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Leselupe.de > Anonymus
Beschreibung eines Kampfes
Eingestellt am 22. 06. 2011 15:33


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Anonymous
Unbekannter Verfasser
Registriert: irgendwann

P. fuhr hoch. Hatte es geklingelt? War jemand an der Haustür? Er hielt den Atem an. Der Wind fuhr durch die beiden Kastanien vor seinem Haus, das Rascheln der Zweige klang trocken, flach, heiser. Durch das Fenster sah er den bleichen Mond, davor teilnahmslos treibende schwarz-graue Wolkenfetzen. Das Mobiltelefon auf dem Nachttisch und die Steckdosenleiste am Boden gaben schwache Schimmer blassroten, blutleeren, gefrorenen Lichts. Ein leises Brummen im Raum. Weiter weg ein Rauschen. Er hielt sich die Ohren zu. Das Rauschen verstärkte sich, kam näher. War in ihm...

Ihm fiel ein, dass es sein eigenes Blut sein konnte. Ein leichtes Brennen im Bereich des linken Oberarmes erinnerte ihn an die Warnungen seines Arztes – wie viele Zigaretten hatte er gestern geraucht, was und wie viel hatte er getrunken?

Durch den schmalen Spalt der angelehnten Zimmertür drang ein anderes Licht. Es war zwar ähnlich abgestanden und fahl wie das Licht in seinem Zimmer, jedoch blaustichig und dadurch intensiver, aufdringlicher. Vielleicht war es das, was ihn nicht schlafen ließ. Ja, er hatte den PC in seinem Büro nicht ausgeschaltet. Aber wieso leuchtete der Schirm? Es gab doch einen Stromsparmodus?

Er überlegte einen Moment, ob er aufstehen solle. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. Wälzte sich auf die andere Seite, dann auf den Rücken. Er tastete neben sich, zog das Kopfkissen vom leeren Nebenbett, schob es auf sein Gesicht. Das blaue Licht schien eine seltsame Kraft zu haben: Konnte es denn durch ein Kissen und die geschlossenen Augenlider..?

Was hatte er eigentlich zuletzt geschrieben, was eingetippt.? Er versuchte sich zu erinnern. Ein Brief ans Finanzamt? Ein Angebot fĂĽr A? Er konnte es nicht mit Bestimmtheit sagen.

Was hatte er geträumt, bevor er aufwachte? Hatte wirklich ein Unbekannter auf seiner Brust gesessen und ihm überlegen und frech lächelnd in die Augen geschaut, von sehr weit oben und sehr siegessicher..? Er hatte Luftknappheit verspürt, ja. Und er hatte geträumt, er sei in einem ganz, ganz langsamen, aber eindeutig unabwendbaren Ersticken, und der Typ auf seiner Brust grinse dabei und beobachte ihn genüsslich…

Vorsichtig zog er sich hoch, stand einen Moment. Taumelte zwei, drei Sekunden. Schlurfte zur ZimmertĂĽr.

In seinem Büro lagen mindestens zehn Aktenordner auf dem Boden; der Papierkorb quoll über. Auf dem Schreibtisch Zigaretten, ein halbleeres Glas Wein, ein angebissener Apfel; der letzte Brief seiner Frau. Wie oft hatte er ihn gelesen, wie oft wollte er ihn zerreißen und hatte es nicht geschafft. Ob sie auch schlaflos lag? Nein, sicher nicht. Sie würde gut schlafen und träumen und sich an jenen drücken – er ballte die Fäuste, dass sie schmerzten. Sofort verstärkte sich das Brennen im linken Oberarm; in seinem Kopf Migräneblitze.

Schlaff ließ er sich in den Bürostuhl fallen. Griff nach der Maus, schob den Mauszeiger auf den Button „PC abschalten“. Zögerte. Dann schob er die Hand in seine Unterhose und ging ins Netz.

Nach einer halben Stunde in verschiedenen Sexportalen fühlte er eine Art Komplettbleischwere und totale Leere zur gleichen Zeit. Er löste die verkrampfte Hand von der Maus, wischte sich erneut den Schweiß von der Stirn. Entschlossen zog er den Mauszeiger auf das Feld „Computer ausschalten“ und klickte.

