Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92255
Momentan online:
254 Gäste und 9 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzprosa
Berührungsängste
Eingestellt am 20. 10. 2009 09:53


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Rote Zora
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: May 2009

Werke: 2
Kommentare: 9
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Rote Zora eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Sie schauen Filme nie gemeinsam bis zum Schluss.

Etwa eine Viertelstunde vor Ende sagt sie für gewöhnlich Sätze wie: „War ein anstrengender Tag heute, ich geh schon mal ins Bett“, oder „Sei mir nicht böse, Schatz, aber ich schlaf gleich ein“, gibt ihm einen flüchtigen Kuss, fühlt sich gehetzt, geht schnell nach oben. Zähne hat sie in der letzten Werbepause schon geputzt.

Kurz danach kommt er ins Schlafzimmer, wo sie sich bereits alle Mühe gibt, möglichst tief und gleichmäßig zu atmen. Hör doch, ich schlafe, schlafe, schlafe, leg dich hin und träum was Schönes, bitte … Hin und wieder rutscht er zu ihr herüber, kuschelt sich an ihren versteinerten Körper und beginnt, an ihrer Schlafanzughose herumzufummeln, die sie Sommer wie Winter trägt. Beim Kauf hat sie extra darauf geachtet, dass sie über eine Kordel verfügt und nicht nur mit Gummibund ausgestattet ist.

„Hey“, haucht er ihr dann manchmal ins Ohr, „ich weiß, dass du noch wach bist, komm schon …“ Während er sich am Doppelknoten ihres Hosenbundes zu Schaffen macht, gibt sie meistens irgendein scheinbar schlaftrunkenes Gemurmel von sich, rückt so weit auf ihre Seite des Bettes, dass sie fast herausfällt und schickt Stoßgebete ans Universum, er möge doch bitte einsehen, dass es auch diesmal keinen Zweck hat.

Geh weg, rutsch zurück, fass mich nicht an, lass los.

Anfangs konnte sie es ertragen, von ihm angefasst zu werden, aber das änderte sich bald. Wenn sie merkte, was er wollte, kroch sie immer häufiger direkt unter die Decke und sorgte zwischen seinen Schenkeln dafür, dass er bekam, was er brauchte – ohne ihm geben zu müssen, was sie nicht geben wollte. Darin besteht bis heute ihr Körperkontakt.

Berührungen machen ihr Angst, ersticken sie, winden sich um ihre Seele, wie eine ausgehungerte Boa constrictor um ein wehrloses Kaninchen.

Sie weiß nicht mehr, wann sie aufgehört hat, andere Menschen zu berühren, oder an sich heranzulassen. Doch bereits als Kind war es ihr bedeutend lieber, wenn ihre Mutter mit dem Gürtel, dem Kochlöffel oder anderen Gerätschaften zuschlug, anstatt mit nackten Händen.

Auch Vaters Besuche in ihrem Bett waren immer noch eine Spur abscheulicher, wenn er mit nackter, schwitzig-stinkender Haut zu ihr kam, anstatt irgendein Pyjama-Oberteil zu tragen, durch das ihre Körper wenigstens scheinbar voneinander getrennt blieben.

Nicht selten hätte sie ihren Eltern gern den Hals umgedreht – doch dafür hätte sie sie berühren müssen.

__________________
"Und ich frage mich, ob eine Erinnerung etwas ist, das man hat, oder etwas, das man verloren hat ..."
Woody Allen

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Ralf Langer
Routinierter Autor
Registriert: Sep 2009

Werke: 304
Kommentare: 2919
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Ralf Langer eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

hallo rote zora,
von mir erst einmal ein herzliches willkommen
in der ll.
Eine von vornherein emotional belastete thematik
hast du dir da ausgesucht.
es fällt mir daher schwer zu sagen, ob mir
die geschichte gefällt.
gelungen finde ich allerdings die bilder um die
beührungsängste und
auch das einfliessen der gedanken von lyrich
im laufe des textes.
auch gelungen ist die umkehr der gedanken
im leser von einer spröden frau die einfach nur
schlafen will, hin zum kind und dem mißbrauch.

weiter so
ralf
__________________
RL

Bearbeiten/Löschen    


Rote Zora
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: May 2009

Werke: 2
Kommentare: 9
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Rote Zora eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Ralf!

Herzlichen Dank für dein Feedback!

