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Leselupe.de > Fremdsprachiges und MundART
Bertalatein
Eingestellt am 07. 04. 2014 18:57


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Wolfgang Bessel
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Registriert: Feb 2007

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Bertalatein

Bertas erlegter kapitaler Keiler war jetz Stadtgespräch.
Radio Herne hatte abends noch en viertelstündiget Interview von Bertas Waidmannsheil ausgestrahlt und dabei jede Menge Übertreibung einfließen lassen. Zweifellos war sie momentan die bekannteste Jägerin im Ruhrpott. Aber sie sollte noch prominenter werden.
Berta stand am nächsten Morgen ungewöhnlich früh auf. Bereits um sechs Uhr kochte se den riesigen Keilerkopp in unser Omas alten Waschküchenkessel ab. Ich ließ sie wirken und dachte: Warte ab, gleich isse mit ihrem Latein am Ende.

Ich saß derweil gemütlich beim Frühstück und suchte den Zeitungsartikel über Bertas Jagdglück. Aha, da isser ja! Meine Güte noch ma! Berta und die Sau hatte man ganzseitig im Lokalteil abgedruckt! Son riesiget Foto konnte man unmöglich übersehn! Berta sah auf dem Bild wirklich gut aus. Sie hatte sich für diese Aufnahme extra weit nach vorne gebeugt, dat kein Blinder ihre runden Reize übersehen konnte. Aber wat der miese Skandal- und Klatschjournalist aus Bertas Interview gemacht hatte, dat war wirklich en starket Stück. Hier, lesen Se ma dat Geschmiere:

Ehemann vor dem sicheren Tod bewahrt!

Am 30. September gegen 20.00 Uhr spielte sich im Westerwald ein Jagd-Drama der besonderen Art ab. Das Herner Ehepaar, Berta und Wilhelm PĂĽttmann von der ShamrockstraĂźe, bezogen in ihrem Westerwaldrevier bei Neuwied einen Hochsitz, um Wildschweine (Sus scrofa) zu bejagen.
Wilhelm PĂĽttmann musste sich noch mal kurz in die BĂĽsche schlagen, weil ihm seine Jagdpassion auf den Darm schlug. Zum dritten Mal bereits, wie seine Frau glaubhaft versicherte.
Hierbei traf er unversehens mit einem kapitalen Keiler zusammen. Ohne Vorwarnung griff das höchst aggressive Tier den am Boden hockenden Jäger an und warf ihn vier Meter weit durch die Luft. Er landete mit schweren Knochenbrüchen, Quetschungen und aus tiefer Fleischwunde blutend in Sichtweite seiner Frau.
Das war sein Glück. Als das blutrünstige Tier mit fletschenden Hauern erbarmungslos zum zweiten Angriff ansetzte, schoss seine tapfere Frau dem Untier mit einem brillanten Schuss in den Kopf – direkt zwischen die Augen. Der schwere Eber brach tödlich getroffen auf den sich vor Schmerzen krümmenden, halbtoten Ehemann zusammen. Ein Rettungshubschrauber brachte den Schwerverletzten ins Bundeswehr-Krankenhaus Koblenz.
Die Redaktion wĂĽnscht Herrn PĂĽttmann baldige Genesung, auf dass er schnell wieder seiner Passion nachgehen kann.

Abgesehen von dem tragischen Unglücksfall, wurde der heldenhaften Jungjägerin Püttmann mit ihrem beherzten Schuss ein seltenes Jagdglück zuteil. Sie erlegte bei ihrer Rettungsaktion ein kapitales Wildschwein, genauer gesagt, einen Keiler von 155 Kilo. So ein gewaltiges Stück Schwarzwild käme laut Schützin alle hundert Jahre nur einmal in Europa zur Strecke. „Bei den internationalen Trophäenschauen“, so bedeutete Jägerin Püttmann strahlend, „wären ihr überall Goldmedaillen sicher.“ Herzlichen Glückwunsch!
Jägerin Berta Püttmann gebührt höchste Anerkennung. Waidmannsheil!“


Wie konnte dieser idiotische Reporter nur so einen Schwachsinn schreiben? War der Mann denn von allen guten Geistern verlassen? Der hatte mich doch mittags noch voll gesund gesehn. Nennt man so wat „objektive Berichterstattung“?

