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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Besoffene Musen beim Tanztee
Eingestellt am 14. 07. 2004 12:12


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Anna Osowski
Routinierter Autor
Registriert: Jun 2004

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(Weil ich hier k├╝rzlich so eine sch├Âne Musengeschichte gelesen habe,
stelle ich meinen etwa ein Jahr alten Versuch zu diesem Thema mal vor...)



Manchmal poltern unpassende Brocken durch den Raum. Lassen sich weder trennen noch sinnvoll zusammenf├╝gen und kein rechtes Bild will sich einstellen. Dann kommt es mir so vor, als w├Ąre meine Muse besoffen und w├╝rde irrwitzig kichernd durch die L├╝fte fliegen. Heute morgen zum Beispiel. Da sah ich idyllisch eine wei├če Taube aus einer Tanne empor fliegen. Leuchtend erhob sie sich gegen den matten Regenhimmel und ich wollte sofort eine Geschichte dar├╝ber schreiben. Doch was soll man ├╝ber Brief- oder Friedenstauben schreiben, die am grauen Himmel herum fliegen. Lieber sollte man so etwas zeichnen. Dann aber fand ich die Palette in Chaos, verschmiert und verklebt. Also lie├č ich das Bild einfach wie es war und erinnerte mich an damals.

Ich war ein Kerl. Nicht einfach ein Mann, sondern ein richtiger Kerl. Ich wei├č noch, wie ich immer den Moment am Abend hasste, als ich die Cowboystiefel von den F├╝├čen schleuderte. In diesen Dingern bekam man immer elendig stinkende Schwei├čf├╝├če. Aber ich musste sie tragen. Wenn ich mit selbstsicherer H├╝fte die Saloon-T├╝r zum dem├╝tig quietschenden Aufschwingen brachte, wie h├Ątte das wohl gewirkt mit Sandalen an den F├╝├čen. Die Weiber nahm ich mir eben, interessierte mich aber nie f├╝r sie. F├╝r das Geplapper ├╝ber Goldschmuck und Lippenrot. Schielte nur nach den anderen Kerlen. Wollte im Vergleich triumphieren, weiter nichts. Erst sehr sp├Ąt in meinem Cowboyleben stellte ich mir die Frage, ob die abends auch ihre Schwei├čf├╝├če bemerkten.

Ich zog in diesem Moment am flatternden Gazekleid der albernen Muse. Vielleicht, wenn ich ihr einen Eimer kaltes Wasser ├╝ber den Kopf sch├╝ttete? Musen sind Kaltbl├╝ter, nein wirklich, denen macht das nichts aus, die sp├╝ren nicht den Unterschied zwischen W├Ąrme und K├Ąlte. Das Ende vom Lied war nur, dass sie noch ein paar weitere angetrunkene Kolleginnen zu sich rief. Da war an Zeichnen nicht mehr zu denken. Schlie├člich trank ich gemeinsam mit ihnen und sah schon bald keinen Unterschied mehr. Zwischen ihnen und mir. Zwischen hell und Dunkel, wahr und erdichtet.

Ich war eine alte Frau, die sich nicht erinnern konnte. Ich sa├č am Rande eines belebten Marktplatzes und beobachtete das Treiben. Ein Haufen schmutziger grauer Tauben wurde aufgescheucht durch eine Pferdekutsche und flog in den grellblauen Himmel. Irgendetwas an dieser Szene kam mir bekannt vor, aber ich fand keinen Zusammenhang. Gesichter, die mir freundlich zunickten. Gesichter, die ich schon tausendmal gesehen, in allen m├Âglichen Momenten und Zust├Ąnden. Aber ich wusste nicht wo. Ein Kind lief auf mich zu und zog an meinem ├ärmel. Oma, lass uns nach Hause gehen. Ich sp├╝rte die Furchen in meinem Gesicht, ohne zu wissen, woher die kamen.

Ein Schwindel musste mich erfasst haben, denn mit einem Ruck fiel ich von meinem weichen Lager. Rotb├Ąckig kichernde Musen, die ich nun auch noch doppelt sah. Sie hatten sich zu einem Reigen aufgestellt und forderten mich auf, mich einzureihen. Kopfsch├╝ttelnd dr├╝ckte ich ein wehrloses Kissen an meine Brust und suchte nach einer R├╝ckzugsm├Âglichkeit. Wollte nur diese laute Versammlung loswerden.

Ich war ein Kind. Alles war neu, was ich sah. Alles aufregend und auf eigent├╝mlich selbstsichere Art an seinem Platz. Ich wollte nicht ordnen und erschaffen, sondern nur entdecken. Da gab es so viel. Die abgelaufenen Stiefel von Onkel Theo, drau├čen im Schuppen, in denen sich mittlerweile eine M├Ąusefamilie eingenistet hatte. ├ťber die Jahre waren sie verstaubt, hatten aber nie ihren bei├čenden Geruch verloren. Das Lippenrot von Oma Klara, das sie wie einen Schatz h├╝tete, das ich jedoch nie auf ihren faltigen Lippen sah. Bestimmt gab es da ein gro├čes Geheimnis, das ich eines Tages l├╝ften w├╝rde. Der Taubenschlag von Kalle Schneider. Manchmal sa├č ich ganze Nachmittage im Baumhaus und wartete darauf, dass ich eine der Tauben in den Himmel empor steigen sah. Es war nur ein winziger Moment, ein kurzes Aufleuchten vollkommener Sch├Ânheit. Ich hatte dann immer das Gef├╝hl, dass sich ein Abbild dieser Vollkommenheit tief in meine Seele brannte.

