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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Besichtigung
Eingestellt am 26. 04. 2015 23:02


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Mistralgitter
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Besichtigung

Mir war dieser Museumsbesuch eigentlich von vorneherein zuwider, erst recht diese Aufforderung zum Verkleiden. Wie bei einem Theaterspiel, sagte der MuseumsfĂŒhrer. Einen Hut aufsetzen, ein Tuch umbinden und schon seien die Besucher Teil der Ausstellung, erklĂ€rte er. Das sei im Eintrittspreis mit inbegriffen. Ich durchwĂŒhlte den Korb mit den HĂŒten, probierte lustlos einen roten, dann einen grĂŒnen, zog noch einen grauen heraus und schließlich keinen mehr. Meine Haare dufteten frisch gewaschen und das sollte so bleiben, ohne Hut.

„Wollen Sie nicht stattdessen eine seidene Stola oder Fausthandschuhe nehmen?“, schlug mir ein Ă€lterer Mann vor. Er warf sich gerade schwungvoll eine lila Federboa ĂŒber den schwarzen Anzug und lĂ€chelte schalkhaft zu mir herĂŒber.
Erstaunt schaute ich ihn genauer an und war mir sicher. Der katholische Priester stand vor mir, ein undurchsichtiger Mensch, dem ich schon einmal in diesem Haus begegnet war.
Ich lehnte kopfschĂŒttelnd ab, zĂ€hlte dem MuseumsfĂŒhrer mein Eintrittsgeld auf den Cent genau hin und erhielt einen „Bezahlt“-Stempel auf den linken nackten HandrĂŒcken.

Hier im Hauseingang roch es modrig und zugleich nach Abfall und Heizungsöl. Aber das störte wohl niemanden. Mir wurde beinahe ĂŒbel davon. Am liebsten wĂ€re ich wieder umgekehrt, weggelaufen, hĂ€tte ĂŒber den von hohem Gras und GestrĂŒpp ĂŒberwucherten Vorgartenweg das Weite gesucht - wie damals. Doch das wĂ€re feige. Dies hier war eine Gelegenheit, um unauffĂ€llig meinem Verdacht nachzugehen und Material zu sammeln. Also riss ich mich zusammen und stieg mit den anderen Besuchern die Stufen hinauf bis zur glĂ€sernen WohnungstĂŒr.

Der TĂŒrkranz mit seinen lĂ€ngst verwelkten, eingestaubten Sommerblumen und der verblichenen Schleife hing immer noch da - trauriges Relikt einer fröhlicheren Zeit. Und ein massiver Rollstuhl neben der TĂŒr erinnerte daran, dass das Leid vor diesem Haus nicht Halt gemacht hatte.
Wir befĂ€nden uns im Wohnhaus der Familie Hafflerog, das glĂŒcklicherweise noch im ursprĂŒnglichen Zustand mit dem Originalinventar erhalten werden konnte, erklĂ€rte der FĂŒhrer. Zuletzt bewohnte der Witwer Lorenz Hafflerog bis vor zwei Jahren diese untere Etage alleine. Das Obergeschoss sei an die Nichte vermietet worden.

Der Kranz schaukelte, als der MuseumsfĂŒhrer die EtagentĂŒr öffnete. Wir drĂ€ngelten uns in den engen, langgestreckten Flur hinein.
Wie den meisten bekannt sei, habe der EhrenbĂŒrger Lorenz Hafflerog ĂŒber sechzehn Jahre lang seine völlig gelĂ€hmte Frau bis zu deren Tod in dieser Wohnung gepflegt, erklĂ€rte er. Eine großartige Leistung, die dieser Mann neben seinem beruflichen und ehrenamtlichen Engagement vollbracht habe. Dieses Haus diente schon lange als privat betriebene ErinnerungsstĂ€tte fĂŒr Frau Hafflerog. Da es aber darĂŒber hinaus einige fĂŒr die Allgemeinheit bedeutsame SehenswĂŒrdigkeiten beherberge und Lorenz Hafflerog aufgrund seines Alters den Museumsbetrieb nicht mehr aufrecht erhalten konnte, sei nun die Stadt in die Bresche gesprungen.

