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Leselupe.de > Fremdsprachiges und MundART
Berta wirft dat Handtuch
Eingestellt am 16. 02. 2013 18:11


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Wolfgang Bessel
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Berta wirft dat Handtuch

Ich hatte Berta ne tolle Waffe fĂĽr die Jagd im Ossiland versprochen.
Wir pirschten also wieder ma zu unserem bewährten Jagdausstatter. Er begrüßte uns übertrieben freundlich. Klar, der schrappige Hund witterte wieder dicke Geschäfte. Der hatte längst mitgekriegt, dat auch Berta die Jägerprüfung im Rucksack hatte. Er gratulierte ihr überschwänglich und war ganz aussem Häuschen.
Berta sollte sich heute lediglich für ihre Jagd in Dunkel-Deutschland ne Büchse ankucken. Wat machte die Frau? Sie marschierte schnurstracks in die Abteilung „Outdoor-Fummel“.
Ihr alter Bundeswehrparka hätte sicherlich noch gute Dienste geleistet, aber nee, sie wollte perdout neue Jagdklamotten. Ihr Kleiderschrank platzte bereits von dem grünen Trachtenkram, trotzdem kleidete se sich innerhalb von dreieinhalb Stunden vom Kopp bis zu den Zehenspitzen neu ein.
Den ganzen Morgen musste ich mir ihre blöde Fragerei anhören:
„Willi, steht mir dat Teil oder nich? Ich bin mir ja soo wat von unschlüssig, sach doch endlich ma, iss dat wat für mich? Trägt dat nich zu sehr auf? Iss die Bluse nich zu gewagt? Du weiß schon – wegen meine dicken Mollis?“ Ich gab keinen Laut. Aus jahrelanger leidvoller Erfahrung wusste ich: Wenn ich nämlich en Teil „ganz nett“ oder „schön“ fand, wählte Berta extra wat anderet oder ihr gefiel der Lumpen plötzlich nich mehr.
Mein „Freund“ Karl redete ihr ständig gut zu und schmierte ihr gewaltig viel Honig um den Äser: „Entzückend, Frau Püttmann, Sie werden alle Frauen auf den Jägerbällen ausstechen. Man wird Sie überall bewundern. Die Männerwelt liegt Ihnen zu Füßen. Glauben Se mir. Und mit dieser hochwertigen Outdoor-Kleidung werden Se nie mehr durchnässt pirschen oder aufm Hochsitz schnattern müssen.“
Bergeweise tĂĽrmten sich Loden und Leinen, Goretex und Sympatex.
Der Karl grinste bis zu den Lauschern, während meine gute Stimmung langsam den Bach runter ging.
Ich fragte: „Berta, wat willze eigentlich mit der ganzen Pelle? Dat Gelumpe kannze doch unmöglich allet mit inne ehemaligen SBZ schlörn. Dafür brauchsse ja zwei oder drei Überseekoffer. Ein Jäger nimmt immer nur soviel mit auf die Jagd, wie in son Rucksack reinpasst. Du darfst gerne meinen kleinen Flüsterrucksack mitnehmen, aber dat weisse ja bereits.“
Berta äugte mich mit som verächtlichen Blick an und forderte den größten Rucksack, den je ein Hersteller produziert hatte. Sie fügte sehr bestimmt hinzu:
„Ich werde auch nicht den schweren Oschi, dein dicket Fernglas mitnehmen, sondern ein leichtet Glas, ein Nachtglas mit brillantester Auflösung.“ Ich brauchte dringend Schützenhilfe:
„Hömma, Karl, sach du doch auch ma wat dazu“, und kniff ihm en Auge zu.
Ja, da fragte ich gerade den Richtigen. Der Blödmann wollte nich verstehen! Der haute mich danach sogar noch viel gemeiner inne Pfanne. Klar, war ja sein Reibach. So ein Schuft! Dat merkte ich mir!
