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Leselupe.de > Humor und Satire
Bekenntnisse einer Schulanfängerin, Teil 4-6
Eingestellt am 06. 03. 2006 18:12


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sweetchilly
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Mein Seelenklempner und wie ich seine Nerven strapazierte

Ich sitze im Wartezimmer der Praxis und blättere in „Psychologie heute“, der Trendzeitschrift für den modernen Psychologen. Neben mir sitzt meine Mutter, kaut nervös auf ihren Fingernägeln rum und versucht sich erfolglos mit dem „Ratgeber für gestresste Eltern- Was tun, wenn ihr Kind verrückt spielt“ abzulenken.
Immer wieder wirft sie mir verstohlene Blicke zu. Was erwartet sie eigentlich, dass ich im nächsten Moment aufspringe und ihr ein Messer in die Brust ramme?
Dazu gibt es hier sowieso zu viele Zeugen.
Scheinbar haben alle Verrückten unserer Stadt beschlossen, heute zum Psychologen zu gehen.
Ich hoffe, ich bin bald dran, wenn die Frau mir gegenüber noch mal „so klein und schon so verrückt“ sagt, raste ich echt aus.
Eine künstlich fröhliche Sprechstundenhilfe steckt den Kopf zur Tür rein und ruft meinen Namen.
Mir entgeht nicht, dass sowohl sie, als auch meine Mutter Sicherheitsabstand zu mir halten. Ich mache mir einen Spaß draus, zu versuchen ihnen auf die Füße zu treten.
Natürlich geht es mir nur darum, meinem Image als bösartige Unruhestifterin gerecht zu werden, meine Agressionen kann ich ja auch anders rauslassen.
Ein älterer Herr um die fünfzig rum erwartet uns schon.
Er beugt sich zu mir runter und gibt mir die Hand .Mir entgeht nicht, dass er Handschuhe trägt.
„Hallo, Susi! Ich bin der Onkel Doktor, du wir werden uns in der nächsten zeit noch besser kennen lernen. Ich bin sicher, wir werden richtig gute Freunde!“
Zu meiner Mutter: „ Die Kinder mögen das, wenn man ihnen Aufmerksamkeit schenkt.“ Das hab ich gehört! Na warte, von wegen gute Freunde…
Wieder zu mir: „Ich heiße übrigens Dr. Frank, wie von Frankenstein, nur viel netter!“
Er und meine Mutter lachen sich halbtot. Hahahaha. Wie verzweifelt müssen die nur sein?
„Als erstes muss ich ihnen, Frau Meier, ein paar Routinefragen stellen, nur damit wir sehen, wo wir mit der Therapie ansetzen müssen.“
Er zeigt auf das Sofa. „Setzen sie sich beide doch schon mal!“
Verdammte Seelenklempnercouch.
Einen Teufel werde ich tun.
„Möchtest du lieber stehen bleiben, Susi?“
Vielleicht setze ich mich doch.
„In Ordnung, Frau Meier, fangen wir an. Sie können sich ruhig Zeit zum Überlegen lassen bei den Fragen. Hat ihre Tochter schon länger Zeichen von krankhafter Boshaftigkeit gezeigt?
Mami, verunsichert: „Ich glaube nicht“
Dr.Frank: „Hat ihre Tochter je Spaß an Gewalt gezeigt?“
Mami, überzeugt: „ Nein, sie war immer dagegen, Probleme mit Gewalt zu lösen.“
Dr.Frank: „Wollte ihre Tochter sie je umbringen?
Mami, überlegend: „Nicht dass ich wüsste .Allerdings, vielleicht war es doch kein Versehen, als sie mir Morphium in den Tee mischen wollte.“
Die Situation entspannt sich langsam.
Viele delikate Fragen später will Dr.Frank noch etwas mit mir alleine „plauschen“.
Mama geht zurück in den Warteraum. Sie glaubt wohl, dort sei sie sicherer, als bei mir.

Ich wollte schon immer mit dem Onkel Doktor plauschen.

Die Tür schließt sich hinter meiner Mutter.
Ich lehne mich zurück und schaue Dr. Frank erwartungsvoll an.
Dr. Frank erwidert meinen Blick.
Ist das jetzt eine Art Kräftemessen? Wie auch immer, ich werde nicht verlieren.

