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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Beretta 950 Jetfire
Eingestellt am 27. 01. 2018 03:35


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Hagen
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Beretta 950 Jetfire

Normalerweise parken sich in der Zeit gegen 20 Uhr alle Taxen Lehrtes an der Bahnhofstraße die Reifen platt, heute war der Taxenplatz leer als ich zum Beginn der Nachtschicht eintraf. Nur zwei Herren standen dort, einer mit Anzug und Krawatte, der andere in schlabbrigem Streetwear, alberner WollmĂŒtze und scharfem BĂ€rtchen. Sie gingen an Bord, Ă€ußerten Unmut darĂŒber, dass sie so lange hatten warten mĂŒssen, erwĂ€hnten als Fahrziel die Justizvollzugsanstalt bei Burgdorf, und der eine wollte von mir wissen, warum denn hier nie ein Taxi stehen wĂŒrde.
„Das war eine interessante Frage“, sagte ich beim Losfahren und schaltete die Uhr ein.
„Können wir nicht einen Festpreis machen, zur JVA?“ Der Mann neben mir, der mit der WollmĂŒtze, „brauchst deinem Boss ja nicht zu sagen.“
„Nein“, sagte ich, „hab’ die Uhr bereits gestartet.“
Der Mann neben mir kam mir bekannt vor, einer der Typen, die des Nachts am Bahnhof oder einem Parkplatz rum hingen und so taten, als unterhielten sie sich. Hin und wieder kam mal Jemand vorbei und ein kleines PĂ€ckchen wechselte im VorĂŒbergehen blitzschnell den Besitzer.
„Los, mach die Uhr wieder aus! Kriegst ‘n Zehner.“
„Seit meiner Bundeswehrzeit reagiere ich nicht mehr auf Befehle.“
„Die von Taxi-Bock machen das aber.“
„Seit wann sind die Herren von Null Bock denn ein Maßstab fĂŒr irgendwas?“
Das erbauliche GesprĂ€ch ging so weiter bis Steinwedel. Der Mann quasselte ununterbrochen wĂ€hrend sich der andere zusammengesunken auf dem RĂŒcksitz in Schweigen hĂŒllte.
„Jetzt kannst du die Uhr aber langsam ausmachen“, sagte der Mann als wir an der MĂŒlldeponie entlang fuhren.
„Wir sind noch nicht da, bei der JVA.“
„Aber es reicht, du kannst die Uhr ausmachen.“
„Nein.“
„Wieso, das machen die anderen doch auch.“
„Kann ich mir ĂŒberhaupt gar nicht vorstellen. Außerdem habe ich einen klaren Deal mit meinem Boss: Ich bescheiß’ ihn nicht, und er bescheißt mich nicht.“
„Der bescheißt dich auch, das merkst du nur nicht.“
Ich wollte ihn gerade fragen, fĂŒr wie blöde er mich denn wohl so hielte, und ob er mit seinen ‘Kunden’ auch so umging, da meldete sich der Mann mit der WollmĂŒtze auf der RĂŒckbank, als ich die Kreuzung links nach Burgdorf geradeaus zur JVA, rechts am Burgdorfer Holz mit dem idyllischen Baggersee davor vorbei nach Immensen geht, gequert hatte: „So, hier kannst anhalten.“
Er gab mir einen Zwanziger und sprang raus. Der neben mir wollte das Wechselgeld, das sah ich nicht ein, er wollte diskutieren, aber der andere erschien neben der BeifahrertĂŒr und riss sie auf. „Los komm jetzt!“
Das Jackett sprang kurz auf, als er die BeifahrertĂŒr öffnete. Der Griff einer Pistole war einen winzigen Moment sichtbar, er hatte sie in der Innentasche seines Jacketts. Sein Gesicht konnte ich nicht sehen weil er stand.
Der Mann neben mir murmelte noch AbfÀlliges und hievte sich raus.
Ich steckte den Schein ins Portemonnaie und schrieb die Fahrt auf. Als ich wendete, streiften die Lichtkegel meiner Scheinwerfer die beiden. Sie schlenderten nebeneinander her in Richtung JVA, sicher welche von der Sorte, die nicht unbedingt gesehen werden wollten, wenn sie mit einem Taxi beim Knast anreisten.
Aber wieso hatte der Mann im Anzug eine Pistole mit?
