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Leselupe.de > Anonymus
Begegnungen
Eingestellt am 13. 03. 2006 14:36


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Anonymous
Unbekannter Verfasser
Registriert: irgendwann

Ja, es stimmt, wenn ich am Morgen meine Wohnung verlasse, lĂ€chle ich zumeist. Mir vergeht auch nicht das LĂ€cheln, wenn ich meinen Nachbarn begegne, den Leuten also, die in meinem Aufgang wohnen. Ich grĂŒĂŸe höflich, lĂ€chle noch ein wenig deutlicher, nicke aufmunternd, spreche vielleicht auch ein paar belanglose Worte, und setze meinen Weg fort.
Ich weiß: keiner meiner Nachbarn kennt meine Gedanken. Zum GlĂŒck. Denn ich habe nicht die harmlosesten. Aber was soll ich machen!? Ich kann mir immer wieder einreden, man mĂŒsse die Menschen positiv sehen, man mĂŒsse ihre menschlichen Seiten ins Zentrum seiner Wahrnehmung lassen, ihre kleinen SchwĂ€chen, die individuelle Note, quasi ihre ganze, unwiederholbare Einmaligkeit...
Aber das gelingt mir nicht. Stattdessen lese ich klar die wirklichen Gedanken aus ihren Gesichtern – oder Gesichtsfassaden.

Kommt mir z.B. Frau L., eine KindergĂ€rtnerin in reiferen Jahren, auf der Treppe entgegen, habe ich augenblicklich eine Folterszene vor mir. Ich grĂŒĂŸe, zuvorkommend wie immer, und – sehe mich in hilfloser Stellung gefesselt am Boden liegen.
Ich verharre einen Moment, schwĂ€tze was von Wetterbesserung, drĂŒcke mich etwas zu auffĂ€llig in die Ecke des Treppenpodestes. Frau L. sieht mich freundlich, mitleidig und verĂ€chtlich zugleich an. Auch sie bleibt einen winzigen Moment stehen und schraubt sich ein maskenhaftes LĂ€cheln ins Gesicht, ich muss unwillkĂŒrlich an ein Ersatzteil denken, dass sie eben aus dem Teile-Regal ihres GefĂŒhlshaushaltes gezogen hat. Die massige Frau ist ein wenig rot im Gesicht und schwitzt, es ist ein harmlos-friedliches Bild. Man könnte an eine nette, gemĂŒtliche Schwiegermama denken.
Ich entdecke ein kleines Kruzifix, es verliert sich an einer feingliedrigen Goldkette vor dem Fleisch ihres krĂ€ftigen Halses. Ich habe den Eindruck, es beginne sich aufzublĂ€hen, gewĂ€nne an GrĂ¶ĂŸe, werde bestĂ€ndig massiger, gewaltiger, drohender...
Ich reiße meinen Blick von dem verzauberten Kreuz los und wage es, ihr direkt in die Augen zu sehen. Mein nĂ€chster Fehler. Ihr Blick saugt mich auf. Ich komme ins Rutschen, gefesselt und hilflos, wie ich bin, schleife ich, immer schneller werdend, ĂŒber rauen, gefrorenen Ackerboden, rase auf einen großen See zu. Mit letzter Kraft gelingt es mir, mich aus den Fesseln zu befreien, aber ich bin schon auf der dĂŒnnen EisflĂ€che, ich torkele, taumele, versuche aufzustehen, zum Ufer zurĂŒckzulaufen. Frau L. gibt mir, am Ufer stehend, mit einem ins Unendliche verlĂ€ngerten Bein einen Tritt. Ich rutsche aus, ich falle, ich breche ein und strample ums Überleben im eiskalten Wasser.
NatĂŒrlich lasse ich mir nichts anmerken. Ich stehe scheinbar ruhig, freundlich lĂ€chelnd und etwas unbeholfen in einer Ecke des Treppenabsatzes, ohne auch nur die kleinste Portion Sicherheit aus meiner Position gewinnen zu können. Trotzdem drĂŒcke ich meinen RĂŒcken gegen die Wand und – spĂŒre GrabeskĂ€lte. Mein LĂ€cheln erstarrt, ich merke, wie es zur eisigen Schale wird. Nun tragen wir beide eine Maske. Mich befĂ€llt das GefĂŒhl, die Arme hochreißen und davonzurennen zu mĂŒssen. Aber ich kann ja nicht. Ich schwimme und kĂ€mpfe um mein Leben, meine HĂ€nde greifen nach dem immer wieder abbrechenden dĂŒnnen Eis...
Frau L.‘s Maske lĂ€chelt, sie selbst schwitzt und atmet schwer. Ich spĂŒre deutlich, was in ihr vorgeht. Sie wĂŒrde mich, gesetzt, die Gesetze erlaubten es und eine passende Situation ergĂ€be sich, die Treppe herunterstoßen und ohne Zögern – zertreten. So, wie sie mich gerade in meiner Vorstellung ins Eiswasser zurĂŒckstĂ¶ĂŸt. Es wĂŒrde ihr nichts ausmachen, stĂ€nden die anderen Mieter unseres Aufgangs im Kreis um uns her. Das wĂ€re ihr wahrscheinlich noch Ansporn.
Ganz besonders lange wĂŒrde sie auf meinem Genital herumtreten. Ich weiß das, ich sah die Szene oft vor mir, und nun habe ich sie wieder vor meinem inneren Auge. Frau L.‘s latente Wut, ihre Vernichtungsphantasien – und auch die der anderen Nachbarn – haben ihren Grund in meiner Art, mich zu kleiden, zu reden, zu lĂ€cheln, zu leben. Ich bin weder so noch so, ich muss das hier nicht weiter erlĂ€utern. Auf jeden Fall passe ich in keines der ihnen bekannten und vertrauten Raster. Sie können mit meiner Existenz nicht umgehen, daher wollen sie mich – und wĂŒrden sie mich, gĂ€be es eine legale Gelegenheit – mit Freude vernichten. Sie lebten ruhiger, harmonischer danach...

