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Leselupe.de > Humor und Satire
Besinnliche Zeit
Eingestellt am 11. 10. 2005 17:39


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Joerg O
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Oct 2005

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Besinnliche Zeit

Meine Augen quellen ĂŒber vor Freude, wenn ich im Supermarkt endlich die ersten Lebkuchensterne des Jahres sehe. Aus Angst, sie könnten bei meinem nĂ€chsten Einkauf vergriffen sein, lade ich mir gleich den ganzen Einkaufswagen voll. Abends, wenn ich mit meinen Nachbarn im Garten sitze, gönne ich mir gleich die erste Packung. Mit einem kĂŒhlen Schluck Weizenbier, schließlich ist es Anfang September am Abend noch recht warm, spĂŒle ich mir die letzten KrĂŒmel aus dem Mund. Einmal in vorweihnachtlicher Stimmung entschließe ich mich gleich am nĂ€chsten Tag den Weihnachtsschmuck zu ĂŒberprĂŒfen, der in einem eigens dafĂŒr errichteten Anbau lagert.
Voller Stolz blicke ich auf die Unmengen von Lichtern und Figuren, die ordentlich verpackt in den RegalwĂ€nden liegen. Wie immer, wenn ich diesen Raum betrete, habe ich den Eindruck, dass noch irgendwas fehlt. Also beginne ich sofort mit dem Bau eines riesigen Renntierschlittens. Obwohl es draußen sehr schön ist, erledige ich alle Arbeiten auf dem Dachboden, wo es noch etwa 20 Grad wĂ€rmer ist als draußen. Auf keinen Fall sollen die Nachbarn mein Kunstwerk vor der Adventszeit sehen und die Möglichkeit haben, etwas noch tolleres anzuschaffen. NatĂŒrlich Ă€rgere ich mich spĂ€ter drĂŒber, dass ich nicht bedacht habe, wie klein der Einstieg auf den Dachboden ist. Ich habe keine Chance den Schlitten am StĂŒck herunter zu transportieren und muss in erst einmal zerlegen. Die einzelnen Teile verfrachte ich dann in Folie eingeschweißt in den Lagerraum. DarĂŒber, dass ich in drei Monaten nicht mehr weiß, wie die Teile zusammen gesteckt werden, mache ich mir im Moment keine Gedanken.
Die nĂ€chsten Wochen verbringen meine Frau und ich damit, uns durch unzĂ€hlige Kataloge zu arbeiten. Schließlich will man seine Weihnachtsgeschenke ja nicht auf den allerletzten DrĂŒcker kaufen.
Der erste große Höhepunkt in der Weihnachtszeit ist die Betriebsfeier. Wir treffen uns mit rund fĂŒnfundzwanzig Kollegen in einem viel zu kleinen Saal und versuchen krampfhaft in Stimmung zu kommen. Nach dem achten Glas Bier beteuern wir uns wie sehr wir uns alle mögen, obwohl wir das ganze Jahr nicht ein freundliches Wort miteinander reden. Der Chef bedankt sich fĂŒr die tolle Arbeit und erzĂ€hlt uns wie wichtig jeder einzelne von uns ist. Seine SekretĂ€rin sucht verzweifelt nach einem Opfer, mit dem es die Nacht verbringen kann und tanzt spĂ€ter am Abend nackt auf den Tischen. In der Zwischenzeit sind wir vom Bier auf Schnaps umgestiegen. Das ganze endet dann damit, dass am nĂ€chsten Morgen keiner mehr so richtig weiß, wie der Abend zu Ende gegangen ist.
Am Montag vor dem 1. Advent stehe ich dann pĂŒnktlich um 4:30 Uhr auf. In diesem Jahr will ich es schaffen als erster in unserer Straße mit der Weihnachtsdekoration fertig zu sein. Mit fĂŒnfzig Meter Lichterkette in der einen und dem Werkzeugkasten in der Anderen hand, versuche ich die Leiter zu ersteigen. Kurz bevor ich das Dach erreiche rutsche ich mit dem linken Fuß auf der Leiter ab und rutsche die kompletten achtundzwanzig Stufen zurĂŒck. Beim Aufprall auf den Boden verspĂŒre ich einen unangenehmen Schmerz am rechten Knöchel.
Drei Wochen spÀter werde ich den lÀstigen Gips dann endlich los und bin auch in diesem Jahr der letzte der den Weihnachtsschmuck anbringt.
Nach nur drei Tagen habe ich es geschafft. Die Lichterketten hĂ€ngen und es kann eigentlich nichts mehr schief gehen. Feierlich stehe ich mit meiner Frau vor dem Haus und stecke den letzten Stecker in die Steckdose. Im Haus ertönt ein merkwĂŒrdiges GerĂ€usch und alles wird dunkel.
FĂŒr diesen Fall habe ich immer eine Taschenlampe parat. Der Lichtstrahl trifft auf einen Klumpen geschmolzenes Plastik, der einmal der Sicherungskasten war. Meiner Frau steht das Entsetzen in Gesicht geschrieben. Leider ist Samstag und alle Elektriker haben schon Feierabend. Unter der Androhung von körperlicher Gewalt verbietet mir meine Frau den Sicherungskasten selbst zu reparieren, und wir verbringen ein romantisches Wochenende bei Kerzenschein.