Ich versuchte mein GlĂĽck noch ma bei Berta. Sie sollte endlich ihren Kaufrausch beenden und bellte sie an:
„Berta, die Plörren kosten ja en Vermögen, halt endlich ein, mach halblang, die Büchse kannze dir sonst abschminken. Dann kannze inne Ostzone, oder wie dat drüben heißt, mit nem geliehenen Volksarmeekarabiner ballern.“
Ihren Blick hätten Se ma sehen sollen, der sprach Bände. Gegen Mittag latschten wir endlich inne Waffenabteilung. Ich fragte den Karl:
„Hasse in deinem Laden gute Gebrauchtwaffen? Am besten wäre für uns ne Universalwaffe mit variablen Objektiv und Leuchtpunktabsehen, son Dingen wat nich laut knallen tut, keinen Rückstoß hat und wenig kostet. Meine Berta fährt nämlich leider ohne mich zur Bock- und Schwarzwildjagd inne ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik oder wie dat heißt.
Ich will die Waffe eventuell später auch ma führn, vorausgesetzt, ich bekomm im Leben noch ma ne Jagdeinladung. Hasse da wat Gescheitet im Schrank stehn?“
Klar hatte der alte Fuchs da wat in petto!
„Mensch, Willi!“, rief er hocherfreut, „da hab ich wat für euch! Gestern erst reingekriegt, von som pensionierten Kommisskopp.
Hier kuckt ma, dat iss en feinen Krieghoff-Drilling aussem Jahre 1936. Försterkaliber 8x57 IR, schon mit separater Kugelschlossspannung, Tiergravur anne Seiten und aufm Magazinschaftdeckel. Büffelhornabzugsbügel hat die Waffe und iss aus Röchling-Stahl gefertigt. Die hat sogar dat gewünschte Zielfernrohr mit Leuchtpunktabsehen drin. Diesen exklusiven Drilling kannze für lumpige viertausend Euro mitnehmen. Dat iss geschenkt. Ein Schnäppchen iss dat, son tollet Angebot für so eine wertvolle Kanone kriegt ihr nie wieder. Damit seid ihr für euer ganzet Leben jagdlich hervorragend ausgerüstet. Keine Sau, kein Fuchs, kein Bock oder Flugwild geht euch damit durch die Lappen, die schießt fast von selber.“
„Nee, nee Karl, dat iss uns zu teuer, kuck ma, dat Berta hat doch bei dir nen ganzen Güterzug Jagdklamotten aufm Tresen liegen. Wer soll dat denn bezahlen, ich bin doch kein Krösus. Nee, Karl, dann müssen wir eben ma im Internet bei Ebay äugen, ob wir da nich günstiger an die Sachen kommen.“
Mein Karl kuckte jetz ziemlich blöd ausse Wäsche. Auf einmal bot er uns den Drilling für dreitausend Euro an, und auf die Bekleidung gab er uns auch noch fünfzehn Prozent Rabatt.
Berta war sofort Feuer und Flamme. Ich zögerte, schüttelte abwägend den Kopp und machte ihm genüsslich ein letztet Angebot, Rache war süß:
„Karl, hör jetz ma genau zu, der alte Vorkriegspüster, den du uns da andrehen willz, hat jede Menge Gebrauchsspuren, der iss wirklich viel zu teuer. Für zweitausendfünfhundert Euro würden wir den Prügel eventuell nehmen.“
Karl schnaufte und schnaubte. Ich bemerkte Schweißperlen auf seiner Birne. Er jaulte auf wie ein getretener Straßenköter:
„Willi, dein jiddischet Geschäftsgebaren macht mich krank“, schimpfte er, „allein dat Glas iss ja schon zweitausend Euro wert!“
Ich war erbarmungslos: „Karl, Zweitausendfünfhundert für den ollen Drilling, dann nehmen wir auch die altmodischen Ladenhüter für Berta. Iss dat jetz klar?“
Karl zögerte. „Gut, wenne dat Geschäft nich mit uns machen willz, müssen wir uns jetz leider verabschieden.“ Ich drehte mich um und ging einen Schritt zum Ausgang. Berta schüttelte ihr Haupt.
