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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Berber
Eingestellt am 15. 04. 2001 18:05


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Kyra
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Berber



Remigius wurde durch Kindergeschrei und lautes Hundegebell aus seinem trunkenen Schlaf geweckt. Murrend drehte er seinen Kopf und ├Âffnete die Augen um die St├Ârenfriede, die dem Ger├Ąuschpegel nach in unmittelbarer N├Ąhe sein mussten, mit tr├╝bem Blick anzustarren. Sein Kopf lag auf einem abgetretenem St├╝ck Gras neben zwei leeren Bierflaschen. Das erste was er sah, war Charlie, der versuchte einen kl├Ąffenden Collie zu bespringen. Charlie war Remigius Hund, ein zerzauster Pudel mit der Unbek├╝mmertheit eines Stra├čenk├Âters, der er ja schlie├člich inzwischen auch war. Remigius hatte ihn vor einem Jahr bei einem fr├╝hmorgendlichen Streifzug an einen Parkbaum angebunden gefunden. Eigentlich hatte er immer verk├╝ndet, wenn ein Berber einen Hund h├Ątte k├Ânne er auch gleich heiraten und arbeiten gehen. Hunde waren was f├╝r die jungen Punks, die immer noch zu Mama gehen konnten, wenn es auf der Strasse zu kalt war. Im Fr├╝hling kamen sie aus ihren L├Âchern gekrochen um hingen mit ihren Hunde an den besten Ecken herum. Denen gab jeder was, die sahen noch nicht so kaputt aus. Die bekamen ein paar Ermahnungen zu h├Âren und kassierten daf├╝r f├╝nf Mark. Begegnete Remigius einer Gruppe Punkern, spuckte er ver├Ąchtlich aus. Wenn er selber die Leute um Geld anhaute, war es nicht schnorren, sondern betteln. Das war ein gro├čer Unterschied. Bettlern gaben fast nur arme alte Menschen ein kleines Almosen, die das Gef├╝hl hatten diesem Schicksal grade noch entronnen zu sein. Darum fluchte Remigius beim betteln immer leise vor sich hin. Jedenfalls hatte Remigius damals der zitternde kleine Hund leid getan. Er hatte ihn losgebunden, sich auf die n├Ąchste Parkbank gesetzt und seine beiden Wurstbr├Âtchen mit ihm geteilt. Als er sich sp├Ąter wieder auf den Weg in die Innenstadt machte, versuchte er den Pudel zu verscheuchen, warf schlie├člich sogar einen Stock nach im. Aber der Hund folgte ihm beharrlich in einem kleinen Abstand. So war er dann bei ihm geblieben und teilte sein Leben auf der Strasse. Remigius musste zugeben, er hatte sich an das Tier gew├Âhnt. Er sprach mit ihm wenn er betrunken und alleine war, und eines davon war er fast immer.
Jetzt nach dem Erwachen und mit schwerem Kopf, h├Ątte Remigius am liebsten eine der leeren Bierflaschen nach den Hunden geworfen. Er tat es aber nicht, die Kinder liefen schon weg, als er m├╝hsam auf die Beine kam. Der Collie folgte ihnen und es war wieder ruhig in seiner Ecke des Parks. Er hatte diese Stelle ausgesucht weil hier selten jemand war, der schattige Rasen war ungepflegt, unter den B├╝schen lagen weggeworfene Dosen, Zeitungen und Pr├Ąservative. Hier hatte er normalerweise selbst an sch├Ânen Sommertagen seine Ruhe. Nur kleine Sonnenflecken fanden sich auf dem Boden, die hohen Buchen waren sein Sonnenschirm. Ein idealer Platz um einen Rausch auszuschlafen. Remigius, von seinen Kollegen Remy Martin genannt, liebte den Sommer. ├ťberall konnte er ├╝bernachten. Das Stra├čenpflaster war bis in die Nacht hinein warm, die sommerliche Stadt war f├╝r ihn wie eine warme Geliebte. Er hatte immer das Gef├╝hl gehabt, die Stadt w├╝rde ihm viel mehr geh├Âren als den Menschen mit Wohnungen und H├Ąusern. Die kannten nur ihre Umgebung, nur ihre Wege zu bestimmten Zeiten. Aber er kann die ganze Stadt von Morgengauen bis in die stillste Nachtstunden, die h├Ąsslichen verpissten Ecken hinter dem Museum, die ruhigen Strasse der Vororte, die Friedh├Âfe mit ihren vielen Eichh├Ârnchen. Manchmal lie├č Remigius sich ├╝ber Nacht auf einem Friedhof einschlie├čen, da war er sicher vor den Glatzen. Remigius stopfte die leeren Flaschen in einen seiner vielen Plastiks├Ącke und machte sich mit Charlie auf den Weg in die Innenstadt. M├╝tter wichen auf den Parkwegen vor ihm aus, und zerrten ihre neugierig