ins Meer; und es ward Blut wie eines Toten, und alle lebendigen Wesen im Meer starben. Und der dritte Engel ..."
    Die Sicherheitsleute formierten sich zu zwei Trupps, die links und rechts auf die Leitern vorr√ľckten. Shannon geriet ins Schwitzen: Keron, ganz auf seine Rede fixiert, schien die Gefahr nicht zu bemerken. Sie hatte ihm geraten, mindestens auf die zweite Plattform zu klettern, doch das war ihm wohl zu beschwerlich gewesen. Wenn er jetzt nicht aufpasste, drohte der Anschlag zu scheitern.
    "Und der vierte Engel goss aus seine Schale in die Sonne, und ward ihr gegeben, die Menschen zu versengen mit Feuer ..."
    Die Schwarzjacken waren am Fu√ü der Leitern stehen geblieben und warteten erst einmal ab.
    "Und die Menschen wurden versengt von gro√üer Hitze und l√§sterten den Namen Gottes ... Und der f√ľnfte Engel goss aus seine Schale ... seine Schale ... der f√ľnfte Engel ..."
    Keron verhaspelte sich, verlor schlie√ülich vollends den Faden und brach ab. Noch einmal setzte er an, brachte jedoch keinen Laut √ľber die Lippen, als h√§tte er die F√§higkeit zu sprechen von einem Augenblick zum anderen eingeb√ľ√üt. Einen Moment lang stand er mit offenem Mund da, dann wandte er sich abrupt nach links und fasste in seine Tasche. Nun wurde es ernst. Shannon begriff, dass Keron keine Chance blieb, wenn die Sicherheitsleute es darauf anlegten, seinen Plan zu vereiteln. Mit ein paar Spr√ľngen konnten sie ihn erreichen, noch bevor er den Kanister √ľberhaupt ge√∂ffnet hatte.
    Die Schwarzjacken jedoch dachten gar nicht daran einzugreifen. Fast am√ľsiert, so schien es, verfolgten sie, wie Keron den Kanister aufschraubte, den Inhalt √ľber sich goss, den Kanister fallen lie√ü, ein Feuerzeug hervorholte, es z√ľndete - alles in einer einzigen verschlungenen, zitternden Bewegung. Sekundenbruchteile sp√§ter loderte das Feuer an seinem K√∂rper hoch.
    Bastarde!, dachte Shannon z√§hneknirschend. Von der Plattform her drang ein grauenhaftes Ger√§usch. Keron, in Flammen geh√ľllt, war auf die Knie gesunken und rutschte immer weiter zu einem zuckenden B√ľndel zusammen. Shannon bereute nun bitter, ihn mit der Megafon-Stimme ausgestattet zu haben: Keron st√∂hnte √ľberlaut, unter furchtbaren Schmerzen, die er vergeblich zu unterdr√ľcken suchte. Es dauerte unendlich lange, bis er verstummte.
    Dann geschah das Erwartete. Shannon wurde schwarz vor Augen, im n√§chsten Moment erwachte sie mit dem charakteristischen Schwindelgef√ľhl, das sich stets an eine Notr√ľckkehr anschloss. Nachdem sie den deaktivierten Koppler aus der Nackenbuchse gel√∂st hatte, erhob sie sich von ihrer Liege, stakste steifbeinig hin√ľber zur Netzstation und rief eine Liste aller ihr zug√§nglichen Portale der Stadt ab. Ein gro√üer Teil der Bezeichner blinkte rot, ein Zeichen, dass diese Portale nicht mehr in Betrieb waren. Sie schloss aus den Anzeigen, dass etwa ein Drittel der Stadt zerst√∂rt sein m√ľsse.
    Nicht betroffen davon - sie hatte bei der Wahl des Anschlagorts sorgsam darauf geachtet, dass diese au√üerhalb des Radius' m√∂glicher Zerst√∂rung lag - war ihre eigene Wohnung, sodass sie umgehend in die Simulation zur√ľckkehren konnte.
    Als sie vor die Haust√ľr trat, bekam sie einen ersten Eindruck vom Ausma√ü der Katastrophe. Der f√ľr gew√∂hnlich makellos blaue Himmel hatte sich dunkel-orange verf√§rbt, leuchte an manchen Stellen blutigrot. Die simulierte Luft befand sich in nie gekannter Bewegung, starke Windb√∂en aus Richtung S√ľden, von dort, wo etwa f√ľnfzehn Kilometer entfernt das Zentrum der Explosion liegen musste, peitschten Shannon entgegen.
