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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Berti
Eingestellt am 11. 02. 2002 19:07


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Helmut D.
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Registriert: Jan 2002

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Berti


Vor gar nicht allzu langer Zeit- es war an einem Winterabend, an dem mein Mann wieder mal auf Gesch├Ąftsreisen war- kam ich auf die sonderbare Idee, unseren Speicher etwas zu durchforsten. Das Fernsehprogramm war wie ├╝blich von langer Weile und so schlich ich fest vermummt die h├Âlzerne Treppe zum Dachgescho├č unseres kleinen H├Ąuschens hinauf, das am Stadtrand von Hilmesbach recht friedlich gelegen ist. Mein S├Âhnchen Karli schlief schon, als ich mich nahe ans kleine Fenster setzte und f├╝r einige Augenblicke die wei├če Winterlandschaft betrachtete. Es war gerade 21 Uhr und der Mond ging ├╝ber dem W├Ąldchen, das in einiger Entfernung zu sehen war, mit feuerroter Farbe auf. Dann nahm ich meine Kerze, entz├╝ndete sie und begann, auf einen Schemel sitzend, in einer alten Truhe, gef├╝llt mit Schulsachen meines Mannes herumzuw├╝hlen. Rein zuf├Ąllig fiel mir dabei ein altes, rotes Heft in die Hand, auf dessen Etikette, fein s├Ąuberlich "Rechenheft" vermerkt war. Ich schlug es auf und noch ehe ich etwas von dem Lehrstoff entr├Ątseln konnte, sprang mir ein kleines Strichm├Ąnnchen ins Auge. Es hatte einen furchtbar gro├čen Kopf mit zwei ovalen, traurigen Augen, aus denen justament, als sie mich sahen, zwei gro├če, dicke Tr├Ąnen liefen. "Was hast Du denn" fragte ich etwas scherzhaft den armen, d├╝nnen Mann. "Ach Gott!" antwortete er mir mit tiefem M├Ąnnerba├č, worauf ich zuerst einmal kr├Ąftig erschrak. F├╝r einen Moment drehte ich mich zur Luke, da ich dachte Karli h├Ątte mir einen Streich gespielt, doch dann h├Ârte ich die brummige Stimme wieder. "Ich bins, der zu Dir spricht und nicht Dein Sohn" fl├╝sterte mir das M├Ąnnchen zu. Ich z├Âgerte, ihm zu glauben, aber noch ehe ich l├Ąnger ├╝ber die Sache nachdenken konnte, fuhr er fort und fragte mich, mir seine Geschichte erz├Ąhlen zu d├╝rfen. "Na gut", erwiderte ich und lauschte gespannt seinen Ausf├╝hrungen. Er verschr├Ąnkte seine d├╝rren Arme hinter dem R├╝cken, ging einige Schritte hin und her und begann schlie├člich mit wehm├╝tiger Stimme, mir sein Leben zu berichten.
"Also, ich hei├če Berti. Und mein Vater war das H├Ąnschen, Dein guter Mann. Er hat mich in einer langweiligen Rechenstunde zur Welt gebracht, ohne sich ├╝ber die Folgen seiner Tat ihm Klaren zu sein." "Das sind sich viele nicht" entgegnete ich, aber Berti lie├č sich in seiner Schilderung nicht aufhalten. "Nun, da war ich also geboren und hatte einen dicken Kopf und einen spindeld├╝rren Leib. Das hatte aber immerhin den Vorteil, da├č ich keinen gro├čen Hunger bekam, denn so ein kleiner K├Ârper braucht nun mal nicht viel zu essen. Doch mein Kopf war gro├č und so gefiel mir schon nach einer Stunde mein Leben gar nicht mehr. 'Ein armes kleines Strichm├Ąnnchen. Was ist das schon? 