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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Beobachtung zweier Menschen
Eingestellt am 02. 02. 2014 00:50


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TausendTN
Hobbydichter
Registriert: Feb 2014

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Der Mann an der Bushaltestelle drehte sich gerade um, um seinen n├Ąchsten nerv├Âsen Gang zu machen. Er lief mit langsamen Schritten hin und her, mal auf den Boden schauend, mal kurz den Blick nach oben wendend, um ihn sofort wieder zu senken wenn er einem Augenpaar begegnete. Er sah nicht nur deplatziert aus, er schien nicht einmal recht in seine Kleider zu passen. Sein Wollmantel sa├č schlecht, als w├Ąre er ein wenig zu klein daf├╝r, und das obwohl er mindestens einen Kopf gr├Â├čer war als Amelie. Seine Jeans hing ein wenig zu tief, war ein wenig zu weit, und m├╝ndete auf Lederschuhen die nicht billig aussahen, seinem Auftreten allerdings trotzdem nicht halfen.

Und wenn sie einmal die Gelegenheit hatte, in seine Augen zu blicken, wirkte er fassungslos. Als w├╝rde von einem Geschehnis verfolgt das er einfach nicht glauben konnte.

\"Entschuldigung\", sagte sie. \"Sie haben etwas fallen lassen.\"
Er stockte inmitten seines Schrittes und drehte sich herum. \"Wie bitte?\".
\"Ihnen ist etwas aus der Tasche gefallen\".
Schon w├Ąhrend sie antwortete wanderte sein Blick schnell und abgehackt ├╝ber den Boden. Noch im letzten Wort antwortete er \"Oh. Vielen Dank\". Er b├╝ckte sich und nahm seine Karte in die Hand. Er wirkte dabei so angespannt, als w├Ąren tausend Augen auf ihn gerichtet. W├Ąhrend er die Karte in seine Jackentasche steckte, zeigte er ein entschuldigendes *L├Ącheln*, und begann etwas unruhiger seine n├Ąchste Runde um die Bushaltestelle.

Seit anderthalb Jahren sah Amelie diesen Mann fast jeden Morgen an der Bushaltestelle. Was f├╝r ein armes Gesch├Âpf. An manchen Tagen sah er ausgeschlafen aus, seine Kleider schienen ihm ein wenig besser zu passen; obwohl es die gleichen waren. Er sah so aus als m├╝sse er beinahe l├Ącheln, er sah Leute mit einem erwartungsvollen Blick an. Am Tag danach sah er niemals gut aus.

Der Bus kam. Amelie trat als erste ein, zeigte ihre Fahrkarte und setzte sich an einen Fensterplatz in der Mitte. Er stand. Sie hatte ihn nie sitzen sehen. Sobald er an seinem Platz stand, zog er ein Buch aus seiner Tasche, das er im Stehen las. Sie hat auch noch nie sehen k├Ânnen, was er las, doch sie konnte immerhin ungef├Ąhr sehen, wie das Buch aussah.
Manchmal hatte er zwei Wochen lang jeden Morgen das selbe Buch in der Hand. Manchmal hatte er jeden zweiten Tag ein anderes Buch in der Hand. Sie beobachtete ihn gerne wie er so da stand, denn sobald er eines ge├Âffnet hatte schien die Angespanntheit ein wenig nachzulassen. Sieh sah zu wie seine Augen ├╝ber die Zeilen flogen, manchmal stockten, hin und wieder auch eine Zeile zur├╝ck sprangen. Und nach einer Weile zog er seine Augenbrauen zusammen, sobald er merkte, dass er beobachtet wurde.

Amelie glaubte wirklich, dass jede einzelne Regung dieses Mannes bis ins kleinste Detail kalkuliert war. Wenn er seine Augenbrauen zusammenzog, dann nicht, weil er gerade etwas kontroverses las, oder ├╝ber etwas nachgr├╝belte. Nein, er zeigte dem Beobachter seine Missbilligung ohne ihn Anzusehen. Amelie glaubte, er w├╝rde in diesen Momenten kein Wort von dem was er liest verstehen. Seinem Blick nach, schien er nur zwischen Verwirrung und Wut zu wandern.

Sie stiegen an der gleichen Haltestelle aus. Sobald der Bus hielt, trat er als erster durch die T├╝r. Und er hastete davon.

______________________________________________________________

Er sah sie jeden Morgen, schon seit einer Ewigkeit.

Jeden Morgen stand sie an seiner Bushaltestelle. Er wusste, dass sie ihn ansah, und er h├Ârte nach eine Weile auf, zu versuchen, ihren Blick einzufangen. Wenn er beim Warten hin und her lief, sah sie ihn an. Wenn er sich herumdrehte, und sie direkt ansah, blickte sie ins Nichts geradeaus. Was f├╝r ein armer Mensch.

Sie sah gut aus. Nicht nur rein k├Ârperlich; ihre Haare waren stets frisiert. Sie trug h├Ąufig einen Blazer, ein einfaches paar Jeans und Schuhe, alles sa├č perfekt. Und sie strahle eine Ruhe und Selbstsicherheit aus, die ihn wieder und wieder verwirrte.
Jeden Morgen, wenn der Bus kam, setzte sie sich ein paar Reihen hinter ihn, w├Ąhrend er stand. Und er wusste, dass sie ihn beobachtete.

Manchmal, w├Ąhrend er las, zog er seine Augenbrauen zusammen. Was gab es zwanzig Minuten an einem Mann zu beobachten, der die ganze Fahrt das gleiche tat? Und, seltener, blickte er von seinem Buch auf und sah nach rechts, in ein Gesicht das ohne jede Emotion aus dem Fenster blickte. Mitunter kam es vor, dass sie ihren Blick vom Fenster abwandte und ihn ansah als wollte sie sagen \"Gibt es hier irgendetwas zu sehen?\". Ihr Blick schien sich stets zwischen Hilfsbed├╝rftigkeit und absoluter Ablehnung zu bewegen.

Und sobald er sich wieder seinem Buch widmete, sp├╝rte er ihren Blick auf sich.

Sie stiegen an der gleichen Haltestelle aus. Sie stand direkt hinter ihm. Die T├╝r ├Âffnete sich, und er hastete davon.

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