Karl lenkte nach genau fĂĽnf Sekunden Bedenkzeit ein:
„Gut, gut, nur weil du dat biss, Willi. Allet zusammen macht fünftausendvierhundertdreiunddreißig Euro. Und sach bloß keinem wat von dem Kuhhandel, sonst bin ich bald pleite.“
Bei der höllisch hohen Summe für Bertas Outdoorpiselotten zuckte ich zusammen, blass wurd ich, ich verlor fast die Besinnung. Dat war son ähnlichet Gefühl ... wie damals inne Trachtenboutique. Berta beobachte wieder triumphierend und mit verkniffenen Augen meinen elenden Zustand. Ich war psychopatisch und physikalisch unfähig zu bezahlen.
Berta drängte sich an mir vorbei und blätterte dem Obergauner den geforderten Betrag bar aufe Theke, bedankte sich für die geduldige und fachmännische Beratung, drehte sich zu mir um und bemerkte bissig und herablassend: „Aber, Willi, ich brauch doch deine Kröten nich.“
Vor der Ladentür erholte ich mich langsam. Ich fragte ganz bewusst nich, wo Berta die Knete plötzlich her hatte. Sie kam damit selber ausse Höhle:
„Armer Wilhelm, wenn Geiz wehtät, würdesse den ganzen Tag schreien. Meine Mutter hat mir wat zur bestandenen Jägerprüfung geschenkt. Wenne Glück hass, darfse mit dem Drilling auch ma schießen, aber dat überleg ich mir noch sehr gut.“

Sie fuhr tags darauf mit dem Püster zum Schießstand, prüfte die Schussleistung und kam hocherfreut zurück. Sie hielt sich schmerzverzerrt die Schulter, auch ihre rechte Wange schien ein wenig dicker. Sogar ein Veilchen zierte ihren schönen Nasenrücken bis zum Stirnansatz. Rückstoß und Zielfernrohr hatten Berta so zugerichtet.
Berta klagte nich, und ich fragte nich. Sie berichtete nur begeistert von drei Schüssen – voll inne Zehn, dat Dingen schösse wie Gift.
Berta fuhr eine Woche später mit drei Mitstreiterinnen vom Jagdlehrgang erwartungsfroh in die ehemalige DDR – wie man früher dafür immer sagen tat.
Bei der Ost-Einladung hatte ich so meine Bedenken.
Schon einen Tag später rief Berta an und berichtete, dat alle Damen bereits beim Frühansitz Waidmannsheil gehabt hätten. Sie hätte einen braven Bock erlegt, einen alten Gabler.
„Waidmannsheil, mein Geißlein, du biss ja echt spitze. Beim ersten Ansitz schon Waidmannsheil gehabt? Dat gibt et doch nich! Haben die Ossis da so viel Wild rumlaufen?"
Berta erwähnte ihr Jagderlebnis nur sehr beiläufig und war überhaupt nich so begeistert, wie ich dat erwartet hätte. Ich hätte wahrscheinlich stundenlang davon berichtet. Auch ihre Stimme gefiel mir nich so recht. Irgendwat stimmte mit ihr nich. Vielleicht wollte sie mich auch nur schonen und keinen Jagdneid erwecken. Egal, ich war angenehm überrascht, dat bei ihr allet so schnell und prima geklappt hatte.
Nach vier Tagen kamen die Frauen zurück. Die anderen zwei erzählten begeistert und strahlten über ihr unerwartetes Waidmannsheil. Berta sagte keinen Ton.
„Bertaken, wat iss, bisse krank? Du freust dich ja gar nich über dein Jagdglück. Wat iss los mit dir, mein Mäusken?“
Berta fing an zu heulen. Sie sah gar nich gut aus. Wat war da bei den Ossis vorgefallen?
Sie tat mir schrecklich leid. Ich nahm sie in den Arm und streichelte tröstend über ihr Haupt.
„Sach Papa ma, wat los iss, komm schütt ma dein kleinet Herzchen aus.“ Da brach et schluchzend aus ihr heraus:
„Willi, ich bin überhaupt keine richtige Jägerin. Die Jagd war ganz furchtbar für mich.“
„Berta, mach et nich so dramatisch, wat iss denn bei der Jagd so Abscheulichet passiert? Hattesse Theater mit dem Jagdleiter oder den Mitjägerinnen?“
„Nee, Willi, wenn et nur dat gewesen wär, ich bin wirklich keine Jägerin, ich hab total ver-sagt.“ Sie erzählte völlig aufgelöst:
„Als ich an den erlegten Bock herantrat und in seine vorwurfsvollen gebrochenen Lichter blickte, schüttelte mich ein furchtbarer Weinkrampf. Ich hatte zum ersten Mal im Leben ein Tier getötet. Ein lebendiget Wesen. Der Bock schlegelte noch nach dem Schuss, dann war er verendet, mausetot. Er war noch warm als ich ihn berührte. Et waren ganz schreckliche Augenblicke. Ich konnte den Bock weder bergen noch aufbrechen. Ich hab mich mehrfach übergeben müssen.