'dachte ich mir und fing an mich zu ver├Ąndern. 'Am besten ich werde Kaiser', sprach ich und mit ein paar kleinen Graphitbr├Âseln, die von H├Ąnschens Bleistift noch herumlagen, malte ich mir eine goldene Krone. Danach h├╝pfte ich aus dem Rechenheft und marschierte 15 Stunden lang durch die Gegend, bis ich auf ein Automobil stie├č. Auf dieses setzte ich mich und wartete, bis mich der Fahrer hinfortfuhr. Nach dreist├╝ndiger Fahrt kamen wir in Bonn an und ich machte mich sofort auf die Suche nach dem Bundeskanzler, dem ich jetzt zur Abdankung ├╝berreden wollte. Frag mich nicht wie, aber nach 4 Tagen hatte ich es geschafft. Ich sa├č in einem gro├čen Ledersessel vor dem Alten; ihr wi├čt schon wer gemeint war. Der Alte h├Ârte sich meine W├╝nsche geduldig an und erkl├Ąrte mir, da├č er mit meinen Begehren einverstanden w├Ąre. 'F├╝r eine Woche ├╝berlasse ich Dir die Macht ├╝ber Deutschland und Du darfst als Kaiser unser gutes Vaterland regieren'. Oh, was war das f├╝r ein begl├╝ckender Moment f├╝r mich! Kaiser von Deutschland zu sein. Ich, das kleine Strichm├Ąnnchen Berti! Das war schon etwas!
Nachdem sich meine erste Euphorie gelegt hatte, kam mir pl├Âtzlich in den Sinn, da├č ein Kaiser ja auch eine Gattin brauchte. Sofort rief ich den Regierungssprecher zu mir und bestellte noch f├╝r den gleichen Abend eine gro├če Rede im Fernsehn. Dort verk├╝ndete ich, etwas nerv├Âs, aber doch souver├Ąn, da├č ich der neue Kaiser von Deutschland w├Ąre und nun eine Frau Gemahl suchte. Sie mu├č genauso d├╝nn, wie ich sein und einen ebenso gro├čen Kopf haben. Nur ein F├╝nkchen kleiner, damit jeder gleich sieht, da├č ich die Hosen anhabe. Denn sowas wie Gleichberechtigung, war mir schon von Geburt an suspekt. Aber wie!"
"Sch├Ąm Dich!" "Sei still und h├Âr mir zu, wies weitergeht. Nach drei Tagen brachte der Postbote einen gro├čen Sack mit Schulheften und ich begann mir eilends all die sch├Ânen Br├Ąute anzusehen. Ach, was war das f├╝r eine gro├če Weiberschar! Alles war dabei. Dumme und gescheite, h├╝bsche und h├Ą├čliche, arme und reiche. Endlich fand ich eine, die mir gefiel. Sie hie├č Berta und piepste fast verlegen 'Guten Tag' zu mir. Dann zwinkerte sie scheu mit den Augen und trat n├Ąher. 'Meine Mutter hei├čt Kl├Ąrchen und ich bin gerade 7 Tage alt. Wenn Du willst, kannst Du mich zur Frau machen und wir k├Ânnen viele liebe Kinder miteinander haben. ' 'So ist's recht', dachte ich mir und rief eilends die Diener herbei, um die Hochzeit ausschreiben zu lassen. Nach 3 Tagen war es dann so weit. Im gro├čen Dom zu K├Âln fand unsere Trauung statt und zahlreiche hochrangige G├Ąste aus dem In und Ausland waren an unserem gro├čen Tag zugegen. Vor lauter Aufregung brachte dann Berta den Ring nicht ├╝ber den Finger und der Kardinal wurde schon sichtlich nerv├Âs. Doch dann klappte es doch noch und nach einem ausf├╝hrlichen Hochzeitsfest schritten wir gegen Mitternacht in unser kaiserliches Schlafzimmer. Dort war es dann sehr lustig und vor lauter Freude erblickten sofort 5 Kinder das Licht der Welt. Bei uns Strichm├Ąnnchen geht das schnell! Genauso schnell vergingen unsere Tage des Gl├╝cks und noch eh' ich mich versah, war eine Woche um und Adenauer kam aus dem Urlaub zur├╝ck. 'Na, hast Du mir mein Land gut regiert? ' fragte er neugierig, worauf ich ├╝bergl├╝cklich zu nicken begann.
