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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Beruf: Clown
Eingestellt am 23. 11. 2001 14:11


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traeumerin
Hobbydichter
Registriert: Nov 2001

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Beruf: Clown

Ich wei├č nicht, wie es begann. Ich wei├č nicht, wie ich auf die Idee gekommen bin. Ich wei├č nur, dass ich etwas machen wollte, was sonst niemand machte von meinen Freunden. Etwas Au├čergew├Âhnliches. Vielleicht war ich auf der Suche nach Anerkennung, vielleicht wollte ich aber auch einfach etwas Fr├Âhlichkeit auf die Gesichter von Menschen zaubern. Heute wei├č ich es besser. Heute kenne ich den eigentlichen Grund f├╝r meine Berufswahl. Meine Berufswahl, die in meinem Freundeskreis allgemein bel├Ąchelt wurde. Doch ich hatte mir ein festes Ziel gesteckt: ich wollte Clown werden.

Und ich habe es geschafft. Ich wurde ein Clown. Wenn mich jemand fragte, wer ich sei, dann war dies auch meine Antwort: ich bin ein Clown. Einige Menschen bel├Ąchelten mich noch immer, doch die meisten fanden die Vorstellung, einem Clown gegen├╝berzustehen, faszinierend. Sie wurden in ihre Kindheit zur├╝ckversetzt und konnten dem Alltag f├╝r eine Weile entkommen, wenn ich eine meiner Nummern darbot. Das Gel├Ąchter war gro├č, wenn ich zum x-ten Mal ├╝ber ein und denselben Stuhl stolperte oder wenn ich es einfach nicht auf die Reihe bekam, meiner Trompete einen vern├╝nftigen Ton zu entlocken.
Doch es war ein anstrengender Job und ich w├╝nschte mir teilweise, dass die Menschen entdeckten, wie es hinter meiner Maske aussah. Die Maske, die immerzu l├Ąchelte, die Maske, die alle wahren Gef├╝hle versteckte, die Maske, hinter der ein Mensch voller Melancholie, voller Gef├╝hle steckte. Ich wollte, dass mir, w├Ąhrend einer meiner Auff├╝hrungen, jemand diese Maske vom Gesicht riss, mir in die Augen schaute und erkannte, wie es mir wirklich ging. Doch die Menschen sahen nur die Maske und wollten gar nicht wissen, wie es dahinter aussah. Sie hatten Angst, sich selber zu erkennen.

Am Anfang war ich einfach nur gl├╝cklich ├╝ber meinen Erfolg als Clown. Ich erkannte, dass ich anderen Menschen einen Teil meiner Fr├Âhlichkeit schenken konnte. Doch nach und nach verlernte ich die F├Ąhigkeit, wirklich fr├Âhlich zu sein. Das L├Ącheln war zur Routine geworden und ich war froh, mein Gesicht hinter Bergen von Schminke verstecken zu k├Ânnen. Denn hinter der Maske sah es bei weitem weniger fr├Âhlich aus. Ich sp├╝rte eine tiefe Trauer ├╝ber mich kommen, wenn ich es schaffte, die Menschen zum Lachen zu bringen. Denn ich hatte meine Fr├Âhlichkeit verschenkt. Ich war nicht mehr f├Ąhig, selbst wirklich fr├Âhlich zu sein. Zwanghaft versuchte ich meine Fr├Âhlichkeit zur├╝ckzugewinnen, indem ich ganz zum Clown wurde. Auch nach der Arbeit legte ich mein Kost├╝m und meine Maske immer seltener ab. Ich nahm eine neue Identit├Ąt an. Die Identit├Ąt eines st├Ąndig gut gelaunten Clowns. Doch je mehr ich den Menschen meine aufgesetzte Fr├Âhlichkeit vermittelte, umso weniger besa├č ich die F├Ąhigkeit, zu f├╝hlen, zu denken, Mensch zu sein. Ich hatte keine Freunde mehr und dachte auch, keine Freunde zu brauchen. Ich war eine Maschine und das wichtigste war, dass die Menschen ├╝ber mich lachten. Es war eine neue Form von Fr├Âhlichkeit, die ich selber nicht sp├╝ren konnte. Aber ich versp├╝rte eine Genugtuung, wenn ich daran dachte, wie ahnungslos die Menschen doch waren, wie wenig sie von mir kannten.

Bis eines Tages nach einer Auff├╝hrung ein kleines M├Ądchen zu mir kam. Sie hatte sich im Zirkuszelt auf der Suche nach einer Toilette verlaufen und da stand sie nun, mitten in meiner Garderobe und bekam ihren kleinen Mund vor Staunen nicht mehr zu. Ich war gerade dabei, mich abzuschminken. Da h├Ârte ich ihre zarte Stimme fast fl├╝sternd: ÔÇ×Du bist ja gar kein Clown!ÔÇť Ich zuckte zusammen. Als ich mich wieder gefasst hatte, drehte ich mich langsam um und blickte in gro├če Kinderaugen. Und da sah ich eine Tr├Ąne ├╝ber die Wange des kleinen M├Ądchens kullern. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, verlie├č sie die Garderobe. Ich hatte sie entt├Ąuscht. Noch nie in meinem Leben hatte ich einen Menschen so entt├Ąuscht, wie dieses kleine M├Ądchen. Alle ihre Illusionen waren zerst├Ârt und vielleicht w├╝rde sie nie in ihrem Leben wieder einen Zirkus besuchen. Und da merkte ich es, ich war gar kein Clown. Ich wollte auch gar kein Clown sein. Ich wollte leben, meine Gef├╝hle zeigen und auch den Mut haben, traurig zu sein. Ich wollte meine Maske absetzen und ich wollte einfach nur dasitzen und weinen, um dann sp├Ąter wieder wahre Fr├Âhlichkeit versp├╝ren zu k├Ânnen. Ich beschloss, mich nie wieder hinter einer Maske zu verstecken. Ich wollte anfangen, wieder ein Mensch zu sein.

Und ich habe es geschafft. Heute bin ich wieder ein richtiger Mensch. Ich habe Freunde, wie jeder andere Mensch auch, ich habe Gef├╝hle, wie jeder andere Mensch und ich bin bereit, diese offen zu zeigen. Ich kann traurig sein und manchmal gelingt es mir, wirkliche Freude zu sp├╝ren. Aber einmal im Jahr besuche ich noch den Zirkus. Zwar nur als Zuschauer, aber ich ertappe mich jedes Mal dabei, dass ich Ausschau nach einem kleinen M├Ądchen halte, welches die Manege betritt und dem Clown die Maske liebevoll vom Gesicht entfernt.

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