    Von Neugier getrieben lief sie los, je weiter sie vordrang, desto deutlicher wurde, welch enorme Menge Pseudoenergie Kerons Aktion freigesetzt hatte. Dabei bot sich ein eigenartig selektives Bild der Verw√ľstung. Die Fragmentierung des Datenraums, der hohe Anteil nichtauthentischer Komponenten und die gro√üe Zahl an √úberg√§ngen hatten daf√ľr gesorgt, dass sich die Druckwelle nur an wenigen Stellen ungehindert hatte ausbreiten k√∂nnen. Teilweise wirkte die Gegend wie in Streifen geschnitten, scheinbar unversehrte Geb√§ude wechselten mit solchen, von denen nur rauchende Tr√ľmmer geblieben waren.
    So richtig aber was sie und Keron angerichtet hatten, begriff sie erst, als sie die Hauptstra√üe erreichte. Hier, am Anfang einer fast durchg√§ngig authentischen, weit nach S√ľden reichenden Zone offenbarte sich die ganze verheerende Wirkung des Anschlags. Die H√§user links und rechts der Stra√üe waren v√∂llig zerst√∂rt, sie sah brennende Autowracks, √ľberall lagen leere Outfit-H√ľllen. In einer der Ruinen bot sich ein grotesker Anblick: Geblieben war nur eine Reihe riesiger Scheiben aus unzerst√∂rbarem Glas, wahrscheinlich ehemals Schaufenster, die nun durch nichts mehr gehalten senkrecht nach oben ragten. Sehr weit zu blicken vermochte sie nicht, nach kaum hundert Metern tr√ľbte sich die Luft, wurde fast undurchsichtig. Ascheflocken tanzten darin umher wie aufgewirbelter Schlick in einem Teich. Alles war voller Staub, der Himmel im Hintergrund wabernde Finsternis, von einem riesigen Rauchpilz beherrscht.
    Sie ging weiter, wurde jedoch nach kurzer Zeit gestoppt. Polizisten in grauen und Feuerwehrleuten in knallgelben Schutzanz√ľgen errichteten in fliegender Hast erste Sperren und schickten jeden zur√ľck, der sich ihnen n√§herte. Sie verlie√ü die Hauptstra√üe und versuchte sich abseits von ihr durchzuschlagen, doch auch hier gab es schon bald kein Weiterkommen mehr. √úberg√§nge, die das Chaos um den Preis der eigenen Zerst√∂rung aufgehalten hatten, erwiesen sich als unpassierbar, H√§usertr√ľmmer versperrten den Weg und dort, wo ein weiters Vordringen m√∂glich gewesen w√§re, waren bereits Sicherheitskr√§fte zugange.
    Schlie√ülich gab sie auf und blieb vor einer der Absperrungen stehen. Eine Schar Neugieriger, die st√§ndig anwuchs, hatte sich hier zusammengefunden. Menschen, die wie Shannon rausgeflogen waren und nun zur√ľckkehrten, zumeist in Standardoutfits, da sie √∂ffentliche Zugangsportale hatten benutzen m√ľssen - eine Uniformit√§t, die der Szene etwas Gespenstisches gab.
    Erste Ger√ľchte machten die Runde. Ein Stromausfall wurde vermutet, der den Hauptserver f√ľr die Stadt betroffen habe, ein Versagen der Systeme, manche glaubten gar an ein fehlgeschlagenes Experiment mit neuer Hardware. Offenbar war keiner dabei, der Kerons Tat miterlebt hatte, auch an einen Anschlag in der Simulation selbst schien niemand zu denken. Ein Mann in einem Upperclass-Outfit versuchte sich zum Wortf√ľhrer aufzuschwingen und erkl√§rte, wahrscheinlich sei die Simulation selbst an ihre Grenzen gesto√üen, die st√§ndig zunehmende Komplexit√§t h√§tte die Ressourcen gesprengt, etwas, womit er schon immer gerechnet habe, dass es passieren w√ľrde.
    Shannon starrte den frechen Kerl an, auf der Suche nach einer Abfuhr, die sich gewaschen hatte, dann aber dachte sie an Keron, verkniff sich die bissige Bemerkung, die ihr auf der Zunge lag, und erz√§hlte dessen haarklein, was wirklich passiert war.
    Und dieses Bild von Keron, wie er zusammengekr√ľmmt in den Flammen lag, bekam Shannon den ganzen Tag √ľber nicht mehr aus dem Kopf. Sie wanderte weiter durch die zerst√∂rte Stadt, und sooft jemand kam um zu fragen, was sie von der Katastrophe halte, gab sie bereitwillig Auskunft, auch wenn es sie verdross, immer und immer wieder die gleiche Geschichte erz√§hlen zu m√ľssen.