Weißt du, ich kann auch nicht sagen, ob mir der Text "gefällt" und deshalb hatte ich gerade auch ein wenig Bammel vor dem Lesen deines Kommentars - was aber unnötig war, ich habe deine Sicht auf den Text sehr gern gelesen.

Schwieriges Thema, richtig, aber es wollte einfach geschrieben werden, warum auch immer. Vielleicht ging es nur um das Aufzeigen der weiten, weite Kreise, die manche Dinge ziehen können - und die sich irgendwann verselbständigen und von niemandem mehr nachvollzogen werden können.

Wie auch immer, als Nächstes "überfällt" mich hoffentlich ein erfreulicheres Thema.

Nochmals danke und einen schönen Mittwoch wünsche ich dir!

Liebe Grüße,
Zora
__________________
"Und ich frage mich, ob eine Erinnerung etwas ist, das man hat, oder etwas, das man verloren hat ..."
Woody Allen

Bearbeiten/Löschen    


bluefin
Guest
Registriert: Not Yet

hallo @zora,

was sollte an diesem immer und immer wieder abgenudelten thema "schwierig" sein? in der hier von dir vorgelegten, oberflächlichen art wird es uns doch tagtäglich bis zum abwinken vorgesetzt, weils so einfach geht. man mag's gar nicht mehr lesen. "weite kreise"? die, von denen du uns erählst, haben leider fast keinen radius. sie nur die zwei punkte: ekel und hass - eben jene, die sich auch im publikum hervorrufen lassen und von der presse deshalb gern und eifrig bedient werden.

wenn du mit opfern redest, erzählen sie dir in der tat schwieriges: vom schrecklichen vertrauensverlust, der ihnen wiederfuhr, als die mutter immer wieder wegsah; von der zerissenheit, die darin bestand, dass sie den missbrauch ausgerechnet von jenem menschen zu erdulden hatten, den sie doch eigentlich lieb hatten oder lieb haben wollten und von der furcht, für das, was sie da mitmachten, von einer gesellschaft nicht getröstet, sondern entweder ausgestoßen oder aber erst recht missbraucht zu werden. und vom allein sein müssen. allein sein - ganz gleich, ob's jungens sind oder mädchen.

du kannst doch gut schreiben und dich gut ausdrücken. verfall nicht in den fehler, nur das abzuzeichnen, was schon tausendmal an allen wänden hängt, sondern such einen eigenen zugang zu allem: es gibt ihn immer.

and: welcome 2 the club!

liebe grüße aus münchen

bluefin

Bearbeiten/Löschen    


Rote Zora
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: May 2009

Werke: 2
Kommentare: 9
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Rote Zora eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo bluefin!

Auch dir ein herzliches DANKE für deine Worte zu meinen Zeilen! Du packst eigentlich alles rein in deinen Kommentar, was in meinem Text nicht vorhanden ist.

Ich habe noch nie sowas Kurzes geschrieben und mir ist deshalb auch sehr bewusst, dass nur eine einzige kurze Szene beschrieben ist, die über das Ausmaß der ganzen Sache (geschweige denn das Empfinden der Person) nicht wirklich viel berichtet; mag sein, dass ich mich intensiver gar nicht mit dem Thema auseinandersetzen wollte - ich kann`s ehrlich gesagt nicht mal genau sagen ...

Ich hoffe, in Zukunft schaffe ich es wieder etwas tiefer ins Wasser, dümple nicht nur an der Oberfläche herum und kriege mein eigenes Bild an die Wand gepinselt - das wär schöööön!

Nochmals DANKE für dein Feedback und liebe Grüße,
Zora

__________________
"Und ich frage mich, ob eine Erinnerung etwas ist, das man hat, oder etwas, das man verloren hat ..."
Woody Allen

Bearbeiten/Löschen    


HerbertH
???
Registriert: May 2007

Werke: 860
Kommentare: 6461
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um HerbertH eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
back to the text :)


ich bin natürlich dem Weiblichen ferner als Du, Lesemaus,
aber psychologisch wird der Text für mich schlüssig, wenn ich mir vorstelle, dass Sie zwar nicht will, aber das nicht äußern kann, weil der Missbrauch den Widerspruchsgeist in ihr getötet hat.

LG

Herbert

Bearbeiten/Löschen    


24 ausgeblendete Kommentare sind nur für Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zurück zu:  Kurzprosa Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!