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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Berlin is in Germany… und jon ist wütend
Eingestellt am 10. 10. 2003 18:59


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jon
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Berlin is in Germany – der Wutausbruch zum Film


„Personalausweis, Führerschein, Geldbörse – die alte Habe, die Martin Schulz bei seiner Entlassung aus der Justizvollzugsanstalt Brandenburg nach mehr als 11 Jahren Haft ausgehändigt wird, taugt gerade noch zum Papierfliegerbasteln. Als ehemaliger DDR-Bürger hat er den Mauerfall im Gefängnis erlebt. Draußen wartet eine Welt auf ihn, die er nur aus dem Fernsehen kennt. Das Neue ist da, das Alte noch nicht ganz verschwunden.
   Martin quartiert sich in einem billigen Hotelzimmer im Osten Berlins ein. Der neue Reisepass, endlose Anträge, Kreativworkshops bei der Bewährungshelferin, die Suche nach einem Job – neugierig, zäh, charmant und couragiert versucht Martin, in der neuen Welt Fuß zu fassen…“
   …so erzählt die Homepage zum Film den Inhalt des Streifens, der am 3. Oktober im Fernsehen zu erleben war. Ich muss zugeben: Ich habe ihn interessiert verfolgt, denn was das filmische Handwerk angeht, war die Sache sauber gemacht. Auf allen Ebenen. Außer der inhaltlichen…