Der FĂŒhrer wollte die EingangstĂŒr hinter mir zuziehen. Deshalb trat ich zur Seite, stolperte aber ĂŒber einen der drei verwaschenen Flickenteppiche auf dem Flur und wĂ€re hingefallen, wenn mich nicht der Priester rechtzeitig am Ärmel festgehalten hĂ€tte.
„Das ist mir auch schon oft passiert, wenn ich hier zu Besuch war“, meinte er nachsichtig. Dann streckte er sich zu den Tannenzweigen an der Flurdecke, die als Weihnachtsschmuck aus vergangenen Zeiten vor sich hin trockneten. Und als ob es das SelbstverstĂ€ndlichste von der Welt wĂ€re, griff er eine rote Christbaumkugel heraus und hĂ€ngte sie sich zum Spaß in das Loch in seinem rechten OhrlĂ€ppchen.
„Wollen Sie auch eine?“, fragte er und nahm noch eine silberne Kugel herunter. Nein, ich wollte nicht.
„Oder Sie?“ Er hielt sie einer jungen Frau hin. Das sei ja eine spaßige Idee, meinte sie munter und befestigte die Kugel an ihrem Schal. Dann nahm er noch einen schwarzen Filzhut vom GarderobenstĂ€nder, setzte ihn voller Übermut schief auf seinen Kopf und amĂŒsierte sich ĂŒber mein kritisches Stirnrunzeln.
„Ich darf das, glauben Sie mir. Es ist doch alles nur ein Spiel“, scherzte er, „nehmen Sie es nicht so tragisch und ernst.“
Solche SpĂ€ĂŸe waren mir zu albern und unpassend fĂŒr einen Priester. Schließlich war Fastnacht lang vorbei.

Wie man sehen könne, seien die schwarzen Schleifspuren der RollstuhlrĂ€der wieder freigelegt worden, fuhr der MuseumsfĂŒhrer fort. Eine ehemalige LebensgefĂ€hrtin des Hausherrn habe bei Renovierungsarbeiten diese markanten EinfĂ€rbungen der Tapete unvorsichtigerweise beinahe zerstört. Nun habe man sie wieder herausarbeiten können. Auch die LackschĂ€den an den TĂŒrblĂ€ttern und TĂŒrrahmen seien noch im Original erhalten. Interessiert und nahezu andĂ€chtig standen die Besucher davor.

Ich betrachtete missmutig die verunstalteten Stellen und malte mir zum wiederholten Mal aus, wie oft der Rollstuhl wohl gegen die Wand gefahren worden war. Und ich dachte einmal mehr an die beiden Menschen, die hier in einander verflochten ĂŒber Jahrzehnte lebten: Lorenz Hafflerog und seine Ehefrau. Sie, die zuletzt gĂ€nzlich hilflos auf ihren Mann angewiesen war, abhĂ€ngig von dessen Können oder Nichtkönnen, von seiner Geduld oder Ungeduld und von seinem EinfĂŒhlungsvermögen, eine Göttin und gelĂ€hmte Geliebte, der er Tag und Nacht diente, aber die ihm auch widerstandslos ergeben war. Wie schillernd und beunruhigend Beziehungen doch sein können!

Die Besuchergruppe war inzwischen ins Arbeitszimmer gegangen. Nichts hatte sich verĂ€ndert, seitdem ich das letzte Mal hier war. Immer noch versperrten Cotoneasterzweige, die aus dem Garten wild empor rankten, die freie Sicht aus dem Fenster. Sie ließen nur diffuses Licht herein. Wie abgeschirmt von der Außenwelt kam ich mir hier immer vor. Eine unangenehme AtmosphĂ€re lag ĂŒber dem Raum. Ich kann Cotoneaster nicht leiden. Noch nicht einmal als Grabbepflanzung wollte ich ihn haben, erst recht nicht in meinem Garten. HartnĂ€ckig ist er wie Löwenzahn, Brennnesseln oder Schachtelhalm, die immer wieder nachwachsen, die ich nie ausrotten konnte.

