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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Beinahe in den Tod gesprungen
Eingestellt am 11. 05. 2011 09:41


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Arno Abendsch├Ân
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Wir standen an der Talstation. Mein Freund wollte nicht mit hinauffahren. Mich reizte der Blick auf die hohen Grenzberge sehr, nur von da oben w├╝rde ich sie sehen k├Ânnen. Es war gerade Flaute im Liftbetrieb. Die Sessel schaukelten einer nach dem anderen leer aus der offenen Halle hinaus und glitten in geringer H├Âhe ├╝ber die Grash├Ąnge bergw├Ąrts, vom Seil zuverl├Ąssig gezogen. Sie wirkten auf mich wie Loren, die kurz vorher ihre Last ausgekippt haben.

"Du kannst ja am See warten. Ich bin in zwei Stunden wieder hier."

Schon sa├č ich in einem dieser primitiven, vorne offenen Henkelk├Ârbe. Die Aufsicht - ein dicker, m├╝rrischer Mann - hatte etwas an meiner Position auszusetzen: "Mehr in die Mitte!" Obwohl ich mich dort generell unwohl f├╝hle, gehorchte ich sofort und verlagerte meinen Schwerpunkt. Dann ein Ruck der Beschleunigung - und ich segelte auch schon ├╝ber die Wiesen bergan. Wir, der Sessel und ich, gewannen rasch an H├Âhe, schneller als mir lieb war.

Ja, es stimmt, ich bin nicht schwindelfrei. Doch ist dieser Schwindel selbst nicht sehr zuverl├Ąssig. Er ist abh├Ąngig von den Gegebenheiten. Ich kann im Gebirge ├╝ber schmale Grate gehen, ohne Schwindel zu versp├╝ren. Rechts und links geht es je tausend Meter in die Tiefe. Ich vermeide den Blick seitw├Ąrts, sicher setze ich einen Fu├č vor den anderen und komme heil dr├╝ben an. Es liegt bei mir, ich habe es - nein, nicht in der Hand, in den F├╝├čen. Ist die Kabine einer Seilbahn rundum abgeschlossen, schaue ich furchtlos in die Tiefe. Der Blick von einem hohen Turm, aus dem Fenster einer hoch gelegenen Hochhauswohnung, das macht mir nichts aus, wenn nur eine Glasscheibe zwischen mir und dem Raum unter mir ist.

Aber wehe, ich kann den Kopf ├╝ber die Br├╝stung des Turms vorstrecken, wehe, das Fenster im neunzehnten Stock steht offen. Dann sp├╝re ich, wie es in den F├╝├čen zu kribbeln beginnt. Ich h├Âre den Lockruf der Tiefe: Spring doch, dann ist endlich Ruhe, alles vorbei. Etwas Au├čerordentliches w├Ąre geschehen, einmal im Leben.

Meine Auffahrt oder Bergfahrt entwickelte sich zu einem H├Âllentrip. Und dabei geschah nichts, ich sa├č stocksteif da, vorsichtig angelehnt. Ich stellte mir nur dauernd vor zu springen. Wie lange dauert es, bis ich aufschlage? Welche Gedanken und Gef├╝hle habe ich wohl vorher noch? Wer wird mich als Erster zerschmettert finden? Nat├╝rlich wird der Seilbahnbetrieb sofort unterbrochen. Ich dachte an den Freund, mit dem ich in zwei Stunden verabredet war. Man muss Verabredungen einhalten, schon deshalb springe ich nicht. Ich entwickelte Techniken, mich abzulenken und an etwas anderes zu denken. Die Wipfel der Fichten reichten manchmal bis fast zum Sessel herauf, das war sehr beruhigend. Aber dann wieder ein steiler Graben, eine tiefe Felsenrinne, scheu├člich ... Schau doch in den Himmel, du Idiot! Und dieses Ruckeln, wenn wir ├╝ber eine St├╝tze glitten, war be├Ąngstigend. Es erinnerte mich daran und lie├č mich f├╝hlen, wie rasch unser Lebensfaden abgerissen werden kann: Ritsch, ratsch - genauso!

Auf einmal kommt mir ein talw├Ąrts Schwebender entgegen. Er ruft mir zu: "Ihr B├╝gel! Er ist nicht zu!" Und er deutet mit den H├Ąnden die furchtbare Bl├Â├če um meinen Unterleib herum an. Tats├Ąchlich - ich begreife es erst jetzt - eben deshalb w├Ąre es so einfach f├╝r mich zu springen. Die Aufsicht hat versagt, nachl├Ąssig so etwas. Kein Wunder, dass so viel passiert. Ich versuche den B├╝gel w├Ąhrend der Fahrt noch zu schlie├čen. Es misslingt, es hakt irgendwo. Ich will lieber nicht weiter herumschaukeln und lasse es sein. Ich kann ja die Bergstation schon sehen, die letzten St├╝tzen bis zu ihr z├Ąhlen. drei, zwei, eins ... Schnell raus aus dem Korb und aus der Halle! Gerettet!