Nachdem wir einen neuen Sicherungskasten mit der doppelten LeistungsfĂ€higkeit bekommen kann die Festbeleuchtung endlich eingeschaltet werden. Wieder stehe ich mit meiner Frau vor dem Haus. Diesmal geht’s alles gut. Taghell leuchtet der Himmel ĂŒber unserem Haus. Die Vögel beginnen verwirrt mit dem Nestbau.
Am nÀchsten Tag kommt ein Schreiben von den Stromwerken. Die Belegschaft versichert uns im nÀchsten Jahr beim Aufbau der Beleuchtung zu helfen, damit unsere Weihnachtsdekoration bis zum ersten Advent fertig ist.
Das Schlagen des Weihnachtsbaumes gehört zu den absoluten Höhepunkten der Vorweihnachtszeit. Auch wenn mich meine beiden Söhne auf Knien anflehen, einen Baum zu kaufen, lasse ich es mir nicht nehmen mir im Wald den schönsten Baum auszusuchen. Das Unternehmen entwickelt sich schnell zu einer irrsinnigen Schlammschlacht. Der Regen der letzten Wochen hat den Boden doch mehr aufgeweicht, als wir zunĂ€chst vermutet haben. Meine Söhne werfen mir böse Blicke zu und beschimpfen mich in aller nur erdenklichen Form. SpĂ€testens jetzt beschließen sie, dass ich die letzten Tage meines Lebens in einem Altenheim verbringen werde.
Endlich finden wir dann Stunden spĂ€ter einen Baum, der meinen hohen Anforderungen entspricht. Mit der MotorsĂ€ge gelingt es uns sehr schnell die Tanne zu erlegen. Mit vereinten KrĂ€ften ziehen wir den Baum dann den Hang hinauf, um dort festzustellen, dass sie fĂŒr unseren Kombi ein wenig zu lang ist. Zwei Stunden spĂ€ter haben wir es endlich geschafft die Tanne auf dem Dach zu befestigen. Die hĂ€sslichen GerĂ€usche, die die Karosserie des Wagens von sich gibt, ignorieren wir und machen uns hungrig auf den Heimweg. Endlich am Waldrand angekommen, werden wir vom freundlichen Oberförster in Empfang genommen, der mir meinen Strafzettel ĂŒberreicht. Auf dem nun nicht mehr langen Weg nach Hause, teilen mir meine Söhne mehrmals mit, dass ich ein Idiot sei, und der Baum jetzt fĂŒnfmal soviel gekostet hat, wie auf dem Markt. Nachdem wir uns mit den restlichen, mittlerweile völlig ausgetrockneten, Lebkuchensternen gestĂ€rkt haben, wuchten wir dann den Baum in unser Wohnzimmer. Dort stellen wir fest, dass er noch immer etwas zu lang ist. Zum zweiten Mal an diesem Tag kommt die MotorsĂ€ge zum Einsatz. Die frisch gewaschenen VorhĂ€nge schaffen es aber zum GlĂŒck die HolzspĂ€ne von der Fensterscheibe fern zu halten. Zum siebten Mal in den letzten drei Wochen droht mir meine Frau mit Scheidung. Die drei BrĂ€nde in den letzten sechs Jahren halten mich nicht davon ab, echte Kerzen zu verwenden.
Am heiligen Abend sitzen wir dann, nachdem meine Frau die neuen Gardinen aufgehĂ€ngt hat, die ich gĂŒnstig erwerben konnte, endlich in festlicher Stimmung vor unserer Weihnachtsganz. Am nĂ€chsten Tag kommt dann aber völlig ĂŒberraschender Besuch. Meine Großtante aus Köln will uns nach langer Zeit endlich wieder einmal besuchen. Nachdem wir den ganzen Vormittag damit verbracht haben das Fremdenzimmer herzurichten, teilt sie uns dann mit, dass sie im Hotel ĂŒbernachten möchte.
Am zweiten Feiertag kommen dann auch meine Schwiegereltern zu Besuch. Mein Schwiegervater sitzt den ganzen Tag im Wohnzimmer, raucht Zigarre und trinkt Whisky und seine liebe Gattin erzĂ€hlt ihrer Tochter unentwegt, was ich doch fĂŒr ein Versager bin. Als sie dann beilĂ€ufig erwĂ€hnt, dass der Weihnachtsbaum ein wenig schief steht, kommt es zum Eklat. Nur mit MĂŒhe kann meine Frau verhindern, dass ich ihrer Mutter die Bratpfanne ĂŒber den SchĂ€del ziehe. Meine Schwiegermutter stĂŒrzt hysterisch durch den Raum und schreit um Hilfe. Ihr Mann will sie beruhigen, stolpert aber ĂŒber die FĂŒĂŸe meiner Tante, die neben ihm auf dem Sessel ihren Mittagschlaf macht. Ob die Kugel nun von dem Sturz meines Schwiegervaters in den Baum zerbrochen sind oder der Hitze des darauf folgenden Feuers nicht standgehalten haben wird man niemals abschließend klĂ€ren können. Meine Löschversuche werden dadurch erschwert, dass meine Frau und ihre Mutter abwechselnd auf mich einschlagen, und bleiben deshalb erfolglos. Meine Frau verlĂ€st mich noch am gleichen Tag und nimmt unsere Söhne mit.
Am nĂ€chsten Tag ist dann alles vorbei. Ich schaue auf die Ruine, die einmal mein Wohnzimmer war. Neben der MĂŒlltonne stapeln sich unzĂ€hlige SĂ€cke, die ich wohl erst im MĂ€rz komplett entsorgt haben werde. Meine Frau beantragt eine NamensĂ€nderung und im Supermarkt werden die WeihnachtsmĂ€nner aus Schokolade gegen Osterhasen ausgetauscht.

