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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Beitrag zur Anglizismus-Debatte (ich weiß, ein bisschen spät...
Eingestellt am 08. 06. 2001 13:54


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dommas
Festzeitungsschreiber
Registriert: May 2001

Werke: 8
Kommentare: 6
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...aber ich komme aus Franken, da dauert's eh immer a weng länger

Probleme eines jungen Deutschen am Valentinstag
oder
Die Influenza des Englischen auf die deutsche Sprache

Es war ganz schön schwierig, das passende Restaurant zu finden. Sie war wählerisch. Es musste leckeres Essen haben – na klar! Aber es musste auch das richtige Publikum sein. Nicht jedes Restaurant mit gutem Essen ist auch gleichzeitig das richtige. So etwas merkt man schnell, wenn man mit einer trendy Frau ausgeht!
Also zog ich los und wollte den Tisch reservieren. Ich musste sowieso noch shoppen gehen. „Was könnte denn die richtige Location sein?“, dachte ich mir. Der „Schwan“? Nein – der war schon lange nicht mehr up-to-date. Außerdem ist deutsches Essen out! Also ein Italiener? „La Gondola“? War easy zu erreichen, aber irgendwie hab’ ich immer ein stranges Feeling da drinnen. Ein Grieche? „Zorbas“? Au ja! Obwohl’s dort immer’n bisschen smelly ist. Aber das ist ja gerade das coole daran!
Ich gab ihr gleich Bescheid, so dass wir gemeinsam hinbladen konnten – so zum relaxen, obwohl man doch ganz sweaty und ausgepowert ankommt. Man fühlt sich dennoch recht cool, nachdem man gebladet ist!
Das Essen war richtig groovy! Richtig tasty! „Was machen wir jetzt?“, fragte sie. In dem Moment klingelte ihr Handy. „Yeah? Oh, yeah! Mmh! Ha ha, oh, come on, echt? Cool! Hey, da ist ja richtig Action angesagt, was? OK, ich frag’ mal.“ Sie setzte das Handy ab und wandte sich mir zu. „Was hälst du von „Alchemy“? Dem neuen Nightclub?“ Ich nickte. „All right, Joe, wir treffen uns dann um ... in einer Stunde? Cool, dann können wir noch mal ordentlich talken. Bye!“ Aufgelegt.
Und ich war es auch. Aufgelegt. Aber schlecht. Joe! Warum der? Nur, weil der im „Alchemy“ DJ ist, immer aufgestylt rumläuft, mit ’nem gestählten Body, laufen ihm alle Chicks scharenweise hinterher! So’n Shit!
„Ich muss erst nochmal heim, bevor wir in den Nightclub checken!“, sagte sie, nachdem wir unseren Ouzo getrunken hatten. „Ich muss mein Outfit noch aufpeppen.“ Gentleman, der ich bin, begleitete ich sie nach Hause. Sie ließ mich sogar mit in ihr Zimmer. Ich war mir der Ehre bewusst.
Auf ihrem Tisch lagen so ungefähr zwanzig Flyer der unterschiedlichsten Discos, Kneipen, Holidaymakers und ähnlichem herum. Ich schnappte mir ein paar und begann zu lesen: „5 Tage in Kaprun. Fun! Fun! Fun! Geile Pisten zum Boarden!“ oder „Alchemy, die neue Adventure-Disco! Jetzt mit noch mehr Areas und chill-out-Zone!“ Na, da war ich ja mal gespannt.
Eine dreiviertel Stunde später war sie dann soweit. Also machten wir uns auf den Weg. Es dauerte dann eine weitere halbe Stunde, bis wir endlich eingelassen wurden, aber sie wollte sich nicht überreden lassen, die Disco zu canceln.
Im Nachhinein bin ich auch recht froh darüber, denn so sehr ich Joe auch verachte, er ist wirklich genial an den Turntables und legt wirklich coole, groovy Musik auf! Es machte wirklich Spaß, ein paar Stunden einfach abzudancen, ohne, dass man über irgendetwas nachdenken musste! Einfach nur treiben lassen, mit dem Beat gehen! Richtig abgespacet!
