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Leselupe.de > Kurzprosa
Berlin, Wohnzimmer
Eingestellt am 22. 05. 2003 16:17


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Ingwer
Routinierter Autor
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Berlin, Wohnzimmer.
(Ortsangabe mit geringen Einschr├Ąnkungen austauschbar. Aachen, Egmonts. K├Âln, Schorschs Teestube, nur f├╝r den Fall, dass Sie mal herumkommen.)

Abgewetzte Sofas, altmodische Tischchen und Menschen, die irgendwie dazu passen. Den Milchkaffee holt man sich vorne bei Oma mit dem l├Ąssig geschlungenen dunkelwei├čen Haarknoten und, wenn man will, auch noch ein bisschen K├Ąsekuchen mit Kirschen. Angebot heute.

Im Angebot sind auch die Schreibenden. Das Wohnzimmer ist voll besetzt. Nat├╝rlich selten mit mehr als einem Mensch pro Tisch, denn Luft braucht der Schreibende, mehr als den ├╝blichen Halbmeterradius, der die Privatsph├Ąre begrenzt und Menschen in der Bahn emp├Ârt fauchen l├Ąsst, wenn man ihnen zu nah r├╝ckt, ohne (vorher, versteht sich) eine Entschuldigung verlauten zu lassen.
Wenn es f├╝nf Tische g├Ąbe und sechs Menschen drau├čen anklopften, m├╝sste die kleine Oma wahrscheinlich h├Ąnderingend wegen zu wenig Sitzgelegenheiten einen sechsten Tisch aus dem Hinterzimmer schleppen lassen oder wegen ├ťberf├╝llung schlie├čen.
Ansonsten braucht der schreibende Mensch nicht viel. Papier (die Semiprofessionellen verwenden gerne Bl├Âcke und Kladden; geniale Chaoten oder solche, die den Anschein erwecken wollen, sie w├Ąren welche, bevorzugen einzelne, wenn m├Âglich noch knittrige und fleckige Bl├Ątter, alte Kassenzettel oder Bierdeckel), Stifte (Auch hier gibt es kleine, aber bezeichnende Unterschiede. Merke: F├╝ller sind out. Ebenso Werbekulis von Banken und Sparkassen. Man schreibt mit Blei- oder Filzstift, denn man ist sich seiner Verg├Ąnglichkeit bewusst).
Drau├čen h├Ąngt unsichtbar: Laptops m├╝ssen drau├čen bleiben.

Schreiben ist hier jagen und gejagt werden. Die Blicke schie├čen durch den Raum. Man wiegt das Wort, das kommt, in der Hand, sch├Ątzt Muskul├Âsit├Ąt und Schlagkraft, mustert es entweder aus oder schickt es aufs Schlachtfeld leere Seite. Sind die Worte nicht stark genug, verliert man den Krieg. Wenn Blicke sich kreuzen, wird Information gesucht. Inspiration.

Gesten sind gro├č. Durchstreichen und unspektakul├Ąr neu anfangen denkbar VIEL ZU einfach. Zerrei├čen und wegschmei├čen. Merken Sie es? Alleine die Worte sind: aussagekr├Ąftiger. So muss man mal denken. Komplexe geh├Âren dazu. Kennen Sie gl├╝ckliche K├╝nstler? Hier sitzen Plaths, Woolfs und Tucholskys in spe. Dies ist kein Ort f├╝r Werbetexter, Seifenoper-Drehbuchautoren, Medikamentenbeipackzettelschreiber und Leserbriefverfasser.

Aber vielleicht sind sie auch hier, als viele unter vielen. Und schneiden sich die Tr├Ąnen aus dem Gesicht und malen brennende Wortzeichen aufs l├Âschende Papier, bauen Wolkenschl├Âsser, wandeln schwarz in wei├č und trinken die Milch der wiedergeborenen Muse Unschuld.

Ein grandioses Schauspiel. Ich bringe brav mein Geschirr zur kleinen Oma, packe dann meine Sachen zusammen und trete auf die Stra├če hinaus. Von drau├čen sehe ich, wie mein Tisch sofort in Beschlag genommen wird. Dann erst merke ich, dass ich die B├╝hne verlassen habe.


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Gabriel
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Ingwer!

Der Text hat viel!
Viel Atmosph├Ąre, viele Bilder ( 'Man wiegt das Wort, das kommt, in der Hand ...' Sch├Ân!) und vielleicht auch viel Klischee, was aber ├╝berhaupt nicht st├Ârt.
Lediglich zwei Dinge haben mich ein wenig gest├Ârt:

- der l├Ąssig geschwungene, dunkelwei├če Haarknoten der Oma, den ich mir nicht vorstellen kann, denn ein Knoten muss fest sein, sonst geht er auf und dunkelwei├č ist eigentlich hellgrau !?!

- '... mustert entweder aus oder schickt aufs Schlachtfeld leere Seite.'
Die Stelle habe ich zwei Mal gelesen. Ich denke, hier w├╝rde ein 'es' die Sache runder machen. Schickt ES aufs Schlachtfeld leere Seite.

