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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Bernhards Hochsitz
Eingestellt am 20. 12. 2003 17:12


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hwg
???
Registriert: Dec 2003

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Sein Arbeitszimmer steht wie ein Hochsitz ĂŒber den GĂ€rten. Fenster hat es nach allen drei Seiten, weit kann man hinaus blicken, weit ĂŒber die GĂ€rten hinaus in die sommerliche Landschaft. Sonne hat sein Zimmer am Morgen und Sonne am Abend, vorausgesetzt, sie scheint.
Es gibt kein schöneres Zimmer fĂŒr Bernhard. Er wartet auf seinem Hochsitz, indes die Sonne ihm rosafarbene Abendhimmel hineinprojiziert, er sitzt auf eine Idee an, von der er hofft, dass sie sich im GestrĂŒpp seiner Gedanken irgendwie verheddern wird.
Und wenn Bernhard sie gepackt hat, die Idee, dann wird der Hochsitz zum Cockpit eines DĂŒsenklippers, rast durch Zeiten und Welten, ins Blaue hinein, bis er gewahr wird, dass er zwar den Wolken ein StĂŒck nĂ€her ist, aber die gute Erde nicht mehr sieht und den Nachbarn.
So geht es nicht, sagt er sich, mit dem Klipper und so hoch hinaus, das geht nicht gut.
Also verwandelt er das Cockpit in die KommandobrĂŒcke eines Hochseefrachters und ernennt sich zum KapitĂ€n auf großer Fahrt.
Ahoi! Die Anker sind gelichtet, das Schiff zieht seinen geraden Kurs, doch kaum sind sie aus dem Hafen, da fÀllt ihm so ein verdammtes Schlingern auf.
Zuwenig Tiefgang, denkt er, die Ladung wird untergewichtig sein. Und er wirft verzweifelt die ganze Idee ĂŒber Bord.
Umsteigen auf den Hochsitz und wieder warten?
Bernhard ist hinausgegangen und zu jenem Steilhang gewandert, den er von seinem Schreibtisch aus stĂ€ndig vor Augen hat, jenseits der Niederung, nicht weit, vielleicht fĂŒnfhundert Meter.
Dort steht er am Rand des Feldes, dessen frisches GrĂŒn seinen Blick schon oft angezogen hat, lange steht er dort und schaut zurĂŒck.
Das also ist unsere Siedlung, geht es ihm durch den Sinn, wie schön das aussieht, wie sie sich so aufperlt an der Straßenschnur.
Leute machen sich auf ihrem eigenen Land zu schaffen, doch ihre Stimmen dringen nicht zu ihm herĂŒber.
Dann sieht Bernhard auch das kleine Haus, worin er haust, und die verwahrloste Parzelle dahinter, die den Eindruck zu wecken vermochte, der Besitzer sei schon seit lÀngerer Zeit verreist.
Da kommt ihm endlich eine Idee. Eine etwas ausgefallene zwar, aber seine Nachbarn werden sie spĂ€ter fĂŒr brauchbar halten:
Bernhard beschließt, seinen Garten umzugraben und frische Blumen zu pflanzen.
hwg
***
__________________
-hwg-

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hwg
???
Registriert: Dec 2003

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bernhards hochsitz

in eigener sache : verwehre mich gegen den ausdruck hobbydichter. autoren, verleger und leser finden mich in kĂŒrschners literaturkalender, im handbuch österreichischer autoren und in anderen lexika, bin seit
1961 journalist und autor (zahlreiche veröffentlichungen in buchform und in literaturzeitschriften sowie im rundfunk). mfg.
__________________
-hwg-

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Parsifal
Guest
Registriert: Not Yet

HĂ€tte das auch in der

„Sonne hat sein Zimmer am Morgen und Sonne am Abend, vorausgesetzt, sie scheint“ – Wer hĂ€tte das fĂŒr möglich gehalten! Aber das unterscheidet den Meister vom Amateur, daß er auch Kleinigkeiten seine liebevolle Aufmerksamkeit schenkt und den Leser an seinen Erkenntnissen teilhaben lĂ€ĂŸt.

Bernhard hockt also in seinem Arbeitszimmer und „sitzt auf eine Idee an, von der er hofft, dass sie sich im GestrĂŒpp seiner Gedanken irgendwie verheddern wird.“ Man ahnt schon, daß dabei nichts Gutes herauskommen wird. Er versucht, seinem Affen Zucker bzw. seinem Pegasus die Sporen zu geben und denkt sich kindliche Spielchen aus. Über den Wolken muß der Himmel wohl grenzenlos sein, denkt er und spielt FlugkapitĂ€n eines DĂŒsenklippers, „bis er gewahr wird, dass er zwar den Wolken ein StĂŒck nĂ€her ist, aber die gute Erde nicht mehr sieht
“ – Teufel auch, und ich hĂ€tte gedacht, die Erde sieht man erst dann nicht mehr, wenn man ĂŒber den Wolken ist. – Das kommt davon, wenn man „durch Zeiten und Welten“ rast. Er hĂ€tte wissen sollen, daß jeder Autofahrer mehr sieht als ein Pilot. Da im Azur auch keine Idee zu finden ist, spielt er KapitĂ€n auf großer Fahrt auf der KommandbrĂŒcke eines Frachters. (Ahoi sagt ĂŒbrigens kein Seemann) Aber wohin sein Auge auch schweift: nichts als Wasser. Und wieder keine Idee! Und dann beginnt der Kahn auch noch zu schlingern: weil die Ladung untergewichtig ist! Das muß man sich mal vorstellen, völlig leere Frachter sind also manövrierunfĂ€hig. Man wird alt wie ’ne Kuh und lernt immer noch dazu.
Beim Lesen dieses Textes stellt sich der Eindruck ein, daß nicht das Schiff schlingert, sondern der Autor. Den Zustand, ohne Ideen vor einem leeren Blatt zu sitzen, haben uns junge Autoren bis zum Abwinken beschrieben, eine neue Erkenntnis wird uns nicht prĂ€sentiert. Man denkt die ganze Zeit, jetzt kommt es, gleich muß der Höhepunkt erscheinen: eine witzige Lösung, irgendein Knalleffekt. Und tatsĂ€chlich, die ausgefallene Idee kommt zur rechten Zeit – und Bernhards Nachbarn werden sie spĂ€ter fĂŒr brauchbar halten (als hĂ€tten die nichts Wichtigeres zu besprechen) – er beschließt, seinen Garten umzugraben und BlĂŒmchen zu pflanzen.