Vielleicht wollten die gar nicht zur JVA, wenn es um grĂ¶ĂŸere Mengen ‘Stoff’ geht, trĂ€gt das keiner mit sich, man erwirbt nur den Tipp, wo das Zeugs liegt. War recht abgelegen hier und es boten sich ĂŒberall Verstecke an, in dem Sandbruch am Baggersee, am Waldrand, sogar am Naturdenkmal.
Ich grĂŒbelte darĂŒber nach, wĂ€hrend ich wieder an der MĂŒlldeponie entlang fuhr, und darĂŒber, warum sich der Mann mit der Pistole immer auffĂ€llig im Schatten aufgehalten hatte. Er war in dem Moment raus aus dem Taxi, als ich auf den Schein geguckt hatte. Beim Wechseln hĂ€tten wir uns zumindest kurz angesehen. Vielleicht war er in Eile, aber dazu waren die Beiden zu gemĂ€chlich gegangen.
Egal, mein Boss verabreichte mir den nĂ€chsten Auftrag, eine Adresse in Aligse kurz vor Lehrte. Passte gut, zwei junge Leute gingen hinten an Bord nachdem sie ein Picknickkörbchen auf den Beifahrersitz gestellt hatten. Der Hals einer Sektflasche ragte heraus, aber sonst war alles mit einem hĂŒbschen TĂŒchlein abgedeckt.
„Kennen Sie den See bei dem Sandbruch vor dem Burgdorfer Holz?“, fragte der junge Mann.
„NatĂŒrlich“, antwortete ich, „möchten Sie dort ein wenig picknicken?“
„Ja.“
In ihren Augen glomm Vorfreude.
„WĂŒrden Sie uns denn in etwa zwei Stunden wieder abholen?“
„Aber gerne. Bitte rufen Sie an, ich komme dann angesaust und bring’ Sie wieder nach Hause.“
Die beiden kuschelten schon mal ein Wenig vor, bis ich ĂŒber den zerfahrenen Weg bei dem Sandbruch rumpelte. Dabei streiften die Lichtkegel meiner Scheinwerfer kurz einen Mann im Anzug, der wahrscheinlich vom GelĂ€nde des Sandbruchs gekommen war. Der Mann hechtete aus dem Licht, er wich nicht einem entgegenkommenden Fahrzeug aus. Ich hĂ€tte den Mann ĂŒberhaupt nicht beachtet, wenn er nicht so auffĂ€llig in die Dunkelheit gesprungen wĂ€re. Es hĂ€tte der Mann von Vorhin sein können, der Mann mit der Pistole im Jackett. Jetzt war er alleine.
Egal.
Total egal.
Ich bog am Ende des Wegs ab und fuhr zwischen See und Wald entlang, bis der Zaun neben dem See zu Ende war.
„Ja, hier ist es schön, hier bleiben wir!“
Hinter uns der Wald, schwarz und schweigend, vor uns eine Wiese mit einigen BĂ€umchen darauf und dann der See mit kleinen, glitzernden Wellen, darĂŒber des Mondes schmale Sichel.
„In etwa zwei Stunden, wir rufen an.“
„Na klar doch. Und viel Spaß bis dahin.“
War romantisch, die Szene, wie in den schönen Filmen mit Doris Day derzeit gedreht in Technicolor.
Ich wÀre auch gerne hier geblieben, mit einer schönen Frau und einer Flasche Champagner. Die Knospen der Brustwarzen der Frau zeichneten sich unter ihrem T-Shirt ab, als sie den Picknickkorb vom Sitz nahm. Der Mann zahlte, und beschwingten Ganges lustwandelten die Beiden Arm in Arm in Richtung See.
War ein schönes Bild, ich brachte es nicht ĂŒbers Herz, ihnen zu sagen, dass hier vielleicht einer mit einer Pistole rum lief. Möglicherweise hĂ€tte ich ihnen etwas verdorben. Nein, ich mochte es nicht tun, ich nahm mir vor, den Mann mit der Pistole dummdreist anzusprechen, wenn ich ihm gleich wieder begegnen wĂŒrde, „Hallo, brauchen Sie ein Taxi?“
Ich wĂŒrde ihm ins Gesicht sehen, demonstrativ, und es mir einprĂ€gen.
