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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Berliner Ecken
Eingestellt am 19. 02. 2003 13:40


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Katrin Volkmann
Routinierter Autor
Registriert: Mar 2001

Werke: 21
Kommentare: 19
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BERLINER ECKEN

„Kornecken 49 Cent“ – es lebe der Wohlstand! Eine Mark fĂŒr ein Brötchen. Hat frĂŒher, ganz frĂŒher, in einem anderen Leben, fĂŒnf Pfennige gekostet. Ich kann dem Bettler auf der Straße kein Wechselgeld in seine Bockwurstpappe werfen, denn ich habe nichts gekauft. Schon gar nicht eine Kornecke fĂŒr einen halben Euro. (Wie ist eigentlich das KĂŒrzel fĂŒr Cent? Kenne ich nicht. Kennt wahrscheinlich niemand. Wer gibt sich schon mit Kleingeld ab!) Der Bettler, zum Beispiel, dem ich jetzt in die Hocke gehend zuflĂŒstere: „Du sitzt an der falschen Ecke, mein Freund. Hier wird dir niemand was geben, weil die da drinnen schon alles abzocken.“ Er nickt und lĂ€chelt und streichelt seinen dreibeinigen Hund.
Was ist das fĂŒr eine Stadt? Man kann leben, man kann sterben. Langsam sterben geht schneller. Und ĂŒberall diese Nostalgie. In Ost und West. Bahnhof Friedrichstraße von links und von rechts. Fotos in schwarz-weiß. FrĂŒher war alles besser, auch ohne Farbe. Neue Ideen sind willkommen, solange sie Theorien bleiben. Praxis ist anstrengend. Solange du schĂŒchtern, unbedarft und unauffĂ€llig durch die Welt schlurfst, bist du willkommen, belĂ€chelt, geduldet. Sage nie: da bin ich! Zeige nie: ich kann was! Verlange nie - um Gottes Willen -: ich will was von dir, Welt!
Verloren!!

Ich, heulend, wĂŒtend, schimpfend, stapfe vor mich hin. Auf der Straße. Leise. Frierend. Und dann halte ich es nicht mehr aus. Schwenke nach rechts, alles egal, bin jeden Tag hier vorbei gelaufen, ohne je Verlangen gehabt zu haben einzukehren, nie gedacht, dass ich es je verspĂŒren könnte, keinen Gedanken daran verschwendet - und biege ab. Alles egal. Hauptsache warm. Kleineres Übel, kĂŒrzester Weg.
Ich betrete also eine Kneipe, gesenkten Blickes, ohne jede Anmutung, ohne Geziertheit, Frausein ganz hinten. Ich bin sauer, empört, fassungslos ob der 49 Cent. Ob der KĂ€lte. Hass auf alles und jeden. Ich öffne die erste TĂŒr, weg von der Straße; die zweite, rein in die gute Stube. Wenigstens warm ist es hier. Eine exotische Oase im Berliner Winter. Ein verwunschenes HexenhĂ€uschen im sibirisch anmutenden Traumzauberwald. Kennen Sie die MĂ€rchen von Wasja und jeder Menge verzauberter Marien? Nein? Stellen Sie sich vor: ĂŒberall Schnee, knirschend und persilweiß, Tannen, so ebenmĂ€ĂŸig weiß gefroren, wie sie nur in russischen MĂ€rchenwĂ€ldern vorkommen. Spitzen bis in den perlmutfarbenen Himmel hinein. Und eine Stille ist’s, das es in den Ohren klingelt. Und plötzlich springt ein munteres Zicklein durch den Wald und meckert in Mark und Bein erschĂŒtternden Silben: Wa-a-a-s-s-s-ja-a-a! SpĂ€testens an dieser Stelle befĂ€llt Sie eine knisternde GĂ€nsehaut. Sie denken, diese KĂ€lte hört niemals auf. Sie denken, dass ĂŒberlebt man nicht.

Der Mensch hat von Natur aus einen Rechtsdrall. Die Deutschen besonders. Hauptsache warm. KĂŒrzester Weg, ich gehe nach rechts. Erst viel spĂ€ter bemerke ich: links der TĂŒr ist es viel gemĂŒtlicher. Rechts sitze ich an einem wackeligen Vierertisch, praktisch, stramm, zĂŒchtig. Assoziiere: Fußvolk. Links der TĂŒr steht eine gepolsterte Sitzbank, mit gemĂŒtlichen Kissen ausgelegt. Da passen wenigstens sechs muntere Trinker hin. An meinem Holztisch bleibe ich allein. FĂŒr den Rest des Abends. Ich glaube nicht wirklich, dass der Wirt bewusst diese Möblierungsanordnung gewĂ€hlt hat. Es ist etwas intuitives. Aber warum? Warum will man uns weiß machen, dass rechts immer schĂ€biger als links ist? Ich halte diese irrefĂŒhrenden Parolen nicht mehr aus. Warum ist diese Stadt so zwittrig? UnselbstĂ€ndig? So wenig selbstbewusst, dass sie es nötig hat, mit jedem billigen Trick zu arbeiten.