Nein, scheinbar hat Dr. Frank beschlossen, dass er zu erwachsen für solche Spielchen ist und begnügt sich damit zu knurren: „Ich kenne eure Psychospielchen nur zu gut, nicht mit mir, du kleine Rotzgöre, nicht mit mir.“, bevor er den Blick so erhaben wie es die Situation zulässt abwendet.
Nanu, Herr Doktor, wo bleibt denn da die obligatorische pädagogische Höflichkeit?
Es scheint so, als müsste ich auch auf ordinäre Ausdrucksweisen zurückgreifen.

Unser „kleines, plauschiges“ Gespräch beginnt.

Dr.Frank (gezwungen freundlich): „So, Susi, du bist hier, weil du scheinbar große Probleme damit hast, dich anzupassen. Deine Lehrerin hat mir am Telefon erklärt, dass es dir Spaß macht, die anderen Kinder in deiner Klasse zu terrorisieren und du vorhast, ihr das Leben so schwer wie möglich zu machen. Stimmen denn diese Vorwürfe, Susi? Mir kannst du alles anvertrauen.“
Ich (gezwungen ungezwungen): „Also, ganz so stimmt das ja nicht. Ich hätte nie freiwillig jemandem geschadet, aber ich wurde einfach offen provoziert.“
Dr.Frank: „Ich glaube nicht, Susi, das irgendjemand vorhatte, dir zu schaden.Das weißt du doch, nicht? Das weißt du doch?“
Ich: „Wenn sie darauf bestehen, dann weiß ich das wohl.“
Dr.Frank: „Dann ist ja alles gut.“
Ich: „ Ja. Spitze.“
Dr.Frank: „ Absolut.“

Stille…
„Aber trotzdem mochte mich diese hirnverbrannte Frau von Anfang an nicht und war die ganze Zeit darauf aus mir zu schaden!“
Das ist mir aus Versehen so rausgeplatzt, ich schwöre, ich wollte den Onkel Doktor nicht provozieren.

Dr.Frank (wirkt genervt und setzt eine „Ich-bin-ein-Psychologe-das-ist-mein -Beruf-ich muss-jetzt-nett-sein“ Miene auf): „Scheinbar hast du viele unterdrückte Agressionen. Ich werde jetzt ein paar Tests mit dir machen, an denen wir dann erkennen werden, ob du wirklich professionelle Hilfe brauchst.“

Ich (voller Tatendrang): „Oki-doki“
Wenn ich gewusst hätte, wie tückisch und voller Fallen diese Tests sind, hätte ich ja nie zugestimmt.

Zuerst bekam ich ein Blatt Papier mit Tintenklecksen drauf.
Aber..
„Das ist ja gar kein Original! Herr Doktor, dass sind Fälschungen, ein ganz gewöhnlicher Druck! Sie handeln doch nicht etwa mit Kunstfälschungen…!“

Nachdem ich meinen Schock überwunden habe, sage ich Dr. Frank mit fester Stimme ins Gesicht: „Sie können mich nicht zwingen, darüber Stillschweigen zu bewahren…ich werde aussagen, selbst wenn sie mir mit der Kunstmafia drohen!“

Ich bin stolz auf mich.

Dr.Frank (täusche ich mich, oder wirkt er leicht genervt?): „Susi, ich wollte dich nur fragen, was du auf dem Blatt erkennst.“

„Ach so.“

Peinliche Stille.

Dann…
„Tintenkleckse.“

„Ja, Susi, sehr gut erkannt. Und was siehst du in den Tintenklecksen?“
„Tinte. Ganz viel schwarze Tinte.“
„Ja, und was steckt hinter dem Tintenklecks?“
Ich (stolz): „Noch mehr Tintenkleckse!“
Dr.Frank (geduldig): „ Und was steckt in dem Tintenklecks? Denke nach!“
Ich (schon leicht genervt) „Tut mir ja leid, aber unsere unfähige Lehrerin hat uns nicht mit der Psychologie von Tintenklecksen bekannt gemacht.“

Dr. Frank sieht aus als würde er gleich explodieren.
Die Sitzung wird vorzeitig abgebrochen.
Dr. Frank meint, ich sei kommunikationsunfähig.

Der kann mich mal.