Frau L. gibt sich einen Ruck, geht weiter. Eine Unendlichkeit spĂ€ter ereicht mich ihr „Guten Tag, junger Mann!“ Ich kann nicht umhin, es, still fĂŒr mich, in die tatsĂ€chlich gemeinte Bedeutung zu ĂŒbersetzen: Verreck, du Schwuchtel! WĂ€hrend der nĂ€chsten Schritte ertrinke ich in dem winterlichen See.

Ich öffne die HaustĂŒr, Herr K. kommt mir entgegen. Er wohnt auf meiner Etage. Jeden Morgen fĂŒhrt er seinen „Friedrich“ aus, das ist ein fetter, alter Dackel, der mich seit je misstrauisch anknurrt, wĂ€hrend sein Herrchen – seit je – einen ausgeglichen Eindruck auf seine Mitmenschen zu verbreiten bemĂŒht ist. Ich grĂŒĂŸe höflich, er grĂŒĂŸt noch höflicher und beinahe wohlwollend zurĂŒck. Es handelt sich natĂŒrlich um ein gut getarntes, in die Irre fĂŒhrendes Wohlwollen. Fast perfekt ist er darin, das muss man ihm lassen. Wie gern wĂŒrde ich ihm glauben... Mit einiger Sicherheit trĂ€umt er davon, einen Kampfhund auf mich zu hetzen, genĂŒĂŸlich wĂŒrde er meiner Zerfleischung beiwohnen.
Herr K. öffnet ein wenig den Mund, seine unschönen, gelben, von Karies zerfressenen ZĂ€hne werden sichtbar. Ich werde ruhiger. Mir fĂ€llt ein: Herr K. ist keine Gefahr fĂŒr mich, trotz all der abartigen, gefĂ€hrlichen Gedanken, die in seinem Kopf immer noch arbeiten. Denn er ist schwach, arm, alt. Seit Jahren ist er pensioniert, davor war er lange ohne Job. Er raucht stark und trinkt billigen Fusel, die Frau starb vor einigen Jahren, ob er Kinder hat, ob sich sonst noch jemand fĂŒr ihn interessiert oder sich um ihn kĂŒmmert, weiß ich nicht. Sein „Friedrich“ ist desgleichen ein dahinsiechendes Wesen, wer wen den Bordstein lang zieht, lĂ€sst sich nicht so genau sagen.
Er nickt mir zu. Schließt langsam den Mund, starrt auf seinen „Friedrich“, der gerade ein großes GeschĂ€ft verrichtet. Ich bin mir in diesem Moment nicht sehr sicher, inwieweit ich seine wirklichen Gedanken erfasst habe. Ich beschleunige meine Schritte.

