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Leselupe.de > Kurzgeschichten
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Eingestellt am 28. 05. 2007 12:58


Autor
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Nelinett
Festzeitungsschreiber
Registriert: Feb 2006

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Ich habe an der T├╝r meiner Schwester gehorcht. Eigentlich sogar noch schlimmer. Ich habe die T├╝rklinke heruntergedr├╝ckt, ganz langsam, und dann habe ich die T├╝r einen Spaltbreit aufgleiten lassen. Dann habe ich die Ohren gespitzt und in die Dunkelheit gehorcht mit angehaltenem Atem, damit ich jedes noch so kleine Ger├Ąusch vernehmen k├Ânnte.
Ich h├Ârte ein leises, rhytmisches Klatschen, als w├╝rde jemand einer Person wieder und wieder eine Ohrfeige geben, als wenn nackte Haut auf nackte Haut trifft. Ich h├Ârte ein leises Murmeln, mal mehr und mal weniger im Spiel mit dem dumpfen Gehaue.
Ich lauschte noch ein wenig mehr und versuchte, die Worte zu verstehen, eigentlich waren sie sogar recht laut, daf├╝r, dass sie wahrscheinlich geheim bleiben sollten, versteckt hinter einer unsichtbaren Maske aus Lachen.
ÔÇ×H├Âr auf, du hast keine Probleme!ÔÇť, verstand ich als erstes.
Immer wieder sagte meine Schwester das. Immer wieder und wieder. Wie ein einer Endlosschleife. Als wollte sie selbst es so oft sagen, bis es in ihrem Kopf war, ganz tief drinnen, verankert durch das Aussprechen, verwurzelt.
ÔÇ×H├Âr auf, du bildest dir das alles nur ein! H├Âr auf! H├Âr auf!ÔÇť
Ich fragte mich, was sie meinte.
Ich fragte mich, wie sie wohl gerade aussah. Lag sie wirklich auf dem Bett und murmelte vor sich hin und schlug dabei auf irgendetwas ein? Auf was oder wen? Wie konnte man sich so etwas bitte vorstellen? Wie in den Videoclips? Wo die Leute weinten und mit einem kleinen Schnitt einen ganzen Schwall Blut aus sich herausflie├čen lassen konnten und dabei aussahen wie gestorbene Engel, die aber immer noch wundersch├Ân waren, gerade weil sie so zart und zerbrechlich aussahen? Oder sah es einfach nur erb├Ąrmlich aus? Ich hatte keine Vorstellung. Irgendwann h├Ârte meine Schwester auf. Keine Stimme mehr, kein Schlagen. Es war still, als w├Ąre nichts gewesen.
Die Dunkelheit kam mir auf einmal bedrohlich vor, als w├Ąre sie n├Ąher an mich heranger├╝ckt und w├╝rde mir den Atem abschn├╝ren, sie war viel zu nah.
Ich schloss die Zimmert├╝r wieder und ging schlafen. Doch durch meine Tr├Ąume geisterte ihr Gesicht.

Ich sah auf den Fleck auf ihrem Oberschenkel, er war nur ganz blass blau. Sie setzte sich wieder an den K├╝chentisch und a├č ihr Br├Âtchen weiter. Ich tat es ihr gleich, doch es kam mir vor, als h├Ątte ich in diesem Moment aufgeh├Ârt zu atmen. Die Vorstellung, meine eigene Schwester, wie sie im Bett lag, nachts, im Dunkel, allein, wie sie vor sich hinsagte, dass sie aufh├Âren solle, sich das alles einzubilden und dass sie keine Probleme habe und sich dabei schlug, um es sich selber einzutrichtern, raubte mir schier den Atem.
Meine Schwester war krank.
Ich sah sie auf einmal mit ganz anderen Augen und bewunderte, wie normal Verr├╝ckte doch aussehen konnten. Und ich fing erst wieder an zu atmen, als ich selber im Dunkeln lag, nachts, allein, und mir immer wieder sagend: ÔÇ×Atme! Atme endlich, verdammt noch mal!ÔÇť und dabei schlug ich mich, damit ich es nicht verga├č. ÔÇ×Atme! Atme! Atme!ÔÇť
Ich atmete erleichtert auf und ├╝bersah dabei ganz, dass ich dem nicht vertrauen konnte, der mir die Luftr├Âhre ge├Âffnet hatte.
Es war das erste Mal, dass mich der Wahnsinn besuchte. Und er sollte noch viele Male wiederkommen...

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