Ich begegnete ihm nicht mehr, obwohl ich ein StĂŒck Richtung Burgdorf fuhr, wendete, zwei, drei Kilometer Kurs Immensen, noch mal zurĂŒck und wieder an der MĂŒlldeponie vorbei zurĂŒck nach Lehrte.
Nichts. Egal. Frei melden und zum Bahnhof.
Von dort absolvierte ich eine Fahrt mit einer jungen Frau, die ein Goldfischglas mit hatte, fuhr wieder zurĂŒck, wartete mich nach vorne, blödelte ein wenig mit den Kollegen rum, kaufte mir eine Zeitung, rauchte gar manche Zigarette und las die Zeitung.
Mir fielen die beiden Verliebten ein, die ich zum Baggersee gefahren hatte, zum Picknick. Sie wollten sich in etwa zwei Stunden gemeldet haben, sie hatten es noch nicht getan. Da lief Einer mit einer Pistole rum, die Gegend war einsam, nicht weit von der Stelle hatte man dereinst einen Burgdorfer PizzabÀcker erschossen, vom TÀter bislang keine Spur, nur Vermutungen, irgendetwas mit Drogen.
Mich beschlich doch ein ungutes GefĂŒhl, ich wollte weiter lesen, doch ein Mann trat neben mich: „Sind Sie frei?”
„Ja. Wo soll’s denn hingehen?“
„Hannover. Hauptbahnhof.“
„Dann wollen wir uns mal auf den Weg machen.“
Obwohl ich mit den FahrgÀsten normalerweise sehr schnell ins GesprÀch komme, gelang es mir diesmal nicht, einige Worte mit dem Mann zu wechseln.
Egal. Er ging am Bahnhof von Bord, ich fuhr wieder nach Hause stellte mich hinten in der Schlange an, den Sitz zurĂŒck und mich auf langsames VorrĂŒcken ein.
Ich blieb eine Weile stehen, lauschte irgendeiner Sinfonie und brachte sodann zwei nette Menschen nach Hause und anschließend zwei fröhliche Herren, die mit einigen aufgeschlossenen Damen das eine oder andere GlĂ€schen Sekt trinken wollten, nach Hannover zur Schwarzen Rose. Ärgerlich war nur, dass die Herren Flachfunk hören wollten.
Ich ertrug mannhaft deutsche Schlager bis die Herren heiteren GemĂŒts von Bord gingen. Ich geleitete die Herren noch zur Rose hinein, trank noch einen Kaffee dort und ließ die Provision unauffĂ€llig in meiner Hemdentasche verschwinden.
ZurĂŒck zum Bahnhof.
Anstellen, an die Schlange der wartenden Taxen und ganz langsam vorrĂŒcken.
Das VorrĂŒcken erĂŒbrigte sich, mein Boss beorderte mich zum Baggersee, die jungen Leute wieder abzuholen. Bis ich am Ende des Zauns bei dem See hielt, polterten mir massenhaft Steine vom Herzen.
Taschenlampe und zum Ufer des Sees. Wo waren die beiden Verliebten mit dem Picknickkorb?
Der Lichtkegel meiner Lampe tastete zuerst ĂŒber die Wiese, dann auf das sandige Ufer, auf das Wasser und traf schließlich einen im Wasser treibenden Körper.
Ein Mensch.
Mit dem Gesicht nach oben, Einschussloch in der Brust, ein dunkler Blutfleck darum. Starre Augen in den Himmel blickend, die WollmĂŒtze hatte er noch auf, tief in die Stirn gezogen, kleine Wellen glitzerten um sein BĂ€rtchen.
Der Mann mit dem Anzug mochte ihn beim Sandbruch erschossen und ins Wasser geworfen haben. Möglicherweise war er hierher getrieben. Wo, zur Hölle, waren die beiden mit dem Picknickkörbchen?
Wenn sie nicht nur Sekt nebst GlÀsern in ihrem Korb gehabt hatten?
Unter dem Tuch hĂ€tte alles Mögliche sein können, sogar die eine oder andere Handgranate, und sie saßen irgendwo auf der Lauer, nur um zu checken, ob ich den Toten finden wĂŒrde. Zeugen und Mitwisser werden von Profis grundsĂ€tzlich gleich mit beseitigt, und ich stellte mir vor, wie mein Kopf ĂŒber Kimme und Korn ins Ziel lief, oder wie der Sicherungsstift aus einer Handgranate gezogen wurde.