Nein, Willi, nein, ich werde nie, nie mehr ein Tier erlegen. Ich kann dat einfach nich. Mir iss jetz noch ganz elend.“
Berta schüttelte sich vor Abscheu. Alle Beruhigungs- und Erklärungsversuche von mir und den Mitjägerinnen prallten bei ihr ab.
Ja, dat war jetz ne ganz neue Lage. Dat musste ich erst ma verdauen. Natürlich akzeptierte ich Bertas Gefühle. Ich hörte schon hier und da von ähnlichen Reaktionen – auch bei Männern. Da muss man sich doch nicht schämen. Nee, im Gegenteil. Ich tröstete sie:
„Bertaken, dat iss dat, wat ich dir von Anfang an gesacht hab, entweder du hass Jagdgene tief im Blut und inne Knochen drin, dann hasse Glück gehabt, dann iss dat angewölft. Dat hat dir dann der liebe Gott mit in den Wurfkessel gelegt. Dat iss die eine plausible Begründung für dein Versagen.
Aber vielleicht iss deine Reaktion auch damit zu erklären, dat euer Kräschkursus nur son Damenkränzchen zwischen Kaffeetrinken und Moorpackung war und ihr mit dem Tod vonne Tiere und dem Aufbrechen, also vonne roten harten Jägerarbeit, nix mitgekriegt habt.“
Berta schluckte dat „Damenkränzchen“ und den „Kräschkursus“ ohne wat zu erwidern.
FlĂĽsternd bat sie mich:
„Willi, vielleicht darf ich dich irgendwann ma bei der Jagd begleiten. Ich helfe dir auch gerne bei allen anderen jagdlichen Arbeiten. Leider werden wir dat aber nicht mehr erleben, weil uns niemand mehr einladen tut. Mein kläglichet Versagen spricht sich jetz überall herum.“
„Ach wat, mein Täubchen, beruhige dich erst ma. Lass dat ma dein Willi managen, ich lass dich doch nich im Regen stehn. Du begleitest mich natürlich bei die Jagd. Ich freu mich schon auf unsere gemeinsamen Stunden inne Natur. Et gibt dafür natürlich einige Bedingungen, die strikt eingehalten werden müssen:
Folgende Störungen aufm Hochsitz sind zu unterlassen: Schwätzen, Schmatzen, Schnäuzen, Schlurfen, Scharren, Blättern, Hüsteln, Niesen, Räuspern, Rascheln, Stöhnen, Gähnen. Vorzeitiget Verlassen der Kanzel wegen voller Blase oder kalter Füße iss völlig ausgeschlossen. Aber dat weißt du ja längst, mein Liebling, dat hasse ja allet auf deiner Jagdschule im Osten gelernt.“
Berta schluckte auch diese bittere Pille. Daran erkannte ich, dat se einsichtig und jagdlich noch nich ganz verloren war. Sie war nur im Moment son bissken daneben.
Also, Herrschaften, so schlimm iss dat überhaupt nich, wenn Ihr Partner jagdlich dat Handtuch wirft. Hauptsache se gönnen uns die Jagd und kapieren dat mit unseren angewölften Jagdgenen.
Wir Jäger sind immer sehr tolerant und lassen die Frauen gerne die gemeinsamen Naturbetrachtungen vom Hochsitz genießen. Solln se auch schön ihre sauteuren Trachtenklamotten beim gesellschaftlichen Trallala spazieren führen. – Ich jedenfalls – gönne meiner Berta dieset Hobby von ganzem Herzen.












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Wolfgang M. A. Bessel
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