Ich rief wütend bei die Zeitungsredaktion an: „Fräulein, ich will sofort den Reporter Ludwig Lügenbalg sprechen.“
„Sie meinen doch sicherlich unseren Chef-Reporter Ludwig Luegen, Herr Püttmann? Er ist zu einem wichtigen Termin gefahren, kann ich ihm etwas ausrichten?“
„Ja, dat können Se, sagen Se dem Kerl nen schönen Gruß von Willi Püttmann. Bei der erst besten Gelegenheit trete ich ihm in sein Weidloch, Wiederhörn!“

„Bertaaa!“, schrie ich durch dat Haus, komm ma ganz schnell hoch, ich zeig Dir ma wat.“
„Willi, wat iss? Wat iss denn los?“
„Kuck Dir ma diesen Bericht an. Musstest Du dem Reporter dat unbedingt mit meiner Drieterei erzählen? Wat geht dem Schwachkopp mein nervöser Darm an, he?“
„Willi, reg Dich doch nich auf, dat musste ich ihm sagen, dat war doch die reine Wahrheit. Der Mann muss doch objektiv und aus erster Hand berichten, dat iss Tatsachen-Journalismus, wie er sachte.“
„Schöner Journalismus, Schmierfinken sind dat. Les ma den Mist, den der da über uns verzappt hat. Dem Kerl häng ich ne Klage am Hals, dem verdammten Sausack!“
„Aber dat große Foto von mir, mit meinem Keiler, Willi, dat iss ja wirklich unübertrefflich. Dat musse doch zugeben. Ne ganze Seite, wunderschön! Da werden die Weiber ausse Nachbarschaft und vom Kegelclub aber neidisch kucken. Herrlich!“
„Berta, auch im Radio lief Dein verlogenet Interview. Jeder im Ruhrpott weiß nun über mein Jagdfieber und seiner durchschlagenden Wirkung Bescheid. Ich werde noch bekloppt! Aus dem hundertachtzehn Kilo schweren Keiler hat der Hundesohn einhundertfünfundfünfzig gemacht! Vier Meter bin ich durch die Luft geflogen! Ein Hubschrauber brachte mich angeblich nach Koblenz int Krankenhaus! Berta, sach ma ehrlich, sind Dir wieder ma die Gäule durchgegangen? Musstest Du wieder Kühe fliegen lassen? Hasse extra son dummet Zeug gequatscht, um Dich bei den Reportern wichtig zu machen?“ Berta spielte die Unschuldige. Ne Heilige war nix dagegen.
„Willi, ich? Wieso ich? Also, ich bitte Dich! Wat denkse eigentlich von mir? Ich hab dem Mann dat Ereignis nur etwat spannender erzählt. Sonst liest dat ja kein Schwein.
Außerdem hatte ich auffem Jagdlehrgang bei ’Jagdlichet Brauchtum’ dat Übertreiben so gelernt. Ich war Lehrgangbeste im Prüfungsfach „Jägerlatein“. Ich hab doch nur dat angewendet, wat ich in Meck-Pomm eingebläut gekriegt hab.“
Berta äugte mich so unschuldig an, dat ich nich so recht wusste, ob ich dat wirklich glauben sollte. Ich traute den Ossis son Prüfungsfach wirklich zu.
Aber dat war jetz Nebensache. Berta hatte den Reportern Jägerlatein vom Allerfeinsten erzählt – natürlich auf meine Kosten. Der Kerl hatte ihre Lügen geschluckt wie andere Austern.

Ich verlieĂź stinksauer dat Haus und bin malochen gegangen.
Erst abends kam ich wieder heim. Berta saĂź inne KĂĽche und sah schrecklich aus. Die Haare standen ihr wie son aufgeplatzten Polsterstuhl zu Berge. Sie heulte vor sich hin und schluchzte dabei herzerweichend.
„Ja, Berta, jetz endlich bereusse Deine elende Lügerei. Dat war en ganz miesen Vertrauensbruch. Ich kann Weiber, die lügen und dat Maul nich halten können, nich ausstehen. Da hättesse ma vorher drüber nachdenken können. Dat Wort iss wie en Geschoss. Isset erst ma raus aussem Maul, hält et selbst der Deubel nich mehr auf. Weiberlecker haben schon viel Elend inne Welt angerichtet, sogar Kriege ausgelöst und so manchen Mann ruiniert. Ich bin von Dir sehr enttäuscht.“
„Willi, hör jetz bitte auf! Dat iss doch nix gegen dat, wat mir heute passiert iss.“
Mir wurde fast schlecht. Wat konnte denn noch Schlimmeret kommen?
Berta stand auf und fragte: „Wat willze zuerst hörn, die gute oder die schlechte Nachricht?“
„Die schlechte zuerst, verdorri noch ma, erzähl schon.“
Sie nahm en Leinenbeutel vom KĂĽchenschrank und streute den Inhalt auffen KĂĽchentisch.
„Berta, wat soll dat, wat iss dat?“ „Willi, erkennze dat nich? Wirklich nich?“ Sie heulte auf. Ich setze meine Brille auf und peilte etwat genauer auf die vielen kleinen Bruchstücke.
Dat konnte doch nich wahr sein! Da lagen die zerbröselten Reste von der herrlichen Keilerwaffe! Junge, Junge, dat war en schweren Schlag inne Magengrube. Ich hatte doch schon im Geiste die Keilerwaffen mit ner Goldmedaille im Jagdzimmer prangen sehn, und jetz dat!
„Berta, kannze mir ma verraten, wie dat passieren konnte? Iss da ne Dampfwalze drüber gejuscht?“
„Seufz, ich wollte die Kiefer schnell trocken kriegen und hab se auffe Heizung gelegt. Als se schön drög waren, ging ich damit nach draußen auf den Steintisch, um die ‚Gewehrzähne’ aussem Kiefer zu lösen. Ich nahm dat Handbeil und wollte mit nem kräftigen Hieb den Unterkiefer inne Mitte spalten. Die Hauer waren aber so spröde, dat se schon beim ersten Schlag platzten. Ich könnte mich ohrfeigen!“