Der Tote im Baggersee wiegte sich sachte in der WasseroberflĂ€che. Eine Nachtigall legte ihren klagend-erhabenen Gesang in die Nacht, ein Fischlein ließ die WasseroberflĂ€che kurz plĂ€tschern, etwas gluckste, als sprĂ€nge ein Frosch ins Wasser.
Stille.
Ein wĂŒrgendes GefĂŒhl kam in mir hoch und ich kratzte mir am Kopf. War es ein normaler Juckreiz oder tastete der Ziellaser eines Gewehres nach der richtigen Stelle zum Einschuss 

„Juhu, hier sind wir!“
Kam von rechts, der Ruf. Ich ließ den Lichtstrahl meiner Taschenlampe dorthin wandern. Er traf den jungen Mann, als er in seine Hose stieg. Ein StĂŒck weiter saß die Frau bereits bekleidet unter einem BĂ€umchen, versonnen an den Stamm gelehnt. War malerisch anzuschauen die junge Dame. Ich ging hin.
„Moment noch“, sagte der junge Mann und schloss seinen GĂŒrtel, „wir sind gleich soweit.“
Das Körbchen stand am Boden, das Tuch lag daneben. Im Korb lagen lediglich zusammen geknĂŒllte Servietten, zwei SektglĂ€ser und die leere Flasche. Keine Spur von irgendwelchen Waffen oder gar Handgranaten. Das wĂŒrgende GefĂŒhl begann sich zu lösen.
„Hat etwas lĂ€nger gedauert“, sagte der Mann und half der jungen Dame hoch, „entschuldigen Sie bitte.“
„Macht nichts“, sagte ich, „nichts endet wie geplant.“
„Das stimmt“, nickte die junge Dame.
„Sie erlauben?“, fragte ich, legte das Tuch ins Körbchen und nahm es hoch. „Da werde ich mal vorausgehen und Ihnen heimleuchten.“
Ich ging schrĂ€g ĂŒber die Wiese zum Taxi. Sie folgten mir. Wir kamen nicht an dem Toten vorbei.
‘Musik zum Tanzen und TrĂ€umen’ aus dem Radio begleitete uns, als wir zurĂŒck nach Aligse fuhren.
Nachdem die Beiden in einem Haus verschwunden waren, legte ich meine Zarathustra-CD ein und ĂŒberlegte, schnell mal bei der Polizei rein zu schauen und kurz meine Wahrnehmung zu erwĂ€hnen. Die hĂ€tten zumindest ein Protokoll aufgenommen, ich hĂ€tte viele Fragen beantworten mĂŒssen und war froh, als ich den nĂ€chsten Auftrag bekam.
Georgy-Porgy, einer unserer StammfahrgÀste, er wollte sein FrÀulein Tante in Steinwedel besuchen.
Eigentlich wollte ich, nachdem Georgy-Porgy in Steinwedel von Bord gegangen war, zu Andrea, um eine Kleinigkeit zu essen, aber da wurde wieder mal nichts draus. An der Poststraße standen zwei Herren mit einem kleinen Köfferchen und winkten. Ich wendete und stoppte vor ihnen. Sie stiegen ein und wollten nach Sehnde. Nachdem ich gestartet war, fing der Mann neben mir an zu erzĂ€hlen, wie gefĂ€hrlich der Job des Taxifahrers ist, es gibt ja so viele böse Menschen und neulich wĂ€re gerade wieder mal ein Kollege ĂŒberfallen worden.
„Stimmt“, pflichtete ich ihm bei, „man kann nur hoffen, dass es, wenn es jemanden erwischt, den anderen erwischt.“
„Das muss nicht sein!“
Der Mann öffnete das Köfferchen und zeigte mir den Inhalt: Eine Pistole. Eine Beretta 950 Jetfire, die Pistole, die sich jeder trendgerechte Italientourist als tödliches Souvenir aus dem Urlaub mitbringt.
„Na und?“, fragte ich.
„Mann, damit bist du stark! Wenn du die in der Tasche hast, kann dir keiner mehr was tun! Nimm mal in die Hand. Keine Angst, die ist nicht geladen.“
„Nein danke. Kein Interesse! Außerdem ist das verboten!“
„Braucht ja sonst keiner zu wissen. Du kriegst sie ganz billig! Hier, versuch mal!“
„Nein!“
Bis zum Friedhofskreisel vor Sehnde versuchte der Mann mir die Beretta zu verkaufen, nur 300 Euro. Auch nicht fĂŒr 250 oder gar 200 Euro. War nix zu machen, und dann wollten sie plötzlich wieder zurĂŒck zur Poststraße.
