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Leselupe.de > Humor und Satire
Besuch vom Autodidakten
Eingestellt am 12. 05. 2005 08:42


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Prust
AutorenanwÀrter
Registriert: May 2005

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Wir haben gerne GĂ€ste. Noch besser, wenn unsere GĂ€ste Kinder haben. So können wir fĂŒr den Babywunsch meiner frisch angetrauten Gattin meistens sonntags kleine Trainingseinheiten fĂŒr ein Leben mit den Zwergen einlegen.
Letzten Sonntag z.B. waren unsere Nachbarn mit ihrem zweijÀhrigen Filius zu Besuch.

Zwar sind meine Frau und ich schon gut geĂŒbt im zielgruppengerechten Verwandeln der Wohnung – die Rekordzeit betrĂ€gt gerade mal sieben Minuten, um die teuersten StĂŒcke fĂŒr tollpatschige KinderhĂ€nde unerreichbar wegzusperren – doch bleibt immer noch genug Inventar fĂŒr einen veritablen Nervenkitzel ĂŒbrig.

Unsere Nachbarn heißen Heidi und Gerd Riemensperger. Gut, es gibt aufregendere Namenskreationen, aber muss man sich in einer Art spĂ€ter Rache an den Eltern dazu hinreißen lassen, den eigenen Sohn Jamiro zu nennen? Jamiro Riemensperger! Es ist fast ein wenig wie in NeufĂŒnfland, wo die Kinder zu DDR-Zeiten die ganze Last der Sehnsucht ihrer Eltern nach fremden LĂ€ndern in den Namen gepackt bekamen: Danilo und Mario waren da noch die harmloseren Beispiele.

Aber zurĂŒck zu Jamiro Riemensperger, dem ich wegen seines entschlossenen und kompromisslosen Gesichtsausdrucks in Gedanken sofort das KĂŒrzel J.R. verpasst habe.
Zur BegrĂŒĂŸung streckt er seine mit undefinierbarem Brei verschmierten Griffel nach mir aus und ehÂŽ ichÂŽs raffe, hat er mich auch schon am Kragen erwischt.
„Ist nicht schlimm“ lĂ€chele ich bittersĂŒĂŸ, wĂ€hrend mir Nachbarin Heidi ein angeschmuddeltes Tempo reicht, damit ich die hellbraunen FingerabdrĂŒcke auf meinem nagelneuen Hilfiger-Pullover besser verreiben kann, die mir ihr Filius gerade in stoischer Ruhe und - unter uns - mit voller Absicht, beigebracht hat.

J.R. konnte natĂŒrlich nichts dafĂŒr. Zumindest ist seine Mutter der Meinung, dass man ihn in seiner Entwicklung nicht mit verklemmten anerzogenen Sauberkeitsfimmeln einschrĂ€nken darf. Überhaupt könne man in ihren Augen höchstens Hunde erziehen, aber bitteschön nicht diese kleinen unschuldigen Wesen. Die sollen sich am besten ohne Beeinflussung durch die Eltern in einer Art „Trial-and-Error“-Verfahren das Nötigste auf autodidaktischem Wege aneignen.

Leuchtet mir ein. Klamotten kann man reinigen lassen, Kinderseelen natĂŒrlich nicht!
Aber insgeheim hatte ich erwartet, daß sie wenigstens den Versuch unternehmen wĂŒrde, eine Art Unrechtsbewußtsein bei ihm zu erzeugen. Weit gefehlt. Der Vorwurf geht direkt an mich: „So einen hellen Pulli zieht man auch nicht an, wenn Kinder in der NĂ€he sind“. Irgendwie sind aber immer Kinder in der NĂ€he, soll ich deswegen zukĂŒnftig nackt herumlaufen?
Trotzdem murmele ich eine halbherzige Entschuldigung.

Als nĂ€chstes zeigt mir J.R. sein Feuerwehrauto. Das erinnert mich gerĂŒhrt an die eigene Kindheit. Dass die heute mit so was noch spielen? Also sooo schlecht scheint diese Laisser-faire-Erziehung unserer Nachbarn dann doch nicht zu sein.
Mein Blick verfinstert sich erst, als er das Fahrzeug auf unbereiften Felgen mit ein paar schnellen Vor- und RĂŒckwĂ€rtsbewegungen ĂŒber unseren Landhaustisch aus Ahornholz zieht und dabei ekstatische Laute ausstĂ¶ĂŸt.
Die tiefen Kerben schmerzen, als wÀren sie direkt in meine Haut geritzt worden.
Vergeblich warte ich auf ein Einhalt gebietendes „Spinnst Du?!“ seiner Eltern. Wenigstens das bedrohte Geschirr kriege ich noch rechtzeitig aus der Gefahrenzone, wofĂŒr ich einen Spießer verachtenden Blick einfange.
Hilflos blicke ich meine Frau an. Seltsam leer und kalt ihr Blick. Die Knöchel der Finger - fast weiß! Ich lese ihre Gedanken und entwinde ihr unauffĂ€llig das Kuchenmesser, das sie finster entschlossen fest umklammert.

Um mich abzulenken, denke ich ĂŒber eine kindgerechte Wohnung nach. Man könnte die HöhlenwĂ€nde mit erdigen Fingerfarben prĂ€parieren. Und da, wo heute das Waschbecken steht, einen Schweinetrog fĂŒr die Mahlzeiten installieren. Es wĂ€re alles so einfach! Welcher Idiot war bloß der Meinung, wir sollten unseren evolutorischen Vorsprung den Affen gegenĂŒber weiter kultivieren? Da lobe ich mir unsere Freunde; Diese in Millionen von Jahren erzeugte LĂŒcke haben sie innerhalb eines Kindesalters wieder geschlossen.