Warum lĂ€uft ĂŒber mir der Fernseher mit sportlichen Hinguckern, dass alle mĂ€nnlichen GĂ€ste zwangslĂ€ufig in meine Richtung glotzen? Erst jetzt bemerke ich, dass ich ĂŒberhaupt die einzige Frau hier bin. Aber niemand behelligt mich. Der Wirt winkt jeden zurĂŒck, der auch nur eine Zehe in meine Richtung dreht.


Die Bedienung frage ich nach Rotwein. Sie ist den ersten Tag hier, sagt sie, und sie mĂŒsse mal fragen. Ich schreibe mit klammen Fingern und taue langsam auf, denke nicht mehr ans trinken. Dann ist sie wieder da, vierunddreißig Jahre, im Ledermini, und stellt mir ein Glas hin. SpĂ€ter erzĂ€hlt sie mir, sie ist neununddreißig Jahre alt, kam vor zwei Monaten zwecks KindheitstraumerfĂŒllung aus Kiel angereist, studiert nun Theaterwissenschaften. Die Kneipe ernĂ€hrt sie derweil. Sie stĂŒtzt sich mit beiden Armen auf meinen Wackeltisch und streckt das GesĂ€ĂŸ in Richtung MĂ€nnertheke. „Und Sie schreiben?“ Ich nicke. „Journalistin.“ Was weiß sie schon. Oder vielleicht doch ? Ihr LĂ€cheln ist milde.
Beinahe vierzig Jahre alt, das Gesicht verlebt (glaube nicht, dass es je ein schönes Gesicht war), schwammig, ausgeleiert, lange, unmögliche Haare, Ringelpulli, Lederrock, schwarze StrĂŒmpfe. Meine Gute, das ganze Leben ist ein einziges Theater. Und eine Wissenschaft fĂŒr sich, wie wahr! Sie hĂŒpft davon, und ihre vierzigjĂ€hrigen HĂŒften erinnern mich an das MĂ€rchen „Der dicke Brei“ (oder so Ă€hnlich).
Ich schaue aus dem Fenster. Es reicht bis zum Fußboden. Es ist geputzt. Ich sehe die Leute vorĂŒber hasten, die roten Nasen wahlweise in den Wind haltend oder in ihre dicken Schals gesenkt. HĂ€nde in den Taschen, in Handschuhen, in JackenĂ€rmeln, nackt, beharrt, rot, braun, schwarz. Mein Handy klingelt. SMS: „Bin auf Mallorca. Komisches Leben hier. Auf keinen Verlass. Zucht und Ordnung fehlen. Aber Sonne scheint. P.“ Ich schreibe zurĂŒck: „Bin auch auf ner Insel. Ebenfalls komisches Leben hier. Sonne scheint nicht. Kalt. Kennst du die AbkĂŒrzung fĂŒr Cent? K.“ Antwort: „Was soll das sein?“

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Arno1808
Guest
Registriert: Not Yet

Berliner Ecken

Liebe Katrin,

ich muss gestehen, nach dem ersten Lesen deiner Geschichte fragte ich mich - ja, was fragte ich mich eigentlich? Es war gar keine wirkliche Frage, sondern eher eine Feststellung: Du musst es nochmal lesen!
Nach dem zweiten Lesen des Textes denke ich:
Sehr schön!
Die kurzen, prĂ€gnanten Feststellungen, die gedanklichen SprĂŒnge - nicht fĂŒr ein oberflĂ€chliches 'mal-eben-drĂŒberlesen' gedacht, aber auch nichts ZufĂ€lliges.
Liebe Katrin, es hat sehr viel spaß gemacht, deinen Text zwei Mal zu lesen.

Lieben Gruß

Arno

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flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

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ja,

auch mich hat deine geschichte sehr bewegt. besonders die stelle mit dr geldumrechnung. ich war gestern bei "Holiday on Eis" und da kostet ein programmheft 5 euro, also 40 ddr-mark. das muss man sich mal auf der zunge zergehen lassen: 40 Mark! ich fĂŒrchte, meine insel ist von der deinen nicht weit weg . . .
ganz lieb grĂŒĂŸt
__________________
Old Icke

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