Ein paar Meter weiter treffe ich Herrn J., er wohnt ĂŒber mir. Er kommt vom BĂ€cker, ich sehe einen nicht sehr sauberen Leinenbeutel, oben lugen einige Brötchen heraus. Vielleicht ist er momentan krankgeschrieben oder hat Urlaub. Von Beruf ist Herr J. Obermeister der Fleischerinnung und arbeitet als Berufsschullehrer in einer entsprechenden Schlachteschule. Ein Mann mit Sinn fĂŒr’s Praktische. Anderen Hausbewohnern hilft er gelegentlich, tauscht mal einen Wasserhahn aus, schlĂ€gt gegen die Heizungsrohre, so dass man es im ganzen Aufgang hört, oder schĂ€rft in seinem Bastelkeller Messer. Manchmal, so mein Eindruck, drĂ€ngt er sich mit seiner Hilfsbereitschaft ein bisschen zu stark auf, z.B. bei Frau L. Sicher trĂ€umt er von ihr, oder ihren BrĂŒsten, ihrem breiten Hintern, ich weiß es nicht.
Herr J. schaut mich wie immer ein wenig oberlehrerhaft-spöttisch an. Aber auch das tĂ€uscht. Er trĂ€umt davon, denke ich, mich im Rahmen einer LehrvorfĂŒhrung durch einen Fleischwolf zu drehen und dann zu einer geschmackvollen Mettwurst zu verarbeiten. Ich sehe vor meinem inneren Auge, wie ihm der Speichel beim Gedanken an sein Produkt zu laufen beginnt. Ich presse ein kurzes „schön‘Tach“ zwischen meinen Lippen heraus und husche an ihm vorbei. Sein Fleischerhaken-Blick sticht mir in den RĂŒcken, aber ich wage es nicht, mich umzudrehen. Ich muss zum Arbeitsamt. Ich habe einen Termin mit Herrn F. Das ist der freundlichste und gefĂ€hrlichste von allen. Ich kann mich nicht dagegen wehren, aber wenn ich vor diesem Menschen sitze und, scheinbar aufmerksam, seinen AusfĂŒhrungen und VorschlĂ€gen folge, befallen mich die seltsamsten, gemeinsten und widerlichsten Ideen. Dagegen sind, wenn ich ehrlich bin, die Gedanken meiner Hausmitwohner harmlos.




Version vom 13. 03. 2006 14:36

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Anonymous
Unbekannter Verfasser
Registriert: irgendwann

Lieber Dominik,

es ist schon erstaunlich, dass Du einen so alten Text ausgrÀbst und mit einem lÀngeren Kommentar versiehst. Zu Deinen Anmerkungen.

Nun ja. Das ist sauber geschrieben, weit gehend fehlerfrei, stilistisch okay.

FĂŒr ein Benennen der Fehler wĂ€re ich schon dankbar. Ich habe selbst nochmals Korrektur gelesen und derer zwei gefunden, es handelt sich zum einen um das Wort „GefĂŒhlhaushalt“, in dem, oh je, ein „s“ fehlt, zum anderen ums Siechen, in dem ein „e“ zu ergĂ€nzen ist, ich eile.

In Deinem Satz finde ich allerdings auch einen Fehler, „weitgehend“ schrieb man vor der R.-Reform zusammen und handhabt dies noch immer so, hier eine Quelle dazu: Hier klicken

M.E. sollte man die QualitÀt eines Textes nicht zu stark nach orthografischen Gesichtspunkten bewerten.