Mit zwei Koffern in der Hand standen wir dann am Hauptbahnhof von Bonn und stiegen in den Zug nach Hilmesbach, der uns in meine Heimat zur├╝ckbringen sollte. Berta kam zwar von woanders her, aber auch bei uns ist es so Brauch, da├č die Frau dem Manne folgt. Als wir dann in meiner Heimat ankamen geschah ein f├╝rchterliches Ungl├╝ck. Ein Fahrgast, der neben uns am Fenster sa├č, ├Âffnete dieses, um hinauszuschauen. Dabei erfa├čte eine frische Windb├Âe meine Frau mitsamt unseren 5 Kindern und blies sie hinfort. Ich konnte mich zum Gl├╝ck noch rechtzeitig an der Lehne festhalten, doch meine Familie war verschwunden. 7 Tage und 7 N├Ąchte suchte ich meine Lieben, doch ich fand sie nicht. Oh, was war das f├╝r eine schlimme Zeit! Ich weinte soviel, da├č der Schaffner, der mir ab und zu bei meiner Suche geholfen hatte, vor lauter Mitleid schwerm├╝tig wurde. 'Ist das eine schlechte Welt', pflegte der gute Mann, den das Ganze mehr mitnahm ,als ich zuerst dachte, dauernd zu sagen.
Nach einiger Zeit fand ich mich mit meinem Schicksal ab und begab mich zum Orte meiner Geburt zur├╝ck.
H├Ąnschen, aber, mein Vater w├╝rdigte mich keines Blickes mehr und ich mu├č schon sagen, da├č manche M├Ąnner von kleinauf, ein sehr schlechtes Verh├Ąltnis zu ihren ungewollten Kindern haben. Er h├Ątte mir ja wenigstens mal Guten Tag sagen k├Ânnen....
Nach einiger Zeit- es waren inzwischen mehrere Jahre vergangebn- landete ich dann hier oben auf dem Speicher und Du bist der erste Mensch, den ich seit langen Jahren wieder sehe. So, das war meine Geschichte und nun wei├čt Du hoffentlich, warum ich so traurig bin."
"Ja" fl├╝sterte ich mit einer Tr├Ąne im Auge und war drauf und dran, dem kleinen M├Ąnnchen ├╝ber die Glatze zu streicheln. Doch dann lie├č ich es, da mich Berti bat, ihn in Ruhe zu lassen. Er h├Ątte sich wirklich damit abgefunden und wolle in Frieden sein Leben zu Ende f├╝hren. Wenn ich ihn aber wirklich einen guten Dienst erweisen wolle, so solle ich seine Geschichte nie vergessen und vielleicht einmal zu Papiere bringen.
Viele Wochen sind seit diesen Abend vergangen und ich habe in so mancher einsamen Minute an mein kleines Strichm├Ąnnchen gedacht. Hans habe ich von seinem Spr├Â├čling nichts erz├Ąhlt, da ihn schlimme Geschichten aus der Vergangenheit nicht interessieren und Karli hat sowieso nur seine Computer im Kopf. So bin ich nun die einzige, die vom Leid des lieben Berti wei├č und bin mir manchmal nicht mehr ganz so sicher, ob es nicht viele M├Ąnner gibt, die zwar viel gr├Â├čer und reicher sind als er ,aber bei weiten keinen so guten Charakter haben.
Ach, w├Ąre doch mancheiner von Ihnen auch so ein netter Kerl, wie mein guter Berti. Ich w├╝rd' was darum geben.
Ich w├╝rd' was darum geben .......... !




1986

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