glotzende Brut hinter sich her. Er war jetzt schon so lange auf der Stra├če, aber daran hatte er sich immer noch nicht gew├Âhnt. Sicher es war nicht mehr wie fr├╝her, als er die Leute anhielt und zur Rede stellte. Aber dieses Zur├╝ckweichen der Anst├Ąndigen verletze ihn im Inneren immer noch. Sicher war das noch immer besser als Gruppen von angetrunkenen jungen M├Ąnnern, die ihn als ungef├Ąhrliches Opfer ansahen. Wie oft ist er schon von solchen biederen Jugendlichen umgesto├čen und getreten worden. Nat├╝rlich nur wenn keiner zusah. Allesamt Feiglinge. Alleine w├╝rden sie sich nicht an ihn heranwagen, obwohl er so kaputt war, dass der Sto├č eines achtj├Ąhrigen ihn umhauen w├╝rde. Etwas anderes waren die Glatzen, aber daran dachte er nicht gerne, schon gar nicht jetzt im Sommer. Die waren im Winter gef├Ąhrlich. Da gab es nur wenig warme Schlafpl├Ątze und die kannten sie. Im letzten Winter war er froh, dass er Charlie hatte. Der kleine K├Âter bellte zuverl├Ąssig wenn jemand zu nah kam. Nicht dass es wirklich viel gen├╝tzt h├Ątte, aber besser als im Schlaf erschlagen zu werden - oder vielleicht auch nicht besser. Remigius schossen die Gedanken langsam durch das Hirn. Ja, das gab es, langsam schie├čen. Es war als w├╝rden sie sich mit Vollgas durch einen z├Ąhen Teig bewegen, wenn er dachte zerrte er daran. Nachdem sie erst dort festzuh├Ąngen schienen, l├Âsten sie sich pl├Âtzlich und klar aus der Masse. W├Ąhrend er an einer roten Ampel wartete, beobachtete er die Mutter mit dem quengelnden Dreij├Ąhrigen und dem Zwillingskinderwagen neben sich. Sie war beladen mit Einkaufstaschen uns sichtlich ├╝berfordert mit ihrer Vorstellung einer guten Mutter. Er erkannte an den kleinen Falten neben den zusammengepressten Lippen, wie gerne sie den Kleinen angeschrieen h├Ątte. Remigius dachte an seine Eltern. Sie waren wohl nicht ├╝berfordert gewesen mit einem Kind. Allerdings hatten sie immer von einer gro├čen Familie getr├Ąumt. Aber er schien mit seiner Geburt alle Kraft aus seiner Mutter gesaugt zu haben. W├Ąhrend er immer runder und gr├Â├čer wurde, schien sie immer weniger zu werden. Obwohl sie noch jung war, ihr Scho├č hatte ihn hervorgebracht und war es zufrieden. Nur waren es seine Eltern leider nicht. Misstrauisch be├Ąugten sie sich, wer von ihnen beiden der Versager war. Beide behandelten ihn liebevoll, aber er war ihnen einfach zu wenig. Wie sollte er auch eine ganze Schar Kinder ersetzten, die in ihren Tr├Ąumen durch das Haus tobte. W├Ąhrend er neben dem kleinen Jungen ├╝ber die Strasse ging dachte er an seine Kindheit. Sie war sorglos und fr├Âhlich. Er hatte viele Freunde gehabt die er Nachhause mitbringen durfte. Seine Mutter freute sich ├╝ber den Trubel und kochte gerne f├╝r alle. Er versuchte sich an die Schule zu erinnern, aber da war eine leere Stelle in seinem Ged├Ąchtnis, sicher vom Alkohol. Manche Dinge waren wie ausgel├Âscht, zum Beispiel seine ersten Freundinnen, er konnte sich auch nicht erinnern wie die Strasse hie├č in der Sein Elternhaus stand. Sp├Ąter hatte seine Lehre gemacht, er lernte KFZ Schlosser. In einem Schaufenster sah er sich. Keine Mutter kann sich vorstellen, dass aus ihrem Kind mal ein Penner wird, aber warum nicht. Ist es wirklich das schlimmste? Remigius beobachtete sich als er an der langen Scheibenfront vor├╝berging, diesen Gang als st├╝nde er auf einem schlingernden Schiff, den krummen R├╝cken, die langen, verfilzten Haare. Er war ein h├╝bscher junger Mann gewesen. Auch damals trank er schon gerne, aber noch nicht mehr als seine Freunde mit denen er durch die Kneipen zog. Erst nach seiner zweiten Scheidung begann er hart zu trinken. Remigius st├╝rzte sich in den Abgrund, nur kein langsamer, schmerzvoller Abstieg. Er verbrachte schon die N├Ąchte auf der Strasse, als er noch eine Wohnung hatte. Als sie schlie├člich ger├Ąumt wurde, hatte er es kaum gemerkt.
