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Begraben werden vom Glück
Eingestellt am 01. 03. 2007 08:45


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Hedwig Storch
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2005

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Begraben werden vom Glück

Die Dichterfrage lautet wieder einmal: Wie schreiben wir über die Liebe? Das letzte Werk Heinrich Manns soll besprochen werden.
Der betreffende Roman heißt Der Atem. Heinrich Mann schrieb ihn nach dem Kriege im kalifornischen Exil. Das Werk erschien 1949. Der Text kann auch als Abgesang auf eine – durch zwei verheerende Weltkriege – mutwillig zertrümmerte, liebenswerte mitteleuropäische Welt gelesen werden. Erzählt werden die letzten zwei Tage im Leben der Kobalt , einer verarmten, schäbig angezogenen Dame, die früher in Frankreich für die Kommunisten agitierte. Die Synarchisten (s.u.) wollen die verhasste lungenkranke Frau in Nizza umbringen. Die Kobalt aber überlebt mehrere Attentate und stirbt an ihrer Krankheit. Zuvor hat diese Adelige, eine gebürtige Gräfin Traun aus Klostergmund in Österreich, noch Glück am Spieltisch. Im Casino von Monte Carlo sprengt die unscheinbare, aber doch routinierte Baccarat-Spielerin wie nebenher die Bank.

Der Roman handelt in den ersten beiden Tages des Zweiten Weltkriegs in Frankreich an der Côte d’Azur und hat einen utopischen – oder auch phantastischen – Touch. Le synarchisme, 1922 gegründet, ist die gemeinsame Beherrschung aller Nationen durch ihre verbündeten Trusts, die für sich keine nationalen Grenzen kennen. Die cagoule (Kapuze mit Augenschlitzen), ein Instrument des Synarchismus, baut unterirdische Folterkammern für besiegte Republikaner (S.21). Der Synarchist Comte X entwickelt seine Theorie der Existenz (S.57). Existenz und Theorie - das klingt nach Sartre und ein wenig nach Heidegger.
Der Atem kann überdies als so etwas wie ein Krimi gelesen werden, denn die Synarchisten wollen ja die Kobalt ermorden. Außerdem wird der Kobalt jener beträchtliche Geldgewinn aus dem Spielcasino abgejagt.
Wir sollten beim Thema bleiben und über die Liebe reden. Bevor wir loslegen, sind vielleicht noch Kurzinfos zum Romantitel angebracht.
Der abgemagerten, lungenkranken Kobalt stockt der Atem und muss wieder errungen werden, wenn sie, auf der andauernden Hut vor ihren mordgierigen Feinden, in die Klemme gerät. Die Kranke muss bei Gefahr den gestörten Atem ordnen, bevor sie mit ihrer tiefen Glockenstimme weiterrreden kann. Die erstickende Kobalt würgt, bevor der unterdrückte Anfall ausbricht. Ständig ist sie mit ihrer Atmung beschäftigt. Die Kobalt atmet schwer, wenn die Häscher hinter ihr her sind oder aber sie freut sich, wenn sie ein paar sorglose Atemzüge genießt. Zorn läßt die Kobalt ungeschickt atmen, und sie spricht dann erstickt. Schließlich wird dieses Leben im Sterben ein Kampf um den Atem.

Kommen wir endlich zum Thema! Wir greifen zwei Episoden aus dem Leben der Kobalt heraus.
Erstens, die Bäckerswitwe Yvonne Vogt ist eine Gefährtin der Kobalt aus besseren Tagen. Nach dem Tode ihres Gatten verspielte die Kobalt im Casino von Monte Carlo ihr beträchtliches Erbe und wurde bei diesen Séancen regelmäßig von Yvonne begleitet. Yvonne trauert den Abenden nach, als beide - zwei Schönheiten und große Frauen - auftraten und gemeinsam leichten Sinnes waren. Es sieht ganz so aus, als ob die beiden Frauen eine homoerotische Beziehung verband. Die Kobalt liebte Yvonne sehr. Yvonne heiratet letztendlich aus geschäftlichen Gründen den biederen Monsieur Lecoing , einen Bäcker im besten Alter, obwohl sie einen jüngeren Mann liebt. Was können wir aus der ersten Episode nun für unser eigenes Schreiben lernen? Das ist fast unbeantwortbar. Sie müssten bitte die betreffenden Passagen selber lesen. Dann kommt nach einer ganzen Weile der Aha-Effekt: Ob das attraktive Frauenpaar in jüngeren Jahren nun eine erotische Beziehung hatte oder nicht? Die Antwort schwebt zwischen den Zeilen und kann sowohl Ja als auch Nein heißen. Wir Lernbegierigen lernen aus der Episode, wir dürfen nicht alles Aussprechen, vor allem, wenn es um Sympathien geht, die in Liebe gipfeln. Yvonne ist es auch, die das Sterben der Kobalt tief betrauert. Mit ihrem Kommentar: Begraben werden vom Glück ist auch ein Ende (S.312) meint sie zwar das Glück der Kobalt am Spieltisch. Aber der Leser – inzwischen eingenommen von diesem Text mit Eigenleben, also auch mit eigenem Atem - will das Bonmot anders verstehen. Geliebt von den defilierenden Freunden scheidet die Kobalt dahin.
Die Kobalt macht die Bäckerin Yvonne sehr glücklich, als sie diese vor den anderen während ihres öffentlichen Sterbens auszeichnet, indem sie haucht: Ich bin noch nicht erstickt, damit ich dich hören konnte, Yvonne (S.360).
Zweitens, mit dem Ausbruch des Krieges ist die Uhr des Bankdirektors Frédéric abgelaufen. Der Buchhalter Pigeon , eine farblose Erscheinung, wittert Morgenluft und äußert sich vorm Direktor verächtlich über die Kobalt (S.104). Die Kranke muss sich die Schmähung auch noch anhören. Frédéric blickt in das verwischte Veilchenblau ihrer Augen unter einer schweren Welle blonder Haare. Die Kobalt leugnet ihre Krankheit, und ihr gelingt ein Atmen - leicht und stark. Doch es folgt der nächste Erstickungsanfall. Frédéric springt herzu und umarmt dieses abnehmende Leben. Dafür ist die Kobalt dankbar und lächelt selig. Das Glück steht nicht bevor, sondern dies ist das Glück selbst. Frédérics Lippen zittern, doch der Mann kommt im Leben dieser Frau zu spät (S.138). Die Kobalt spuckt Blut. Sie küssen sich. Die Kraft der Kobalt und das Glück mit Frédéric lassen die Frau mit der unvergänglichen Stimme noch ein paar Stunden leben.
Jetzt dämmert es uns. Wir ahnen nun, wie wir über die Liebe schreiben könnten. Da wahre Liebe nichts mit Sex zu tun haben muss, geht es des Öfteren um anderes bei unserer erotischen Prosa. Zum Beispiel lautet eines der Themen: Wahre Liebende halten durch bis zum Schluß.

Heinrich Mann wurde am 27. März 1871 in Lübeck geboren und starb am 12. März 1950 in Santa Monica (USA, Kalifornien).

Heinrich Mann : Der Atem
Roman (1949)

Quelle: Heinrich Mann: Gesammelte Werke, Band 15. Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1968, 395 Seiten
Neuere Ausgabe: S. Fischer, 592 Seiten, ISBN 3-596-25937-1

Hedwig Storch 3/2007

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Hedwig

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