Jörg Schüttauf mimte gekonnt den Filmhelden. Einen von der wirklich sympathischen Sorte: Nett aber nicht weicheiig, selbstbewusst aber nicht arrogant, mit Elan aber nicht abenteuerlustig, verliebt aber nicht vernarrt – alles hat bei ihm das rechte Maß. So recht, dass es einen passionierten Geschichtenerzähler nur schütteln kann. Aber nun ja, es gibt ja auch das Erzähl-Prinzip, den Helden mit einem äußeren Konflikt zu konfrontieren. Also schaun wir mal:
   Martin Schulz kommt raus. Er trifft seinen alten Freund Peter, der völlig heruntergekommen ist, und baut den armen Kerl erstmal auf. Indem er ihm zwecks Entschuldung satte 300 DM "leiht". Guter Junge, unser Martin – verschenkt von den 800 DM Entlassungsgeld fast die Hälfte. Vielleicht wusste er ja, dass Peter viele Fimminuten später am Spielautomaten in der Eckkneipe einiges über 300 DM gewinnen würde und so seine Schuld begleichen konnte. (Ich hätte gern die Adresse dieser Kneipe.) Vielleicht wusste er auch, dass er zwischen Verleihen und Wiederbekommen nie Geldprobleme haben wird – jedenfalls ist davon nie die Rede. Na gut, in seinem Hotel hat er wohl Schulden hinterlassen, aber das war wohl nur Zufall. Zumindest hat Martin immer saubere Sachen angehabt und war offenbar immer gut gesättigt und musste nicht in einem Karton nächtigen und ich sah ihn auch nie zu Fuß gehen, weil es ihm an Fahrgeld mangelte und…
   Die Jobsuche verläuft erfolglos. Macht aber nichts, kann man sich halt gemütlich vor die Telefonzelle setzen und Zeitung lesen. Weder Peter noch Martin scheinen das wirklich nervig zu finden. (Wie gern hätte ich mich dazugesetzt und mit den beiden unisono Zeitung geblättert – war echt spaßig!)
   Zum Glück trifft Martin seinen alten Knastkumpel Victor, der jetzt einen Sexshop betreibt. Dort fängt er als Aushilfe an. Er nächtigt auch dort statt wie bisher in seinem billigen Hotel. Warum, wird nicht ersichtlich. Vielleicht gefiel ihm das Sofa im Hinterstübchen so gut, dass er deshalb nicht mehr ins Hotel gegangen ist. Vielleicht hat ihn das Hotel auch rausgeworfen. Vielleicht hat er die Adresse des Hotels vergessen. Der Möglichkeiten gibt's ja viele, der Film ist da großzügig.
   Martin trifft bei Victor übrigens auch Natascha/Ludmilla, die sich über Martins Russischkenntnisse freut. Woher die in Afrika geborene und zuletzt in Wien wohnende Austauschstudentin Russisch kann… Vielleicht studiert sie ja Sprachen, wer weiß. Martin, nach elf Jahren frauenmäßig verständlicherweise etwas ausgehundert, nächtigt natürlich auch mal bei dem Mädel. Nicht, was Sie denken: Nur Kuscheln! Unser netter Held pennt doch nicht mit 'ner Nutte und sei sie noch sympathisch! Schließlich ist Martin ja verheiratet! Na gut, seine Manuela hat einen Neuen und Martin akzeptiert das natürlich, obwohl er seine Frau noch liebt. Er ist halt sehr nett, unser Held. Im Gegensatz zu Manuelas Neuem. Der findet es doch tatsächlich blöd, wenn sich seine Lebengefährtin mit ihrem Noch-Ehemann trifft! Vielleicht wurmt ihn auch nur, dass Manuelas Sohn Rokko den Knasti einfach so als seinen bisher unbekannten Vater akzeptiert und mit ihm begeistert Computerspiele spielt.
   Ach und dann ist da noch Martins alter Arbeitskollege Enrique – Hautfarbe und Akzent verraten ihn als aus DDR-Zeiten erhalten gebliebenen Gast-Arbeiter. Bei einer Skatrunde mit Peter und Martin wird Enrique auch prompt von geschniegelten Bürschlein angepöpelt, worauf Martin und Peter die Junges kräftig vermöbeln. Das macht man eben so. Hat ja auch keine Folgen für einen, der auf Bewährung draußen ist. Wenn er Martin Schulz heißt.
   Nur als Martin den Taxischein machen will – dass ihn Enriques Chef dann einstellt, ist ohne viel Federlesens bereits beschlossen worden – wirkt sich seine Vorstrafe ungut aus. Er darf den Schein nicht machen. Wo er doch sooo geübt hat!
   Nach ungefähr 75 Minuten Film kommt die Polizei in Victors Sexshop, um eine Haussuchung zu machen. Martin weiß natürlich längst, dass Victor "Schmuddelkram" vertickt. Es wird zwar nicht klar, woher er das weiß und seit wann genau und was er bei dieser Entdeckung dachte und aus welchem Grund er beschloss, so tun, als sei er ahnungslos, aber wir sind ja mündige Zuschauer, wir werden uns schon unseren Reim darauf machen… Wie dem auch sei: Die böse Polizei glaubt Martin natürlich nicht, er büchst aus, macht Station bei Manuela, ihr Neuer fühlt sich belästigt – wie kann er nur! – und ruft die Polizei…
   Nach etwa 80 Film-Minuten also sitzt Martin wieder im Knast. Was für ein Drama. Bis jetzt hat er es geschafft, nicht einmal ein echtes Problem zu bekommen und nun das! Aber wartet, wir haben ja noch zehn Minuten! Die reichen gerade aus, um nochmal so richtig gegen die DDR-Stasi-Bullen zu wettern und sich dann – wie immer – ins Unvermeidliche zu fügen. Manuela kommt noch vorbei und versichert dem Opfer widriger Umstände ihrer Liebe und dass sie auf ihn warten wird, diesmal aber wirklich und…
   Und dann wird Victor in Handschellen hereingeführt und sagt, dass er sich gestellt hat. Weil man einen Kumpel nicht hängen lässt. Wie nett von ihm. So kann Martin Schulz in der Schlusszene doch wieder raus und ins Leben zurück, dass ihm – trotz allem – so wohlgesonnen ist.
   Halleluja!
   Wieso bin ich dann so wütend, dass ich mir diese 90 Minuten habe stehlen lassen? War doch toll fotografiert, der Film! War doch toll gespielt und war doch durchaus fesselnd gemacht! Ein Lehrstück für Dramaturgie, Szenenaufbau, Kameraführung und was es sonst noch für Fachbegriffe in der Filmkunst gibt. War angenehm unspektulär und war angenehm unsentimental.
   Aber es war so schrecklich unecht!
   Mag ja sein, dass einer nach elf Jahren Knast lernt, cool zu bleiben und man deshalb den Eindruck hat, nichts ist für ihn ein Problem. Mag ja sein, dass ein Elfjähriger einen ihm völlig Fremden als Vater akzeptiert. Mag sein, dass es solche Liebesgeschichten wie die von Martin und Manuela gibt. Mag sein, dass einer nur Freunde oder bestenfalls Blödies, nie aber Feinde um sich hat. Mag sogar sein, dass ein Penner am Spielautomaten reich wird oder dass eine Prügelei auch schon mal Ausländerbeschimpfungen beendet. Aber doch nicht alles auf einmal!
   Fast könnte man diesen Martin Schulz beneiden. Na gut, er hat elf Jahre im Knast gesessen. War aber nicht wirklich schlimm. Zumindest war nie Rede davon, dass es schlimm war. Na gut, er findet nicht gleich einen Job. Aber dafür hat er Freunde, die ihm auch damit aushelfen. Und ob sich wirklich Geldprobleme aus dem Jobmangel ergaben, darf man zwar vermuten, der Film jedoch erzählt nichts davon. Martin hat seinen Sohn nicht aufwachsen sehen, dafür hat er aber jetzt nicht den geringsten Stress mit ihm. Er war auch elf Jahre lang nicht mit seiner Frau zusammen – aber sowas schweißt offensichtlich eher zusammen als dass es trennt. Was will man mehr…