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pros

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Pete
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Authentischer Datenraum. Faszinierend, w√ľrde Mr. Spock sagen. Oder geh√∂rt dieser Begriff zum "Matrix"-Universum, so wie "Nackenbuchse"? Jedenfalls ist die Erkl√§rung der Einzigartigkeit von authentischen Daten sehr gut.

Da kommen wir auch schon zum Problem. Der Text suggeriert, alle Vorg√§nge genauestens zu erkl√§ren und nachvollziehbar zu machen (was √ľbrigens nicht erforderlich ist). Wie die "Bombe" im autenthischen Datenraum Wirkung entfalten kann, bleibt aber unverst√§ndlich.

Wie kann durch eine Selbstverbrennung die kontrollierte Aufl√∂sung der Singularit√§t √ľber die Trennung des Users hinaus verz√∂gert werden? Wieso entsteht bei undefiniertem Datenraum etwas, was der schlagartigen Freisetzung einer betr√§chtlichen Energiemenge in der realen Welt gleichkommt?

Wie wird, durch Selbstverbrennung, eine Zerstörung des Outfits erzielt, wobei das System glaubt, es sei noch intakt?

Wenn Du diese Erl√§uterungen versuchst, m√ľssen sie auch stimmen. Mache es entweder nachvollziehbar, oder lasse die Erkl√§rungen ganz weg.

1. nachvollziehbar
Infolge einer L√ľcke im Simulationssystem erm√∂glicht uns dieser undefinierte Datenraum die Code-Injektion ins Betriebssystem, damit dem Angreifer eine, im Wirkradius begrenzte, gottgleiche Macht.

2. abgehoben (fundiertes Technogebrabble)
Der Alte kann im authentischen Datenraum durch Aufmerksamkeitsagregation einen Tsunami-Effekt erzielen, der alle Kausalketten homogen polarisiert und damit eine dauerhaft engrammatische Wirkung erzielt. Damit prägt er dem Simulationsuniversum seine individuellen Fußstapfen auf.

Weitere Auffälligkeiten im Text:

Die Motivation des Mannes bleibt im Dunkeln, wird auch nicht durch sein Verhalten erhellt (Zustimmung zum Verzicht auf Schmerzbremse).

Warum stört eine Schmerzbremse vermutlich den beabsichtigten Effekt? Wenn Du andere Dinge erklärst, warum das nicht?

Vorschlag: Die Schmerzunterbrechung (Abkoppelung) l√§uft nat√ľrlich der Absicht entgegen, eine unbemerkte Abkoppelung zu erzielen. Wenn die Abkoppelung teilweise (Schmerzen) erfolgt ist, bleibt dem System eine Gesamtabkoppelung und das Entstehen eines undefinierten Datenraumes nicht verborgen.

Shann√≥ns Untergrundbewegung muss deutlicher Stellung beziehen. Inwiefern beeintr√§chtigt (n√ľtzt/schadet) die geplante Aktivit√§t der Organisation?