Ersch├Âpft lie├č er sich im Abendlicht auf eine Kirchenstufe fallen und beobachtete den Verkehr und die vielen Menschen in den Cafes auf dem weiten Platz. Er stopfte sich zwei seiner T├╝ten in den R├╝cken und blinzelte zu den Tauben hin├╝ber. Viele von ihnen hatten verkr├╝ppelte F├╝├če. Das kam von dem Taubenschutz an den D├Ąchern. Remigius mochte die Tauben, sie waren seine Verwandten. Fr├╝her war er ein gerne gesehener, ehrbarer B├╝rger. Die Taube mit dem ├ľlbaumzweig war Botschafterin des Friedens. Heute nannte man sie fliegende Ratten.
Remigius merkte, dass er in ein lautes Selbstgespr├Ąch versunken war. Um nicht aufzufallen und der Form halber wandte er sich Charlie zu. Er beobachte sich dabei und musste kichern. Der Form halber. Nein er warf keinem vor, dass er hier auf der Strasse sa├č. Er hatte sein halbes Hirn versoffen, aber der Rest war noch unterhaltsam genug. Er hatte es auch fr├╝her gehasst zu arbeiten. Er wollte nie Verantwortung tragen. Tragen, das Wort sagte schon alles. Heute war ihm das Gewicht eines kleinen Hundes schon fast zuviel. Aber er f├╝hlte sich immer noch frei genug das Leben zu lieben. Remigius lachte leise, als er abwechselnd den Tauben und Charlie alte Kekse zuwarf. Komisch, alle denken, dass Berber immer nur ungl├╝cklich sind. Nat├╝rlich ist es nicht immer einfach, aber wo ist das schon so, etwas bei dem Bonzen? Die jammern doch am meisten. Vielleicht war es gut gewesen, dass er f├╝nfzehn Jahre Arbeitsleben hinter sich gebracht hatte, bevor er auf Trebe ging. Selbst heute, nach zehn Jahren auf der Strasse, freute er sich beim Aufwachen, den ganzen Tag nichts tun zu m├╝ssen. Das Gef├╝hl zu wissen, wenn er wollte k├Ânnte er einfach weiter schlafen. Das war sein Luxus, aber nicht sein einziger. Remigius war auch ein hingebungsvoller Trinker. Er liebte den Rausch, dieses Gef├╝hl wenn der Korn auf n├╝chternen Magen seinen K├Ârper und Geist durchflutete ihn erhitzte und Erinnerungen weckte. Er musste sich nicht mehr rechtfertigen, er durfte seinen Rausch genie├čen.
Es war dunkel geworden. Remigius sa├č noch eine Weile auf den Stufen und ├╝berlegte wo er heute schlafen sollte. Es gab eine sch├Âne Lindenallee hier in der N├Ąhe, mit vielen Parkb├Ąnken. Es brummt als ihm einfiel, dass jetzt im Sommer diese B├Ąnke immer von Liebespaaren belagert waren. Nein er w├╝rde den Gr├╝nstreifen zwischen den Fahrspuren auf dem Ring nehmen. Dort stand das Schiller Denkmal. Auf dessen Stufen hatte er schon viele Sommern├Ąchte verbracht. Er sch├Ątzte diesen Ort, gleichg├╝ltig wann er in der Nacht aufwachte, immer war Leben auf der Strasse. Unterwegs kaufte er noch an einem B├╝dchen eine Flasche Korn und zwei St├╝cke Kuchen. Als er sich schlie├člich unter dem angestrahlten Mann mit der Feder in der Hand, niederlie├č, seufzte er zufrieden. Remigius packte seine Decken aus, machte sich lang und setzte die Flasche an. Er w├╝rde nicht alles auf einmal austrinken, sch├Ân langsam ├╝ber die ganze Nacht verteilt, immer wenn er aufwachte. Eine Obsth├Ąndlerin hatte ihm zwei ├äpfel geschenkt, die a├č er langsam auf, w├Ąhrend sein Kopf immer schwerer wurde.
Remigius wurde vom Charlies kl├Ąffen geweckt. Eine Gruppe M├Ąnner standen vor ihm. Es waren Glatzen. Er wusste was jetzt passieren w├╝rde. Der erste Tritt traf ihn als er sich aufrichten wollt. Remigius dachte kurz warum, warum gerade jetzt im Sommer. Einer der Skins wollte seinen Sch├Ąferhund auf Charlie hetzten. Aber der lie├č sofort von dem Pudel ab, als der sich winseln auf den R├╝cken warf. So bekam Charlie einen Tritt und alle widmeten ihre ganze Aufmerksamkeit dem Penner am Boden. Der n├Ąchste Stiefeltritt traf ihn in den Magen. Remigius kotzte den M├Ąnnern auf die Springerstiefel mit den wei├čen Schn├╝rsenkeln. Die Glatzen sprangen fluchend zur├╝ck. Die n├Ąchsten Fu├čtritte gingen gezielt zu seinem Kopf und in sein Gesicht. Der letzte Tritt den Remigius merkte lie├č seinen Sch├Ądel auf eine Steinkante schlagen.
Am n├Ąchsten Morgen fanden ihn die M├Ąnner von der Stra├čenreinigung. Es war kein sch├Âner Anblick. Als der hartgesottenste von ihnen den zerschlagenen toten K├Ârper umdrehen wollte, w├Ąre er fast von einem kleinen K├Âter in die Hand gebissen worden, der zwischen den Lumpen lag.