Dieser Raum sei ein eindrucksvolles Beispiel fĂŒr das kulturelle und kĂŒnstlerische Interesse des Ehepaares, erklĂ€rte der FĂŒhrer. Abgesehen von dem ĂŒberaus reichhaltigen BĂŒcherbestand, der sowohl Fachliteratur als auch Belletristik umfasse, solle man sein Augenmerk besonders auf das farbenfrohe Bildnis einer modernen Venus richten.
Das einzig Farbenfrohe in diesem dĂŒsteren Raum sind die Besucher mit ihren bunten HĂŒten und Schals, dachte ich bitter. Sie bĂŒckten oder streckten sich eifrig, um die Titel der BuchrĂŒcken zu lesen. Andere betrachteten tatsĂ€chlich eingehend das Bild in der linken Zimmerecke neben dem Fenster. Einige Besucher waren so angetan davon, dass sie sich stolz neben dem Bildnis fotografieren ließen. Dabei hing da nur ein billiges Poster mit einer Nacktdarstellerin in erotischer Pose.

Erotik sei ein wichtiger Teil des menschlichen Lebens, dozierte der MuseumsfĂŒhrer. Diese Einsicht habe das Ehepaar in seiner Wohnung bewusst und stilsicher integriert. Auch die rote Rose, die auf dem ĂŒbergroßen, gemeinsam genutzten Schreibtisch lag, sei ein greifbares Beispiel dafĂŒr.
„Und der wilde Knabe brach ’s Röslein auf der Heiden“, summte der Priester leise vor sich hin und zwinkerte mir zu. Ich schaute ihn grimmig an. Mussten solche geschmacklosen Anspielungen wirklich sein?

Inzwischen hatte der MuseumsfĂŒhrer die zweiteilige FalttĂŒr zum Wohnzimmer aufgeschoben. Tief beeindruckt standen die Besucher nun vor einer Krippenlandschaft, die sich ĂŒber das gesamte Wohnzimmer und einen Teil des angrenzenden Esszimmers erstreckte.
Die Museumsleitung sei froh, dass Herr Hafflerog vor seinem Umzug ins Pflegeheim seine Weihnachts- Krippe stehen gelassen habe, erklĂ€rte der MuseumsfĂŒhrer. Er hĂ€tte sie schon seit geraumer Zeit nicht mehr abbauen können, weil ihm die Kraft gefehlt habe. Sie umfasse eine FlĂ€che von etwa sechzehn Quadratmetern. Jedes Jahr habe er sie innerhalb von vierzehn Tagen aufgebaut. Sie bestĂŒnde aus mehr als vierundvierzig Figuren, die er zusammen mit seiner kranken Frau geschaffen habe, als Therapie sozusagen, damit sie das Sprechen wieder lerne und sie beide ein gemeinsames Projekt hĂ€tten.
Die Besucher konnten sich nicht satt sehen, betrachteten das Wunderwerk von allen Seiten und fotografierten unentwegt die vielen Details: die Hirten am glĂŒhenden Holzfeuer, dazu die Schafe, eine bunt gekleidete Menschengruppe mit Kindern auf dem Weg zum Stall, die Weisen aus dem Morgenland mit ihrem Gefolge und den Tieren, eine weißgekleidete Engelschar mit vielerlei Instrumenten ĂŒber dem Stall, in der die Heilige Familie Platz gefunden hatte.

FrĂŒher mochte ich diese Krippe. Sie strahlte WĂ€rme aus und regte meine Phantasie an. Doch inzwischen hatte mein Misstrauen gegenĂŒber allem, was zu diesem Haus gehörte, die Oberhand. Ich blieb distanziert und kĂŒhl abseits stehen, lehnte mich an die TĂŒröffnung zum Flur und beobachtete den Priester. Er hĂ€ngte seinen seltsamen Ohrschmuck zurĂŒck in die Tannenzweige und legte den Hut ordentlich auf den StĂ€nder zurĂŒck. Nur die Federboa behielt er.
„Sind Sie fĂŒr lĂ€ngere Zeit zu Besuch?“, fragte er.
„Ich bin auf der Durchreise“, antwortete ich ausweichend.
„Sie haben sich zwar nicht verkleidet, doch Sie spielen mir etwas vor, behaupte ich mal kĂŒhn.“
„Sie doch auch“, antwortete ich gereizt.
„Wollen wir nicht die Masken fallen lassen?“
Ich antwortete mit einem entschiedenen „Nein“.