Das Ende funktioniert m.E. nicht ganz. Besser w√§re es, mehr Gef√ľhle bei Shannon darzustellen. Dabei stellt sich die Sinnfrage. Welchen Sinn macht Kerons Tat? Was gibt er damit wem? Nur unter diesem Hintergrund machen die Verk√ľndungen Shannons Sinn.

Bitte nachbessern, dann wird die Geschichte großartig!


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Pete
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Bad Rabbit (deutsch: falscher Hase ) findet Deine Geschichte "√ľberduschschnittlich" gut durchdacht, fordert aber noch einmal auf, die Weiche richtig zu nehmen.

Wenn Nerds-Version, dann sollse stimmen.

Wenn Normalo-Version, dann ohne Techno-Musik.

√úbrigens: Ich habe f√ľr mich eine L√∂sung dieses Dilemmas entdeckt. Fr√ľher habe ich auch gerne getechnogebrabbelt.

Heute halte ich es wie Mary Poppins: "Merkt Euch eins: Ich erkläre niemals etwas!"

Das bedeutet, ich schildere die Auswirkungen auf die Protagonisten und Punkt! Wenn mich dann jemand anmailt, dass er sich das ganze nicht vorstellen kann, dann kann ich ihm immer noch erkl√§ren, wie die Quantenfluktuationen am Ereignishorizont den √úbergang in den Multikausalraum erm√∂glichen und dadurch Zeitreisen widerspruchsfrei durchf√ľhrbar werden.
Der Witz: Ich habe mir das nat√ľrlich vorher √ľberlegt. Finde ich keine (theoretische) L√∂sung, so verwende ich diese Technologie auch nicht.

Deinen authentischen Datenraum habe ich noch nicht entschl√ľsselt, halte diese Idee aber f√ľr reizvoll. Vielleicht will ich sie eines Tages benutzen, dann frage ich Dich um Erlaubnis.

Im Einschlagband der Hardcover-Version w√ľrde dann stehen: "Grundz√ľge der Technologie eines authentischen Datenraums basieren auf einer wissenschaftlich-philosophischen Abhandlung von Prospero, erstmals ver√∂ffentlicht auf der Wissensplattform leselupe.de"

Ich verbleibe mit der Hoffnung, du m√∂gest Deine h√∂chst interessanten, literarischen Forschungen fortf√ľhren (mich hat schon die "raumfahrende G√∂ttin" *) glattweg umgehauen.

Gruß

Pete

*) unzulässige und unzutreffende Verballhornung, ich weiß

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Prospero
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Hallo Pete,
hier nun die angek√ľndigte Antwort.

Zun√§chst: Wie schon in der Antwort an Bad Rabbit bemerkt, ist es mir offenbar nicht gelungen, die Idee einer "authentischen Simulation" richtig r√ľberzubringen.

quote:
Wieso entsteht bei undefiniertem Datenraum etwas, was der schlagartigen Freisetzung einer beträchtlichen Energiemenge in der realen Welt gleichkommt?
Hier zeigst du mir, dass die ganze Erkl√§rerei nicht funktioniert und der Leser keine wirkliche Vorstellung von dem bekommt, was "authentischer Datenraum" sein soll. Das liegt nat√ľrlich am Text (also an mir). Ich muss zugeben, dass das Gerede vom "undefinierten" Datenraum hier Verwirrung stiftet, weil der Eindruck entsteht, das w√§re etwas, was erst - und auch nur dann - bei dem Anschlag entsteht. So ist das aber keineswegs gedacht, sondern so, dass der Datenraum st√§ndig zum Teil definiert und zum Teil undefiniert ist, in dem Sinn, dass zu jedem Zeitpunk einige der "Einsen und Nullen" als Objekte interpretiert werden, andere nicht (deshalb redet Shannon auch von "virtuellen" Daten). Die Beziehung zwischen beidem entspricht damit in etwa dem Verh√§ltnis von Materie und Energie in der "realen Welt", und so ist auch die "Freisetzung-von-Energie"-Sache zu verstehen: Idealerweise befindet sich definierter und undefinierter Datenraum im Gleichgewicht, das jedoch gest√∂rt werden kann, beispielsweise dadurch, dass irgendwo und aus irgendeinem Grund eine erh√∂hte Konzentration undefinierten Datenraums auftritt. In so einem Fall kommt es zu Ausgleichsprozessen, die - wenn sie sehr schnell ablaufen, weil die "Energiedichte" sehr hoch ist - vom User wie eine Explosion, mit all den zerst√∂rerischen Folgen einer solchen, wahrgenommen werden.