Ermattet liegen die Musen zwischen den Kissen. Bacchus Schatten thront grinsend ├╝ber ihnen. Er greift sich vielsagend in den Schritt und ich muss beim Tr├Ąumen wohl den Hauptteil der Trag├Âdie verpasst haben. Grimmig werfe ich einen Bleistift nach dem Unhold, doch da ist er schon verschwunden.

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Monfou Nouveau
???
Registriert: Aug 2003

Werke: 2
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Pars-pro-Toto-Stil

Hallo Anna Osowski,

ich war sehr erstaunt ├╝ber deinen kleinen Text, der sprachlich sehr, sehr ausgereift ist. Ein bisschen schwer zu fassen ist der Rollenwechsel, aber am Ende schlie├čt sich der Kreis mit dem eigenwilligen Bild der Stiefel (hier der Stiefel f├╝r die Person). Der Titel l├Ąsst meines Erachtens eher etwas anderes erwarten, jedenfalls widersetzt er sich einem raschen Verst├Ąndnis.

Zwei, drei kleine Stellen m├Âchte ich anf├╝hren: ÔÇ×├ästhetisch erhob sie sich gegen den grauen Regenhimmel und ich wollte sofort eine Geschichte dar├╝ber schreiben.ÔÇť

Hier finde ich das ÔÇ×├ĄsthetischÔÇť nicht angemessen, es klingt zu ÔÇ×theoretischÔÇť in deiner gut flie├čenden, bildhaft genauen Sprache. Auch ├╝ber den ÔÇ×grauen RegenhimmelÔÇť k├Ânnte man nachdenken, jedenfalls erscheint das Attribut ÔÇ×grauÔÇť bezogen auf einen Regenhimmel nicht sehr originell. Zwei Zeilen weiter hei├čt es wieder ÔÇ×grauer HimmelÔÇť. Auch die Tauben sind ÔÇ×grauÔÇť.

Sonst ist mir das ÔÇ×wehrlose KissenÔÇť aufgefallen, kann man machen. ├ťbrigens ist Grass ein Meister darin, passiven Objekten eigentlich menschliche Eigenschaften oder ÔÇ×Zust├ĄndeÔÇť zuzuschreiben. In einem seiner sch├Ânsten Gedichte spricht er nicht vom Soldaten, der gefallen ist, sondern vom abgesprungenen Knopf der Uniform, der auf dem Schlachtfeld zur├╝ckbleibt.

Sch├Âner Satz:

ÔÇ×Wenn ich mit selbstsicherer H├╝fte [[Hier auch wieder stilistisch das ├ťbertragen menschlicher Eigenschaften auf Gegenst├Ąnde bzw. K├Ârperteile]] die Saloon-T├╝r zum dem├╝tig quietschenden Aufschwingen brachte, wie h├Ątte das wohl gewirkt mit Sandalen an den F├╝├čen.ÔÇť
F├╝r mich eine hervorragend zu lesende, stilistische souver├Ąne und dabei magische ÔÇ×MusengeschichteÔÇť.

Beste Gr├╝├če

Monfou

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Lotte Werther
Guest
Registriert: Not Yet

An Ana Osowski

Eigentlich ist mein Kommentar hier ├╝berfl├╝ssig, wenn schon Monfou alles gesagt hat, was ich auch empfand beim Lesen.

Dir aber bin ich dieses Lob schuldig, als Ausgleich zur Grillgeschichte.

Ich finde die Idee der schnappstrunkenen Musen klasse. Und du hast den Bilderwechsel gekonnt und stilsicher gemeistert.

Dieser Text war am├╝sant zu lesen.

Lotte Werther

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Anna Osowski
Routinierter Autor
Registriert: Jun 2004

Werke: 16
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Re: Pars-pro-Toto-Stil

Lieber Monfou.
Es ist nun schon das zweite Mal, dass mich Deine Kritik eine starke Resonanz bei mir hervor ruft und ich habe mir diesen Satz dort einmal vorgekn├Âpft und die Taube erhebt sich nun leuchtend gegen den matten Himmel. Abgesehen davon, dass mir der Einwand vorbehaltlos einleuchtete, habe ich mich an genau der Stelle auch gerieben.

Ich danke vielmals, auch f├╝r die lobenden Worte, was immer wieder ein wesentlicher Antrieb zum Weitermachen ist...

Anna
__________________
"Gro├če Geister m├╝ssen bereit sein, nicht nur Gelegenheiten zu ergreifen, sondern sie zu schaffen."
(Charles Colton, engl. Geistlicher 1780-1832)

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