Die Besuchergruppe zog an uns vorbei zum Badezimmer. Auch hier blieb die ursprĂŒngliche Einrichtung erhalten, hieß es. HandtĂŒcher und Waschlappen hingen wie jeher griffbereit da. Auf der Spiegelablage und dem Fensterbett könne man noch Rasierwasser, Duschgels, Puderdosen und Salbentuben der Familie Hafflerog entdecken.
Neugierig warfen die Besucher einen Blick in den schwarz gekachelten Raum. Man betrachtete sich im Spiegel, inspizierte die Flaschen und Tuben, fachsimpelte ĂŒber die Armaturen in der Duschkabine oder machte VorschlĂ€ge, wie man die Kalkablagerungen aus der Badewanne und dem Waschbecken entfernen könne.
Als Besonderheit hĂ€tte man sogar die ZahnbĂŒrste der verstorbenen Ehefrau wieder finden können. Die ehemalige LebensgefĂ€hrtin des Hausherrn empfand es als unĂ€sthetisch, sich die ZĂ€hne angesichts der benutzten BĂŒrste ihrer VorgĂ€ngerin zu putzen, und hĂ€tte sie weggeworfen.
VerstĂ€ndnislos schĂŒttelten die Besucher den Kopf. Wie konnte jemand nur so gefĂŒhllos sein, tuschelten sie. Mir war es egal, was man von mir dachte. Ich fand es im Gegenzug höchst erstaunlich, welch voyeuristisches Interesse die Besucher an solch intimen Badezimmerdingen hatten.

Als nĂ€chstes öffnete der MuseumsfĂŒhrer die TĂŒr zum Schlafzimmer. Man solle hier besonders auf die Fotos an der Wand achten, sagte er. Es handele sich um Aufnahmen, die Lorenz Hafflerog von seiner verstorbenen Ehefrau gemacht habe. Drei Tage lang hĂ€tte er die Tote im Schlafzimmer aufgebahrt und ihren Leichnam mit fĂŒnfzig roten Rosen bedeckt und so fotografiert. Die Fotos seien nun vergrĂ¶ĂŸert, eingerahmt und im Schlafzimmer ausgestellt worden. UrsprĂŒnglich lagen sie auf dem Nachttisch des Witwers. Er wollte sie jederzeit griffbereit haben, um auf diese Weise der Verstorbenen auch nach ihrem Tod nahe zu sein.

Ich hatte mich schon immer vor diesen kleinformatigen AbzĂŒgen gegruselt. Dass die Leute heute ergriffen die vergrĂ¶ĂŸerten Bilder betrachteten, diesen grausigen Teil einer morbiden Inszenierung, konnte ich nicht verstehen. Auch schien sich niemand an dem Gestank nach getragenen Schuhen im Zimmer zu stören, niemand beachtete das ungemachte Bett, die umhergeworfenen KleidungsstĂŒcke und das wacklige Schuhregal hinter der SchlafzimmertĂŒr. Dass ich von einigen Details Aufnahmen machte, fiel auch nicht auf.

Zur Krönung seiner Liebe habe Lorenz Hafflerog seiner Frau ein steinernes Toten-Denkmal im Keller erbaut, verkĂŒndete der MuseumsfĂŒhrer. Ein bestimmter Raum habe sich dafĂŒr besonders geeignet.
„Im Keller?“, wunderte sich ein Besucher, wĂ€hrend wir die Treppe hinabstiegen.
„Unglaublich!“, schwĂ€rmte eine Besucherin, die als erste den Kellerraum betrat. Sie postierte sich sogleich vor einen ungeordneten Steinhaufen, der das angepriesene Denkmal darstellen sollte, setzte ihren Hut zurecht, fĂ€rbte die Lippen noch einmal rot nach und ließ sich fotografieren. Nichts als Bauschutt war es, vor fĂŒnfzig Jahren beim Errichten des Hauses aus KostengrĂŒnden hierhin geschaufelt. Darauf thronte ein Durcheinander von verstaubten Marmeladen- und EinmachglĂ€sern mit toten Fliegen, Spinnen und Kerzenresten. Wachstropfen sah ich, vertrocknete RosenblĂ€tter verteilt auf den Steinen und dazwischen - nur fĂŒr den genauen Betrachter zu erkennen - ein unscheinbares, graues HaarbĂŒschel. Ich fotografierte viel zu viel. Meine Batterieanzeige blinkte schon warnend.
„Die Fellreste einer verendeten Ratte interessieren Sie? Seltsam“, witzelte der Priester. Sarkastischer konnte man diese ganze Sache nicht umschreiben.
„Brauchten Sie Belege fĂŒr Ihren Verdacht?“
Erbost blickte ich ihn an und schwieg.