Ich werde √ľber eine verst√§ndlichere Beschreibung nachdenken, die dann die von dir angesprochenen Punkte, die mit der Selbstverbrennung und der dadurch ausgel√∂sten Explosion zusammenh√§ngen, vielleicht kl√§ren.

Zu den anderen Punkten:
quote:
Warum stört eine Schmerzbremse vermutlich den beabsichtigten Effekt? Wenn Du andere Dinge erklärst, warum das nicht?
Hier war ich eigentlich der Meinung, dass eine n√§here Erkl√§rung nicht notwendig ist (ohnehin ist der Text mit Erkl√§rungen √ľberlastet). Man k√∂nnte vielleicht sagen, dass so ein Outfit eben eine komplexe Angelegenheit ist (zieht man rechts an einem Faden, entsteht links ein Loch), und Shannon deshalb nur eine vereinfachte Modellierung der Abl√§ufe vornehmen kann, ohne jedoch alle Einzelheiten vorausberechnen zu k√∂nnen. Bedenken muss man ja auch: ein wirkliches Austesten des Ganzen ist nicht m√∂glich (weil ja bei einem "echten" Test bereits die halbe Stadt in die Luft fliegen w√ľrde.)
quote:
Die Motivation des Mannes bleibt im Dunkeln, wird auch nicht durch sein Verhalten erhellt (Zustimmung zum Verzicht auf Schmerzbremse).
Du hast sicher Recht, das alles kommt ein bisschen oberfl√§chlich daher. Ich habe es bewusst bei Andeutungen belassen, damit der Text nicht noch l√§nger wird. Ich wei√ü auch nicht, ob man hier genauer werden muss, das Motiv f√ľr Protestaktionen ist ja eigentlich immer das gleiche: Unzufriedenheit mit den herrschenden Verh√§ltnissen. Wichtig - m√∂glicherweise geht das aber im Text unter - war mir, die unterschiedlichen Motive von Keron und Shannon (die ja beide, zumindest nach Ansicht eines Herrn Sch√§uble, "Terroristen" sind) zu verdeutlichen: Keron passt die authentische Simulation als solche nicht, er betrachtet sie als Anma√üung, als einen weiteren "s√ľndhaften" Versuch der Menschen, Gott zu spielen; Shannon dagegen rebelliert gegen die gesellschaftliche Ordnung, die in der Simulation entstanden ist.
quote:
Shannons Untergrundbewegung muss deutlicher Stellung beziehen. Inwiefern beeintr√§chtigt (n√ľtzt/schadet) die geplante Aktivit√§t der Organisation?
Auch hier: Damit das Ganze nicht zu lang ger√§t, habe ich darauf verzichtet, zu sehr ins Detail zu gehen. Klar werden (schade, wenn das nicht so r√ľbergekommt) sollte allerdings: Kerons Aktion n√ľtzt der Gruppe weder, noch schadet sie ihr. Shannon geht nur auf die Sache ein, weil Keron droht, sie und ihre subversiven Freunde zu verraten.
quote:
Das Ende funktioniert m.E. nicht ganz. Besser w√§re es, mehr Gef√ľhle bei Shannon darzustellen. Dabei stellt sich die Sinnfrage. Welchen Sinn macht Kerons Tat? Was gibt er damit wem? Nur unter diesem Hintergrund machen die Verk√ľndungen Shannons Sinn.
Nun hast du es geschafft, dass ich meinen eigenen Text nicht mehr verstehe , weil mir nicht klar ist, welche Gef√ľhle Shannon hier zeigen soll. Mitleid mit Keron? Warum, der hat ihr ja nur √Ąrger bereitet, ist au√üerdem auch nicht tot, und sie hat nichts weiter getan, als seine W√ľnsche zu erf√ľllen. Meine Absicht war, Shannon nicht als sentimentale Heulsuse darzustellen, sondern als k√ľhl analysierenden Typ, eine geniale Informatikerin, die nur umst√§ndehalber zu einer genialen Hackerin geworden ist, und die die ganze Aktion am Ende eher als wissenschaftliches Experiment denn als Terroranschlag betrachtet. Was den Sinn von Kerons Tat angeht: Hier k√∂nnte ich fragen: Welchen Sinn hat es, Flugzeuge in Hochh√§user krachen zu lassen? Wem - au√üer den Medien, f√ľr die bei solchen Ereignissen Weihnachten und Ostern auf einen Tag f√§llt - gibt das etwas? Terrorismus definiert sich halt damit, dass solche Sachen gemacht werden, wie das zu bewerten ist, bleibt jedem selbst √ľberlassen. Shannon erz√§hlt die Sache am Ende nur herum, damit sie nicht vertuscht und als "Hardwareproblem" (oder sowas) ausgegegeben werden kann.