Der Blick auf die Grenzberge lie├č mich dann eher kalt. Ich beschloss, zu Fu├č zur├╝ckzukehren. Talw├Ąrts ist es fast unm├Âglich, den Blick in die Tiefe zu vermeiden. Und der See da unten w├╝rde allzu suggestiv wirken. Man m├╝sste r├╝ckw├Ąrts sitzen d├╝rfen ... Nein, ich gehe zu Fu├č. Wenn ich die Verabredung einhalten will, muss ich sofort hinunter.

Es war ein schmaler, steiler, steiniger Pfad. Ich lief ihn rasch und ohne Zwischenf├Ąlle zu Tal. Daran bin ich gew├Âhnt. Unterwegs begegnete mir eine Gruppe von Italienern in leichten, eleganten Halbschuhen. Sie redeten viel und wortgewandt miteinander. Sie achteten kaum auf den Weg und torkelten ab und zu. Die Wahrscheinlichkeit eines baldigen Kn├Âchelbruchs sch├Ątzte ich ziemlich hoch ein. Am Berg kann man auf viele Weisen zu Schaden kommen. Aber was f├╝r eine sch├Âne, klangvolle Sprache, Italienisch vor Alpenkulisse. Was sagten sie da: CORTO VIAGGIO SENTIMENTALE? Das kannte ich doch ...

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iphigenie
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Hallo Arno,

sehr sch├Âne Idee, das Thema H├Âhenangst mal im Rahmen einer Kurzgeschichte psychologisch auszuloten.

Allerdings fehlt mir hier der Hinweis f├╝r den Leser, was den Protagonisten antreibt. Warum setzt er sich diesem "H├Âllentrip" aus? Das ist ja die zentrale Frage. Somit existiert ja auch kein H├Âhepunkt und keine Antwort. Auch der Konflikt, den du sehr sch├Ân detailliert zeigst, bleibt dadurch, ja fast leblos, flach.
Da kann der Leser nur raten (viell. will er seinem Freund etwas beweisen, oder sich selbst?) und bleibt unzufrieden zur├╝ck.

Noch ein paar Details vor diesem Hintergrund:
"Obwohl ich mich dort generell unwohl f├╝hle"- warum ist das so?

"Etwas Au├čerordentliches w├Ąre geschehen, einmal im Leben." - Aha, hier ein vager Hinweis auf die Motivation f├╝r die ganze Aktion - hier w├╝rde ich auf jeden Fall mehr draus machen.

"Ich stellte mir nur dauernd vor zu springen" - warum?

Ich hoffe, ich konnte dir ein paar n├╝tzliche Tips geben. Falls du an der Geschichte noch einmal arbeitest, w├╝rde ich sie sehr gerne noch einmal lesen. Dadurch lerne auch ich etwas...;-)

Liebe Gr├╝├če

iphigenie




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Die Natur hat nur eine Regel f├╝r die Schriftsteller, und die l├Ąsst sich in zwei Worten fassen: Lassts laufen.
(G. Chr. Lichtenberg)

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Arno Abendsch├Ân
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Danke, iphigenie, f├╝r die Anregungen zum Nachdenken.

Die Motivation f├╝r diese Seilbahnfahrt findet man in Absatz 1, Satz 3. Eine andere gab es nicht.

Klar, man kann aus fast allem mehr machen - sollte man auch? Der Text ist durchgehend autobiographisch und das soll er auch bleiben. Literatur, die um eines angeblichen Lesevergn├╝gens willen dazuerfindet und draufsattelt, will ich nicht produzieren. Ich sch├Ątze sie auch als Leser nicht. Es fehlt ihr meist an der inneren Wahrheit und Stimmigkeit. (Damit ist nichts gegen eine insgesamt geschickt erfundene Story gesagt.)

Zu den drei zitierten Stellen. Das mit der Mitte ist nur ein kleiner Scherz, der sich verfl├╝chtigten w├╝rde, wenn ich ihn erst erkl├Ąren m├╝sste. Auch der Satz "Etwas Au├čerordentliches usw." ist nicht ganz ernst gemeint. Schon gar nicht kommt hier die vermisste Motivation zum Vorschein. Und zur Zwangsvorstellung des Springens: Dieses Gef├╝hl kennen wohl viele. Es zu erkl├Ąren, w├Ąre Aufgabe eines Psychiaters, nicht dieses kurzen Textes. Er beschr├Ąnkt sich bewusst auf die Darstellung des ├Ąu├čeren Ablaufs und der ihn begleitenden Gef├╝hle. Es sollte nichts ausgewalzt, daf├╝r umso mehr dem Nachdenken des Lesers ├╝berlassen werden.

Arno Abendsch├Ân





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iphigenie
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Beinahe...

Hallo Arno,

ach so, keine Kurzgeschichte im eigentlichen Sinne, dann sind nat├╝rlich meine Anmerkungen obsolet. Und ich stimme dir zu, zu autobiographischen Texten sollte keine Fiktion hinzu kommen.

Deine sehr lesenswerte autobiographische Miniatur solltest du dann viell. unter dem Prosa-Forum "Diary" posten, damit man den Text nicht unter falschen Vorzeichen liest, wie mir passiert. Damit tut man ihm ja gewaltsames Unrecht, wie du gesehen hast...

LG und frohes Schaffen weiterhin...

iphigenie
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