Man hĂ€tte den ganzen Text mit Schweigen zudecken können, hĂ€tte sich der Autor nicht explizit dagegen „verwehrt“ (es muß „verwahrt“ heißen, aber ein Journalist merkt’s nicht so), mit Hobbydichtern in einem Atemzug genannt zu werden. Schließlich steht er in KĂŒrschners Literaturkalender (der KĂŒrschner scheint auch nicht mehr das zu sein, was er einmal war), in anderen Lexika, in Literaturzeitschriften und sogar im Rundfunk.

Ich freue mich immer, wenn Schausteller auf RummelplĂ€tzen sich anpreisen: „Bekannt durch Presse, Rundfunk und Fernsehen.“

Parsifal

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hwg
???
Registriert: Dec 2003

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werter meisterautor,

zu ihrer geschĂ€tzten kritik darf ich sagen - test gelungen. fĂŒr diese kurze geschichte - nachzulesen in meinem vor zwei jahrzehnten erschienenen buch "sicherungen" - habe ich den prosa-preis der igda zugesprochen bekommen. ahoi sagt kein seemann - das ist bernhard auf seinem hochsitz ja auch nicht. verwehre - anstatt verwahre - ein bedauerlicher tippfehler. ob der kĂŒrschner noch das ist....? fragen sie die herausgeber.
ansonsten... ich verfasse seit jahrzehnten ebenfalls buchrezensionen fĂŒr namhafte zeitschriften. zu marktschreierei und journalismus
: biografisches steht auf jedem buchumschlag - ist das schlecht????
trotzdem: besten dank fĂŒr ihre kostbare zeit, die sie fĂŒr die beurteilung meines beitrages aufgewendet haben. herzlichen gruß aus österreich.
__________________
-hwg-

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Rodolfo
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Lieber hwg

Wenn Bernhard so hoch oben auf dem Hochsitz sitzt, ist es schon möglich, dass er "zu wenig Tiefgang" hat.

Ich finde nicht unbedingt, dass in der Geschichte "die Ladung zu untergewichtig" ist. Hingegen erinnert mich die Bearbeitung an eine kleine Geschichte:

...als junger GÀrtner wollte ich einmal ein Blumenbeet in einem öffentlichen Park so schön gestalten, dass es einfach perfekt sein sollte. Ich vergass die Zeit und pflanzte, Ànderte wieder und wieder um, bis ich mit dem Ergebnis zufrieden war. Nur leider waren die Blumen durch das wiederholte umpflanzen leider zum grössten Teil eingegangen...

Mir scheint, dass dies auch mit Worten passieren kann.

Liebe GrĂŒsse: ein echter Hobbydichter und Profileser
__________________
Nur die Berge stehen ewig, nur der Fluss fliesst immer weiter...

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hwg
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Kommentare: 42
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Bernhards Hochsitz

Werter Rodolfo,
mit dem Verwelken der Worte haben Sie das ausgedrĂŒckt, was auch ich - als Schreiber "fĂŒr den Tag" - so sehe. Ich beanspruche auch nicht die hochtrabende Bezeichnung Dichter, meine Absicht ist es, möglichst viele Leser zu erreichen. Das mag manchen meiner Poeten-Kolleginnen und -Kollegen nicht gefallen. Ich bekenne mich voll dazu, immerhin verdiene ich mit meinen - na, sagen wir mal - Texten auch das tĂ€gliche Brot. Herzlichen Gruß!
__________________
-hwg-

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Stoffel
gesperrt
One-Hit-Wonder-Autor

Registriert: Jun 2002

Werke: 468
Kommentare: 8220
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ahoi,

Willkommen in der Lupe.

Mich hat Dein Diskussionsthread unter "Plauderecke" neugierig gemacht, drum bin ich mal hier her.

Erwartet werden eigentlich VerbesserungsvorschlĂ€ge, etc. Ich möchte aber nur meine Meinung, mein GefĂŒhl, sagen.

FĂŒr mich liest sich die kleine Geschichte ein wenig wie eine Kindergeschichte, ein Teil davon. Oder "Oh, wie schön ist Panama" oder so.
Ist ja nichts verwerfliches. MĂ€nner können durchaus auch was rĂŒhrendes, niedliches haben. (Wobei man ihnen das wohl nicht sagen sollte*lach*)
Mir fehlt da bissl der "Tiefgang", finde die Aussage nicht, reißt mich nicht vom Hocker.

Aber hier in der Lupe kann man viel lernen, in all den Jahren kann ich stolz sagen, mich verbessert zu haben.*freu*

Was die drei"???" angeht, schreib ich was in die Plauderecke.

lG
frohe Weihnachten
Stoffel

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