Ich habe für nächsten Donnerstag wieder einen Termin. Dann werden wir „lernen, wie man offener und freundlicher auf andere zugeht“
Das hat mir die künstliche freundliche Sprechstundenhilfe erklärt und mich in die Backe gekniffen. Fräulein, das ist Kindermisshandlung! Wenn sie Liebesprobleme haben, lassen sie das nicht an mir aus!
Nebenbei hat sie dem Doktor eine Beruhigungstablette und ein Glas Wasser vorbereitet.
Wenn man so schwache Nerven hat wie der Doktor, sollte man keinen so schweren Beruf ausüben.
Ich hoffe nur, dass unsere nächste Sitzung nicht aufgrund Meinungsverschiedenheiten eskaliert. Ich habe dass Gefühl, der Doktor und ich haben die Chance „ ganz schön dicke Freunde“ zu werden verpasst.

Krisensitzung
Oder auch:„Was haben wir falsch gemacht?“


Ich kann es nicht glauben.
Ich bin von Schulunterricht suspendiert!
Suspendiert! Ich!
Eigentlich soll ich das noch gar nicht wissen, da der hochoffizielle Brief, den meine Eltern von der Direktorin (Ich scheine ja das Gesprächthema an der Schule zu sein) bekommen haben, dort gelandet ist, wo Sachen, die mich, der Meinung meiner Eltern nach, nichts angehen, nun mal landen: In der „Tabu“ - Kiste. (eine mit buntem Krepppapier beklebte Kiste, auf der mit Moosgummibuchstaben „Tabu“ geschrieben steht. Dort drin bewahren meine Eltern schon seit meiner Geburt Sachen auf die ich auf gar keinen Fall zu Gesicht bekommen soll. Obwohl ich im zarten Alter von einem Jahr noch gar keine Ahnung hatte, was „Tabu“ bedeutet sah ich das schon immer als eine offene Aufforderung , die „niedliche bunte“ Kiste nach „Playboy“ Heften und Adoptionsurkunden zu durchsuchen.
Nicht immer habe ich gefunden, was ich zu finden gehofft, doch dem Reiz, etwas Verbotenes zu tun, kann ich bis heute nicht widerstehen. Und wer weiß, vielleicht finde ich ja eines Tages etwas, was mir bei Ebay etwas mehr als nur paar Euro einbringt.)

Es war an dem Tag, als ich vom Psychologen nachhause kam, und da ich sehr gereizt war, reichte es mir nicht, wie sonst, meinen restlichen Barbiepuppen die Köpfe auszureißen , ich musste mich noch anders abregen.

Kleine Anmerkung: Ich hasse das kranke Schönheitsideal, das Barbie, Ken und ihre Freunde darstellen. Das hat nichts mit der Realität zu tun, sondern ist einfach nur der Beweis, dass die Menschen alle nach vollkommener Perfektion streben. (was meiner Meinung nach völliger Blödsinn ist. Entweder man ist perfekt oder man ist es halt nicht.)
Jedenfalls sollen sich Möchtegern-Psychologen wie Dr. Frank dann nicht über magersüchtige Fünfjährige wundern, die sich das Make-up ihrer Mutter ausleihen, um wie Barbie und Skipper auszusehen.

Also saß ich da, inmitten eines Haufens von Sachen, die für mich „tabu“ sind, und da fiel mir der blasslila Umschlag auf.
Den Rest kann man sich ja denken. Ich kopierte mir das Beweisstück, verwischte Fingerabdrücke und ging zurück in mein Zimmer, um weiterhin so zu tun, als wüsste ich von nichts.

Wie konnten sie das nur von mir verheimlichen?
Ich hoffe nur, dass ich später nicht gezwungen sein werde, diesen peinlichen Zwischenfall in meinem Bewerbungschreiben zu erwähnen.

Oje, es klopft an meiner Tür. Ich weiß, ich hätte kein Zahlenschloss einbauen sollen, das reizt meine Eltern nur unnötig. Aber Privatsphäre geht nun mal vor.

Ich will mir schon die Mühe machen, die Tür zu öffnen, da grummelt mein Vater nur durch dir geschlossenen Tür, ich solle runterkommen, wir „würden alle mal gemütlich plaudern“…

Es ist still im Wohnzimmer, sehr still. Meine Mutter und meine Vater starren mich nur erwartungsvoll an.
Ich schaue genauso zurück.
Nachdem meine Vater auch schon bemerkt hat, dass ich ihnen nicht von alleine mein Herz ausschütte werde, holt er einen Zettel aus der Hosentasche, guckt kurz drauf, steckt ihn wieder in dir Hosentasche, räuspert sich und rattert dann auswendig runter, was ich eh schon weiß…