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Ralph Ronneberger
Foren-Redakteur
Autor mit eigener TV-Show

Registriert: Oct 2000

Werke: 64
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Profil

Hallo kyra,

hm - deine Sprache gef├Ąllt mir. Sie ist sehr einf├╝hlsam, bildhaft, und sie vermittelt sehr gut die Stimmung. Man sieht den Berber vor sich, schlurft mit ihm durch die Stra├čen und kann seine Gedanken und Gef├╝hle gut nachvollziehen. Aber f├╝r eine Kurzgeschichte ist mir einfach zu wenig Tempo drin. Gemessen an der L├Ąnge ist sie sehr handlungsarm, und ich hab nie einen wirklichen Spannungsbogen entdeckt. Der Anfang ist noch einigerma├čen gelungen. Das Ende wirkte nach diesem ├Ąu├čerst ruhigen Handlungsablauf irgendwie aufgesetzt. Ich wei├č nicht, ob ich da richtig liege. Die Dramatik dieses Endes versp├╝rte ich zumindest nicht in dem Ma├če, wie es vielleicht angemessen w├Ąre. Und der Mittelteil? Der liest sich stellenweise wie eine Biographie. Insgesamt h├Ątte ich mir mehr Handlung und weniger Beschreibung gew├╝nscht. Irgendwie erinnert mich das an die Sache mit dem Selbstmordattentat. Dort sind die vielen Informationen auch kaum an Handlung festgemacht.

Gru├č Ralph
__________________
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Rainer Hei├č
Hobbydichter
Registriert: Apr 2001

Werke: 21
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im Gegensatz zu meinem Vorg├Ąnger gefallen mir gerade die Schilderungen sehr gut! Leben l├Ąsst sich auch ohne Handlung - vielleicht sogar noch besser - darstellen. Man merkt, dass du das Leben genau beobachtest und ehrlich wiedergibst. Handlung ist dazu nicht n├Âtig.
__________________
die Lage ist hoffnungslos aber nicht ernst

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