Da der Kunde bestimmt solange er zahlt. Ich tat ihnen den Gefallen und fragte mich als sie von Bord gingen, was es alles sollte.
Am Taxistand der Poststraße war nix los, außer dass einige Taxen rumstanden wie Frau Lot nach der Sache mit Sodom und Gomorra.
Na gut.
Also zum Bahnhof, Taxistand.
Dort stand der `Proleten-KarlŽ, bei ihm die beiden Herren, die mir die Beretta hatten verkaufen wollen. Als ich einrollte, sah ich wie sie das Köfferchen zuklappten und die Bahnhofspassage hinunter eilten.
Ich parkte mich ein, zĂŒndete mir eine Zigarette an und schlenderte zu Karl hinĂŒber.
„Na, sicherlich wollten die Ihnen auch eine Jetfire verkaufen?“
Karl sah mich groß an: „Ja, dir auch?“
Ich nickte. „Sie haben die Waffe doch hoffentlich nicht angefasst?“
„Nur mal zum Probieren. Wieso?“
„Angenommen, nur mal angenommen, da ist einer mit erschossen worden. Da geht der Mörder bei, wischt die Waffe ab und drĂŒckt sie einem unbedarften Taxifahrer in die Hand. Dann befinden sich des unbedarften Taxifahrers FingerabdrĂŒcke auf der Tatwaffe, die anschließend wie auf dem PrĂ€sentierteller liegend am Tatort gefunden wird.“
Ich nahm einen tiefen Zug aus der Zigarette und fuhr fort: „Sodann wird ein anonymer Hinweis eingehen und der unbedarfte Taxifahrer wird freundlich zur Polizei gebeten, wo man seine FingerabdrĂŒcke nimmt um sie mit denen auf der Tatwaffe zu vergleichen.“
Wieder sog ich an meiner Zigarette.
„Die beiden sympathischen Herren soeben haben Ihnen die Beretta sicherlich fĂŒr dreihundert Tacken angeboten und es sich dann anders ĂŒberlegt, nachdem Sie die Waffe mal kurz in die Hand genommen haben. Wie ich sehe, tragen Sie keine Handschuhe!“
Ich grinste wie eine Kanalratte.
Wurde der `Proleten-KarlÂŽ tatsĂ€chlich eine Spur blasser oder lag es an der Beleuchtung auf der Bahnhofstraße, das mir der Eindruck entstand, als wiche ihm das Blut aus den Wangen?
Ich war in meinem Element.
„Ein Taxifahrer kann natĂŒrlich als glaubhaftes Alibi herhalten, aber ein Alibi fĂŒr einen Taxifahrer? Das ist so eine Sache! Wartezeiten, Manipulation des Fahrtenbogens, Sie werden kaum den Fahrgast auftreiben können, der zur Tatzeit mit Ihnen gefahren ist. Sollte Ihnen das trotzdem gelingen, wird der sich kaum glaubhaft an die Zeit erinnern, wĂ€hrend der mit Ihnen gefahren ist. – Tja, Herr Kollege, es wird bös enden!“
Wieder sog ich mit hohlen Wangen an meiner Zigarette und beobachtete den Mann, der aus dem Speakeasy getorkelt kam und auf Karls Taxi zuwankte.
„Ist Ihnen nicht gut, Herr Kollege? Soll ich Ihre Fahrt ĂŒbernehmen, wĂ€hrend Sie im Speakeasy einen heißen Kamillentee zu sich nehmen?“
„Quatsch!“ murmelte `Proleten-KarlÂŽ wĂ€hrend sich der torkelnde Mann in den Sitz von Karls Taxi krachen ließ.
„Bleiben Sie positiv motiviert, Herr Kollege. – Wenn Sie etwas Langes sehen, mit BlĂ€ttern dran, das ist ein Baum! Fahren Sie besser drum herum.“
Nachdem Karl gestartet war, rĂŒckte ich vor, genau auf den zweiten Strich, nicht aus Blödheit oder rebellischen GrĂŒnden, sondern weil nur hier der Sender mit klassischer Musik fast rauschfrei zu empfangen ist. Über dem Taxenstand am Bahnhof hĂ€lt sich ein Funkloch auf. Taxifunk, Handys, alles ist verrauscht und nur mit Aussetzern zu empfangen. Ich stellte den Sitz etwas zurĂŒck und genoss das dritte Brandenburgische Konzert. Irgendwie hatte ich das GefĂŒhl, eine gute Tat getan zu haben.