Ich schien einen kleinen Blackout gehabt zu haben (muss wohl an dem hard stuff gelegen haben, den ich geschmissen habe), denn als ich wieder zu mir kam, befand ich mich in der chill-out-Zone. Ich wusste nicht, wie ich dorthin gekommen war, war mir auch egal, muss ich sagen, denn über mich gebeugt, mit großen, betroffenen Augen stand das süßeste Mädchen, das ich je gesehen habe. Sie wedelte mir mit einem Paperback (wie zur Hölle kam sie in einer Disco zu einem Buch?) frische Luft zu. „Hey, Kleiner! Wieder unter den Lebenden?“ Ich nickte benommen. „Cool. Ich hab’ mir nämlich schon echt Sorgen gemacht. Aber wenn du wieder ready bist...“ – „Warte...“, rief ich ihr hinterher, doch sie war schon verschwunden.
F***!!! Mensch, ich bin doch wirklich zu bescheuert. Da habe ich mein Traumgirl zum Greifen nahe, und was mach’ ich? Nix! Bin echt zu blöd, Girls abzuchecken, ey!
Ich ging. Mein anderes Mädel war eh’ zu sehr mit DJ-Anhimmeln beschäftig, als dass sie bemerkt hätte, dass ich weg bin. Ich komme halt nicht gegen einen Mann an, der so hip ist wie Joe!
Ich machte mich auf den Heimweg. Doch was ließ sich mit diesem angebrochenen Abend noch anfangen? Daheim angekommen, grinste mir schon mein Computer entgegen. Wenn ich im wirklichen Leben schon zu unfähig bin, schaffe ich es vielleicht, in der Virtual Reality, ein Babe aufzureißen. Nachdem ich meine drei Mails gecheckt hatte (alle von Kumpels!), begab ich mich auch sogleich in einen der vielen Bagger-Chatrooms. Chatten ist schon ’ne coole Sache. Du laberst einfach so drauflos, meistens irgendwelches zweideutiges Zeugs, und kriegst voll die abgespaceten Antworten zurück.
However (man bemerke die falsche Verwendung dieses Wortes. Anm. d. Verf.), so richtig satisfying ist das halt doch auch nicht. Sind ja schließlich nur Wörter, die man sieht. Hinter diesen Wörtern wie „Sweet Babe“ oder „Lucy79“ könnten ja genausogut irgendwelche Boys stecken. Oder hinter "Motherf***er666" oder "BigDick_69" Girlies, die uns Männer nur verarschen wollen. Aber nein, so weit will ich gar nicht denken. Ich hab noch ’ne gute Stunde gesurft, ohne besonderes Ziel. Waren zwar ein paar coole Siten (sprich 'saiten'; man bemerke erneut die falsche Deutung des Wortes „site“. Anm. d. Verf.) dabei, aber immer nur in diese flimmernde Box zu starren war auf Dauer langweilig. Ich fing zu grübeln an.
Ich hätte echt gern ’nen schönen Abend mit ihr verlebt, wäre nicht dieser blöde Joe dazwischengekommen. Das konnte doch nicht sein! Ich bin 23, und ich habe das Gefühl, als ob ich schon mitten in der Midlife Crisis stecken würde. Mein Job kotzt mich an, mein Girl lässt mich abblitzen, meine Kumpels denken nur an zwei Sachen, und Alkohol ist eine davon. Ich hab’ schon voll das burn-out-Syndrom. Hey, mit 23!! Schließlich war Bettzeit. Mittlerweile war’s 3 Uhr a.m. und ich musste den nächsten Tag arbeiten. Na, happy days, sag’ ich da nur...
OK, so endete mein letzter Valentinstag. Nein, noch nicht ganz. Vorher habe ich mir noch einen super-depri Song aus dem Netz gezogen. „Vision thing“ von den Sisters of Mercy. Hat 20 Minuten gedauert, bis ich es downgeloadet hatte, hat sich aber echt gelohnt.

by dommas


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