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Marius Speermann
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DĂ©jĂ  vu.

Ist mir ehrlich gesagt zu nah an mehreren recht bekannten satirischen Texten wie z.B. Die Eskalation der Besinnlichkeit, Eine Wintergeschichte, oder Weihnachtsbeleuchtung.

Abgesehen davon bist Du handwerklich auf dem richtigen Weg, ich wĂŒrde aber die Steigerung etwas langsamer machen. Also nicht gleich von Anfang an extrem sein, wie z.B. alle Lebkuchenkisten einpacken oder gleich 25 Kollegen einladen, sondern langsam den Wahnsinn erhöhen.
Eventuell den Text auch straffen und nicht zuviel reinpacken.

Wie gesagt, wenn ich dieses Thema nicht schon in etlichen Variationen gesehen hÀtte, dann hÀtte ich geschmunzelt, so sieht's ein bisserl nach Abklatsch und wenig originell aus. Andere können das durchaus anders sehen...

Ich bin jedenfalls schon auf Deine weiteren Texte mit mir unbekannten satirisch behandelten Themen gespannt.

Marius

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Joerg O
Wird mal Schriftsteller
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Hallo Marius,

vielen Dank fĂŒr Deinen Kommentar.

Der vorliegende Text war mal ein Versuch meinerseits mich auf dem Gebiet der Satire zu bewegen.
Die Geschichte wird im Dezember ein Jahr alt. Die Idee kam mir bei einer Weihnachtsfeier in der Grundschule, die nicht nur furchtbar langweilig war, sondern alles erfĂŒllte, was man von solchen Weihnachtsfeiern erwartet.

Im Moment bewege ich mich eher im genre Fantasy, dass mir irgendwie besser liegt. Man muss ja alles mal ausprobieren, um zu sehen, welche Richtung fĂŒr einen persönlich die richtige ist. Wenn ich trotzdem mal wieder einen satirischen text dazwischen habe, werde ich ihn hier einstellen.

Gruß
Jörg

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flammarion
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zu

erst einmal herzlich willkommen auf der lupe.
aus obiger geschichte wĂŒrde ich die betriebsfeier rauswerfen und vielleicht sogar zwei geschichten daraus machen. n paar tippfehler sind noch drin, aber die stören mich nicht wirklich.
lg
__________________
Old Icke

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Joerg O
Wird mal Schriftsteller
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Hi flammarion,

vielen Dank fĂŒr den Kommentar und die WillkommensgrĂŒĂŸe.

Zwei Geschichten werde ich aus dem Text sicherlich nicht machen. So lang ist er ja nicht.

Gruß
Jörg

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flammarion
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nee,

nich wegen der lÀnge, sondern ich bilde mir ein, dass die pointen auf zwei geschichten verteilt besser knallen.
lg
__________________
Old Icke

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