Wir verließen das Haus und gingen zum Friedhof, um die Grabstelle der Ehefrau zu besuchen. Ich hatte mir vorgestellt, einen imposanten Grabstein mit einer eindrucksvollen BlĂŒtenpracht vor zu finden. Hier lag immerhin die Frau eines angesehenen Mannes begraben. Stattdessen standen wir vor einem trostlosen StĂŒckchen Erde, wiederum von Cotoneaster heillos ĂŒberwuchert und von armseligen GĂ€nseblĂŒmchen und kratzigen GrasbĂŒscheln bewachsen. Eine verkĂŒmmerte Trauerweide breitete ihre trockenen Äste darĂŒber. Ein kalter Wind rĂŒttelte an den bunten HĂŒten und Schals der Besucher, die sich stumm und ernst um das Grab gestellt hatten. Es begann zu regnen. Mit klammen Fingern machte ich die letzten Aufnahmen fĂŒr diesen Tag. Mehr brauchte ich auch nicht, mehr ging nicht, die Batterie war leer.
Man habe alles im ursprĂŒnglichen Zustand gelassen, hieß es wiederum. Wie ich diesen Satz verabscheute! Ja, es hatte sich wirklich nichts verĂ€ndert.

„Meine Verehrung.“ Der Priester stand unvermittelt vor mir, verbeugte sich und ĂŒberreichte mir einen Strauß roter Rosen. UnĂŒberlegt wie damals nahm ich ihn entgegen. Und ich Ă€rgerte mich genauso wie damals ĂŒber solch einen völlig zusammenhanglosen, deplatzierten AnnĂ€herungsversuch. Oder gehörte diese Geste zu diesem schauerlich inszenierten TheaterstĂŒck? Sollte es ein Lustspiel sein? Ein Trauerspiel? Ein böses Spiel? Unangenehm berĂŒhrt zupfte ich ein Rosenblatt ab, dann weitere, danach einzelne BlĂŒtenköpfe, immer weiter und weiter, bis alle in der PfĂŒtze um meine nassen Schuhe schwammen. Die nackten StĂ€ngel warf ich hinter mich.
„Warum tun Sie sich das an? Aus Lust an Selbstzerstörung? Oder um ihr Selbstmitleid zu pflegen? Anscheinend fĂŒhlen Sie sich wohl dabei. Oder?“, fragte er.
Seine arrogante, bissige Art machte mich wĂŒtend.
„Sind Sie denn alle blind gegenĂŒber dem, was in diesem Haus geschah?“, brach es aus mir heraus. „Diese krankhafte Vergötterung einer Frau, neben der nichts anderes Platz hatte, dieses Schönreden eines absonderlichen Lebens, diese museale Zurschaustellung des verkommenen Haushaltes eines Mannes, der in dieser Unordnung und in solchem Dreck lebte, aber sich in Szene zu setzen und seine egomanischen Absichten gut zu kaschieren wusste. Das ist doch alles verlogen, abstoßend und krank. Und Sie unterstĂŒtzen nach wie vor dieses ganze LĂŒgengebĂ€ude!“
„Ich trete nur dann auf, wenn es meine mir zugewiesene Rolle erfordert. Und außerdem: Sie mĂŒssen doch zugeben, dass andere im Gegensatz zu Ihnen begeistert auf das reagieren, was Sie als abstoßend, verlogen und krank empfinden“, antwortete er provokant.
„Wie in einem absurden TheaterstĂŒck! Und jeder macht willenlos und blindlings bei diesem Verschleierungsmanöver mit. Die sind doch alle verrĂŒckt! Sie auch!“, brĂŒllte ich ihn an.
„Oha! Wie gut Sie das wissen! Und Sie? Sind Sie nicht verrĂŒckt? Ihre RĂŒckkehr ist doch ein beredtes Zeichen dafĂŒr. Weshalb treiben Sie sich in einen solchen Schmerz? Weshalb lassen Sie nicht los? Weil Sie verrĂŒckt sind. Schreiben Sie lieber Geschichten oder Gedichte. Das hilft, vorlĂ€ufig wenigstens!“, rief er mir zu, legte seine lila Federboa am Eingang des Friedhofs ab und verließ mit den anderen das GelĂ€nde.
Zornig und fassungslos blieb ich zurĂŒck. Wie ich dieses hochnĂ€sige, pseudopsychologische Gerede hasste! Und dann schrie ich aus LeibeskrĂ€ften so dunkel, dumpf und unheimlich, wie wenn eine hungrige Bestie umherstrich und andere das FĂŒrchten lehrte. Davon wachte ich endlich auf. Völlig benommen und zitternd vor KĂ€lte suchte ich nach meiner Bettdecke.