Um es mir mit dem kleinen Teufel nicht vollends zu verscherzen, biete ich ihm ein Hanuta an. Wortlos reisst er es mir aus der Hand. Insgeheim wette ich mit mir, dass ihm das Wort „Danke“ mindestens genauso fremd ist wie sein höflicher Bruder „Bitte“.
„Was sagst Du dem Onkel?“ flötet seine Mutter in einem Anflug von Traditionalismus. „Aufmachen!“ krĂ€ht der Mini-Terrorist fröhlich seine ultimative Forderung.

AllmĂ€chtiger stehÂŽ mir bei: Ich hĂ€tte vorher meine Herzallerliebste konsultieren sollen. Mit einem Blick, der die Beringsee zufrieren ließe, bringt sie mich zur Erstarrung.

So bin ich nur regungslos staunender Zuschauer des nĂ€chsten Aktes: Bevor ich ihm helfen kann, fieselt der kleine Jamiro geĂŒbt die goldfarbene Folie vom Objekt der Begierde und schiebt krachend das TĂ€felchen zwischen seine sĂŒĂŸen MĂ€usezĂ€hnchen. Wie hat er es nur geschafft, gleichzeitig alle zehn Finger mit der SchokoladenfĂŒllung in Kontakt zu bringen? Beeindruckend, diese kleinen flinken HĂ€nde. Beim ersten Zubeißen rieseln die Splitter leise, aber gleichmĂ€ĂŸig, auf den Boden. Zum GlĂŒck haben wir letztes Jahr den Teppichboden durch solide Steinfließen ersetzt.

Gerade als ich mich meinem schon erkalteten Kaffee zuwende, steuert J.R. zielsicher auf die weiße Couchgarnitur zu.
Wir hatten ja lange gewartet, bis uns die schweren schwarzen Ledersessel so aufs GemĂŒt schlugen, dass wir sie endlich gegen federleichte italienische Designermöbel austauschten. Aber justament bereuen wir unseren „Schöner Wohnen“-Spleen, denn der Unerzogene entdeckt plötzlich seinen Sinn fĂŒr Reinlichkeit..
Bevor ich auf ihn zuhechten kann und ihn in einem vorgetĂ€uschten Anflug von Kinderliebe mit „Engelchen flieg“ vom Sofa reiße, hat er seine Finger durch geschicktes Abstreifen wieder in einen schokofreien Zustand gebracht.
Mir wird heiß und kalt als ich den Rache fordernden Blick meiner Gattin im RĂŒcken spĂŒre.

BehĂ€nde entwindet er sich meinem „liebevollen“ Griff und klettert zurĂŒck aufs Sofa. Sofort beginnt er zu hĂŒpfen und juchzt dabei. Endlich schreitet Gerd, sein Erzeuger, ein: „Pass auf!“ Aha, jetzt nimmt der Vater die Erziehung in die Hand und erklĂ€rt ihm gleich, dass man nicht wie ein Affe auf teueren Designersofas herumtollt. „Pass auf, dass Du nicht fĂ€llst!“ Ich traue meinen Ohren nicht: Hier wird gerade ein PrachtstĂŒck an Möbel zugrunde gerichtet und diesem Ignoranten ist nichts wichtiger als die Standfestigkeit seines missratenen Sohns!

Ich kann mich gerade noch beherrschen und schlucke den Satz herunter, der zwar unsere Möbel retten, aber die Beziehung zu unseren Nachbarn in den Zustand des Kalten Krieges versetzen wĂŒrde: `Spring so hoch Du kannst und brich Dir den Hals, Du kleines MonsterÂŽ...

Heidi und Gerd fĂŒhlen sich unterdessen zunehmend genervt, dass wir der Unterhaltung kaum folgen und stattdessen wie nervöse Bodyguards jeden Schritt ihres Filius ĂŒberwachen.
Um weiteres Unheil zu verhindern, nehme ich J.R. zu mir auf den Schoß. Aber der Racker antizipiert meine Absicht, fĂ€ngt an zu kreischen und windet sich erneut wie ein Aal aus meiner Umklammerung. Meine Augen beginnen zu flackern und ich blecke die ZĂ€hne wie Jack Nicholson in „Shining“.
Gedanklich schultere ich die Axt und streife ein Bein hinterherziehend durchs Haus, um mein Werk zu vollenden.

Von der Ferne höre ich jemanden meinen Namen rufen. Ich sehe unsere entgeisterten Nachbarn auf meinen Kuchenteller starren, wo eben ein grausames Gemetzel stattgefunden haben muss. Eine Kirsche liegt gevierteilt neben meinem Teller, die ĂŒbel zermatschte Teigmasse lĂ€sst die frĂŒhere Konsistenz eines Kuchens nur noch schwach erahnen.

Nach diesem Zwischenfall dauert es nur noch eine halbe Minute, bis unsere GĂ€ste ĂŒberstĂŒrzt ihre Klamotten zusammensuchen, ohne den sĂŒĂŸen Jamiro auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen.

An diesem Abend sprechen meine Frau und ich nicht mehr viel. Wir gehen frĂŒh zu Bett. Irgendwann in der Nacht schrecke ich schweißnass aus einem Albtraum auf, laufe ins Bad und öffne den linken FlĂŒgel des Spiegelschranks, in dem meine Frau ihre Sachen aufbewahrt. Ein Stein fĂ€llt mir vom Herzen: Die kleine Tablette unter dem Aufdruck „So“ fĂŒr Sonntag fehlt.

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