„Wie du weißt, hattest du in letzter Zeit Probleme mit der Schule. Ich will nicht sagen, dass nur du Schuld warst…“ Er ignoriert Mutters verdächtig lautes Husten, „Aber mit deiner krankhaften Bösartigkeit hast du sicherlich nicht gerade dazu beigetragen, akzeptiert und gemocht zu werden! Du weißt, die Lesenacht ist wirklich dramatisch ausgegangen, aber vielleicht war das einfach nur der Beweis, dass du nicht fähig bist, mit andern Kindern auszukommen, sondern die kleinen Racker aus deiner Klasse mit deinem fiesen Sinn für Humor ganz stark verunsichert hast. Es ist nicht sicher, ob der kleine Peter nicht für den Rest seines Lebens gezeichnet sein wird.
Er…hat es zurzeit nicht leicht.“
Einmal tieeeeeef Luft holen, und mich dann weiter beschimpfen, nicht, Papa?
„Heute kam dann die Nachricht, dass du bis auf weiteres vom Schulunterricht suspendiert bist. Natürlich hatten wir so etwas erwartet…“
Meine Mutter schluchzt auf und schnäuzt geräuschvoll in ein Taschentuch.
Ich sollte wohl überrascht sein, wenn ich nicht auffliegen will, oder?
Na gut.
„Waaaas? Ich bin vom Schulunterricht suspendiert? Ich werde mich umbringen! In der Badewanne ertränken! Aus dem Fenster springen!“
Meine Eltern lassen sich nicht anmerken, dass sie überrascht sind, dass ich das Wort suspendiert kenne. Vermutlich mussten sie es nachschlagen.
„Mein liebe Susi, wir wohnen im Erdgeschoss…“
Ach so. Hups .
„… und im Übrigen hast du schon nach deiner Geburt versucht dich umzubringen, als du gemerkt hast, in welche Familie du hinein geboren wurdest, und es hat…“
Mami guckt zu Papa. Drängender blick von Papa. Mama seufzt und versucht, überzeugt zu klingen.
„..Gott sei dank nicht geklappt“
Ich erinnere mich schemenhaft an meinen ersten Selbstmordversuch. Ich glaube, ich habe zuerst versucht, mich mit einer benutzten Windel zu ersticken, und dann, später, habe ich versucht mich im Töpfchen zu ertränken.
Verdammt, konnte ich damals wissen, dass ich dauerhaft beaufsichtigt wurde?

Weiter geht’s mit Vaters Rede…
„Susi, es kann so jedenfalls nicht weitergehen. Wir zahlen jetzt im Moment mehr Geld für den Psychologen als für unsere Miete. Die Krankenkasse möchte noch immer nicht glaube, dass du wirklich schwer gestört bist.“
Böser Blick von mir.
„Wir werden dich nicht zurück auf deine alte Schule schicken. Wir glauben, wenn du dorthin zurückgehst, wirst du nie lernen, normal zu werden. Und außerdem hat uns die Lehrerin bestochen.“
Peinliches Schweigen. Hätte nie gedacht, dass meinen Eltern Geld wichtiger ist als die schulische Ausbildung ihrer Tochter.

„Wir haben beschlossen, dich auf eine Schule für Kinder zu schicken, die anders sind…
Kann das sein? Sollten sie tatsächlich gemerkt haben, dass ich einfach viel intelligenter und schlauer bin als der Rest der Welt?

„Ich…Ich soll auf eine Schule für Hochbegabte? Für Genies?“ frage ich sicherheitshalber noch mal nach.

Papa und Mama werfen sich betretene Blicke zu.
Moment mal? Betretene Blicke?
Was läuft hier?

Papa fasst sich ein Herz und erklärt mir die Situation.
„Weißt du, Liebling, eigentlich ist es mehr eine Schule für…nun ja… schwer erziehbare Kinder…“

Mir wird schwarz vor Augen.
Ich glaube ich bin in Ohnmacht gefallen…
Ich? Auf eine Schule mit jugendlichen Drogendealern und Kaugummidieben?

Wieso ich?!

Als ich wieder bei Bewusstsein bin, sehe ich meine Mutter, die sich über mich beugt und es tatsächlich schafft, besorgt aus zusehen.
Was ist noch mal passiert?
Ich glaube, meine Eltern wollten mir gerade erklären, woher die kleinen Babys kommen.

Ach nein. Ich erinnere mich, spätestens als ich das Prospekt für die Erziehungsanstalt-
„Bringen sie ihre kleinen Racker zu uns, und erholen sie sich gut, währen wir sie jeden Vormittag aufs Neue zu menschlichen Menschen erziehen.“- sehe.