Nochmal Dank f√ľr deine Textarbeit,
Prospero

__________________
pros

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Pete
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Authentischer Datenraum

Hallo prospero,

Du st√∂√üt da einen sehr interessanten Dialog an. Inzwischen habe ich √ľber Deinen "Authentischen Datenraum" nachgedacht, um eine konsistente L√∂sung zu erm√∂glichen.
Auch Deine ergänzenden Hinweise sind erhellend.

Endlich habe ich √ľberrissen, wie dieser Datenraum funzt!

Du schreibst:

quote:
"Nun, da irren Sie sich. Authentischer Datenraum funktioniert anders als eine herkömmliche Simulation. Ein herkömmliches Programm basiert darauf, dass bekannte Daten hinter bekannten Adressen liegen, im authentischen Datenraum gibt es so etwas nicht. Daten und Adressen sind zunächst virtuell, werden erst in einer möglichen Zuordnung real. Authentischer Datenraum simuliert keine Objekte wie etwa ein Glas, definiert nur eine Reihe von Möglichkeiten, die Einsen und Nullen als Objekte zu interpretieren.

Das ist schon mal eine gute Einleitung, muss aber gek√ľrzt werden. Es k√∂nnte weitergehen (Achtung, HiTechBrabbel!):

>>> Authentischer Datenraum besteht aus verkn√ľpften Quantenneuronen, welche insgesamt einen bestimmten Zustand definieren. √Ąnderungen k√∂nnen sich nur gem√§chlich entlang von definierten Ursache-Wirkungsketten (Kausalit√§t) ausbreiten. Gel√§nge es, eine sprunghafte (d.h. nichtkausale) √Ąnderung eines oder mehrerer Quantenneuronen herbeizuf√ľhren, so w√ľrde aufgrund der Vernetzung eine Wirkungskaskade entstehen, deren Auswirkungen undefiniert sind, d.h. extrem unvorhergesehene Zust√§nde w√ľrden auftreten => Zusammenbruch der Realit√§t <<<

Das kann man so nicht in einer Geschichte schreiben, w√ľrde aber einen konstruktiven Unterbau liefern.

Der w√ľrde dann, wie folgt, funktionieren:

>>>

Keron blickte Shannon an, als ob er sie zum ersten Mal sehen w√ľrde. "Wenn Du das wirklich willst, kernne ich nur eine M√∂glichkeit. Theoretisch, denn probiert hat das noch Niemand."

"Also geht es!", beharrte Shannon. "Sag mir, dass Du das hinkriegst!"

"Aber die Auswirkungen wären völlig unvorhersehbar", warf Keorn ein. "Die Naturgesetze, das Ursace-Wirkungs-Prinzip, all das wäre ausgehebelt, wenn nicht gar ins Gegen teil verkehrt. Aber - das wäre ja ..."