Eine Meldung erschien: „Schalten sie den Computer nicht aus, er wird automatisch heruntergefahren!“ P. seufzte und starrte auf den bläulich leuchtenden Schirm. Er wartete, wartete. Dachte an seine Frau: Warum hatte er nichts gemerkt…

Er fluchte vor sich hin. Wie lange dauerte das heute, verdammt. Hatte sich die Kiste festgefahren? Er schlug drei Tasten an: Alt+Control+Delete – keine Reaktion. Ein Fenster öffnete sich, ein Text wurde sichtbar: „Updates werden installiert, bitte nicht abschalten!“

P. hätte zurückgehen können in sein Schlafzimmer. Einfach zurück ins Bett, dabei hätte er die Tür zum Büro hinter sich zugeschlagen. Kein bläulich schimmerndes Licht würde ihn mehr erreichen, seine müden Augen reizen, seinen Schlaf stören, Alpträume auslösen…Wenn er das Rollo herunterließe, den Schalter der Steckdosenleiste auf Null setzte und das Mobiltelefon unter eine Decke legte, wäre es vermutlich dunkel im Raum. Ganz dunkel. Er zögerte. Dachte nach. Wollte er das überhaupt? Konnte er denn bei völliger Dunkelheit einschlafen? Er zuckte mit den Schultern. Er war sich nicht sicher. Schließlich verwarf er den Gedanken an die heilsame Wirkung völliger Dunkelheit…

Er zählte die Updates mit. 7, 6, 5… Die Zeit dehnte sich. Er griff unter den Tisch, fühlte den Hals einer Flasche. Zog die Hand wieder zurück. Nein, er würde jetzt nichts trinken. Nicht jetzt, mitten in der Nacht. Er fuhr mit der Hand noch mal in die Unterhose, berührte seinen Schwanz. Rieb ein wenig. Das Teil kam ihm vor wie ein Fremdkörper.

Auf dem Schirm blinkte eine neue Meldung: „Die Updates konnten nicht vollständig installiert werden, die Routine wird wiederholt!“

P. stöhnte. Er bückte sich unter den Schreibtisch, setzte den Schalter der Steckdosenleiste auf Null, zog mit der anderen Hand die Flasche hervor. Nahm einen großen, langen Zug.

Bei Update Nr. 4 passierte nichts mehr. Das Bild auf dem Monitor gefror, strahlte aber weiter in aufdringlichem Blau. P. stutzte. Er hatte doch den Strom unterbrochen! Ungläubig sah er nach der Betriebs-LED des PC, dann nach dem Schalter der Steckdosenleiste. Da war kein Strom mehr…

P. befiel Angst. Irgendwas etwas war heute anders. Wollte ihn der Monitor foppen? Hatte er mit seiner Trinkerei eine Grenze überschritten? Oder litt er schon an Halluzinationen, gar an Demenz? Er drehte die Web-Cam zur Seite. Beobachtete ihn jemand, machte sich jemand einen Spaß? Aber – wer sollte das sein?

Seine Frau hatte oft behauptet, er bilde sich Dinge ein, die nicht existierten. Der Mann, von dem er nichts wusste, den er sich aber einbildete und den er ihr vorwarf, existierte dann plötzlich doch…

Er stand auf, beugte sich über den Monitor, zog das Kabel heraus. Fassungslos gewahrte er, wie das Ding weiter sein aufdringliches, widerlich-nervtötendes, unendlich intensives Blaulicht in den Raum schleuderte, diesen ausfüllte. Ein Licht, in dem man hätte gleichzeitig verbrennen, austrocknen, erfrieren und ertrinken können…

Ihm kam eine Idee. Er zog die Schreibtischschublade ein Stück auf, fingerte nach einem Schraubenzieher. Ein Schmerz durchzuckte ihn, er zog die Hand zurück. Er öffnete die Schublade ganz. Im Blaulicht glänzte wächsern eine Schere, mit einem Tropfen Blutes an der Spitze. Blut mit einem Stich ins Lilafarbene…Er nahm das Instrument, betrachtete es. Dann griff er mit der Linken nach dem Monitor, hielt ihn fest, und stieß mit der Schere in der Rechten zu.

Glas und Kunststoff splitterten, ein Loch mit strahlenförmigen Rissen klaffte am unteren Rand und –

der Monitor ätzte weiter sein Säureblau in die Welt! P. sprang hoch, riss den Monitor vom Tisch, trat mit dem Fuß dagegen, kickte ihn wie wild durchs Zimmer. Sprang darauf. Das blaue Licht verstärkte seine Intensität.

P. wurde ruhig. Er musste dem Geheimnis auf die Spur kommen. Wenn er schon verrückt war, so würde ihm das jemand bestätigen. Er wollte es wissen, jetzt, sofort. Am besten von amtlicher Seite. Er griff zum Telefon, wählte die 110. Erzählte dem Dienst habenden Beamten gehetzt von einem Wohnungseinbruch, man müsse sofort kommen.

Wenige Minuten später öffnete er zwei Polizisten die Tür und führte sie in sein Büro. Es war dunkel. Er knipste das Licht an. Die stark deformierten Reste des Monitors lagen auf dem mit Scherben übersäten Boden. P. drehte ihn um. Die einst ebenmäßige, nun chaotisch beulige Oberfläche schwieg in einem stumpfen, müden Grau vor sich hin. Ein Loch klaffte…



Version vom 22. 06. 2011 15:33

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