Ruhig war es, die Wolken ĂŒber Lehrte hatten sich verzogen, ich sah einzelne Sterne ĂŒber den DĂ€chern der HĂ€user gegenĂŒber, milde Nachtluft hĂŒllte mich ein und Tonkunst in einer Vollendung, die in mir mystische Ehrfurcht aufkommen ließ, streichelte meine Seele.
Ein Mann stieg bei mir ein und wollte zum Hotel Meridian. Ich brachte ihn wortlos hin. Ich setzte die Fahrt ohne Auftrag fort, zum See, in dem die Leiche trieb.
Die Leiche war etwas abgetrieben, aber die Beretta sah ich sofort. Sie lag auf dem schmalen Sandstreifen zwischen Wiese und Wasser. Ich war mir sicher, sicher wie der Tod, dass sie vorhin noch nicht dort gelegen hatte!
Ich steckte sie ein, wÀre ja schade drum, sie einfach ins Wasser zu werfen.
Auf dem RĂŒckweg zum Taxi, wĂ€hrend ich meine Schuhe sorgsam im Gras vom Sand reinigte, ĂŒberlegte ich eine glaubhafte Ausrede fĂŒr den Fall, das mich die von einem anonymen Anruf herbeigerufenen OrdnungshĂŒter hier antreffen sollten. Mir fiel nichts Glaubhaftes ein, außer dass Außerirdische hier gelandet waren und zum Speakeasy wollten.
Irgendwie war ich kaffeereif.
Und ich hatte das GefĂŒhl, ein gutes Werk getan zu haben, außerdem war es Zeit fĂŒr meine ‘Gesetzliche Pause‘.
Ich fuhr zum Rastikum an der Autobahn und aß daselbst schnell eine Bockwurst, trank zwei Becher Kaffee und fuhr zurĂŒck zum Bahnhof.
Dort stand bereits ein Polizeiwagen. Ich parkte mich dahinter ein, die beiden Beamten kamen raus und nannten mir ein Kennzeichen, das Kennzeichen von `Proleten-KarlsÂŽ Taxi.
„Das Taxi fĂ€hrt Herr Karl Klötzer“, sagte ich total cool obwohl ich die Beretta 950 Jetfire in der Tasche hatte, „was ist mit ihm? Hat er seine Lenkzeit ĂŒberschritten?“
„Nein, nein. – Haben Sie Herrn Klötzer heute schon gesehen?“
„Na ja öfters. Wir sind uns im Lauf der Schicht mehrmals hier begegnet.“
„Wann denn?“
„Schwer zu sagen“, ich holte das BĂŒchlein mit dem Fahrtenbogen des heutigen Tages heraus und rekonstruierte aus den Fahrten mĂŒhsam die Zeiten, die wir hier am Bahnhof gemeinsam verbracht hatten.
Die Gesichter der OrdnungshĂŒter legten sich in arge Falten. Der Typ der möglicherweise den anonymen Hinweis gegeben hatte, musste sich mĂ€chtig Zeit gelassen haben.
Ich versprach das Übliche, nĂ€mlich das ich mich melden wĂŒrde, sollte mir noch was einfallen und wĂŒnschte den Herren noch einen ruhigen Dienst bevor ich mich wieder ins Taxi setzte, stellte die RĂŒcklehne etwas zurĂŒck und den Klassiksender ein. Es ging nur um einen Dealer, und was ich tun konnte, hatte ich getan, es hatte mir sogar eine Beretta 950 Jetfire eingebracht. Ich wollte sie mir gerade nochmal ansehen und mir unheimlich cool vorkommen, denn ich hatte mit der Tatwaffe in der Tasche ganz normal mit den Polizisten gesprochen und den Kollegen Karl vor endlosen Verhören und vielleicht sogar noch mehr gerettet, da beugte sich eine junge Dame zum Fenster herunter.
„Sind Sie frei?“
„NatĂŒrlich. Wo soll’s denn hingehen?“

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