„Ach da wäre noch etwas, Susi…“

Was denn jetzt schon wieder, Vater?

„Wir mussten unterschreiben, dass wir nichts dagegen haben, wenn sie dich, wenn du nicht brav bist, bisschen härter drannehmen…“

Bringt mich doch gleich um! Gib es mir, Leben! Mach mich fertig!

Ich glaube, ich muss mich im Internet über effektive Möglichkeiten des Selbstmords informieren.


Wozu braucht sie nur dass Pfefferspray?

Kleiner Tagesablauf:


8:00: Ich quäle mich aus dem Bett. Mit Betonung auf quälen. Ich muss heute nämlich extra so früh aufstehen, damit ich mich, Zitat von Mutter, „adrett und gepflegt“ zurecht machen kann.
Denn die Direktorin meiner neuen Schule (Ihr wisst schon, die Psycho-Schule) hat sich heute extra Zeit genommen, um mich, da heute Sonntag ist, in aller Ruhe mit den Räumlichkeiten und den wichtigsten Regeln der…ähmm…Schule vertraut zu machen. Ich frage mich, ob jeder der Schüler so eine Extrawurst bekommen hat oder ob das nur die ganz besonders schwierigen Schüler kriegen.

8.30: Ich komme nicht in meine Strumpfhosen rein. Nicht dass mir das leid tun würde, aber es ist nun mal so, dass ich noch minderjährig bin ,und meine Eltern mich dem Gesetz nach zwingen können, das zu tun, was sie wollen.
Oh.
Ich hoffe nur, die Strumpfhose war nicht allzu teuer, ich bemerke gerade, dass ich sie falsch rum angezogen habe. Und wie man weiß, entstehen dabei Löcher.

8:40: Geschafft. Strumpfhöschen, Kleidchen, Blüschen, Westchen.
Ich glaube ich habe das Unterhöschen vergessen. Auch egal, noch mal tu ich mir das mit der Strumpfhose nicht an.

8:50: Ich genieße gerade Mamas selbstgebackene Waffeln. Oder ich tu zumindest so, damit meine nahe Verwandtschaft nicht noch einen Grund hat, auf mich sauer zu sein.

9:00: Es geht los. Papa befördert mich mit Gewalt ins Auto, da ich mich verbal und physisch dagegen wehre.
Man hat mir den Kindersitz vorbereitet. Auf der Rückbank! Die Demütigungen sind perfekt vorbereitet und bis ins kleinste Detail geplant.

9:05: Unterwegs. Papa versucht sich davon abzulenken, dass es sein Kind ist, das auf der Rückbank gerade in seine neue Schule, die zufällig eine Erziehungsanstalt ist, gefahren wird.
Mama wiederholt nervös die Nummer von ihrem Psychologen. Ob die wohl auch telefonische Beratung anbieten?
Ich spiele Schere, Stein, Papier. Gegen mich selbst. Es gibt keine großen Überraschungen. Ich gewinne wie immer, ich dagegen verliere. Gespaltene Persönlichkeit, ihr versteht?

9:06: Ich überlege, ob ich nicht vielleicht wirklich eine gespaltene Persönlichkeit habe. Vielleicht bin ich ja nicht nur die böse, verdorbene Susi?
Vielleicht schlummert tief in mir drin die nette, normale Susi, die nur darauf wartet, lesen und schreiben zu lernen und von ihrer bösen Zwillingsschwester nicht das Geringste ahnt?

9:07: Ich glaube nicht. Ich meine, wenn es wirklich so wäre, hätte ich ja ab und zu auch normale Kleinkinderphasen gehabt. Ich dagegen habe schon seit ich denken kann (was ich übrigens schon immer kann) den Drang verspürt, endlich mehr über Einsteins Relativitätstheorie zu erfahren.

9.10: Wir sind da. Die Anstalt sieht aus wie ein Gefängnis. Ich fühle mich jetzt schon wohl.
Hier, zwischen Psychopaten und Leuten, die Psychopaten unterrichten, gehöre ich hin!
Für die Blonden unter euch: Das war Ironie.