Hat mir gefallen!

Gru├č, Gabriel


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Zefira
???
Registriert: Jan 2001

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Hallo Gabriel, hallo Ingwer,

ich denke, es ist sicher ein l├Ąssig geschlungener Haarknoten gemeint?

Den gibt es sehr wohl; wenn man es geschickt macht, geht er nicht auf

Liebe Gr├╝├če,
Zefira (Strubbelkopf)

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Ingwer
Routinierter Autor
Registriert: Apr 2001

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Hallo Ihr beiden,

erstmal vielen Dank f├╝r Eure Anmerkungen.
Zefira, Du hast recht, es soll ein "l├Ąssig geschlungener" Knoten sein. Werde ich gleich sofort ├Ąndern.
Gabriel; "dunkelwei├č" ist sicherlich eine ├Ąhnliche Farbe wie "hellgrau". Aber atmosph├Ąrisch gef├Ąllt es mir besser.
Bei "mustert es entweder aus oder schickt es aufs Schlachtfeld" hast Du recht. Das ist vielleicht ein wenig schwierig zu verstehen. Ich werde noch ein "es" hinzuf├╝gen.
Und nat├╝rlich Danke f├╝r das Lob :-)

Viele Gr├╝├če
Ingwer

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Rote Socke
Guest
Registriert: Not Yet

Ohne Holperstein in einem Rutsch gelesen! Und gern gelesen!



Gruss
Socke

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Zefira
???
Registriert: Jan 2001

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Rh├Âner Literaturwerkstatt, Biergarten

16. 5 2003 in der Rh├Âner Literaturwerkstatt: die Belegschaft schw├Ąrmt aus in den Mai, die Sonne scheint, Arbeitsauftrag: ÔÇ×irgendwas zum Thema Gr├╝nÔÇť. ÔÇô ÔÇ×Aber bitte nicht in jedem Satz dreimal das Wort gr├╝n verwenden!ÔÇť ruft uns der Werkstattleiter noch besorgt nach.

Wir teilen uns auf, ein paar gehen zu Fu├č, in den Wald oder auf den nahegelegenen Friedhof; ein Teil verdr├╝ckt sich ins Auto, um den n├Ąchsten Biergarten anzusteuern. Wenig sp├Ąter, im Gartenrerstaurant Fohlenweide: eine Stunde haben wir Zeit. Zu viert sitzen wir um den Tisch, albern herum, treiben Brainstorming; nat├╝rlich verbietet es die Ehre, eine Ode an den Mai oder Bl├╝mchenpfl├╝ckerlyrik zu schreiben, es mu├č was Ausgefallenes her. Ausgefallen und gr├╝n. Die Kellerin kommt, mit einer gro├čen gr├╝nen Sch├╝rze. Wir bestellen drei Berliner Wei├če mit Waldmeisterschu├č, nur G├╝nther mag das Zeug nicht, er w├╝nscht einen Kaffee, ÔÇ×aber bitte einen gr├╝nenÔÇť. Katharina fragt, ob nicht was Verschimmeltes in der K├╝che l├Ąge, das d├╝rfe dann auch gleich mitgebracht werden. Ich verlange nach einem Kellner mit gr├╝nen Haaren.

Endlich wird das Bestellte gebracht, gr├╝nes Bier und G├╝nthers Kaffee. Mittlerweile dr├Ąngt die Zeit. Jeder nimmt seinen Schreibblock und sein Getr├Ąnk und verzieht sich an einen freien Tisch; rasches Arbeiten erfordert Ellbogenfreiheit. Gr├╝ne Haare ÔÇô mir ist k├╝rzlich ein vergessenes Pizzast├╝ck im Backofen vergammelt ÔÇô wie konnte das passieren? Ich war abgelenkt. Vier Tage lang. Ja, aber wodurch? Warum habe ich vier Tage lang den Backofen nicht aufgemacht? Zu viel gr├╝ner Veltliner vermutlich. Jeden Abend. Oder Waldmeisterbowle. Kleine gr├╝ne M├Ąnnchen ÔÇŽ Alle krakeln jetzt wie wild; Katharina produziert nun doch ein St├╝ck Prosalyrik ├╝ber gr├╝nende Hoffnung, G├╝nther zeichnet die Buchsbaumhecke, Michaela dichtet ├╝ber Berlin und Bier, ich beginne eine brandhei├če Story ├╝ber gr├╝ne Haare. Das Bierglas leert sich. Eine halbe Stunde haben wir noch Zeit, dann m├╝ssen wir zur├╝ck in die Werkstatt und das Geschriebene vorlesen, wenn wir es dann noch entziffern k├Ânnen. Die Kellnerin schenkt zum Abschied jedem einen R├╝hrl├Âffel aus gr├╝nem Plastik.

Zefira, gr├╝n



__________________
schmollfisch

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