Übrigens: Wer etwas Gutes – und zwar jede Menge davon, inklusive einer Liste von Preisen – über den Film erfahren will, der ist bei Hier klicken genau richtig. Und gern würd ich mich auch der Einschätzung "künstlerisch wertvoll" anschließen. Aber ich bin einfach zu wütend.
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Michael Schmidt
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Hallo jon,

ich habe mich ja köstlich über deinen Text amüsiert. Witzig und spritig geschrieben. Als Nachruf, wenn man den Film kennt. Dann kannst du dir aber die Inhaltsangabe sparen und der Text ist nur noch halb so lang.
Oder du erklärst zuerst und wertungsfrei, worum es geht.
Aber eine Mixtur aus beidem?
Ich fand es mühsam, dem Inhalt zu folgen, so habe ich mich denn von deiner ironischen Zunge leiten lassen und mich gut unterhalten.
Nur dem Film muss ich jetzt noch sehen, damit ich weiß, worum es geht.

Michael

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LuMen
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verdächtig..

Hallo jon,

leider habe ich den Film wegen Urlaubs nicht gesehen. Der Sachverhalt scheint mit aber Anklänge an meine Glosse zum Fernsehfilm "Mörderherz" aufzuweisen. Verdächtig sind schon die ausschließlich und überschwenglich positiven Kritiken, durch die ich mich seinerzeit auch auf den Arm genommen gefühlt habe.
Ich würde das aber gern näher überprüfen. Es hat sich ja wohl um einen Kinofilm gehandelt. Weißt Du zufällig, ob der noch irgendwo läuft oder eine Wiederholung im Fernsehen vorgesehen war?

Herzlichen Gruß zur späten Nacht (wollte eigentlich noch eine Kolumne schreiben...)
LuMen

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jon
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Ja, es ist offenbar das gleiche Phänomen: ein deutscher Film, "sauber gemacht" und aus beiden Gründen für etwas gelobt, was er am Ende doch nicht bietet. "Junge Künstler" fällt mir da als Stichwort ein – künstlerisch schon durchaus gereift aber irgendwie (noch) nicht ganz im "wirklichen Leben" stehend. Obwohl in diesem Fall Jahrgang 1970 für Buch/Regie-Mann Stöhr eigentlich was anderes vermuten lassen würde – vielleicht greift hier der Effekt, dass ein Schwabe nur eingeschränkt kompetent bzgl. Ostdeutschland und Ossis sein kann…

Der Film stammt von 2001 – ist also wohl höchstens noch in hartnäckigen Programmkinos zu sehen. Aber wie ich das Fernsehen kenne, kommt in absehbarer Zeit eine Wiederholung, vielleicht schon im Unfeld des 9. November…
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