9:15: Ich mag die Direktorin nicht. Künstlich grinsend gibt sie Mutter und Vater die Hand. Mich übersieht sie tapfer.
Außerdem habe ich das Gefühl, sie haben mir in meinen Kakao Beruhigungstabletten gemischt. Ich habe nicht mal die Kraft etwas Böses zu denke. Also, etwas richtig Böses…

9:20: Die Direktorin führt „Small Talk“ mit meinen Eltern.
Ich bemerke, dass sie Pfefferspray in der Manteltasche aufbewahrt. Wieso nur?
Ich werde dieses Mysterium lösen.

9:25: Ich beginne, mich ernsthaft zu langweilen. Meinen Eltern wird gerade vorgetragen, wie man Kinder am wirkungsvollsten bestrafen kann. Ich bin enttäuscht von diesen Verrätern, sie hören gebannt zu.
Ich bemerke gerade, dass meine Mutter eifrig mitschreibt. Ich werde diesen Zettel zerstööööö...zerstöööö…das Beruhigungsmittel wirkt… Ich kann es einfach nicht.

9:30: Endlich! Es geht los! Die Direktorin, ich habe inzwischen erfahren, dass sie Frau Mullermies heißt, setzt sich in Bewegung. Meine Eltern hinterher, und ich bilde den Abschluss. Ich werde misstrauisch von Frau Mullermies beobachtet. Ich hüpfe extra noch ein bisschen gut gelaunter hin und her. Ich glaube, sie denkt, ich will sie töten. Sie greift mit ihren überlangen, beringten Fingern nach dem Pfefferspray.

9: 31: Das ist der Pausenhof. Frau Mullermies meint, hier würden alle Kinder schöne, erholsame Pausen verbringen. Mir kann sie nichts vormachen. Ich sehe ganz genau, dass auf dem Spielplatz ein Galgen steht. Ich kann nicht glauben, dass ich unter Kinder geschickt werde, die tatsächlich Hinrichtung spielen. Nicht dass ich früher nicht selber versucht hätte, Nachbars Tommy weiszumachen, dass die Hinrichtung am Schluss nun mal zum Gericht spielen gehört. Aber hier sind wir immerhin in der Schule!
Ach ja. Ich glaube, ich habe für einen minimalen Augenblick vergessen, dass das hier die Psychoschule ist.

9:40: Mir wird gezeigt, wo die Schulgrenzen sind. Ich bin sicher, dass ist sehr wichtig für meine schulische Ausbildung, nicht dass ich mich noch davonstehle. Ich bin sicher, ich würde sehr viel verpassen. Zum Beispiel, wie man die Lehrer am besten in den Wahnsinn treibt.
Damit man sich das bildlich vorstellen kann: Die Schulgrenzen gehen vom Gefängnis, zur rechten der Schule, bis zum Friedhof auf der linken Seite.
Es ist uns nicht erlaubt, in der Mittagspause den Häftlingen Süßigkeiten über die Mauer zu werde, oder sie sonst irgendwie zu provozieren.
Auch werden Schüler, die für schwarze Messen Knochen auf dem Friedhof ausbuddeln, sofort der Schule verwiesen.

9: 45: Wir betreten das Schulgebäude. Man führt uns zum Klassenzimmer der ersten Klasse, wo ich „meine pädagogische Erziehung genießen werde“.
Beim näheren Betrachten bemerke ich, dass Frau Mullermies einen Bart hat.
Aber ich weiche ab.
Jedenfalls betreten wir alle mein zukünftiges Klassenzimmer.
Es ist in rosa gestrichen, und an den Wänden hängen Herzchen und andere schleimige Symbole für Liebe.
Ich glaube sie wollen damit düsteren Gedanken vorbeugen. Als hätte man die nicht sowieso, wenn man dieses lächerliche Klassenzimmer sieht.
Meine Mutter findet dass natürlich ganz reizend und fragt, wer denn das Zimmer so „entzückend und zauberhaft“ gestrichen hätte.
Frau Mullermies antwortet, dass die Sträflinge von nebenan manchmal einen „kreativen Vormittag“ veranstalten.
Ich bin geschockt.
Was ist aus unserer Welt geworden, wenn sogar harte Jungs schon auf rosa stehen?

9:50 Ich entdecke im Pult der Lehrerin Handschellen und ein Buch über die beste Selbstverteidigung, „So legen Sie aggressive Kinder mit wenigen Handgriffen um- Handbuch für Lehrerinnen“
Sehr beunruhigend.