"Anarchie", stieß Shannon leidenschaftlich hervor. "Vollkommene Anarchie! Endlich eine Welt ohne Regeln! Unendliche Freiheit ..."

"Das ist ja wohl ein Unterschied", entgegnete Keron. "Persönliche Freiheit ist etwas völlig Anderes als die Abwesenheit verlässlicher Naturgesetze."

"Weg mit der Kontrolle, her mit der Freiheit!"

"Es k√∂nnte aber gut passieren, dass die Molek√ľle deines wohlgeformten K√∂rpers ebenfalls nach individueller Freiheit streben. Jedes nach eine anderen Richtung, versteht sich."

<<<<

Die Manipulation eines Quantenneurons könnte durch "Denken des Undenkbaren" erfolgen. Das Bewusstsein interagiert ja mit dem Quantenneuronalen Netzwerk.

Wenn ich die Geschichte geschrieben h√§tte, g√§be es noch eine zweite Ebene. Diese w√§re die vermeintliche Realit√§t der Protagonisten. Doch diese besteht auch aus einem quantenvirtuellen Universum, f√ľr das die entgleiste Simulation die Aushebelung des Ursache-Wirkungs-Syndroms darstellt. Die Folge: Kollaps und Neuordnung in unendlicher Rekursion.

Der Dissident verursacht dann einen sehr unvorhersehbaren Effekt. Der Quantenraum kollabiert nicht, sondern ordnet sich neu, mit dem Dissidenten als Bezugsgröße. Vollkommene Dunkelheit umfängt ihn: Sein eigenes Universum als Peripherie seines Bewusstseins. Dann spricht er die schicksalsträchtigen Worte: "Es werde Licht!"

Danke f√ľr die Inspirationen.

Gr√ľ√üe

Pete

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Pete
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Die Lösung naht - eine Frage bleibt offen!

Habe jetzt meine Recherchen vorl√§ufig abgeschlossen, zum Begriff "Authentischer Datenraum". Quelle: B√ľcher und Medien √ľber "Psychosynergetik". Das, was jetzt kommt, ist also kein so ausgedachter Mist, sondern Stand der Wissenschaft, sofern ich sie verstanden habe.

Dieser entsteht durch synergetische Strukturen auf quantenmechanischer Basis. Die Eigendynamik der gekoppelten Objekte strebt zur Selbstorganisation. Als Attraktoren f√ľr stabile Zust√§nde wirken die "Naturgesetze".

Die Zustände der Einzelobjekte sind nicht messbar, also auch nicht kopierbar. Sie sind stets Unikate. Lediglich eine primitive Abbildung kann als "Simulation" erfolgen (wie eine Fotografie vom Orihginal).

Unser Universum besteht genau aus diesem, Authentischen Datenraum. Durch diese Selbstregulation entstand die charakteristische Form unserer Galaxien, bis hinunter zu den feinsten Strukturen.

Evolution als "Survival of the fittest" (Charles Darvin) gilt heute als naives Konzept, das stark erweitert wurde. Es wird wie folgt beschrieben:

Evolution = Selbstorganisation + Variation (bzw. Fluktuation) + Selektion

Dein Authentischer Datenraum ist also keine Zustandsmaschine (wie ein Computer), sondern ein evolutionärer Mechanismus.

Was bedeutet das konkret?

Implikationen f√ľr eine m√∂gliche Geschichte erschlie√üen folgende M√∂glichkeiten:

1. Der Datenraum funktioniert analog zu unserem Universum

2. Der Datenraum entwickelt sich weiter, hat ein Eigenleben

3. Der Datenraum kann R√ľckwirkungen auf unser Universum haben, weil er kompatibel ist ("Es werde Licht"-Schluss).

Bleibt nur noch ein Problem:

Wie, zum Kuckuck, induziert der Protagonist eine Ursache, die einen Wirkundstsunami ausl√∂st? Was ist so verr√ľckt, dass sich das Universum damit verwirren und aushebeln l√§sst?

Vielleicht weißt Du dazu eine Antwort?

Gr√ľ√üe

Pete

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