Ich wĂŒrde das jetzt fĂŒr eine grĂ¶ĂŸere Leistung halten, könnte ich glauben, es sei Rollenprosa.

Einen Anspruch darauf, eine Leistung erbracht zu haben, erhebt der Text nicht, was immer er auch sagen – oder andeuten – wollte.

Kommt mir eher so vor, als habe einer aufgeschrieben, was er tatsĂ€chlich hinter den braven BĂŒrgerminen seiner Nachbarn zu gĂ€ren vermeint.

Hier liegt wieder die hĂ€ufige und leider falsche Gleichsetzung von Autor und Protagonist vor. Ich selbst bin mir sehr unsicher ĂŒber das, was in meinen Mitmenschen vorgeht. Ich halte mich an DĂŒrrenmatts Interpretation von „Intuition“: „Das ist die FĂ€higkeit, sich sehr schnell von einer Situation einen falschen Eindruck zu verschaffen“.

Der Protagonist zeigt stellenweise Unsicherheit gegenĂŒber seinen EindrĂŒcken. Das, was einer einmal gedacht haben könnte und das, was auf Grund verĂ€nderter Situation – d.h. Alter, Krankheit, Armut – nicht mehr denk- oder zu planbar ist, vermischt sich, als wĂŒrde es durch einen Fleischwolf gedreht: „Mir fĂ€llt ein: Herr K. ist keine Gefahr fĂŒr mich, trotz all der abartigen, gefĂ€hrlichen Gedanken, die in seinem Kopf immer noch arbeiten. Denn er ist schwach, arm, alt. Seit Jahren ist er pensioniert, davor war er lange ohne Job. Er raucht stark und trinkt billigen Fusel, die Frau starb vor einigen Jahren, ob er Kinder hat, ob sich sonst noch jemand fĂŒr ihn interessiert oder sich um ihn kĂŒmmert, weiß ich nicht. Sein „Friedrich“ ist desgleichen ein dahinsiechendes Wesen, wer wen den Bordstein lang zieht, lĂ€sst sich nicht so genau sagen.“

Meine Grundgedanken, die mit dem Text deutlich werden sollten, sind: Wir vermuten viel – Falsches bei unseren Mitmenschen. Wir vermischen Zeitebenen und also kontrĂ€re Dinge. Wir unterscheiden uns oft nicht von ihnen, auch wenn wir meinen, wir seien „völlig anders“.

Was mir bei an Deinem Kommentar besonders auffĂ€llt, ist der zweimalige Gebrauch der Wendung „nun ja“. Woher hast Du das? Liest Du viel „höherwertige“ Publizistik wie SZ, FAZ oder dergleichen? Deren Redakteure haben, glaube ich, das „nun ja“ durch inflationĂ€re Verwendung in Umlauf gebracht. Was verbirgt sich hinter „nun ja“? Doch wohl hauptsĂ€chlich eine große und durch nichts begrĂŒndete Arroganz gegenĂŒber anderen Meinungen, Handlungen, Personen. „Nun ja“ heuchelt EinverstĂ€ndnis und Toleranz, aber von sehr hoher Warte her, von einem Standpunkt also, der fĂŒr den „Zensierten“ niemals erreichbar sein wird. „Nun ja“ könnte man als verbales Symptom fĂŒr eine Gesellschaft sehen, in der es zunehmend von arroganten Besserwissern wimmelt. Was auch eine Begleiterscheinung der gegenwĂ€rtigen Differenzierungsprozesse ist, nun ja


Ich möchte Dir nicht unterstellen, genauer ĂŒber dieses „nun ja“ nachgedacht zu haben. Leider passt es zum Grundgestus Deines Kommentars.

LG

A.

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lapismont
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Hallo Dominik Klama,

bitte mĂ€ĂŸige Dich im Ton und unterlass Beleidigungen, die Leselupe ist nicht Dein persönlicher Kampfplatz.

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