„Berta, darf ich Dich höflich daran erinnern, dat ich Dir meine Hilfe angeboten hab? Du hass hochnäsig darauf verzichtet. So wat kommt von so wat, ne? Du könntest Dir im Leben viel Ärger ersparen, wenne ab und zu auf Deinen Alten hören würdes.
Et gibt für Dein Versagen keine Entschuldigung. Dat mit dem Kopp durch die Wand iss für’n gutet Zusammenspiel inne Ehe und bei die Jagd völlig untauglich, wat sach ich, untauglich? Dat iss im höchsten Maße zerstörerisch! Kapier dat endlich! Vielleicht war dat sogar die Strafe für Dein verdammtet Jägerlatein!
So, und jetz hörsse mir ma gut zu und merks Dir, wie man mit die Keilerwaffen umgehen tut:
Berta, son heißen Kiefer muss total auskühlen. Den darfse auch nich mit kaltet Wasser abschrecken, wie Deine gekochten Eier. Und für Dich zum Mitschreiben: Die Trockenzeit anne Luft beträgt drei bis vier Tage. Dat Gewaff darfse auch nich inne Sonne oder auffen Ofen legen. Dat zerspringt sonst. I c h hab dat auf m e i n e m Jagdlehrgang studiert!
Berta, hör jetz endlich auf mit die Heulerei! Und nun rück ma die gute Nachricht raus. Oder gibt et die gar nich, dat würde mich auch nich mehr wundern.“
Sie holte ne Schmuckschachtel ausse Küchenschublade und nahm da zwei herrliche Zähne raus – die sogenannten Haderer. Berta hatte sie schon mit weißem Kerzenwachs ausgegossen und mit Wasserstoffsuperoxyd gebleicht. „Willi, die Dinger konnte ich ganz leicht aussem Kiefer prockeln.“
„Ja, Berta, dat iss wirklich schade mit die Hauer. Du kannz unmöglich die Haderer allein auf dat Trophäenbrett kleben, dat sieht nich aus. Ich hab da ne bessere Idee.“
Ich fuhr am nächsten Tag zum Juwelier Goldwein und besprach mit ihm meine Wünsche.
Nach ner Woche holte ich die Haderer wieder ab. Sie hatten sich toll verändert. Berta würde sich freuen.
„Hu hu, Berta, mein Schätzken, wo bisse denn? Komma zu Papa, der hat wat Schönet für Dich.“
Sie glauben gar nich, wie schnell meine Berta auf meinem Lockruf sprang. Sie stürzte int Wohnzimmer. „Willi, hab ich dat richtig gehört? Du hass wat für mich? Dat kommt aber selten vor. Iss heute Hochzeitstag?“
„Berta, mach ma die Augen zu.“ Sie schloss die Augen. Ich legte ihr en Lederband um den Hals – nee, nich um sie zu erwürgen, wo denken Sie denn hin?
„So, Berta jetz mach die Döppen wieder auf.“ Sie flitzte zum Spiegel.
„Willi! Nee, wat sind die schön! In Silber hasse die Zähne einfassen lassen, dat iss ja so wat von aufmerksam von Dir!“ Sie umschlang mich, küsste mich so wild, dat ich kaum Luft kriegte und schnurrte mir inne Lauscher: „Du biss doch der beste Mann vonne Welt.“

Endlich hatte se dat wenigstens geschnallt!






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Wolfgang M. A. Bessel
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