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Leselupe.de > Kurzprosa
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Eingestellt am 20. 07. 2004 21:18


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arle
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2004

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Nichts wird vom Menschen bleiben als seine Widerspr├╝chlichkeit.
ÔÇô F. Nietzsche -


Bevor sie zu ihm fuhr, lackierte sie sich die N├Ągel, ging zum Friseur, kaufte sich neue Unterw├Ąsche, gab viel mehr Geld aus als sie gedurft h├Ątte. Aber er hatte gesagt, er freue sich auf sie; das rechtfertigte jede Ausgabe. Um sechs Uhr fr├╝h ging der Zug. Sie war seit vier Uhr wach, f├╝hlte sich ein bisschen wie unter Glas vor M├╝digkeit. Sie hatte ein Abteil ganz f├╝r sich alleine, in dem sie sich ungest├Ârt ausbreiten konnte und vor sich hin grinsen durfte, wann immer sie wollte. Sie bekam das Grinsen gar nicht mehr aus ihrem Gesicht, so froh war sie.

Um sieben Uhr kam die erste Nachricht von ihm: Er war besorgt, dass sie vielleicht den Wecker ├╝berh├Ârt oder sich in den falschen Zug gesetzt haben k├Ânnte ÔÇô schusslig, wie sie manchmal war. Um acht Uhr rief er sie zum ersten Mal an. Die Sonne brach durch die Wolken; es w├╝rde ein wundersch├Âner Tag werden.

Nach f├╝nf Stunden lief der Zug in der Hauptstadt ein. Jetzt noch einmal umsteigen, noch vierzig Minuten Fahrt. Um elf Uhr f├╝nfundvierzig rief er sie zum letzten Mal an. Wo bist du jetzt, fragte er.

Um zw├Âlf Uhr zw├Âlf stieg sie aus dem Zug. Sie ging auf ihn zu und umarmte ihn. Er umarmte sie auch, machte sich aber gleich wieder von ihr los, wie das eben seine Art war. Sie versuchte, die in ihr aufsteigende Unsicherheit zu ignorieren. Ihre neue Frisur erw├Ąhnte er mit keinem Wort.

Sie machten Zwischenstation in einem Gartenlokal. Viel hatten sie sich nicht zu sagen; alles war bereits besprochen worden, in Telefonaten, die oft bis zu vier Stunden gedauert hatten. Sie erz├Ąhlte ihm, was sie unterwegs auf einem Plakat gelesen hatte: ÔÇ×Wenn wir uns sehen, reden wir nicht viel. Das machen wir, wenn wir uns nicht sehenÔÇť. Irgendwie fand sie das lustig und auf sie beide zutreffend. Er stimmte ihr zu.

Um dreizehn Uhr zehn waren sie in seiner Wohnung. Um dreizehn Uhr zwanzig f├╝hrte er sie in sein Schlafzimmer. Um vierzehn Uhr drei├čig sa├čen sie zusammen in seiner K├╝che, redeten, lachten, a├čen. Gegen siebzehn Uhr verlie├čen sie das Haus Hand in Hand. Er zeigte ihr eine der sch├Ânsten St├Ądte der Welt, und sie war gl├╝cklich.

Um zweiundzwanzig Uhr lernte sie seinen besten Freund kennen. Dem Freund gefiel sie nicht, trotz neuer Frisur; das machte er vom ersten Augenblick an deutlich. Sie trank zwei Gl├Ąser Wein gegen die in ihr aufsteigende Unsicherheit. Um null Uhr zehn fragte ihn ein Bekannter: Ist das deine Frau? Er antwortete nicht, wie ├╝blich, sie sei nur eine gute Freundin. Ja, sagte er und nahm ihre Hand. Zum ersten Mal f├╝hlte sie sich wirklich geborgen.

Um zwei Uhr drei├čig waren sie bei ihm zu hause. Er schlief mit ihr, als sei das eine l├Ąstige Pflicht. Wortlos, emotionslos. Im Schlaf legte er dann den Arm um sie; sie drehte sich weg.