10:00: Unsere kleine Tour geht endlich weiter. Jetzt zeigt Frau Mullermies mir die Toiletten.
„Es ist meine Pflicht, jeden Schüler darauf hinzuweisen, dass es streng verboten ist, in einem Anfall von Wutgefühlen den Mülleimer ins Klo zu stopfen und das Klopapier mit bösen Wörtern zu beschreiben.“
An der Wand steht in einer Kabine „Scheiß Anstalt“. Ich fühle mich gleich viel besser.
Frau Mullermies guckt mich böse an, als ich einmal zur Probe die Spülung betätige.
Sie bemerkt nicht, dass ihr Pfefferspray sich selbstständig macht.
Scheinbar hat es eine Wut auf Frau Mullermies. Wir müssen die kleine Führung kurz unterbrechen, damit Frau Mullermies schnell zur Schulkrankenschwester gehen kann.
Tut schon weh, so ein Pfefferspray.

10:15: Wir stehen vor einer geschlossenen Tür am Ende eines Ganges.
Frau Mullermies: „Dahinter sind die drei Klassen für hoffnungslose Fälle. Das sind die wirklich bösartigen Kinder, für die keine Hoffnung mehr besteht.“
Und leiser, mehr zu sich: „Leider sind sie noch nicht gestört genug für die Irrenanstalt, sonst wären wir diese Bälger endlich los.“
Das habe ich gehört.
Und meine Eltern scheinbar auch, sie gucken sich verunsichert an.
Hierhin wollte ihr mich geben, Vater und Mutter!
Ich dachte ich könnte euch vertrauen.

Es folgt eine theatralische Pause.

10:20: Frau Mullermies zeigt mir das Büro der Schulpsychologin. Eine schuleigene Psychologin, die man in den Wahnsinn treiben kann, sooft man will! Wow.

Ich glaube meine Augen glänzen verdächtigt glücklich, Frau Mullermies schaut mich schon so misstrauisch an.
Ich setzte sofort wieder meinen Ich-bin-ein-gestörtes-Kind Gesichtausdruck auf und lausche Frau Mullermies’ Erklärungen:
„Hierhin können die kleinen Psychopaten kommen, wenn sie denken, dass sie nicht mehr können, oder das Gefühl haben, dass sie gleicht jemanden umbringen müssen, oder sie werden platzen.
Wir schicken sie für gewöhnlich auch hier hin, wenn wir nicht mehr mit ihnen auskommen.
Dann muss sich „Psychotante Nela“ mit den kleinen Rotznasen mit Killerinstinkt auseinandersetzen.“
Klingt da etwa Verbitterung in ihrer Stimme mit, Frau Mullermies?
Aber, Psychotante Nela klingt wirklich vertrauenerweckend, das muss selbst ich zugeben.
Meine Eltern sind begeistert, dass ihre kleine Spinnerin hier rund um die Uhr professionelle Betreuung erhält.

10:30: Uns wird stolz die Trophäen-Galerie vorgeführt.
Hier strotzt es nur so vor Auszeichnungen.
Die Schule ist Titelverteidiger, was den „Schüler mit den meisten Wutanfällen in der Öffentlichkeit“ angeht.
Ich freue mich schon, meiner zukünftigen Schule zu Ruhm und Ehre zu verhelfen.
Susi Meyer, „Psychopatin mit den meisten Versuchen , Einsteins Relativitätstheorie zu verstehen“

10:45: Mir werden die Sportanlagen präsentiert. Das ist ja an sich gar nicht so schlimm, wäre da nicht die dunkle Vorahnung, dass sie beim Sport die Schlagstöcke an der Wand wirklich benutzen, und dass die Kinder, die beim Baseball die einzige Möglichkeit haben, eine Waffe in der Hand zu halten, diese Möglichkeit nutzen…

11:00: Mir wird die Cafeteria präsentiert. Hier werde ich also Tag für Tag sitzen und mit meinen kleinen verrückten Freunden kleine eklige Mahlzeiten einnehmen, in die sie was weiß ich für Beruhigungsmittel schütten.
Die Köchin, die scheinbar das ganze Jahr über hier wohnt, sieht wirklich bedrohlich aus.
Sie hat mich nur sauer angestarrt und gemurmelt, dass sie mir eine ganz besonders große Portion Morphium ins essen kippen wird.

So langsam bin ich mir sicher, dass nicht wir, die Schüler, die verrückten hier sind, sondern dass dies eine Anstalt ist, in der man psychopatischen Erwachsenen eine zweite Chance gibt.