__________________
AST: "Ach, wissen Sie, in meinem Alter wird man bescheiden - man begnĂŒgt sich mit einem guten Anfang und macht dem Ende einen kurzen Prozess."

Version vom 26. 04. 2015 23:02
Version vom 30. 04. 2015 21:52

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aligaga
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Diese „ErzĂ€hlung“ ist recht sorgfĂ€ltig geschrieben und bemĂŒht sich immer wieder, den Leser in „etwas“ hineinzuziehen, was aber wegen eines fehlenden Plots und der kaum vorstellbaren Szenerie (die schmutzige, miefige Wohnung eines KleinbĂŒrgers soll ein „Museum“ fĂŒr etwas sein, das nicht erkennbar wird) nicht so recht gelingen will. Da hilft auch der ein bisschen unappetitliche Firlefanz mit den HĂŒten, den Glaskugeln und TĂŒchern und der spĂ€tere Rosenstrauß nicht weiter.

Letztlich kommt die Sache herĂŒber als sei’s ein Traum, der dem mit sich selbst kokettierenden lyrischen Ich bei der Aufarbeitung eines (Kindheits?)traumas behilflich sein und bei dem der Leser als schweigender Zeuge herhalten soll.

Was immer mit diesem StĂŒckerl aufgearbeitet werden möchte – ich glaube nicht, dass sich ein Leser von dieser "Besichtigung" wirklich berĂŒhren lassen kann. Er schĂŒttelt eher den Kopf, vor allem dann, wenn er in seinem Leben schon mal in einem personenbezogenen „Museum“ unterwegs war. Es gibt ein paar Tausend solcher GedenkstĂ€tten, aber die sehen alle ganz anders aus als diese und haben einen Hintergrund, der öffentlich interessiert.

G’schichtln ĂŒber schlecht verarbeitete Kindheitstraumata dagegen, in denen, so wie hier, die persönliche Befindlichkeit des lyrischen Ichs wichtig gemacht und in den Mittelpunkt gestellt werden, gibt’s Millionen. Und die hört man sich nur dann wirklich noch an, wenn sie ein bisschen spannend und ausgefallen sind. Oder wenn sie eine bemerkenswerte Botschaft haben.

Sorry, aber das ist hier alles eher nicht der Fall. Deshalb der Tipp: Aus dem Stoff etwas Interessanteres machen, notfalls einen „echten“ Alptraum.

Gruß

aligaga

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steky
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Hallo, Mistralgitter!

Ich schließe mich an, Deine ErzĂ€hlung ist sehr sauber und ohne Hektik geschrieben.

Ich habe nur einen Tipp fĂŒr Dich, der sich auf diese Rede bezieht:

quote:
„Sind Sie denn alle blind gegenĂŒber dem, was in diesem Haus geschah?“, brach es aus mir heraus. „Diese krankhafte Vergötterung einer Frau, neben der nichts anderes Platz hatte, dieses Schönreden eines absonderlichen Lebens, diese museale Zurschaustellung des verkommenen Haushaltes eines Mannes, der in dieser Unordnung und in solchem Dreck lebte, aber sich in Szene zu setzen und seine egomanischen Absichten gut zu kaschieren wusste. Das ist doch alles verlogen, abstoßend und krank. Und Sie unterstĂŒtzen nach wie vor dieses ganze LĂŒgengebĂ€ude!“

Baue sie weiter aus, versuche, eine lange, ekstatische Schlussrede zu schreiben, die eine Lösung oder eine Botschaft enthÀlt - und lasse alles, was danach kommt, weg. Eine Lösung erfordert allerdings einen langen Denkprozess, eine intensive Auseinandersetzung.

