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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Begraben und vergessen
Eingestellt am 05. 09. 2002 16:17


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Ann-Kathrin Deininger
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„Warum erz├Ąhlst du es ihnen?“ fragte er mich.
Ich habe dar├╝ber nachgedacht, wie es damals gewesen ist; und wenn ich damals sage, dann meine ich damit etwa vor f├╝nf Jahren. Viele werden sagen, f├╝nf Jahre, das ist noch gar nichts. Doch f├╝r mich bedeutet diese Zeitspanne mehr als ein Viertel meines bisherigen Lebens, deshalb werde ich „damals“ sagen. Wie bin ich damals gewesen? Anders als heute, das wohl auf jeden Fall.
„Warum erz├Ąhlst du es ihnen?“ fragte er damals. Ich fand keine Antwort. Das war ungew├Âhnlich, f├╝r damals, da ich un├╝berlegt einfach drauflos redete, wie es bei den meisten meines Alters ├╝blich war. Ich fand keine Antwort. So wie heute kramte ich in meinem Ged├Ąchtnis, aber klug wurde ich daraus nicht. Zum ersten Mal begann ich, ├╝ber mich selbst nachzudenken. Ja, warum erz├Ąhlte ich es ihnen eigentlich? Er wusste mehr ├╝ber mich. Schlie├člich hatte ich viel Zeit mit ihm verbracht, tags├╝ber und auch in meinen Tr├Ąumen. Er hatte eine Antwort auf seine Frage. Aber er sagte sie nicht. In seinen Augen lag ein Ausdruck von Sorge, Sorge dar├╝ber, wie ich wohl reagieren w├╝rde, sollte er mir Antwort geben.
Das erst machte mich wirklich nachdenklich. Wahrscheinlich nachdenklicher als seine Frage. Warum diese Sorge? War ich nicht ein aufgekl├Ąrter, offener Mensch? Glaubte er, mir etwas nicht sagen zu k├Ânnen? „Ja, das denke ich“, war seine Antwort. Ich sp├╝rte, dass ich w├╝tend wurde, ja, ich erinnere mich, dass ich erbost war ├╝ber ihn. Ich sp├╝rte ├╝berm├Ą├čigen Zorn, wie er mir heute nicht mehr begegnet.
Gleichzeitig war ich entt├Ąuscht. Ich war unglaublich tief entt├Ąuscht von ihm, der mich besser kennen sollte als alle anderen. Ihm galten meine Gedanken in freien Minuten, und doch entt├Ąuschte er mich. Erst jetzt habe ich gemerkt, dass ich nicht von ihm entt├Ąuscht gewesen bin. Diese Entt├Ąuschung galt eher mir selbst.
Warum fragte er mich? Was hatte er davon? Wenn ich mir diese Frage stellte, musste es zwangsl├Ąufig auch ihn betreffen, so eng, wie er mit mir verkn├╝pft war. Aber ich war ihm eine Antwort schuldig, f├╝r all die Antworten, die er mir gegeben hatte. Ich konnte nicht ausweichen und er wusste, dass ich es nicht konnte. Er hatte mir diese Frage gestellt, weil er wollte, dass ich mir selbst eine Antwort gab. Und das habe ich getan.
Ich habe ihn begraben. Ich habe ihn nicht mehr gebraucht. Ich wei├č jetzt, dass ich es ihnen erz├Ąhlt habe, weil ich wollte, dass sie mir zuh├Âren, weil ich wollte, dass sie mich beachten, mich sehen. Mir war es egal, wie sie mich sehen, deshalb habe ich es ihnen erz├Ąhlt, ich wollte nur gesehen werden. Ich war einsam, und ich wollte nicht einsam sein, ich wollte nicht die kleine Bl├╝te sein, die in der Fuge einer Mauer bl├╝ht.
Aber ihm war ich eine Antwort schuldig, und mir ebenfalls. Also habe ich es ihnen erz├Ąhlt. Sie haben mich nicht gesehen. Sie sind von mir gewichen. Ich habe es ihnen erz├Ąhlt, und ihn habe ich begraben. Er war es, der mich auf den Weg brachte. Ich habe ihn begraben.
Heute wei├č ich eines. Es hat ihn nie gegeben. Er war nichts als eine Sch├Âpfung der Phantasie. Das habe ich ihnen erz├Ąhlt. Sie sind von mir gewichen, aber ich habe andere gefunden. Heute w├╝nsche ich manchmal, er w├Ąre nie gewesen, aber w├Ąre er nie gewesen, w├╝rde ich heute diese Worte nicht schreiben. Ich w├╝rde nicht dar├╝ber nachdenken. Denn das habe ich von ihm gelernt, von jemandem, der nicht existiert und den ich letztlich begraben habe.

__________________
Ein Raum ohne B├╝cher ist wie ein K├Ârper ohne Seele.

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loona
Wird mal Schriftsteller
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Hallo,

vergessen stimmt ja nicht ganz, hm? Die Thematik dieser Reflektion ist interessant. Auch der Umgang mit Sprache klappt wunderbar. Und trotzdem fiel es mir schwer, die Konzentration aufrecht zu halten, beim Lesen. Zu lange war das "es", das erz├Ąhlt worden war nicht greifbar. Zu verwirrend bleibt die Beziehung des Ichs mit dem Ihm, wer "f├╝hrt", wer lernt, das ist noch ungef├Ąhr nachvollziehbar. Das Spannende, da├č "er" trotz seiner F├╝hrungsposition viel abh├Ąngiger vom "Ich" ist, wird leider nicht erkannt und entsprechend umgesetzt.

Insgesamt habe ich den Eindruck, ganz subjektiv, da├č dieser Text der Autorin / dem Autor viel mehr zu sagen vermag, als der Leserschaft. Ich habe das Gef├╝hl, einen Code zu lesen... Worte, die ich kenne, aber mit einer weiteren, tiefer reichenden Bedeutung, die mir fremd bleibt. Das Essentielle, quasi die Praxis, bleibt hinter der Theorie (der Nachbetrachtung) versteckt.

Das finde ich ausgesprochen schade. ("A Beautiful Mind" hat beispielsweise eine richtig tolle Darstellung f├╝r den fiktiven Begleiter gegeben.) Mich spricht diese Thematik unheimlich an. Der letzte Absatz zum Beispiel, erz├Ąhlt mehr, als der gesamte Text davor (auch wenn z.B. das Zur├╝ckweichen und die "anderen, neuen" weiterhin diffus bleiben). Aber im letzten Absatz macht das "Ich" auf einmal lebendig.

Es mag ein autobiographischer Text sein (das eine Vermutung, die ich nur wegen des Hinweises auf das Schreiben dieses Texts im letzten Absatz wage), aber er vertr├Ągt denselben Mut, den es damals brauchte, um von "ihm" zu erz├Ąhlen. Vielleicht ist die gew├Ąhlte Form der Nachbetrachtung und Analyse zu austrocknend und zu unpers├Ânlich... Ich f├Ąnde es wirklich sch├Ân, eine ├╝berarbeitete oder neue Version zu lesen.

Internette Gr├╝├če

loona

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