Um zehn Uhr wachte sie auf, kochte sich einen Kaffee, duschte, schwieg. Um zw├Âlf Uhr wachte er auf, kochte sich einen Kaffee, duschte, schwieg. Um vierzehn Uhr gingen sie aus dem Haus. Auf der Stra├če achtete er peinlich genau darauf, dass zwischen ihnen immer mindestens ein Meter Abstand blieb. Sie f├╝hlte sich allein.

Die n├Ąchsten Stunden vergingen irgendwie. Um zwei Uhr sa├čen sie wieder in seiner K├╝che. Als er ihr endlich beigebracht hatte, dass er sie nicht wollte, wurde es drau├čen schon hell, und die V├Âgel begannen zu zwitschern. Sie weinte. Und er weinte auch.

Um siebzehn Uhr stieg sie in den Zug. Um dreiundzwanzig Uhr rief sie ihn noch einmal an. Um null Uhr fiel sie in einen tiefen Schlaf.


__________________
Am j├╝ngsten Tag, wenn die Posaunen schallen und alles aus ist mit dem Erdeleben, sind wir verpflichtet, Rechenschaft zu geben von jedem Wort, das unn├╝tz uns entfallen. - J.W. Goethe -

Version vom 20. 07. 2004 21:18

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Gandl

Autorenanw├Ąrter

Registriert: Jul 2003

Werke: 1
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JesusMaria&Josef, Arle!
Was ist dir da gelungen !
Schrecklich dieses Protokoll einer sinnlosen Liebe (ach, ist sie wirklich sinnlos? Was aber macht denn wirklich Sinn?)
So saugut geschrieben ... (sorry f├╝r das „sau“ aber was anderes fiel mir so fix nicht ein, sollte aber auf alle F├Ąlle eine Steigerungsform von „gut“ sein ...)
Gru├č
Gandl

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arle
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2004

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Gandl!!!!!!

JesusMaria!!!!

Solch ein Lob! Von meinem Lieblingsschreiber!!!!! Fast w├Ąr ich ohnm├Ąchtig vom Schreibtischstuhl gesunken.....

Ob sie sinnlos ist/war, wei├č ich auch nicht so recht. Wenn die Geschichte, so wie sie geschrieben wurde, Sinn macht, freu ich mich.

Tausend Dank!
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Kasoma
Guest
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Hallo, liebe Arle

so weit so gut und saugut geschrieben, da hat Gandl recht! Nur, warum der Sinneswandel des Liebhabers? Erst stand er zu ihr, dann wollte er sie nicht mehr? So pl├Âtzlich? Sein Freund mochte sie nicht,o.K, aber das liess ihn doch kalt!?
Das ergibt f├╝r mich keinen Sinn! H├Ątte das gern im Text erkl├Ąrt bekommen!

Deshalb kleiner Punktabzug von einer sonst gern vollen Bewertung...lieber Gru├č von Kasoma

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arle
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2004

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Eben, Kasoma.....

... genau darum geht es. Genau um diese Widerspr├╝chlichkeit. Genau das ist es, was sie so traurig, hilflos und unsicher zur├╝ck l├Ąsst. Es l├Ąsst sich einfach nicht erkl├Ąren, warum die beiden sich so und nicht anders verhalten. Drum hab ichÔÇÖs gar nicht erst versucht.

Vielen lieben Dank f├╝r dein Interesse und die gute Bewertung.

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Gabriele
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Registriert: May 2004

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Hallo arle,
ein - trotz der Distanziertheit, mit der er geschrieben ist - sehr eindringlicher Text, gro├čes Kompliment!
Ein wenig gest├Ârt haben mich pers├Ânlich die vielen genauen Zeitangaben. Ich wei├č schon, die haben ihren Sinn, aber trotzdem ist mir das gegen Ende des Textes etwas zuviel geworden.
Liebe Gr├╝├če
Gabriele

__________________
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