11:15: Hurra! Das Ende unserer kleinen Tour naht. Gerade redet Frau Mullermies noch von Regeln und Vorschriften und Strafen, aber bald muss selbst sie alle Regeln und Vorschriften und Strafen runtergeleiert haben.

11:20: Was höre ich da? Todesstrafe ? Ui. Die sind hier strenger als ich dachte.

12:00. Jawohl! Ich hatte Recht, als ich sagte es würde nicht mehr lange dauern!
Nur 45 Minuten, wow!
Ich bin befreit.

12:05: Wir verabschieden uns von Frau Mullermies. Ich kann mich von der Anstalt nur schwer trennen.
Muss meine Eltern zwingen, ins Auto zu steigen. Sie reden die ganze Zeit darüber, wie reizend diese Schule doch ist und wie froh sie doch gewesen wären, in ihrer Jugend auf eine solche Schule gegangen zu sein. Sie scheinen seltsam durcheinander.

Ich glaube, die sind verrückt geworden.

12:10: Ich stopfe meine Erzeuger ins Auto, natürlich auf die Rückbank und lasse sie weiter spinnen. Ich glaube, die sind in einer Art Trance.
Ich fühle mich praktisch gezwungen, alles selber in die Hand zu nehmen.
Stibitze meinem Vater die Autoschlüssel und fahre selber los.

Der Online-Workshop „Wie fahren sie sicher Auto“ hat sich ausgezahlt, auch wenn meine Eltern über die Rechnung über 599,99 Euro weniger angetan waren.

Was soll’s, der Hausarrest hat sich jedenfalls gelohnt.

12:15: Da kommt eine Ampel. Sie ist rot.

12.16: Wie bremst man noch mal?

12:17: Zu spät. Ich hoffe, wir sind gut versichert. Der Porsche des Fahrers vor uns ist hin.

12:18: Scheiße, da kommt die Polizei. Und meine Eltern scheinen auch bemerkt zu haben, was passiert ist, meine Mutter holt gerade ein Messer aus ihrer Tasche.
Mami?
Du wirst mir doch nicht wehtun?

Glück gehabt, sie packt es wieder ein.
Ich hoffe, wir kriegen dass Geld für den Online-Workshop zurück.

12:19: Die Polizei klopft an unser Autofenster.
Lasst mich raten, Hausarrest für immer und das Geld von meinem ersten Berufsjahr geht an meine Eltern?

12:20: Wetten in dem Pfefferspray der Tussi war was drin, was die Leute verwirrt? Ich habe gesehen, wie sie Mami und Papi auf dem Rückweg zum Auto ein bisschen vollgesprüht hat.
Ja gut, ich gestehe, ich hatte nichts dagegen, dass Mami und Papi ein bisschen pfeffergesprayt werden. Aber trotzdem:
Diese Frau ist bösartig und sie wollte, dass uns etwas zustößt, damit ich verrecke und nicht auf ihre blöde Schule komme!

13:25: Ach ja. Wir sitzen hier in Untersuchungshaft.

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Pünkelchen
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Also ich hab jetzt alle Susi-Geschichten, die du bis jetzt gepostet hast, gelesen und ich muss sagen, ich bin begeistert und kann mir nur schwer vorstellen, dass du erst 14 bist. Susi erinnert mich irgendwie ein bisschen an das kleine Arschloch...
Dennoch habe ich etwas zu kritisieren: Den Schluss des letzten Kapitels, also die Stelle an die Eltern komischerweise so verwirrt sind, dass sie nicht merken, dass Susi Auto fährt, finde ich irgendwie ein bisschen zu überzogen, das passt nicht zum Rest der Geschichte.

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sweetchilly
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Feb 2006

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Dankeschön =)
Ich bin wirklich erst 14
Stimmt, der Schluss ist leicht unlogisch, da wollte ich noch einen draufsetzen, obwohl das ganze schon die Fantasie und Vorstellungkraft genug strapaziert
Muss mir überlegen, ob ich das umändere , was schwer wäre oder so lasse, auf die Gefahr hin, dass es eben als seltsam empfunden wird...

lg

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flammarion
Foren-Redakteur
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Registriert: Jan 2001

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so

schlimm ist es mit dem schluss nicht. die eltern sind eben so paralysiert von dem verhalten ihrer tochter, dass sie widerstandslos alles mit sich machen lassen, haben ja auch ne portion pfefferspray abbekommen und sehen nicht mehr klar, wären also gar nicht fahtüchtig.
lg
__________________
Old Icke

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