So viel von meiner Wenigkeit.

LG
Steky

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Mistralgitter
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Hallo aligaga
Hallo Steky,

eure Kommentare sind mir wichtig, als Verfasser des Textes zu erfahren, wie kommt so etwas an, was liest der Leser und was liest er nicht daraus... Eure Kommentare sind sehr nachdenkenswert. Vielen Dank.
Selten (bisher eher nie) sind meine Texte in meinen Augen fertig. Es gibt immer etwas daran zu "basteln", wenn man sie nach einer Weile wieder liest. Es ist nur im Moment die bisher bestmögliche Fassung, zu der ich fĂ€hig war und die ich deswegen einer Öffentlichkeit vorstelle.

FĂŒr mich stellt sich auch das Problem, dass ich vermute, viel zu viel - auch an Doppelbödigem - in einen verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig kurzen Text gepackt zu haben.
Mal sehen, was mir dazu in nĂ€chster Zeit noch einfĂ€llt (KĂŒrzung? Dehnung? Ein Plot?) - und vielleicht verschwindet er auch fĂŒr eine Weile wieder... wer weiß?
LG
Mistralgitter
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ThomasStefan
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Hallo Mistralgitter
Auch bin ziemlich ratlos ans Ende deines langen Textes gelangt. Sprachlich alles sehr sauber, nur darum bleibt man am Text, aber leider kommt keine Auflösung.
Dass die Story einer RealitĂ€t entspringen könnte, ist kaum vorstellbar. Vielleicht als Science Fiction, in einer Welt, in der Alte und Gebrechliche nur noch von Maschinen „gewartet“ werden und man hier daher die Wohnung des letzten Menschen zeigt, der noch selbst seine Frau gepflegt hat. Sonst ist ja das Interesse der Besucher kaum erklĂ€rbar.
Oder ist die Story doch der IrrealitĂ€t, etwa der eines Traums, entsprungen, in dem Vorkommnisse der Prota verarbeitet werden sollen? Sie kehrt ja offenbar wiederholt an einen Platz zurĂŒck, den sie von frĂŒher genauestens kennt, an dem sie geliebt und gelitten hat.
Egal wie, man wĂŒnscht sich ErklĂ€rungen.
Ein bisschen erinnert mich das Ganze an eine Fernsehserie aus den Sechzigern, „Nummer 6“. Ein Geheimagent gefangen auf einer Insel in einer irrealen Kunstwelt. Aber dieser suchte in dieser Welt immer nach ErklĂ€rungen und wollte aus ihr fliehen, immer vergeblich, und damit war man als Zuseher immer auf seiner Seite.
Bei dir möchte man die Prota verstehen, aber du und sie, ihr lasst es nicht zu.
Gruß, Thomas

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Mistralgitter
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Hallo Thomas,
Danke fĂŒr deinen Kommentar.
Es war im Zuge der Ausarbeitung des Textes tatsĂ€chlich eine meiner Überlegungen, das Ganze als einen Alptraum darzustellen. Vielleicht war das die richtigere, weil fĂŒr den Leser besser zu begreifende Idee.
Dennoch frage ich mich, ob ein Text so gestaltet sein sollte, dass es am Ende eine Auflösung geben MUSS.
Ich weiß, dass die Prot nicht einfach zu durchschauen sind - es ist bleibt vieles im Dunklen. Ich hab es erst einmal in Kauf genommen, um zu sehen, wie weit man als Autor gehen kann, ob die Leser noch mit dabei sind oder ob sie abschalten.
Dein Kommentar und die beiden bisherigen Kommentare sind sich darin einig: Der Text scheint nicht anzukommen.
Ich denke weiter darĂŒber nach.
Viele GrĂŒĂŸe
Mistralgitter
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